Aus LinuxUser 04/2018

Multimedia-Distribution AVMultimedia im Test

© Ndul, 123RF

Sehen, hören, editieren

Die brandneue, auf den Live-Betrieb zugeschnittene Multimedia-Distribution AVMultimedia tritt mit dem Anspruch an, Medieninhalte nicht nur wiederzugeben, sondern auch zu bearbeiten.

Mit AVMultimedia [1] betritt eine neue, recht schlanke Distribution die Linux-Bühne. Die Idee dazu hatte der schweizerische Entwickler Urs Pfister, der auch beruflich mit Open Source arbeitet, durch die schulischen und privaten Anforderungen seiner schulpflichtigen Töchter bei der Handhabung digitaler Medien. Im Pflichtenheft stand eine Lösung, die nicht nur Multimedia-Inhalte organisieren und wiedergeben kann, sondern diese bei Bedarf auch aufbereitet.

Die unter Linux bekannten Multimedia-Distributionen wie OpenELEC [2] oder LibreELEC [3] bieten zwar mit dem Mediacenter Kodi [4] einen guten Unterbau, um große Sammlungen von Audio-, Video- und Bildmaterial zu organisieren, optisch ansprechend zu präsentieren und abzuspielen. Es fehlen jedoch Programme zum Aufbereiten dieser Medien.

AVMultimedia möchte diese Lücke schließen. Urs Pfister stand als Geschäftsführer der Firma Archivista mit der ArchivistaBox [5] bereits eine Grundlage zur Verfügung, die sich ideal als Unterbau für AVMultimedia eignet. Als zugrundeliegende Distribution kommt Devuan „Jessie“ [6] zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine Abspaltung von Debian ohne das umstrittene Systemd. Die Desktop-Umgebung übernimmt die sparsame Gnome-2-Abspaltung Maté.

Medienwerkzeuge

Zum Bearbeiten von Mediendaten enthält AVMultimedia die Anwendungen OpenShot für Videos, DeVeDe zum Erstellen von DVDs und Asunder zum digitalen Auslesen und Enkodieren von Audio-CDs. Als Desktop-Publishing-Software kommt Scribus zum Zuge, die Bildbearbeitung übernimmt die in vielen Distributionen zum Standard gehörende Software Gimp.

Als Kernel dient das mit Langzeitunterstützung versehene Linux 4.9.82 vom 16. Februar, der bereits die aus der 4.15er-Serie zurückportierten Patches KPTI gegen die Sicherheitslücke Meltdown sowie Retpoline gegen Spectre V2 enthält. Als Büropaket dient LibreOffice, als Webbrowser kommt Firefox zum Zug. Mit Arora steht ein zweiter, leichtgewichtiger Browser bereit (Abbildung 1). Um das WLAN kümmert sich Wpa-gui. Für die Abstimmung des Tons sorgt Veromix, um Texte kümmert sich der Editor Leafpad.

Abbildung 1: Neben Firefox steht in AVMultimedia der leichtgewichtige Webbrowser Arora zum Einsatz bereit.
Abbildung 1: Neben Firefox steht in AVMultimedia der leichtgewichtige Webbrowser Arora zum Einsatz bereit.

Live-Betrieb

AVMultimedia arbeitet als installierbares Live-Medium. Die Distribution eignet sich bedingt auch für ältere Hardware, da sie sich während des Starts komplett in den Hauptspeicher des Rechners lädt und von dort aus arbeitet. Das gilt sowohl beim Betrieb als Live-Distro als auch bei einer festen Installation. Damit agiert das System auch auf älteren Rechnern flott, die Vorteile dieser Auslegung machen sich bei Programmstarts sofort bemerkbar: Selbst das Aufrufen von Dickschiffen wie LibreOffice dauert nur einen Wimpernschlag.

Mit weniger als 4 GByte Hauptspeicher gibt sich AVMultimedia allerdings nicht zufrieden. Auf Rechnern mit weniger RAM starten Anwendungen nicht oder bleiben während der Arbeit hängen. Das verwundert wenig, wenn man weiß, dass die Distribution beim Laden bereits knapp 3 GByte an Daten in den Speicher lädt (Abbildung 2). Um die Arbeitsergebnisse beim Herunterfahren nicht aus dem RAM zu verlieren, binden Sie eine interne oder externe Festplatte ein, wobei das System die üblichen Dateisysteme von Linux und Windows unterstützt.

Wieselflink

Das etwa 1,2 GByte große Image von AVMultimedia steht auf Sourceforge zum Herunterladen bereit [7]. Es lässt sich sowohl auf einem USB-Stick ablegen als auch auf eine DVD brennen. Um es auf den Stick zu transferieren, bietet sich die für Linux, Mac OS und Windows verfügbare Software Etcher [8] an. Zum ersten Ausprobieren genügt aber Virtualbox. Auch hier gilt es, darauf zu achten, dass in der virtuellen Maschine genügend Hauptspeicher zur Verfügung steht. Der Start dauert auf aktueller Hardware rund eine bis zwei Minuten.

Die vorinstallierte Software funktioniert wie vorgesehen. Unter Internet erscheint Firefox ESR mit zwei Einträgen im Menü, die beide Firefox ESR 52.6 starten. Die eher spartanische Ausstattung schuldet AVMultimedia der Beschränkung auf 4 GByte RAM. Neben Kodi bringt es zur Medienbearbeitung von Bildern, Soundtracks und Videos jeweils eine Anwendung mit (Abbildung 2). Falls Sie AVMultimedia fest installieren, lässt es sich nach Belieben mit weiterer Software ausstatten.

Abbildung 2: Das Multimedia-Menü bietet neben Kodi selbst auch Anwendungen für das Bearbeiten von Musik, das Erstellen von DVDs und das Schneiden von Videos.
Abbildung 2: Das Multimedia-Menü bietet neben Kodi selbst auch Anwendungen für das Bearbeiten von Musik, das Erstellen von DVDs und das Schneiden von Videos.

Deutsche Oberfläche

Der Herkunft aus der Schweiz verdankt die Distribution ihre in der Grundeinstellung verwendete deutsche Lokalisierung. Ziehen Sie Englisch vor, geben Sie im Bootscreen hinter boot_ den Befehl ram lang.en ein.

Als erste Aktion im Maté-Terminal aktualisierten wir das System. Ein full-upgrade brachte rund 50 Pakete auf den neuesten Stand. Dabei fiel uns auf, dass das Paket bash-completion fehlt, das Befehle im Terminal vervollständigt.

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