Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
kaum ein Ereignis hat die Community in letzter Zeit so bewegt, wie die Diskussion des Debian-Projekts um die Frage, ob Systemd zum neuen Standard-Init-System avancieren solle. Dass die Streitfrage sich zu einer Existenzfrage entwickelte, liegt daran, dass der einzige ernst zu nehmende Gegenkandidat Upstart hieß.
Upstart markierte einen weiteren Meilenstein in Canonicals Eigenbrötelei in Bezug auf die Hausmarke Ubuntu. Die Tatsache, dass die Mitarbeit an dem Projekt an einen saftigen Knebelvertrag gekoppelt war, machte es quasi per Definition zu einem No-Go für freie Entwickler. Entsprechend stark fielen die Anstrengungen von Canonical aus, die wegweisende Entscheidung des Debian-Projekts zugunsten der Eigenentwicklung zu beeinflussen. Mehr dazu lesen Sie in einem umfassenden Artikel in dieser Ausgabe ab Seite 80.
Am Ende fiel die Entscheidung durch ein Votum von Bbdale Garbee. Der steht dem Debian Technical Committee vor und darf in Pattsituationen eine Lösung vorschlagen. Mark Shuttleworth gratulierte und sagte schmallippig zu, dass Ubuntu Systemd übernähme, “sobald die Software stabil sei”.
Trägt die Gemeinschaft der Debian-Entwickler den Entschluss des Technical Committee mit, dann schließt die Distribution damit zu einer Reihe von Systemen auf, die schon auf das alternative Init-System setzen oder dies planen. Damit bestünde die nicht unbegründete Hoffnung, dass die freie Entwicklergemeinde in einer essenziellen Frage endlich einmal wieder an einem Strang zöge und sich so Synergien nutzen ließen.
Das dürfte auch dringend notwendig sein, denn schon jetzt entwickelt sich Systemd zu einem ausufernden Projekt: Neben der Kontrolle über den Boot-Prozess ersetzt es auch das traditionelle Protokollieren via Syslog – und geht es nach dem Willen der Entwickler, dann übernimmt der Daemon zudem als Zwischenschicht die Kontrolle über weite Teile des Systems.
Wer das Votum aber als eine Absage an eine Monokultur Marke Canonical interpretiert, der sei gewarnt: Die Hauptentwickler von Systemd stehen im Wesentlichen auf der Gehaltsliste von Red Hat. Nicht ohne Grund sehen daher einige die Gefahr, dass auf diese Weise letztlich doch ein einzelnes Unternehmen einen erheblichen Einfluss auf das Linux-Ökosystem gewinnt.
Bevor sich aber solche dunklen Mächte erheben, hege ich erst einmal die Hoffnung, dass sich die Ereignisse für Linux insgesamt zum Vorteil auswirken. Sollte das nicht der Fall sein, bleibt immer noch die Möglichkeit, die Software zu forken und unabhängig weiterzuentwickeln – der freien Lizenz sei Dank.



