Editorial 10/2015

Aus LinuxUser 10/2015

Editorial 10/2015

Eingaben und Eingebungen

Gibt es ein Gen, das den Träger einerseits ins christsoziale Lager drängt und andererseits eine kognitive Dissonanz beim Umgang mit freier Software verursacht? Kann man das behandeln, und wenn ja, wie? Diese dräuenden Fragen stellt sich Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

für weit überregionale Heiterkeitsausbrüche sorgte Mitte August das Bekanntwerden eines Antrags zweier Münchner Stadträte an den Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt. Darin beschwerten sie sich darüber, sie kämen mit den ihnen von der Stadt für Arbeitszwecke zur Verfügung gestellten Mobilrechnern nicht zurande [1]. “Leider können die mit Limux vorinstallierten Notebooks aufgrund umständlicher Benutzbarkeit, Inkompatibilitäten und der fehlenden Benutzerrechte von den Stadträten nur sehr eingeschränkt benutzt werden.”, heißt es in der Eingabe. “Unter anderem können keinerlei Programme (Textbearbeitungsprogramme, Skype, Office, etc.) selbst nach installiert [sic!] werden, welches einen normalen Gebrauch verhindert.”

Vom Filser-Deutsch [2] einmal abgesehen, mit dem die beiden Protagonisten Sabine Pfeiler und Otto Seidl zweifelsfrei ihre Zugehörigkeit zur bodenständigen CSU dokumentieren, sorgte vor allem der krude Inhalt der Beschwerde für gesteigertes Amüsement bei Fachleuten. Welcher gestandene Admin hätte schon einmal von Firmen- oder Behördenrechnern gehört, auf denen der Benutzer nach Lust und Laune eigene Software installieren darf, unter welchem Betriebssystem auch immer? Über den Limux-Desktop andererseits heißt es auf dem offiziellen Münchner Stadtportal: “Am Ende stand die Zertifizierung durch den TÜV-IT, der die einfache Handhabung des neuen LiMux-Clients bestätigt.” [3]

Nun könnte man ja vermuten, die beiden von einem gemanagten Client überforderten Volksvertreter verstünden halt einfach nichts von Computern – weit gefehlt! Zu Sabine Pfeiler (36) findet sich im Ratsinformationssystem der Stadt folgende Beschreibung [4]: “Dipl.-Informatikerin, Master of Business Administration, […], Stv. Sprecherin im Ausschuss für Bildung und im IT-Ausschuss, Mitglied in der IT-Kommision [sic!]“. Otto Seidl (70), Betriebswirt (VWA) und Sprecher des IT-Ausschusses, verrät seinerseits auf seiner persönlichen Website, er sei “seit 1982 selbständig mit Schwerpunkt Softwareentwicklung und IT-Beratung” [5]. Bodenroll, schenkelklopf.

Während Frau Pfeilers Haarfarbe politisch unkorrekten Kommentatoren eine wahre Flut wiedergekäuter Blondinen-Witze entlockte, verwiesen Verschwörungstheoretiker naserümpfend auf die Zugehörigkeit beider Stadträte zur CSU. Der gehört ja auch der im Antrag angesprochene OB Dieter Reiter (57) an, der sich bekanntlich schon seit seinem Amtsantritt als “ausgewiesener Microsoft-Fan” auf dem Kriegspfad gegen Limux befindet [6]. Mir persönlich drängt sich angesichts gleich dreier Betroffener in nur einer Kommunalverwaltung die Frage auf: Gibt es möglicherweise ein Gen, das alters- und geschlechtsübergreifend den Träger einerseits ins christsoziale Lager drängt und andererseits eine kognitive Dissonanz beim Umgang mit freier Software verursacht? Und wie hoch ist da die Dunkelziffer?

Aber vielleicht hat ganz einfach nur niemand den beiden kommunalpolitischen Open-Source-Opfern einmal den Umgang mit einem Limux-PC gezeigt. Dieses Defizit ließe sich möglicherweise in naher Zukunft beheben, genauer gesagt am 14. November dieses Jahres. An besagtem Samstag findet im gesamten deutschen Sprachraum der Linux Presentation Day statt [7]. Die Idee dahinter: Erfahrene Linux-Benutzer sollen in kleinen, unaufwendigen Events ein- und umstiegsinteressierten Anwendern die Schwellenangst zum Betriebssystemwechsel nehmen, indem sie einfach am PC oder Notebook den alltäglichen Umgang mit dem freien Betriebssystem und seinen typischen Anwendungen demonstrieren. Mit Stand Anfang September haben bereits engagierte Linuxer aus rund 60 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zugesagt, sich an der Aktion beteiligen zu wollen.

Falls Sie selbst sich das auch vorstellen könnten, schauen Sie doch einmal auf http://www.linux-presentation-day.de vorbei und lassen sich inspirieren. Besonders Einwohner der bayerischen Landeshauptstadt sollten sich jetzt angesprochen fühlen: Ausgerechnet die Isar-Metropole fehlt bislang auf der Liste der Veranstaltungsorte. So wird die konservative Fraktion des Münchner Stadtrats wohl weiter vergeblich auf Linus’sche Eingebungen [8] warten müssen …

Mit augenzwinkernden Grüßen,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Text des Antrags (PDF): http://www.ris-muenchen.de/RII/RII/DOK/ANTRAG/3745830.pdf

[2] Landtagsabgeordneter Josef Filser: https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Filser

[3] Limux-Client: http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/LiMux/Zahlen_Fakten/Eingesetzte-Loesungen.html

[4] “Ratsinformationssystem: Pfeiler, Sabine”: http://www.ris-muenchen.de/RII/RII/ris_mitglieder_detail.jsp?risid=3312549&periodeid=3184778

[5] “Was zählt ist München – Otto Seidl”: http://www.seidl-muenchen.de/zur-person/

[6] Münchens OB, Limux und Microsoft: Jörg Luther, “Schmerzhafte Rasur”, LU 12/2014, S. 3, https://www.linux-community.de/33717

[7] Linux Presentation Day: http://www.linux-presentation-day.de

[8] Eingebungen: https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_M%C3%BCnchner_im_Himmel

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3 Kommentare
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Thomas Numberger
10 Jahre her

Bitte beachten Sie dass Dieter Reiter der SPD angehört. München ist nicht unbedingt dass was man eine CSU-Hochburg nennt. Im Gegenteil bis auf eine Ausnahme hat die SPD seit 1948 den Oberbürgermeister gestellt. BTW ich wäre in der CSU wenn ich in Bayern wohnen würde aber ich bin begeisterter Linux-User.

mit freundlichen Grüßen

Erich Kiesl
10 Jahre her

Für 1978-1984 wird noch ein Herr Erich Kiesl genannt:
https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchner_B%C3%BCrgermeister

Viel Glück für den Linux Presentation Day!
Das kann eine tolle Sache werden!

Joachim Grimm
10 Jahre her
Reply to  Erich Kiesl

Erich Kiesl ist genau diese eine Ausnahme seit 1948, die Th. Numberger meint.

Und zum Editorial selbst: Lieber Herr Luther, ich finde das ziemlich schlecht recherchiert, wenn man nicht weiß, dass der Münchner OB in der SPD ist.

Gruß
J. Grimm

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