Nach einigen Verzögerungen ist das als iPad-Killer gehandelte WeTab jetzt endlich da. Die ersten ausgelieferten Geräte sorgen vor allem für eines: Ernüchterung.
PR-technisch reicht das WeTab bereits fast an den großen Tablet-Platzhirschen, das iPad, heran. Allerdings verbuchte das Linux-Tablet, das im April 2010 angekündigt wurde und zu einem Hoffnungsträger für Apple-Hasser und Linux-Fans aufgestiegen war, mehrheitlich Negativ-PR. So leistete sich der Hersteller, die Berliner Neofonie GmbH bei der offiziellen Vorstellung die schreiende Peinlichkeit, das “Linux” des Geräts als unter Windows laufendes Demo-Video vorzuführen [1] – eine Windows-Fehlermeldung verriet die Scharade.
Auf dem Linuxtag 2010 verriet uns der Hersteller den Grund für diesen PR-Alptraum: Der gezeigte, frisch aus Fernost eingetroffene Prototyp im finalen Design wurde vom Zoll festgehalten und es blieb keine Zeit mehr, das eigene Betriebssystem aufzuspielen. Die wesentlich unansehlicheren, klobigen Entwicklergeräte mit funktionsfähigem Linux wurden jedoch im stillen Kämmerchen ausgewählten Journalisten gezeigt. Aber es gilt eben das alte Prinzip Any news is good news, und so diskutiert das deutsche Web an allen Stellen lebhaft über das “deutsche Tablet”.
Eine Woche vor Verkaufsstart führten uns Neofonie und 4tiitoo (die Entwicklerfirma für das WeTab OS genannte Benutzerinterface) das Gerät ein zweites Mal vor. Die Präsentation überzeugte nicht, da die gezeigten Geräte offenbar alle einen unterschiedlichen Entwicklungsstand sowohl der Hard- als auch der Software aufwiesen. Für die meisten interessanten Features musste das Demo-Personal erst einmal das “passende” Gerät suchen. Zudem stießen wir beim Ausprobieren auf zahlreiche Probleme – von denen der Hersteller gebetsmühlenartig versicherte, bei den im Handel erhältlichen WeTabs würden diese behoben sein.
Einige Vorbesteller hielten endlich und plangemäß am 21. September ihr WeTab in der Hand, andere wurden jedoch vertröstet. Als dann auch noch der Termin für die allgemeine Verfügbarkeit im Handel auf die Folgewoche verlegt wurde, sah es um die Reputation des deutschen Tablet-Hoffnungsträgers bereits sehr düster aus. Am 24. September bekamen wir unser lange versprochenes Testgerät und begannen sofort damit, es auf Herz und Nieren zu prüfen.
WeTab-Hardware
Das 990 Gramm schwere WeTab ohne 3G kostet 450 Euro und misst 30 mal 19,5 mal 1,5 Zentimeter, die UMTS-Version für 570 Euro wiegt 1020 Gramm. Das 11,6-Zoll-Farbdisplay des Tablets löst 1366 mal 768 Pixel auf und ist multitouchfähig.
Im Innern des WeTab arbeitet ein Intel Atom N450 mit 1,66 GHz Taktrate, das Gerät bringt 1 GByte Arbeitsspeicher mit. Der Festspeicher umfasst je nach Preis 16 oder 32 GByte und lässt sich mit SD-Speicherkarten auf bis zu 32 GByte erweitern.
Neben einer integrierten 1,3-Megapixel-Kamera verfügt das WeTab über zwei USB-Schnittstellen, einen HDMI-Ausgang, ein Audio-Ausgang und ein integriertes Mikrofon. Als Wireless-Schnittstellen bietet das Tablet Bluetooth 2.1, WLAN 802.11b/g/n und optional UMTS/HSDPA mitsamt GPS.
Der erste Start
Als erstes fällt am WeTab der extrem blickwinkelabhängige Bildschirm auf. Betrachtet man das Display aus Winkeln über 90 Grad, wie es bei einem Tablet des öfteren vorkommt – etwa, wenn es flach auf dem Tisch liegt – erscheinen die Farben schon bei geringer Neigung stark verfälscht. Ein kleiner Trick bringt Linderung: Das Drehen des WeTabs um 180 Grad (der Bildschirminhalt dreht sich mit) behebt die Farbverfälschung bei der Ansicht von schräg unten, macht das Bild frontal betrachtet aber etwas kontrastloser und die Farben flauer. Der Grund hierfür ist in der TN-Paneltechnik zu suchen: Das Display besteht aus mehreren, nicht symmetrischen Schichten. Viele Desktop-TFTs zeigen ein ähnliches Verhalten, jedoch betrachtet man sie im Gegensatz zu Mobilgeräten fast nie von schräg unten.
Ein Assistent führt durch die Einrichtung des Geräts, die aus dem Abnicken der AGBs, der Eingabe der Anwenderdaten (Abbildung 1) sowie der Netzeinwahl besteht. Danach lädt das Tablet noch die aktuell anstehenden Updates und bootet anschließend neu in die Benutzeroberfläche. Das geht in etwa 20 Sekunden recht flott vonstatten, anschließend begrüßt Sie die WeTab-OS-GUI. Sie besteht aus der sogenannten Pinnwand (Abbildung 2) mit den Widgets und zwei Seitenleisten links und rechts, die zur Bedienung mit den Daumen dienen. Hierbei bleibt die linke Leiste für programmspezifische Funktionen und Buttons reserviert, die rechte für Systemeigenes und die allgemeine Bedienung – etwa das Scrollen durch lange Dokumente.
Viele Widgets/Anwendungen sind schon vorinstalliert, beispielsweise ein Wetter-, ein Übersetzungs-, ein Nachrichten- und ein Tagesschau-Widget, ein E-Book-Reader (FBreader), ein Kalender-, Adressbuch- und Mailprogramm (Claws Mail) sowie eine Mediengalerie und zwei Mediaplayer (Totem, Banshee). Das Karten-Widget greift auf Microsofts Bing zurück. Den Webkit-basierte Browser des WeTab starten Sie über den Knopf INTERNET in der rechten Seitenleiste. Er unterstützt von Haus aus Java, Flash und Adobes Mobiltechnologie AIR.
Das Meego-basierte Betriebssystem (siehe Kasten “Das WeTab-Linux”) namens WeTab-OS unterstützt laut Hersteller Java-, Linux-, Adobe-Air- und Android-Apps, die dann im App-Store WeTab Market auftauchen sollen. Im Auslieferungszustand funktionierte jedoch der Store jedoch nur für WeTab-Anwendungen, die Unterstützung für andere App-Stores soll sukzessive folgen. Das WeTab stellt E-Books der Formaten EPUB, PDF, TXT und Mobipocket dar, ab Ende 2010 soll es auch das hauseigene WeBookPremium-Format zu lesen geben.
Das WeTab-Linux
Die Entwicklung des WeTab OS begann schon 2007 mit Debian als Basis, später schwenken die Entwickler auf Ubuntu um. Schlussendlich entschieden Sie sich für das von Nokia und Intel unterstützte Meego, das schon auf dem Nokia N900 für Verzückung bei Linux-Anwendern sorgte. Meego ist im Gegensatz zum ebenfalls Linux-basierten Android ein vollwertiges und komplett offenes Linux – inklusive eines X-Servers, der bei Android fehlt.
Das hat viele Vorteile: So laufen in einem Kurztest der Portable Apps (siehe Test in diesem Heft) die meisten Programme problemlos und lassen sich teilweise sogar mit dem Touchscreen gut benutzen. So kann der WeTab-Besitzer den momentan noch herrschenden Softwaremangel auf eigene Faust kompensieren. Meego und damit das WeTab setzt auf RPM als Paketformat, zur Software-Installation und für die im Hintergrund stattfindenden Systemupdates kommt Yum zum Einsatz. Die WeTab-OS-Version im Test war die zum Testzeitpunkt frisch erschienene 1.13 mit Kernel 2.6.35.6.
Bedienung
Der stark spiegelnde Bildschirm vertappt schnell, aber dieses Schicksal teilen alle Tablets. Der Hersteller liefert ein kleines Poliertuch mit. Den in der Pressevorführung gezeigten und als Lieferzubehör versprochenen Vlies-Schutzbeutel, der sich gleichzeitig zum Polieren eignet, suchen wir zumindest bei unserem Gerät vergebens.
Über einen Knopf links an der Rückseite schaltet man das Gerät aus oder schickt es schlafen. Eine dritte Option, um nur den Bildschirm auszuschalten – etwa, wenn man nur Musik hört und Strom sparen will – wäre sinnvoll gewesen. Der Knopf schließt so bündig mit der Gehäuserückseite ab, dass man ihn fast nicht ertasten kann. Etwas mehr Fokus auf Haptik wäre hier sinnvoll gewesen.
Aus dem noch sehr spärlich bestückten WeTab Market (Abbildung 3) installieren wir Chrome, eine Terminalanwendung (Abbildung 4) und das Webcam-Programm Cheese. Obwohl der Market selbst etwas träge reagiert, funktioniert die Installation schnell und bedienerfreundlich. Die Widgets erscheinen auf der Pinnwand und informieren ganz wie bei Apples iPhone/iPad mittels eines Fortschrittsbalkens über den Lade- und Installationsstatus. Nach der Installation von Chrome startet der Knopf SEITE TEILEN im Webkit-Browser plötzlich statt eines neuen Tabs den Google-Browser – der Bug war 10 Tage nach Auslieferungsbeginn noch immer nicht behoben.
Einige der Anwendungen sind schon für die Touchpad- und WeTab-Bedienung optimiert, andere noch nicht. Je nach Anwendung zieht das mehr oder weniger schwerwiegende Ungereimtheiten bei der Bedienung nach sich. Totem läuft in einer schon aufs WeTab angepassten Version und funktioniert recht gut, sehr viele lizenzierte Codecs sind schon vorinstalliert. Das Gerät spielt MOVs, Xvid-AVIs, MP4s und MKVs ohne Murren – da wir die “große” Version des WeTab mit Broadcom-CrystalHD-Chip haben, geht dies sogar bis 1080p hardwarebeschleunigt. Lediglich bei Dolby-Digital-Ton hören wir nur Stille, diesen Codec hätte WeTab durchaus auch noch lizenzieren können.
Ein paar kleinere Probleme fallen auf – beispielsweise, dass Totem die globale Lautstärke bei jedem neuen Video wieder auf Maximum stellt oder die Bedienelemente im Vollbildmodus manchmal nicht nach ein paar Sekunden ausblendet. Bei Banshee sieht es in Sachen Anpassung hingegen noch mager aus, das Programm lässt sich über den Touchscreen nur sehr umständlich bedienen.
Die Anwendungen starten zumeist sehr flott. Das Bedienkonzept über die Pinnwand-Scrollleiste rechts und einen Exposé-Modus, in dem man alle offenen Fenster einblenden und auch schließen kann, erfordert kaum Eingewöhnung. Allerdings erscheint die Anordnung der Bedienelemente aus Usability-Sicht noch nicht ganz ausgereift. So geraten sich in der oberen rechten Bildschirmecke die Schalter zum Schließen des geöffneten Fensters und zum ANPASSEN der Pinnwand ins Gehege. Auch die Knöpfe für Hilfe und das Anpassen der Pinnwand erscheinen in der rechten Leiste übertrieben prominent platziert – beide hätte man ebenso gut ins INFO-Fenster packen können. Dort logieren beispielsweise auch die Regler für Lautstärke und Helligkeit, der WLAN/3G-Netzwerkstatus sowie eine Ladestand-Anzeige. Außerdem sitzt hier der Knopf Einstellungen öffnen, der zu den etwas spärlich bestückten Systemeinstellungen führt.
Etwas umständlich zu benutzen ist die virtuelle Tastatur, die man über einen Knopf unten rechts einblendet. Da das WeTab einen riesigen 11,6-Zoll-Bildschirm hat, kommen Menschen mit normal großen Händen kaum an die mittleren Tasten, selbst wenn sie das Gerät mit beiden Händen halten und die Tasten mit dem Daumen drücken. Die bei den Scrollbalken sehr löblich umgesetzte daumenorientierte Bedienung hätten die Entwickler hier auch konsequent fortführen müssen – beispielsweise durch Teilen der Tastatur, sodass sich alle Tasten leicht mit den Daumen erreichen lassen.
Pfiffig finden wir die Idee, beim Einstecken eines USB-Sticks einen kleinen Reiter auf dem Bildschirm direkt neben den USB-Ports zu öffnen, der – je nach Inhalt des USB-Sticks – beim Ausklappen diverse Aktionen (Bilder/Videos/Dateien browsen, auswerfen) ermöglicht. Die USB-Ports (Abbildung 5) unterstützen nicht nur Massenspeicher, sondern auch alle anderen unter Meego lauffähigen Geräte. So funktionierte eine Wireless-USB-Tastatur samt Maus problemlos, zumindest nach einem Neustart. Ohne diesen blieb das Tastaturlayout US-amerikanisch und der USB-Maus fehlte der Pfeil.

Abbildung 5: Die Schnittstellenausstattung des WeTabs. An den USB-Ports lassen sich alle unter Meego lauffähigen Geräte betreiben, wie etwa Massenspeicher und Tastaturen.
Schwächen
Im Vorfeld konnte man viel über die Bugs bei den der Presse gezeigten WeTab-Vorseriengeräte lesen. Insofern überrascht positiv, dass bei den finalen Geräten doch so einige Probleme behoben wurden: Das Drehen des Bildschirms funktioniert nun, wenn es auch im vorerst nur zum Lesen oder Betrachten gedachten Hochkant-Modus noch keine Seitenleiste oder Tastatur gibt. Die HD-Videobeschleunigung klappt nun ebenfalls.
Hier und da finden sich aber nach wie vor kleine, aber zum Teil extrem lästige Fehler. So reißt immer wieder die WLAN-Verbindung ab, und beim darauffolgenden erneuten Einwählen gilt es auch das Passwort neu einzugeben – der Netzwerkmanager des Geräts merkt es sich nicht. Der Bug in der verwendeten Software Conman ist den Entwicklern allerdings bekannt, sie arbeiten an einem Fix. Im Bluetooth-Assistenten gelang es nicht, eines der verwendeten Bluetooth-Handys zu finden – hier muss Neofonie dringend nachbessern.
Ernüchternd fallen die Ergebnisse eines Akkulaufzeit-Tests aus: Im Leerlauf mit aktivem Bildschirm hält das Gerät gerade einmal 3,5 Stunden durch – weit entfernt von den bis zu 6 Stunden, die der Hersteller angibt. Beim Abspielen von Videos läuft das Lithium-Polymer sogar schon nach rund 2 Stunden leer – Atom statt ARM und 11,6-Zoll-Bildschirm fordern ihren Energietribut.
Der Bildschirm schaltet sich bei Nichtbenutzung erst nach sehr langer Zeit von selbst ab, über Energiesparfunktionen wie das Abdunkeln des Bildschirms scheint das WeTab gar nicht zu verfügen. Es stellt sich die Frage, ob die Entwickler hier softwaretechnisch noch etwas verbessern können oder eventuell die Atom-CPU einfach eine schlechte Wahl für das Gerät war: Andere Atom-basierte Tablets, wie etwa das Archos 9 mit Windows 7, halten mit niedriger taktendem 1,1 GHz Atom auch nur wenig länger durch.
Software-Updates
Wir sprachen mit Chefentwickler Stefan Odörfer von 4tiitoo darüber, wie es weitergeht. Am letzten September-Tag erschien ein Update auf Version 1.13, das erstmalig Multitouch aktivierte – vorerst allerings nur im integrierten Bildbetrachter. Für die Mediengalerie, die Karten-Anwendung und den Browser soll “bald” Mehrfinger-Unterstützung folgen.
Den Android-Store AndroidPit (auf Googles App-Store hat das Gerät mangels Telefon-Funktionalität keinen Zugriff) will man per Virtualisierung in einem bald kommenden Update nachliefern. Die Funktionalität des emulierten Android dürfte sich jedoch in engen Grenzen halten, denn ein Zugriff auf die Systemhardware (USB, GPS etc.) aus der virtuellen Umgebung heraus fehlt vorerst.
Laut Odörfer liegt der Fokus der Verbesserungen zunächst einmal auf dem eigenen System. Anfang Oktober – dieses Heft ist dann schon bei Drucker – soll ein weiteres großes Update erfolgen. Ob darin dann auch (erstmals unter Linux) die Flash-Hardwarebeschleunigung auch für Video über den Broadcom-Chip enthalten sein wird, konnte der 4tiitoo-CTO von noch nicht mit Sicherheit sagen: Dieses Feature durchläuft gerade bei Adobe einen langwierigen Zertifizierungsprozess.
Fazit
Es hakt noch an vielen Ecken und Enden, es gibt einige Bugs, schlichtweg fehlende Grundfunktionen, und viele Dinge könnte man verbessern – trotzdem macht das WeTab eigentlich einen guten ersten Eindruck. Die Geburtswehen wären in gewisser Weise tolerierbar, denn ein völlig neues, perfekt benutzbares User-Interface entwickelt man nicht über Nacht. Den Entschluss des Herstellers, ein nur halb benutzbares Produkt auszuliefern und dann in Bananen-Manier beim Kunden ausreifen zu lassen, kann man trotzdem nicht gutheißen.
Trotz aller Baustellen deckt das WeTab schon jetzt durchaus die Kernfunktionen eines Tablets ab: Browsen, Filme und Fotos anschauen und E-Books lesen. Durch den offenen Ansatz des Geräts fällt der (potenzielle) Funktionsumfang des WeTabs um ein vielfaches höher aus als der des im kleinen Apple-Universum eingesperrten iPads. Veröffentlicht der Hersteller weiter so häufig Updates wie bisher, sollte das Tablet in wenigen Wochen so gut laufen, dass man es durchaus empfehlen kann. Momentan allerdings eignet es sich nur für die sprichwörtlichen Early Adopters.
Infos
[1] Verpatzter WeTab-Auftakt: http://tinyurl.com/lu1110-wetab









