Android-Multimedia-Box von Pearl

Aus LinuxUser 07/2011

Android-Multimedia-Box von Pearl

© highyou, 123rf.com

KO in Runde 3

Multimedia und Internet auf einem Nettop mit Android: Eigentlich eine gute Idee – wäre sie denn richtig umgesetzt.

Es klingt schon verlockend, was Pearl [1] da als “beste Alternative zum Multimedia-PC” und die “Zukunft Ihres Heimkinos” anbietet: Eine Android-2.2-basierte Nettop-Box [2], die nicht nur den Zugriff aufs Internet via (W)LAN ermöglicht, sondern quasi nebenbei noch als Multimediaplayer für Bilder, Filme und Musik seinen Dienst verrichtet.

Das Gerät mit dem klangvollen Namen Meteorit HDMI-Multimedia- & Internet-TV-Box und der Modellnummer MMB-322.HTDV wartet mit einer 1,2-GHz-CPU auf, die ausreichen soll, auch HD-Videos ruckelfrei wiederzugeben. Darüber hinaus wirbt der Anbieter mit “diversen Apps”, die im App-Store zum Download bereit stehen.

Beachten Sie, dass die Box weder einen TV-Receiver noch ein DVD-Laufwerk besitzt: Sie spielt ausschließlich Mediendateien von Massenspeichern oder dem Internet ab.

Hardware

Das eher schlicht wirkende Gerät (Abbildung 1) mit den Maßen eines dickeren Taschenbuchs liefert Pearl zusammen mit einem WLAN-USB-Stick, einem Netzteil, einer Fernbedienung und einem HDMI-Kabel aus. Letzteres schließt das Gerät digital an den Fernseher an. Als analoge Alternativen stehen sowohl ein Composite-Video- als auch ein YPbPr-Ausgang bereit. Zum Transfer der Audio-Inhalte bietet die Box zwei Chinch-Buchsen. Eine digitale Alternative, etwa ein optischer Toslink-Ausgang, fehlt.

Abbildung 1: Dank der dezenten Erscheinung fügt sich Pearls Multimedia-Station problemlos in den Wohnzimmerschrank ein. Die angebotenen Anschlüsse dürften die meisten Anwendungsfälle abdecken.

Abbildung 1: Dank der dezenten Erscheinung fügt sich Pearls Multimedia-Station problemlos in den Wohnzimmerschrank ein. Die angebotenen Anschlüsse dürften die meisten Anwendungsfälle abdecken.

Zum Anbinden externer Massenspeicher hält das Gerät einen eSATA-Anschluß, einen Micro-SD-Karten-Slot sowie vier USB-Ports bereit. Letztere dienen auch dem mitgelieferten WLAN-Stick als Verbindungsmöglichkeit. Warum die Entwickler nicht wenigstens einen USB-Steckplatz auf die Front des Geräts verlegten, bleibt unklar. So gerät jedes Einstecken, beispielsweise eines USB-Sticks, zur Fummelei. Wer der kabelgebundenen Netzwerkverbindung den Vorzug gibt, weicht auf den integrierten Ethernet-LAN-Adapter aus.

Das Herz des Systems bildet der All-in-One-Chpsatz 88DE3010 von Marvell. Er zeichnet sich vor allem durch eine sehr gute Multimedia-Wiedergabe aus und umfasst auch die 1,2-GHz-CPU. Beim Speicher knauserten die Hersteller jedoch: Lediglich 512 MByte RAM und ROM stellten sie dem System bereit. Da das System bereits 90 Prozent des Platzes belegt, bleiben gerade einmal 50 MByte für Cache und Apps. Immerhin fällt der Stromverbrauch erfreulich niedrig aus und liegt laut Hersteller bei 0,35 Watt im Standby und 9 Watt im Betrieb. Ein Netzschalter zum vollständigen Abschalten des Geräts fehlt – der in der Front verbaute Taster schickt das Gerät lediglich in den Standby-Modus. Da die Entwickler auf Lüfter verzichteten, arbeitet die Box völlig geräuschlos.

Vorhang auf

Nach dem ersten Einschalten vergehen etwa 45 Sekunden bis zur vollständigen Betriebsbereitschaft der Box. Ihren Zustand signalisiert sie durch eine rote (Standby) und grüne (im Betrieb) LED in der Gehäusefront. Weitere Informationen, beispielsweise über ein integriertes Display, bietet das MMB-322.HTDV jedoch nicht an.

Zum erstmaligen Einrichten des Geräts stellt es einen Assistenten bereit, mit dem Sie unter anderem Bildschirmausrichtung, Sprache und die Netzwerkverbindung festlegen. Zukünftige Änderungen an der Konfiguration erledigen Sie – wie unter Android üblich – unter Einstellungen.

Der Desktop gibt sich mit seiner vertikalen Verteilung der Menüpunkte etwas eigenwillig. Während Sie diese auf- oder abwärts scrollen, erscheinen horizontal zusätzliche Icons (Abbildung 2), die Sie mit den Pfeiltasten der Fernbedienung ansteuern. Ein nachträgliches Ändern der Icon-Belegung oder des Desktops ermöglicht das Gerät nicht.

Abbildung 2: Die eigenwillige Nutzerführung des Desktops erweist sich als praktisch und intuitiv.

Abbildung 2: Die eigenwillige Nutzerführung des Desktops erweist sich als praktisch und intuitiv.

Die Verbindung ins Internet via WLAN klappte zwar problemlos, doch kam es immer wieder zu Ausfällen. So führte das Einstecken einer externen USB-Festplatte im laufenden Betrieb zum Beenden der Verbindung, wobei das Gerät bemäkelte, das zuletzt verbundene WLAN läge außerhalb der Reichweite. Das Ausstecken der Festplatte führte abeer zur sofortigen Verbindungsaufnahme mit dem angeblich nicht erreichbaren Access Point. Dieses Problem ließ sich jedoch nicht ohne weiteres reproduzieren und trat nur sporadisch auf. Unabhängig davon setzte die Verbindung auch einige Male beim Surfen im App-Center oder auf einer Webseite aus.

Handling

Die mitgelieferte Fernbedienung dient als Ersatz für Tastatur und Maus. Per Umschalter wählen Sie zwischen den beiden Modi. Das reicht zur Navigation zwischen den Menüpunkten und in Webseiten aus. Allerdings zeigte die Fernbedienung einige mechanische Schwächen: Tastendrücke übermittelte sie nicht selten erst nach mehrmaligem Wiederholen, als echte Spaßbremse erweist sich daher auch das Eintippen von Texten.

Dadurch mutiert schon das Eintippen einer URL zum Geduldsspiel, ohne externe Tastatur und Maus dürften die Nerven des Anwenders bald blank liegen. Die bietet Pearl übrigens für 20 bis 30 Euro extra zum Kauf an. Auch Funktastaturen- und Mäuse anderer Hersteller, in unserem Test von Medion, akzeptiert die Box klaglos und bindet sie auch im laufenden Betrieb problemlos ein.

Allerdings weist das System der Tastatur zunächst ein US-Keyboard-Layout zu, das Sie unter Setup | Einstellungen | Sprache und Tastatur | Externe Tastatur-Layout erst auf Deutsch umstellen müssen. Danach erkannte die Tastatur zwar Umlaute, [Z] war aber nach wie vor mit “Y” belegt und der Klammeraffe gar nicht mehr vorhanden. Ein Reboot rückte zumindest das Y an die richtige Stelle unten links, das At-Sign jedoch fehlte nach wie vor. Offenbar interpretiert die Software [Alt Gr] nicht oder falsch.

Der Versuch, eine Microsoft-Maus anzuschließen, endete mit einem Absturz des Systems. Ob dafür eine quasi natürliche Abneigung oder schlicht Inkompatibilität verantwortlich war, ließ sich nicht abschließend klären.

Internet

Neben dem Abspielen von Multimedia-Dateien gehört die Wiedergabe von Inhalten aus dem Internet zu den Kernfunktionen der Box. Hierzu stellt sie unter der Rubrik Internet diverse Apps und Shorcuts bereit. Darüber erreichen Sie unter anderem die Google-Suche, den Mailclient, YouTube, Google Maps, Twitter und Picasaweb. Wer plant, über die Picasa-App seine Online gehosteten Bilder anzusehen, wird jedoch bitter enttäuscht: Nach dem Anmelden erscheint für ungefähr 30 Sekunden der Hinweis Downloading Albums, danach stürzt die App sang- und klanglos ab (Abbildung 3).

Abbildung 3: An dieser Stelle verabschieden wir uns von Ihnen: Die Picasa-App stürzt nach dem Login grundsätzlich ab.

Abbildung 3: An dieser Stelle verabschieden wir uns von Ihnen: Die Picasa-App stürzt nach dem Login grundsätzlich ab.

Deutlich besser, aber auch nicht optimal, präsentiert sich der Mailclient, der nach Eingabe der E-Mail-Adresse und des Passworts das Konto selbständig einrichtete. Allerdings arbeitet auch diese App nicht fehlerfrei: Für manche Nachrichten benötigte zur Anzeige bis zu 30 Sekunden, andere stellte sie gar nicht dar.

Ohne Probleme lief dagegen die Google-Maps-App. Sie zeigte die Landkarten in ansprechender Geschwindigkeit an. Entsprechendes lässt sich vom YouTube-Client nicht behaupten: Im Schnitt dauerte es über 30 Sekunden, bevor der Player die Wiedergabe des gewünschten Videos startete. Die von Pearl versprochene “YouTube-Clip-Party” dürfte damit eher zum Langweiler geraten.

Das Aufrufen von Standard-Webseiten wie LinuxUser.de, Spiegel.de, Heise.de oder Amazon.de bewerkstelligte der Surfzwerg in akzeptablem Tempo und zeigte die Seiten auch korrekt an. Von der beworbenen “optimalen Webseitendarstellung” war an anderer Stelle dagegen wenig zu sehenn. Speziell skript- und flashlastige Seiten wie beispielsweise Radio.de lädt die Seite nur sehr träge. Der Versuch, einen Radiostream der Seite abzuspielen, führte zum Absturz des Browsers.

Ebensowenig gelang es, von der Streamingplattform Shoutcast.com ein Onlineradio zur Wiedergabe zu bewegen. Zunächst erschienen Fehlermeldungen im Browser, danach unterbrach unvermittelt die WLAN-Verbindung. Die von Pearl angeprisene “grenzenlose Unterhaltung” durch “direkten Zugriff auf Online-Radio” blieb sowohl über eine nicht funktionierend App als auch die genannten Webseiten verwehrt.

Multimediawiedergabe

Pearl wirbt mit einer umfassenden Unterstützung verschiedener Multimedia-Formate, was der Test bestätigt. Nur bei wenigen, etwa dem Bildformat TIFF oder dem verlustfreien Audiocodec APE erlaubte sich die Box Aussetzer, alles andere spielte sie klaglos ab. Selbst HD-Filme in den Formaten 1080i und 1080h zeigte die MMB-322.HTDV ruckelfrei an.

Weniger gut gefiel der karg ausgestattete Player, der für alle Medientypen die gleiche Oberfläche besitzt. Er beschränkt sich in seinen Funktionen aufs Grundlegende, etwa vor- und zurückspielen, einen Titel wiederholen oder alles wiederholen. Klangkorrekturen in Form eines Equalizers fehlen ebenso wie eine Funktion zum Erstellen und Verwalten von Playlists oder Bookmarks – gerade bei größeren Musiksammlungen ein echtes Manko.

Obwohl der Player wie beschrieben für alle Objekte das gleiche Interface stellt, ist es beispielsweise im Videomodus nicht möglich, Musikdateien oder Bilder aufzurufen. Hier gilt es, den Player zu verlassen, über das Hauptmenü die Kategorie zu wechseln und ihn erneut zu starten. Einfacher gehts über den Dateimanager: Hier genügt es, die gewünschte Datei anzuklicken, um sie im Player aufzurufen. Aus noch nicht geklärten Gründen weigerte sich der Player zuweilen auch, Multimedia-Dateien abzuspielen, die er zuvor problemlos wiedergegeben hatte. Ein Restart der Box behob stets das Problem.

Beinahe eine LÖebensnotwendigkeit für ein Mediacenter ist der Anschluss an Netzwerkgeräte via SMB, FTP oder DLNA. Solche Features ermöglichen es, beispielsweise Multimedia-Dateien direkt vom eigenen Heim-PC wiederzugeben. Obwohl die Umsetzung vergleichsweise einfach wäre, verzichtete der Hersteller der MMB-322.HTDV auf die entsprechenden Möglichkeiten.

Apps

Pearl stellt in der Nettop-Box eine App namens App Center bereit, die ausschließlich den Zugriff auf den eigenen Market erlaubt. Darin finden sich etwa 4000 Erweiterungen, von denen der Einsatz bei etwa der Hälfte davon in der Box keinen Sinn ergibt: Entweder sind sie für den mobilen Einsatz vorgesehen oder erfordern Hardware wie Webcams und dergleichen. Ein weiteres knappes Drittel ist kostenpflichtig.

Sowohl funktional wie auch optisch ähnelt der Market dem des Google-Originals. Die meist sinnvolle Einordnung der Apps in Kategorieren wie Effizienz-Tools, Fotografie oder Geschäftlich hilft bei der Suche. Ein Test mit etwa zehn Apps sorgte jedoch für Ernüchterung: Einige verweigerten komplett den Start, andere waren nicht an die Bildschirmgröße angepasst. Nur wenige verrichteten ihren Dienst ohne Störung oder Darstellungsfehler.

Allerdings gestattet es das System, eigene Apps, die sich beispielsweise auf einem Massenspeicher befinden, zu installieren. Dafür reicht es aus, mit dem Dateimanager zum Ordner der Erweiterungen zu navigieren und das gewünschte Progrämmchen anzuwählen. Danach startet der Installer mit dem Hinweis, dass die Installation der App gesperrt sei; ein Klick auf Ok hebt die Sperre auf und richtet die Software ein.

Eigentlich gestattet die App-Verwaltung von Android 2.2 das Kopieren der installierten Apps auf die SD-Karte – nicht so beim MMB-322.HTDV: Der Button Auf SD-Karte kopieren erscheint bei sämtlichen Apps ausgegraut und damit ohne Funktion.

Fazit

Zwar gibt das Pearl Meteorit MMB-322.HTDV beinahe alle Arten von Multimediadateien wieder, doch das können viele moderne Fernseher und DVD-Player über USB-Anschlüsse inzwischen auch. Selbst zur Anzeige von Webinhalten verfügen zwischenzeitlich etliche TV-Geräte über interne oder externe WLAN-Karten, weswegen eine Nettop-Box schon einen echten Mehrwert bringen muss, um beim Kunden zu punkten.

Dieser Mehrwert bestünde bei einem Android-Gerät zweifellos bei den Apps, welche es erlauben, die Funktionen des Geräts nach eigenem Belieben erweitern. Da die Box nur den Zugriff auf einen eigenen Market mit etwa 4000 Apps erlaubt, von denen viele im Test nicht oder nur unzureichend funktionierten, fällt beim MMB-322.HTDV dieses Kaufargument zum Teil flach.

Dass sich Pearls Multimedia- und Web-TV-Box selbst in der Kernfunktionalität, etwa dem Picasa-Modul oder der korrekten Wiedergabe einiger Webseiten, teilweise erhebliche Aussetzer leistet, relativiert die Werthaltigkeit des auf den ersten Blick günstig erscheinenden Preises von 150 Euro. Wenn die von Pearl versprochene “Multimediabox der nächsten Generation” so aussieht, ist es vermutlich auch die letzte. 

Glossar

DLNA

Steht für Digital Living Network Alliance und beschreibt einen Standard zum Austausch von Multimediadaten zwischen verschiedenen netzwerkfähigen Geräten.

Infos

[1] Pearl: http://www.pearl.de

[2] Meteorit HDMI-Multimedia-&Internet-TV-Box: http://www.pearl.de/a-PX1534-1600.shtml

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2 Kommentare
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Dieter
14 Jahre her

…warum WERBUNG! “nur für Mitglieder der LinuxCommunity zugänglich” sind. Naja, hab nur mal hier vorbei geschaut.

Und Tschüß!

max.
14 Jahre her
Reply to  Dieter

…warum Leute ihren Frust mit sinnlosen Kommentaren loswerden und von einem Artikel, den sie gar nicht gelesen haben behaupten, es handle sich um Werbung. Vermutlich zu viel Chip und PC Welt gelesen.

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