Das BQ Aquaris M10 Ubuntu Tablet mit Convergence-Funktionen

Aus LinuxUser 06/2016

Das BQ Aquaris M10 Ubuntu Tablet mit Convergence-Funktionen

© Canonical

Frisch serviert

Vor Kurzem ging das weltweit erste Ubuntu-Tablet mit Convergence an den Start. Grund genug, sich das Gerät genauer anzuschauen.

Auf diesen Augenblick haben viele lange gewartet: Mit der Einführung des BQ Aquaris E4.5 [1] flammte die Hoffnung auf eine Technik auf, die Canonical “Convergence” nennt. Sie verwandelt das Betriebssystem auf einem Mobilgerät in einen vollwertigen Desktop-Ersatz, sobald Sie einen Bildschirm und weitere Peripherie anschließen. Die zuvor geöffneten Programme bleiben erhalten, das System passt sie jedoch in Abhängigkeit von der Größe des aktiven Bildschirms an. So haben Sie Ihre Daten immer in der Tasche, frei nach dem Motto “computing on the go”.

Damit entfiele theoretisch das umständliche Synchronisieren zwischen Geräten, vertrauliche Daten müssten nicht mehr in der Cloud lagern, kurzum: Eine neue Stufe des Personal Computing wäre erreicht. In der Praxis aber erwies sich das E4.5 als nicht leistungsfähig genug für Convergence, das Feature kommt erst bei richtig kraftvollen Geräten zum Tragen. Das in der Folge erschienene Meizu MX4 [2], ein Bolide mit acht CPU-Kernen und reichlich Speicher, ließ erneut Hoffnung aufkeimen – doch selbst für das potente MX4 blieb das anfangs versprochene Convergence-Feature letztlich aus.

Doch nun kommt endlich wieder Spannung in die Sache: Nahezu zeitgleich mit dem Meizu 5 Pro “Ubuntu Edition” – dem nächsten Ubuntu-Kraftprotz des Herstellers – bringt BQ das Aquaris M10 “Ubuntu Edition” auf den Markt. Allerdings handelt es sich dabei keineswegs um eine komplette Neuentwicklung, die Hardware-Spezifikationen wirken ein wenig angestaubt (siehe Tabelle “Technische Daten”).

Technische Daten

  Aquaris M10 HD Aquaris M10 FHD
 
CPU MediaTek Quad Core MT8163B bis 1,3 GHz MediaTek Quad Core MT8163A bis 1,5 GHz
GPU MediaTek Mali-T720 MP2 bis 520 MHz MediaTek Mali-T720 MP2 bis 600 MHz
RAM 2 GByte 2 GByte
Interner Speicher 16 GByte 16 GByte
Display 10,1 Zoll, 1280 x 800 Pixel, 160 ppi 10,1 Zoll, 1920 x 1200 Pixel, 240 ppi
Kamera Front: 2 Mpx, Rückseite: 5 Mpx Front: 5 Mpx, Rückseite: 8 Mpx
Verbindungen 802.11 b/g/n, Bluetooth 4.0, GPS 802.11 b/g/n, Bluetooth 4.0, GPS
Anschlüsse Micro-HDMI, Micro-USB OTG, Kopfhörer, Micro-SDHC Micro-HDMI, Micro-USB OTG, Kopfhörer, Micro-SDHC
Abmessungen 246 x 171 x 8,2 mm 246 x 171 x 8,2 mm
Gewicht 470 Gramm 470 Gramm

Zwei Varianten

Das BQ Aquaris M10 gibt es in zwei Leistungsklassen: Im weißen Gehäuse bringt es als HD-Version ein Display mit 1280 x 800 Bildpunkten (149 ppi) mit sowie einen mit 1,3 GHz getakteten Prozessor mit vier Kernen. Das Modell in Schwarz (Abbildung 1) ist als FHD-Version ausgelegt, das Display arbeitet daher mit satten 1920 x 1200 Bildpunkten (224 PPI). Als Herz versieht ein mit 1,5 GHz getakteter Vier-Kern-Prozessor seinen Dienst.

Bei den Basisbausteinen MT8163B beziehungsweise MT8163A handelt es sich um SoCs (“System on a Chip”) von MediaTek. Sie enthalten einen ARM Cortex-A53 (64 Bit) begleitet von einer Mali-T720 MP2 als Grafikeinheit, die Auflösungen bis zu 1920 x 1200 Bildpunkten unterstützt.

Abbildung 1: Das Aquaris M10 in der Ubuntu Edition.

Abbildung 1: Das Aquaris M10 in der Ubuntu Edition.

Die leistungsstärkere Variante kommt mit höher auflösenden Kameras: 8 Megapixel auf der Rückseite und 5 Megapixel auf der Vorderseite. Beim kleineren Zwilling sind es lediglich 5 Megapixel auf der Rückseite und 2 Megapixel auf der Vorderseite. Die restlichen technischen Daten entsprechen sich: Hier wie da weist der Bildschirm eine 10,1 -Zoll-Diagonale auf, zwei Lautsprecher geben ihren Ton in Richtung des Benutzers ab. Einen LED-Blitz suchen Sie vergeblich, nur eine kleine RGB-LED für Benachrichtigungen findet sich frontseitig.

Mit 470 Gramm bewegt sich das Gewicht im üblichen Bereich für ein Tablet, der Lithium-Polymer-Akku ist mit 7280 mAh ausreichend groß bemessen. An Anschlussmöglichkeiten gibt es erwartungsgemäß eine Buchse für Kopfhörer, einen Micro-USB-Anschluss (OTG-fähig) und einmal Micro-HDMI. Befremdlich wirkt, dass der Hersteller gerade einmal 16 GByte eMMC-Speicher fest verbaut hat: Nach Abzug des Speichers für das Betriebssystem bleiben gerade noch 10 GByte übrig. Immerhin lässt sich der Speicher über den Kartenslot mit SDXC-Karten um bis zu 64 GByte erweitern.

BQ verlangt im Direktvertrieb 279 Euro für die FHD-Version und 229 Euro für die HD-Version. Bezogen auf die Technik und den Preis fällt das Gerät damit ins untere Mittelfeld. Im Test muss sich das BQ Aquaris M10 doppelt beweisen: Einmal als ein über die Pre-Order-Aktion erstandenes Modell für Schnellentschlossene, das zweite Gerät fand als Teststellung seinen Weg in die Redaktion.

Nur das Nötigste

Wer das Tablet im Vorverkauf erwarb, erhält zusätzlich zum normalen Lieferumfang eine Schutzhülle sowie zwei Folien, die das Display schützen. Ansonsten bringt das Aquaris M10 nur einen USB-Ladeadapter mitsamt übermäßig stabilem USB-Kabel mit, wie man es von diesem Hersteller bereits kennt. Zudem liegen der Verpackung diverse Zettel inklusive einer Kurzanleitung bei. Ein Headset fehlt hingegen.

So unspektakulär die Leistungsdaten erscheinen, so erfreulich sticht die gute Verarbeitung ins Auge: Das Gerät liegt gut in der Hand, die gummierte Soft-Touch-Oberfläche des Gehäuses (Abbildung 2) garantiert sicheren Halt. Allerdings erweisen sich solche Oberflächen oft als nicht lange haltbar. Design ist bekanntlich immer eine Frage des Geschmacks: BQ wählte für das Aquaris M10 schlichte Komponenten. Es gibt keine auffälligen Elemente, keinen Rand aus Chrom, kein Glas oder Edelstahl, keine Karbonfaser- oder Klavierlack-Optik. Das Ergebnis spricht trotzdem oder gerade deswegen an.

Abbildung 2: Das Aquaris M10 ist solide verarbeitet, der Anmutung fehlt jedoch der Glanz höherwertigerer Geräte.

Abbildung 2: Das Aquaris M10 ist solide verarbeitet, der Anmutung fehlt jedoch der Glanz höherwertigerer Geräte.

Das Display leuchtet gleichmäßig und in der FHD-Variante absolut ausreichend. Der Zehn-Finger-Touchscreen reagiert schnell und präzise; der breite Rand erweist sich später für das über Wischgesten zu bedienende Ubuntu Touch OS als als recht praktisch. Eindrücken lässt sich nichts, der Knopf zum Einschalten und die Tasten zum Regeln der Lautstärke am oberen rechten Rand klappern nicht. Insgesamt erscheint die Verarbeitung hinsichtlich der Preisklasse des Geräts als absolut top.

Erst Schatten, dann Licht

Der erste gute Eindruck trübt sich beim Pre-Order-Gerät jedoch schnell: Nach dem Einschalten erwartet den Benutzer ein liebloser Begrüßungsdialog. Die Sprachauswahl umfasst eine enorme Liste von Ländern – so groß, dass das System Mühe hat, diese ohne Ruckeln anzuzeigen. In kleinen Schritten und mit viel Geduld müssen Sie sich vorkämpfen, bis Sie bei Deutsch (Deutschland) ankommen. Im Nachhinein betrachtet stand diese Erfahrung gewissermaßen symbolisch für das, was noch kommen sollte.

Nach dem Verbinden mit dem WLAN bot das vorbestellte Gerät ein Update auf die OTA-Firmware 10.1 an, auf dem offiziellen Testgerät war diese bereits installiert. Die regulären Käufer erhalten das Ubuntu-Tablet also mit der inzwischen verbesserten Software. Mit der aktuellen Firmware zeigt sich die Setup-Routine in einem besseren Bild: Hier ruckelt die Liste deutlich weniger, das Design sieht wesentlich ansprechender aus, die Zeitzone lässt sich (wie vom Desktop-Ubuntu gewohnt) über eine Weltkarte wählen. Die deutlich gestraffte Einleitung vermittelt lediglich, dass sich mit einem Fingerzug über die Ränder Wischgesten aktivieren lassen.

Kein virtuelles Keyboard

Im Praxistest soll das Ubuntu-Tablet eine SDHC-Speicherkarte mit 32 GByte Kapazität einbinden. Frisch aus der Verpackung möchte das System die bereits ab Werk mit ExFAT eingerichtete Karte jedoch erst einmal neu formatieren. Die in den Apps versteckte SD-Kartenverwaltung schreibt dazu ein FAT-Dateisystem auf die Karte. Damit lassen sich jedoch nur Dateien mit maximal 4 GByte Umfang nutzen. Linux-Dateisysteme wie Ext3/4 oder Btrfs bietet das Tool nicht. Formatieren Sie die Karte auf einem Desktop-Rechner mit einem dieser Dateisysteme, dann machen Sie den Datenträger damit für das Tablet unbrauchbar: Auch im Lesemodus beherrscht das Linux-Tablet nur das älteste aktive Windows-Dateisystem.

Als Nächstes muss die Software zeigen, was sie leisten kann. Aus dem Open-Source-Universum finden sich neben LibreOffice noch Anwendungen wie Gedit, Gimp oder Firefox vorinstalliert auf dem Gerät (Abbildung 3). Sie starten ohne unangenehm große Verzögerungen, doch aufgrund der hohen Auflösung des FHD-Tablets erscheinen die Bedienelemente der herkömmlichen Desktop-Anwendungen zu klein. Offensichtlich fehlt dem System eine dynamische Anpassung an die Pixeldichte höher auflösender Bildschirme. In der Praxis eignen sich die vom Linux-Desktop kaum wegzudenkenden Programme daher eher als Anzeigewerkzeuge.

Abbildung 3: LibreOffice neben einem Linux-Terminal, den System-Einstellungen und dem für Ubuntu Touch optimierten Browser.

Abbildung 3: LibreOffice neben einem Linux-Terminal, den System-Einstellungen und dem für Ubuntu Touch optimierten Browser.

Kaum optimierte Apps

Viel schlimmer wiegt allerdings, dass sich in den Anwendungen keinerlei Texte eingeben lassen: Auf dem regulären Testgerät weigert sich das System, die virtuelle Tastatur zu öffnen. Weder in Gimp noch in LibreOffice oder Firefox lässt sich irgendeine Art von Text eintippen. Nur der für Ubuntu Touch optimierte Canonical-Webbrowser und andere optimierte Apps blenden wie gewünscht die virtuelle Tastatur ein (Abbildung 4). Für sinnvolles Arbeiten mit Desktop-Apps benötigen Sie daher eine ausgewachsene Tastatur – im Test koppelte sich das Tablet per Bluetooth anstandslos mit einer Logitech K811.

Abbildung 4: Die Bedienelemente von LibreOffice und den anderen "Desktop-Apps" sind auf dem Display der Full-HD-Variante kaum zu erfassen.

Abbildung 4: Die Bedienelemente von LibreOffice und den anderen “Desktop-Apps” sind auf dem Display der Full-HD-Variante kaum zu erfassen.

Unser nächster Versuch galt speziell für hochauflösende Bildschirme angepasste Anwendungen. Auf dem Aquaris M10 finden Sie den schon etwas angestaubten Spiele-Titel “Cut the rope”. Er läuft durchaus flüssig, doch bei genauem Hinsehen lassen sich durchaus Ruckler in den Animationen beobachten. Außerdem erscheinen einige Grafiken unschön hochskaliert. Solche Effekte kann man auch bei den optional erhältlichen Titeln “Machines vs. Machines” oder “Negative Space” beobachten, die Spiele selbst laufen jedoch flüssig auf dem System. Linux-Game-Klassiker wie “Tux Racer” oder “Neverball” verstehen sich hingegen gar nicht mit dem Ubuntu Tablet: Hier erscheinen die Menüs verkehrt auf die Seite gedreht und lassen sich nicht bedienen.

Convergence

Die am sehnlichsten erwartete Funktion des Aquaris M10 Ubuntu Edition leiten Sie ein, indem Sie das Gerät mit einem MicroHDMI-auf-HDMI-Kabel an einen Fernseher oder Computerbildschirm anschließen. Dem Convergence-Prinzip entsprechend erscheint nun nicht nur das Bild des Tablets auf dem angeschlossenen Monitor, sondern Sie erhalten einen fast vollständigen Ubuntu-Desktop, wie Sie ihn vom PC her kennen (Abbildung 5). Das System übernimmt dabei sämtliche aktive Anwendungen, die nun nicht mehr als Apps erscheinen, sondern in Fenstern Platz finden. Sämtliche Inhalte bleiben erhalten, Sie müssen die Anwendungen nicht neu starten – zumindest in der Theorie.

Abbildung 5: Auch ohne externen Monitor kann man zwischen dem Desktop- und dem Tablet-Modus hin und her wechseln.

Abbildung 5: Auch ohne externen Monitor kann man zwischen dem Desktop- und dem Tablet-Modus hin und her wechseln.

In der Praxis stürzt des Öfteren beim Anschließen des Kabels der Displaymanager ab, startet aber automatisch wieder neu durch. Danach erscheint ein Bild auf dem externen Display. Das Display des Tablets dient in diesem Modus als Ersatz für ein Touchpad (Abbildung 6). Das Pre-Order-Modul enttäuschte hier jedoch mit einer starken Latenz zwischen den Eingaben auf dem Tablet und der Reaktion auf dem Monitor. Dieses Problem ließ sich (trotz identischer Firmware) auf dem offiziellen Testgerät nicht nachvollziehen. Einen Dual-Screen-Modus, bei dem sich beide Displays gleichzeitig nutzen lassen, gibt es nicht. Bei Bedarf können Sie den “Desktop-Modus” über das System-Menü auch ohne einen externen Monitor aktivieren.

Abbildung 6: Mit via Bluetooth gekoppelter Maus und Tastatur sowie einem HDMI-fähigen Monitor lässt sich das Aquaris M10 theoretisch als Ersatz für einen Desktop-PC nutzen.

Abbildung 6: Mit via Bluetooth gekoppelter Maus und Tastatur sowie einem HDMI-fähigen Monitor lässt sich das Aquaris M10 theoretisch als Ersatz für einen Desktop-PC nutzen.

Ansonsten hält die Convergence, was sie verspricht: Die auf dem Tablet gestarteten Apps erscheinen auf dem angeschlossenen Display automatisch als Fenster. Das funktioniert auch anders herum: Starten Sie neue Programm im Desktop-Modus und ziehen dann den HDMI-Stecker vom Tablet ab, bleiben die Anwendungen im Tablet-Modus als App erhalten. Die Funktion bietet jedoch noch Potenzial für Verbesserungen: So leitet das Tablet den Audio-Ausgang nicht über HDMI weiter, Klänge spielt das Tablet daher trotz an den Monitor angeschlossenen Boxen weiterhin über die internen Lautsprecher ab.

Fazit

Canonical hat sich keinen Gefallen damit getan, das Produkt im aktuellen Zustand auf den Markt zu werfen. Besonders Ubuntu Touch wirkt noch alles andere als intuitiv bedienbar und ausgereift. Versucht ein nicht explizit in die Bedienung eingewiesener Nutzer eine der installierten, aber nicht in der Unity-Sidebar einsortierten Apps zu starten, gibt er in aller Regel nach mehreren Minuten fruchtloser Versuche entnervt auf.

Anwendungen wie LibreOffice, Firefox oder Gimp auf ein Tablet zu bringen, ist zwar eine nette Idee, doch die Programme müssen sich auch auf dem Gerät sinnvoll bedienen lassen. Dies gelingt jedoch bei kaum einer für herkömmliche PCs entwickelten Anwendung – nicht zuletzt auch deshalb, weil es diesen Anwendungen auf dem Testgerät nicht gelingt, die virtuelle Tastatur zu öffnen.

Ähnliches gilt für den Wechsel zwischen der Tablet- und Desktop-Ansicht: In den Händen eines Benutzers wirkt der Wechsel zwischen Tablet- und PC-Modus noch nicht ausgereift. Die Abstürze des Displaymanagers beim Umschalten auf das externe Display, die auf einem der Testgeräte nur mit sehr viel Verzögerung durchgereichten Touch-Signale oder die fehlende Weiterleitung der Audio-Ausgabe zeigen, dass Canonical hier noch einen weiten Weg vor sich hat. 

Der Autor

Jacob Dawid ist Unterstützer und aktiver Entwickler in der Free Software-Community. Hauptberuflich arbeitet er als Softwaredesigner bei 9elements und entwickelt dort Webanwendungen sowie native Apps für sämtliche Plattformen.

Infos

[1] BQ Aquaris E4.5: Jan Rähm, “Spartanisch”, LU 11/2015, S. 76, https://www.linux-community.de/35196

[2] Meizu MX4: Jacob Dawid, “Maximiert”, LU 09/2015, S. 90, https://www.linux-community.de/35316

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