Ubuntus X.org-Guru hinterfragt die aktuelle Desktop-Entwicklung

Ubuntus X.org-Guru hinterfragt die aktuelle Desktop-Entwicklung

"Help!"

Bryce Harrington schlägt sich mit der wahrlich nicht trivialen Aufgabe herum, einen funktionierenden X-Server für Ubuntu zu liefern. Auf der Ubuntu-Desktop-Mailingliste spricht er von einer Flut an Bug-Reports und schlägt vor, die aktuelle Situation zu verbessern.

Der X-Server muss im Idealfall mit sämtlichen offenen und geschlossenen ATI-, Nvidia- und Intel-Karten kooperieren, die Karten der kleineren Hersteller nicht zu vergessen. Und er macht sich beim User meist erst dann bemerkbar, wenn der vor einem schwarzen Bildschirm sitzt, anstatt vor seinem Desktop. Die Hilferufe der Ubuntu-Anwender erreichen Bryce dann in Form von Bug-Reports in Launchpad.

Nun ruft der Entwickler selbst um Hilfe, denn die von ihm gemessenen X.org-Fehlermeldungen für Karmic Koala sprengen die Koordinaten seines selbstgemachten Graphen. Deshalb schlägt er konkrete Schritte vor, um X.org-Probleme zukünftig zu vermeiden.

Woher stammen die Bugs?

Den Anstieg der Bug Reports führt Bryce nicht darauf zurück, dass X.org qualitativ schlechter werde, sondern dass mittlerweile mehr Anwender überhaupt Bug-Reports schreiben. Einige Fehler entstünden aktuell durch das neue GDM2, durch DKMS (Dynamic Kernel Module Support) sowie Upstart, das seit neuestem den Ubuntu-Bootvorgang koordiniert. Die neuen Features hätten aber gar nicht so viele neue Fehler mitgebracht, sondern vor allem alte verschlimmert. Es gäbe aber mittlerweile genug Stable Release Updates (SRU), welche die schlimmsten Fälle verarzten.

Vorschlag 1: Upgrades verschieben?

Für die Zukunft schlägt er vor, bei Releases mit vielen Neuerungen erst die ersten Welle an Patches abzuwarten und dann den Update-Manager ein Upgrade empfehlen zu lassen. So kommen zumindest Leute, die ihr System aktualisieren, in den Genuss eines stabileren Systems. Er schlägt das Vorgehen auch für die LTS-Version vor.

Vorschlag 2: Neue Testmuster

Auch die Menge an Bug-Reports bereite ihm Kopfschmerzen, was das Arbeitspensum angehe. Er müsse sich aus Zeit- und Personalgründen Ubuntu 10.04 zuwenden, obwohl es noch einige X.org-Baustellen für das aktuelle Ubuntu gäbe. Zwar würde er sich konservative Änderungen für X.org für die 10.04 wünschen, Tatsache sei aber, dass es erneut ziemlich große Veränderungen am X-Server geben wird. HAL wird abgestellt, Radeon bekommt Kernel Mode Setting (KMS) und die Installationswege für Nvidia- und ATI-Treiber werden überarbeitet. Zudem wolle man von den nv-Treibern zu Nouveau und KMS wechseln.

Er schlägt deswegen vor, ein Desktop Testing Team auf die Beine zu stellen. dabei soll eine überschaubare Gruppe an Testern jede Woche dieselben Tests durchführen. Auf Basis dieser Daten lässt sich dann schauen, wo es Verbesserungen und Verschlechterungen gibt. Sinkt die Nummer an erfolgreichen Tests, könne man Bug Reports schreiben, um die Probleme zu beheben. Das würde besser funktionieren, als die ohnehin schon überlasteten Bug Tracker noch weiter zu füllen.

Preisfrage: Bringt das was?

Wenn es – wie es scheint – bei einem festen Release-Zyklus nicht möglich ist, das System auf Basis einer breiten Masse an Nutzern im Vorfeld zu testen, klingt die Idee von Bryce nicht so verkehrt. Um die Bugs überhaupt zu finden, braucht das Projekt viele Anwender, die das fertige Ubuntu ausprobieren. Bryce will also neue Nutzer und Early Adopters im Zweifelsfall ins Messer laufen lassen, um die Bugs dann für die Ubuntu-Bestandsnutzern mit einem ersten SRU zu entfernen.

Die experimentellen Nutzer übernehmen selbst die Verantwortung, wenn sie früh auf das “stabile” Ubuntu umsteigen. Die neuen Nutzer bemerken die Fehler entweder nicht, weil sie nicht betroffen sind. Oder sie bemerken sie, senden Bug-Reports und reparieren ihr System über Updates, wie es aktuell der Fall ist. Oder sie bemerken sie, deinstallieren Ubuntu und kehren zu Windows/Mac oder einer anderen Linux-Version zurück. So wie es jetzt ist, stößt das Projekt im schlechtesten Fall mit ihrer fertigen Version beide Gruppen vor den Kopf.

Vor so einer Änderung müsste sich das Projekt allerdings fragen: Ist es tatsächlich unmöglich, die Ubuntu-Versionen vor der Veröffentlichung ausgiebig zu testen, um solche Fehler weitgehend zu vermeiden?

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Martin Weißhaupt
16 Jahre her

Ich benutze Ubuntu nun seit Ubuntu 7.04 und ich muss leider eingestehen, dass die letzten Releases qualitativ sehr gelitten haben.

Das Problem ist eigentlich ganz einfach: Es wird versucht zu große Änderungen in kurze Releasezyklen zu packen. Dabei bleibt nicht genug Zeit zum Testen und Fehler beheben.

Entweder Canonical nimmt sich für die nächsten Releases weniger vor (unrealistisch) oder es werden die von Bryce Harrington vorgeschlagenen Änderungen umgesetzt. Diese Änderungen könnten die qualität der zukünftigen Releases um einiges verbessern!

Auf jeden Fall muss sich da etwas ändern, denn lange ist dieser Umstand nichtmehr tragbar, da die Probleme immer größer werden!

Martin Zing
16 Jahre her

Aber wie sollen die Probleme gelöst werden?
Ubuntu hat sich auf die Fahne geschrieben, alles zu vereinfachen.
Dementsprechend fällt auch die Masse an Usern aus.
Das Ungleichgewicht zwischen “Anfängern” und “Fortgeschrittenen” wird immer größer? Und von der zweiten Gruppe müssen noch Entwickler gestellt werden? Das geht auf Dauer schief. Ubuntu ist nicht Debian auch wenn es ein Derivat ist und schon gar nicht Fedora.

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