Canonical will 75 % von Banshees Amazon-Einnahmen

Canonical will 75 % von Banshees Amazon-Einnahmen

Zahlen oder Shop weg [Update]

Kristian Kißling
17.02.2011 Wie man sich ein PR-Desaster einbrockt, demonstriert vorbildlich Canonical im Umgang mit den Entwicklern des Audioplayers Banshee. Ein Kommentar.

Das nächste Ubuntu kommt wieder mit einem integrierten Musikplayer, wobei Banshee die bisherige Lösung Rhythmbox ersetzen soll. Auch Ubuntus Musicstore soll Teil des Players werden, allerdings bringt Banshee bereits einen Amazon-Shop mit. Von jedem Einkauf in diesem Shop gehen 100 Prozent des Amazon-Affiliate-Programms an die Gnome Foundation, wodurch im Jahr einige tausend Dollar zusammenkommen.

Canoncial will nun den eigenen Shop offensichtlich nicht in Konkurrenz zu Amazons Shop anbieten und machte den Entwicklern ein Angebot, das vom Fingerspitzengefühl einer Panzerhaubitze zeugt. Das Projekt solle den Shop entweder entfernen oder 75 Prozent der Amazon-Einnahmen an Canonical abgeben.

Die Banshee-Entwickler entscheiden sich nun für die zweite erste Variante und fühlen sich offenbar auch nicht erpresst von Canonical. Tatsächlich gibt es Argumente, die für das Vorgehen sprechen. Banshee steht unter der MIT/X11-Lizenz, also darf jeder ganz legal mit der Software machen, was er will - auch Geld verdienen. Canonical hätte den Shop also einfach ohne Nachfrage entfernen können. Hätten die Entwickler das Angebot akzeptiert, nähme die Gnome-Foundation dank der Verbreitung von Ubuntu trotz des geringen Anteils von 25 Prozent vermutlich sogar in der Summe mehr Geld ein.

Nicht ganz. Abgesehen davon, dass dieses Vorgehen in der gern gelobten Ubuntu-Community nicht auf viel Gegenliebe stoßen dürfte, wäre höchstens eine 50/50-Lösung angemessen. Denn sicher ist es schön und wichtig, wenn jemand Werbung für Linux und freie Software macht, indem er sie verbreitet. Das klappt aber auch nur, wenn die verbreitete Software zufriedenstellend funktioniert. Ohne Software wie Banshee wäre Ubuntu längst nicht so populär, von der Arbeit, die im Unterbau (Kernel usw.) steckt, mal ganz abgesehen. Insofern profitieren hier beide Seiten voneinander.

Das spiegelt der 75-zu-25-Deal nicht wieder. Es entsteht der Eindruck, als gibt Canonical den Banshee-Entwicklern nicht nur die Hand, sondern zieht sie dabei auch gleich über den Tisch. Das ist im Geschäftsbereich sicher üblich, sieht aber schlecht aus, wenn man gleichzeitig als Projekt ein positives Image pflegt, einen Code of Conduct aufstellt und ständig den Community-Gedanken betont. In einem LWN-Kommentar gibt Jason Warner - Ubuntus neuer Desktopmanager - lediglich lapidar an, das sei bei solchen Deals eben so und ohnehin eine Sache zwischen Canonical und dem Projekt. Das dürften viele Leute anders sehen.

Update

Canonical hat laut Gabriel Burt mittlerweile eingelenkt. In einer Telefonkonferenz sprach die Firma von einem Fehler und hat einen neuen Plan vorgelegt. Demnach soll Amazons Shop gleichberechtigt neben dem Ubuntu One Shop in der Software verbleiben. Vom Amazon-Shop gehen weiterhin 75 Prozent des Affiliate-Einkommens an Canonical, 25 Prozent an das Gnome-Projekt. Aus den Einkünften des Ubuntu One Shops sollen auch 25 Prozent an das Gnome-Projekt gehen - das gilt auch für Rhythmbox.

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Kommentare
Ich halte nichts von "Canonical-Bashing"
Hans Stoffel (unangemeldet), Montag, 21. Februar 2011 19:35:56
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Canonical hat Linux auf Mio. Rechner gebracht, auf denen es zuvor nicht lief, und dadurch Großartiges für Linux geleistet - auch wenn sich das nicht in Codezeilen umrechnen lässt.

Dies gelang nicht zuletzt, weil man auf die "klassischen" Geschäftsmodelle der Softwareindustrie (einschl. OSS-Industrie) verzichtet hat.

Aber sie stehen vor dem Problem, ihre Kosten irgendwie decken zu müssen, da Herr Shuttleworth weder bereit noch in der Lage sein wird, die laufenden Kosten einschl. der Gehälter der (lt. Wikipedia) >350 Angestellten dauerhaft aus eigener Tasche zu bezahlen.

Jetzt sind sie dabei, zu schauen, wie und am welcher Stelle man sich Einnahmen erschließen kann.

In der Debatte wird immer wieder unterschlagen, das Umsatz und Gewinn zwei verschiedene Größen sind.

Wenn sie klotzig Geld verdienen würden - also Einnahmen erzielten, die die laufenden Kosten weit überstiegen - müsste man diesen Vorgang natürlich ganz anders bewerten - aber davon sind sie (zumindest nach meiner Kenntnis) weit entfernt.

Es grüßt Euch: Stoffel


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Auch Canonical braucht Geld
Felix (unangemeldet), Freitag, 18. Februar 2011 16:11:36
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Ubuntu ist deshalb die beliebteste Linux-Distribution, weil Canonical sich deutlich stärker als Novell und Red Hat auf den Heim-PC und dessen Benutzer konzentriert. Diese Zielgruppe bringt mit dem klassischen Vertriebsmodell "Open Source + kostenpflichtiger Support", dem Red Hat und Novell bei ihren Enterprises-Lösung folgen, einfach kein Geld ein, also muss Canonical sich andere Einnahmequellen sichern - Beispielsweise über die OEM-Variante (die Hardware-Hersteller zahlen eher für Canonicals Support als der Endanwender), über Ubuntu One, über den Music Store. Und nun eben auch über Banshee.

Irgendwo muss das Geld ja herkommen, das Shuttleworth mit Ubuntu verdienen will.

Außerdem diente auch Novells Entscheidung, die Einnahmen aus dem Amazon-Plugin dem Gnome-Projekt zukommen zu lassen, keineswegs irgendeinem gemeinnützigen Zweck. Novell finanziert eh einen Großteil der Gnome-Entwicklung. Man hat einfach nur werbewirksam dafür gesorgt, dass die Endanwender Teile dieser Kosten übernehmen und dadurch Novell entlasten.

Letztlich ist aber eh alles egal. Denn was soll ich als Anwender mit einem Online-Shop anfangen, wenn ich nur mp3s herunterladen kann? Ich will mir meine Musik in 5 bis 15 Jahren nicht nochmal kaufen müssen, nur weil Frauenhofer und Thomson uns dann einen neuen Codec aufzwingen, um auf Dauer weiterhin am Lizenzgeschäft verdienen zu können.


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Ein pikantes Detail ...
Jörg Luther, Freitag, 18. Februar 2011 09:04:42
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... das der Bericht nicht erwähnt: Die Entwicklung von Banshee (einer Mono-Applikation) wurde und wird zum überwiegenden Teil von Novell finanziert. Von dort stammt auch der Entschluss, drei Viertel der entstehenden Affiliate-Einnahmen an die Community zurück zu geben.

Eine klassischer IT-Konzern gibt 75% der Einnahmen der Community, ein vorgeblich Community-nahes Unternehmen behält 75% für sich -- verbunden mit der Drohung, sonst gäbe es halt gar nichts für das Projekt und die Community. Das sagt schon Einiges über das Selbstverständnis von Canonical aus.


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Re: Ein pikantes Detail ...
malhalblang (unangemeldet), Freitag, 18. Februar 2011 12:09:26
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Sogar die Banshee Entwickler sehen das vieel lockerer: siehe

http://lwn.net/Articles/428219/

[zitat]
"As a Banshee developer I feel that Canonical have always acted with considerable fairness in matters that involve our community. They were in their full rights to simply change the default, instead they engaged the community with their concerns and suggested some reasonable options.
We do not in any way feel blackmailed, it is a non-controversy."
[/zitat]

Ubuntu hätte den Amazon-Shop einfach aus Banshee entfernen können, schließlich versuchen sie mit ihrem eigenen Musikaliendienst Geld zu verdienen. Sie wollten den Amazonshop aber nicht einfach entfernen, sondern haben den Entwicklern gesagt, wenn der Amazon-Shop integriert bleibt müssen wir 75% der Affiliate Einnahmen beanspruchen, sonst machen wir mit unserem eigenen Angebot einen Draufleger.

Hier geht es nicht um Rahm abschöpfen, sondern darum sich nicht in den eigenen Fuß zu schießen. Ob sie eher 60/40 oder 50/50 anbieten hätten sollen, das müssen sie selber wissen und nachrechnen.

Mir geht das Canonical-ist-ein-profitgeiler-laden gebashe im Übrigen ziemlich auf den Senkel. RedHat verdient Geld. ist doch OK oder? Ist doch auch nichts Anrüchiges. Canonical möchte gerne profitabel werden. Sie versuchen es mit einem Cloudangebot, einem Musikstore, Support, etc., wieso auch nicht?

Auch das ewige gejammer, sie würden sich nur upstream bedienen ... zahlen sie eigene Entwickler? Ja. Stellen sie das, was sie produzieren, unter eine OpenSource Lizenz? Ja. (überwiegend) Was liefern sie? Einen Service der "benutzerfreundliche Distribution" heißt. Muß man nicht kaufen (bzw. benutzen) kann man aber.


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Canonical will Geld verdienen
Teich (unangemeldet), Donnerstag, 17. Februar 2011 22:04:37
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...und zeigt nun sein wahres Gesicht. Es handelt sich um eine Unternehmung mit einem Invest. Das muss jetzt Geld bringen. Die Community ist da nur ein Erfüllungsgehilfe


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Re: Canonical will Geld verdienen
Hebby (unangemeldet), Donnerstag, 17. Februar 2011 23:45:16
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genau diesen Eindruck habe ich schon länger. Bin auch schon gespannt, was da in Zukunft noch alles kommen wird.
Außerdem stört mich, wie im Artikel beschrieben, dass Canonical sich beim Gnome-Projekt bedient, aber so gut wie nichts zurück gibt (weder finanziell noch in Entwicklungsarbeit) und immer deutlicher auf Profit aus ist, den die Entwickler anderer Projekte erarbeitet haben.
Deshalb habe ich mittlerweile die Distribution gewechselt.


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Re: Canonical will Geld verdienen
Frankie (unangemeldet), Mittwoch, 23. Februar 2011 07:15:44
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Moin,
man sollte vielleicht mal wieder auf den Comunity Gedanken zurück
kommen. "Freie Software nutzbar für alle."
Wie man nur Geld verdient macht uns ja Microsoft vor.

Daher mein Tip, baut Euch mit Debian oder einer vergleichbaren
Distri Euer System selbst.





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Re: Canonical will Geld verdienen
thebluesman (unangemeldet), Freitag, 25. Februar 2011 23:09:40
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Naja, das bestätigt mal wieder meine Entscheidung, die Finger von einer firmengeführten Distribution zu lassen. Die Abstammung Ubuntus von Debian hat mich ab und an einen Test durchführen lassen, aber irgendwie nehme ich es doch lieber in Kauf 4 OS nebeneinander zu haben (Lenny, squeeze, sid in Form von Kanotix Excalibur & Hellfire sowie aptosid plus WinXP) als auf die Distrowatch-Nr-1 zu setzen.
Kompliment an ubuntuusers.de! Ich les und schreib dort gern mit, euer wiki ist vorzüglich und hat mir oft geholfen, aber mit (k)ubuntu werd ich einfach nicht warm.

Gruß @ all



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