Editorial 01/2015

Aus LinuxUser 01/2015

Editorial 01/2015

Kollateralschäden

Das Debian-Projekt hat sich über die Frage nach der Integration von Systemd fast gespalten. Zeit, wieder zu alten Tugenden zurückzukehren, meint Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die oft fragwürdigen Ursachen, aus denen sich Menschen in erbitterte Kleinkriege stürzen, hat Jonathan Swift in “Gullivers Reisen” [1] aufs Schönste karikiert: Nachdem der Kaiser von Liliput sich beim Öffnen eines Eis am runden Ende verletzt hat, verfügt er, jedermann müsse künftig die Eier am spitzen Ende öffnen. Die folgenden Aufstände derer, die ihr Frühstücksei auch weiterhin am “bequemen Ende” öffnen möchten, eskalieren flugs zum Bürgerkrieg, an dessen Ende die geschlagenen “Rundender” ins Nachbarland Blefuscu fliehen.

Was dem Liliputaner sein Ei, ist dem Debianer sein Init-System. Arch Linux, Fedora, Mageia, Mandriva, OpenSuse und zahlreiche andere Distributionen haben den Wechsel zu Systemd schon hinter sich; selbst Ubuntu löst mittelfristig das selbstentwickelte Upstart durch Systemd ab. Für Debian hingegen steht der Umstieg erst mit dem kommenden Release 8 “Jessie” an. Im Vorfeld des entsprechenden Freezes brachen in der Debian-Entwicklergemeinde Anfang Oktober erneut scharfe Diskussionen um Systemd aus, die schnell zu einem heißen Flame-War eskalierten: Die Anhänger des bisherigen SysVinit fühlten sich in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt und bemängelten die mangelnde Ausrichtung des monolithischen Systemd an der klassischen Unix-Ideologie.

Um den sich anbahnenden Debian-Bürgerkrieg noch zu verhindern, schlug Ian Jackson, langjähriger Debian-Entwickler und Mitglied in Debians technischem Kommittee CCTE, Mitte Oktober eine Urabstimmung (“General Resolution”, GR) der Developer zu dem Thema vor [2]. Zur Auswahl standen im wesentlichen zwei Verfahrensvarianten, die sich salopp als Pakete dürfen kein bestimmtes Init-Systemen erfordern und Pakete sollten nach Möglichkeit mit allen Init-Systemen funktionieren umschreiben lassen. Beide hätten den alternativen Einsatz von SysVinit problemlos ermöglicht – dessen Anhängern war das aber nicht genug: Prompt schlossen diese sich zu einer anonymen Vereinigung namens “Veteran Unix Administrators” (VUA) zusammen und drohten mit einem Fork der Distribution [3], falls Systemd nicht sofort vom Tisch käme.

In der General Resolution, deren Ergebnis schließlich Mitte November feststand, bewies die Debian-Entwicklergemeinde einmal mehr ihre Vorliebe für pragmatische Lösungen: Die mit Abstand bevorzugte Abstimmungsoption lautete GR is not required, oder flapsig formuliert “Wir brauchen keine blöde Abstimmung über Systemd, das lässt sich doch auch auf den normalen Wegen regeln”. Sprich: Wer Systemd nicht mag, nimmt eben SysVinit; dann laufen halt eventuell ein paar mit dem anderen System eng verbandelte Pakete nicht. Die Paketmaintainer sind schon so schlau, keine unnötigen Dependencies in die Repositories einzubauen – ging ja bisher auch.

An der Hardlinern der VUA [4] ging diese bemerkenswerte Demonstration gesunden Menschenverstands allerdings erwartungsgemäß völlig vorbei. Als Reaktion auf die GR propagierten sie flugs einen Debian-Fork namens Devuan. Wieviel Sinn das Projekt macht, lässt sich unter anderem anhand der Tatsache einschätzen, dass nicht einmal das VUA-Debian auf Systemd verzichten mag oder kann und es optional einbindet [5]. Ob sich der von nur einer Handvoll Dissidenten [6] unterstützte Fork überhaupt länger halten kann, steht in den Sternen.

Insgesamt ließe sich Debians Systemd-Komödie damit als “viel Lärm um Nichts” abtun, hätte sie nicht massive Kollateralschäden verursacht. Rund um die Systemd-GR hat gut ein halbes Dutzend prominenter Entwickler endgültig das Handtuch geworfen – die einen als Systemd-Supporter massiv angefeindet, die anderen vom oftmals rüden Ton der Auseinandersetzungen entsetzt. Man kann nur hoffen, dass die Devuan-Abspaltung die Luft beim Mutterprojekt nachhaltig gereinigt hat und die Debianer jetzt wieder zu sachlicheren Kommunikationsformen zurückkehren.

Mit herzlichen Grüßen,

Jörg Luther

Chefredakteur

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Microlinux
11 Jahre her

Als Slackware-User gehöre ich zu jener Minderheit, die den Wechsel zu Systemd (noch) nicht vollzogen haben. Wäre Systemd nur ein Init-System, gäbe es das ganze Hickhack wahrscheinlich nicht. Hingegen entwickelt sich Systemd zusehends zur eierlegenden Wollmilchsau, und als Anhänger des KISS-Prinzips hat man da eben so seine Bedenken. Verschärfend kommt dazu, daß Lennart Poettering und Kay Sievers nicht gerade kritikverträglich sind. Wie der Dichterphilosoph Lessing mal so treffend meinte: wer in manchen Situationen nicht den Verstand verliert, der hat wahrscheinlich gar keinen.

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