Editorial

Aus LinuxUser 06/2015

Editorial

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Ruhe vor dem Sturm

Mit dem behutsam modernisierten Ubuntu 15.04 hat Canonicals Distribution möglicherweise bereits den Zenit ihrer Popularität überschritten. Durch seine geradezu zwanghafte Fixierung auf Mobil-Konvergenz droht Mark Shuttleworth Ubuntu mittelfristig ins Aus zu befördern, befürchtet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die neueste Ubuntu-Variante “Vivid Vervet”, die lebhafte Meerkatze, bringt keine spektakulären Änderungen mit sich. “Behutsam modernisiert”, so lautet das Fazit unserer Bestandsaufnahme, die Sie ab Seite 44 nachlesen können [1]. Etwas Systemd hier, ein wenig KDE Frameworks 5 dort, ein Schuss Mate zur Abrundung, das war’s dann auch schon. Dabei wird es allerdings in den kommenden Versionen nicht bleiben, soviel steht jetzt schon fest.

“Convergence” lautet die Prämisse, unter der Canonical-Häuptling Mark Shuttleworth die technische Neuausrichtung von Ubuntu vorgibt, also das Zusammenwachsen von Desktop und Mobile. Schon der erste Schritt in diese Richtung, der Unity-Desktop, war nicht unumstritten. Auch an anderen Fronten setzt Canonical zunehmend auf hausgemachte Lösungen, so etwa bei Mir statt Wayland als X11-Ablösung, um das eigene Betriebssystem möglichst nahtlos auch auf Smartphones und Tablets zu bringen.

Als weiteren Schritt in diese Richtung hat Canonical vor Kurzem angekündigt, sich schrittweise vom DEB-Paketformat zu lösen [2]. Stattdessen will Canonical schon in Ubuntu 15.10 das für das IoT-Betriebssystem Snappy Core entwickelte Snappy-Paketformat Snappy für die dann eingesetzte Unity-8-Oberfläche verwenden. Damit nicht genug, sollen schon bald entsprechende Anwendungspakete folgen. Canonical-Doyen Shuttleworth hat also möglicherweise den 15.10-Codenamen “Wily Werewolf” [3] nicht ohne Hintergedanken aus der Taufe gehoben, entspricht die nächste Ubuntu-Desktop-Version doch in ihrer Zwitterhaftigkeit dann durchaus dem zwischen Mensch und Tier angesiedelten Fabelwesen.

Auf dem Ubuntu Online Summit Anfang Mai [4] kündigte Shuttleworth denn auch an, noch 2015 werde ein Ubuntu-Smartphone auf den Markt kommen, das beim Anschließen eines Monitors einen “normalen” Ubuntu-Desktop zeige. Bei dem zugrundeliegenden OS handelt es sich freilich um Snappy Personal, die Snappy-Desktop-Variante, mit Unity 8 und Mir. Die sollten Sie sich merken, denn – und das ist das dicke Ende – Sie bekommen sie mit Ubuntu 16.04 auch auf dem PC serviert [5].

Der Snappy-Desktop bricht technisch mit allen anderen gängigen Distributionen; er wird vorhersagbar Probleme bei der Integration von Unity und Mir sowie der nach wie vor notwendigen X11-Unterstützung mit sich bringen. Neben ihm soll es aber bei der Ubuntu-Version mit dem “X” im Codenamen auch noch eine traditionelle, DEB-basierte Ausführung geben. Mutmaßlich ist diese Zurückhaltung ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass es sich bei Ubuntu 16.04 fahrplanmäßig um eine LTS-Ausgabe mit Langzeit-Support handelt, bei der Canonical offensichtlich auf Risikominimierung setzt.

Möglicherweise wird ja Ubuntu 16.04 “X…” der große Kracher, der lang propagierte Durchbruch des Linux-Desktops, und läuft schon nächstes Jahr auf jedem zweiten Smartphone, Tablet und PC. Angesichts des Konkurrenzumfelds insbesondere im Mobilmarkt erlaube ich mir jedoch, das ernsthaft zu bezweifeln. Viel eher könnte es passieren, dass ein technisch völlig von der sonstigen Linux-Welt abgehängtes Ubuntu sich damit mittelfristig in die Bedeutungslosigkeit befördert und sich Canonical damit quasi ausXt.

Ich persönlich kann das ja leidenschaftslos und quasi akademisch aus der Ferne betrachten, habe ich doch schon vor geraumer Weile auf meinen Rechnern zu einem Rolling-Release-Debian mit einem schnörkellosen Tiling-Window-Manager gewechselt. Apropos Debian: Das ist auch gerade neu erschienen [6]. Wie sich Debian 8 gegen Ubuntu 15.04 schlägt, können Sie mithilfe der Heft-DVDs dieser Ausgabe unkompliziert ausprobieren. Viel Spaß dabei und

herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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