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Der Pantheon-Desktop mit Elementary OS "Freya"

Augenweide

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Unter keinem Betriebssystem gibt es so viele verschiedene Arbeitsoberflächen wie unter Linux. Mit Pantheon versucht Elementary OS sich von der Konkurrenz abzuheben. Der Desktop baut auf Gnome-Komponenten auf, prägt allerdings sein ganz eigenes Bild.

Die gängigen Desktop-Umgebungen KDE, Gnome und inzwischen auch XFCE haben über die Jahre erhebliche Fettpolster angesetzt und benötigen deshalb zum flüssigen Betrieb leistungsstarke CPUs sowie viel Arbeitsspeicher. Erfahrenere Linux-Anwender lassen sie daher gern links liegen und greifen lieber zu schlanken Fenstermanagern.

Linux-Derivate wie Apricity OS, Elementary OS oder SalentOS greifen diesen Trend auf und versuchen entweder, die aufgeblähten Desktops zu verschlanken oder entwickeln gleich gänzlich neue Arbeitsumgebungen. Der in Elementary OS integrierte Pantheon-Desktop glänzt nicht nur durch ein sehr ansprechendes Äußeres, sondern bringt eine ganze Reihe von eigenen kleinen Applikationen mit.

Dabei nutzt Elementary OS [1] Ubuntu als Unterbau und basiert auf dessen LTS-Versionen, was eine Pflege der wichtigsten Softwarekomponenten über mehrere Jahre hinweg garantiert. Das aktuelle Release 0.3.1 "Freya" basiert auf Ubuntu 14.04.3 und steht in Varianten für 32- und 64-Bit-Systeme zur Verfügung. Vor das Herunterladen der ISOs stellt das Projekt eine Bezahlschranke, deren ordnungsgemäßes Umgehen auf den ersten Blick nicht ganz offensichtlich ist (siehe Kasten "Download mit Hürden").

Der Fokus der Entwicklung liegt bei Elementary neben einer möglichst ausgeprägten Ergonomie auf schonendem Umgang mit Hardwareressourcen. Dazu tragen eine ganze Reihe eigener Applikationen bei: Statt wuchtiger Player wie Rhythmbox oder Amarok nutzt Elementary beispielsweise das schlichte Programm Noise [2] zum Abspielen von Audio-Dateien. Anstelle von Mozillas Mail-Client Thunderbird kommt das bei Gnome entlehnte Geary [3] zum Einsatz (Abbildung 1), und das wieselflinke und schlanke Midori [4] ersetzt den etwas trägen Firefox.

Abbildung 1: Der E-Mail-Client Geary empfiehlt sich für Anwender, die einfach nur schnell und bequem E-Mails lesen und schreiben möchten.

Aus dieser Verschlankung resultieren recht bescheidene Mindestanforderungen für das Betriebssystem: Für einen zügigen Betrieb genügen bereits 1 GByte RAM, eine CPU mit 1 GHz Taktfrequenz und 15 GByte freier Festplattenplatz.

Download mit Hürden

Das von den Entwicklern gegründete Unternehmen elementary LLC möchte mit seiner Arbeit verständlicherweise Geld verdienen. Wie der Projektgründer Daniel Foré auf Reddit erklärt, soll das Einkommen eines Tages ausreichen, um die Brötchen auf dem Tisch zu bezahlen: "We don't want mansions. We just want bread." [6]. Statt auf Investoren oder Crowdfunding-Kampagnen setzt Elementary dabei auf direkte Zahlungen. Dazu schaltet das Projekt vor den Download-Button eine Bezahlfunktion. Der Nutzer darf hier selbst entscheiden, wie viel er für Elementary OS zahlen möchte. Es gibt vordefinierte Knöpfe für Beträge von 5, 10 oder 15 Euro sowie ein Feld für eine beliebige Summe. Über Letzteres laden Sie Elementary OS auch kostenlos herunter, indem Sie eine Zahlung von 0 Euro eintragen. Ungeachtet dessen liegt der Quellcode von Elementary OS und der im Rahmen der Distribution entwickelten oder angepassten Programme offen [7].

Der Desktop

Das Herzstück von Elementary OS stellt der Pantheon-Desktop dar. Er basiert auf den Grafikbibliotheken des von der Gnome-Community entwickelten Clutter-Projekts. Als Fenstermanager dient Gala, das auch Compositing-Features mitbringt – also die Möglichkeit, Fensterelemente mithilfe der Grafikkarte transparent darzustellen oder Animationen einzublenden. Da Clutter die OpenGL-Programmierschnittstelle nutzt, benötigt der Rechner zum Betrieb des Pantheon-Desktops eine Grafikkarte mit OpenGL-Hardwareunterstützung samt der entsprechenden Treiber.

Die Entwickler setzten sich zum Ziel, Pantheon möglichst ergonomisch zu gestalten und optisch aufzuwerten. Anregungen dazu holte sich das Team offensichtlich bei Gnome und Apple. So integriert der Desktop wie Mac OS X am unteren Bildschirmrand eine Starterleiste (unter dem Namen Plank [5] auch als eigenständiges Programm erhältlich), während die am oberen Rand platzierte Panelleiste direkt von der Gnome-Shell abstammt. Der transparente Hintergrund der Leiste lässt den Desktop jedoch größer wirken. Rechts oben im System-Tray finden sich die üblichen Anzeigen zum Regeln der Lautstärke und zum Verwalten der Netzwerkverbindung (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Pantheon-Desktop bedient sich zu großen Teilen aus dem Gnome-Baukasten und stülpt dem Ganzen ein an Mac OS X erinnerndes Kleid über.

Bei genauerem Betrachten fallen deutliche Unterschiede zu Gnome auf: Geöffnete Applikationen erscheinen nicht neben der Aktivitäten-Übersicht (Anwendungen bei Elementary OS) in der oberen Panelleiste, sondern ähnlich wie bei Mac OS X in der Starterleiste am unteren Bildschirmrand. Auf dem Desktop geöffnete Fenster verfügen zudem über keine herkömmliche Titelleiste mit Steuerelementen, sondern weisen neben einigen Schaltern nur zwei Elemente zum Steuern des Fensters auf.

Ganz links findet sich – wie bei Ubuntu und Mac OS X – der Schließen-Button, der ganz rechts angeordnete Schalter maximiert das Fenster. Um ein offenes Fenster zu minimieren, müssen Sie ähnlich wie bei Ubuntu Unity auf das Symbol in der Starterleiste am unteren Bildschirmrand klicken. Ein erneuter Mausklick auf das entsprechende Icon in der Dockleiste stellt das Fenster wieder her. Wie bei Gnome fehlt in den hauseigenen Anwendungen eine Menüleiste (Abbildung 3), bei nicht angepassten Anwendungen gibt es sie jedoch nach wie vor.

Abbildung 3: Die Elementary-Anwendungen, wie der von Gnomes Nautilus abstammende Dateimanager, verzichten auf Menüleisten und ordnen die Programmsymbole in der Fensterleiste an.

Ein weiterer Unterschied zwischen Gnome und Pantheon offenbart sich bei einem Klick auf den Schalter Anwendungen: Anstelle der Übersicht aller aktiven Anwendungen und virtuellen Desktops erscheint bei Elementary OS ein Anwendungsmenü mit den auf dem System installierten Programmen samt einer integrierten Suchleiste (Abbildung 4).

Abbildung 4: Pantheon enthält im Gegensatz zu Gnome ein klassisches Anwendungsmenü, in dem sich die Anwendungen bei Bedarf auch nach Kategorien sortieren lassen.

Finden sich auf dem System mehr Anwendungen, als ins Anwendungsmenü passen, teilt Pantheon es auf mehrere Seiten auf. Wie bei Gnome erscheinen die einzelnen Applikationen dabei in alphabetischer Reihenfolge, sodass sich gut abschätzen lässt, zu welcher Seite Sie springen müssen, um ein bestimmtes Programm zu starten. Alternativ geben Sie dessen Name in die Suchleiste ein. Eine hierarchische Menüstruktur mit einer Unterteilung in Rubriken wie Internet, Grafik und Systemverwaltung aktivieren Sie bei Bedarf durch einen Klick auf den Schalter links neben der Suchleiste.

Im Umgang mit virtuellen Arbeitsoberflächen zeigt der Pantheon-Desktop eine eigene Bedienphilosophie. Es gibt weder eine kleine Vorschau im System-Tray noch eine ausklappbare Seitenleiste. Stattdessen wechseln Sie die Arbeitsoberfläche durch einen Klick auf das Icon Arbeitsflächenübersicht ganz links in der Anwendungsliste, oder drücken [Windows]+[S]. Pantheon verkleinert daraufhin die aktuelle Arbeitsfläche ein wenig und schiebt den nächsten Desktop von rechts ins Bild (Abbildung 5). Über den großen Plus-Schalter am unteren Bildschirmrand öffnen Sie einen neuen virtuellen Arbeitsplatz.

Abbildung 5: In der Arbeitsflächenübersicht stellt Pantheon die einzelnen Desktops symbolisch am unteren Rand dar. Über das Plus-Icon erzeugen Sie weitere virtuelle Desktops.

Auf einer Arbeitsfläche geöffnete Fenster blendet Pantheon in der verkleinerten Ansicht ein. Wie bei Gnome lassen sich Anwendungen per Drag & Drop frei auf den gerade aktiven Arbeitsflächen verteilen. Nutzen Sie mehr als einen virtuellen Schreibtisch, dann zeigt der Desktop diesen samt der Icons der dort aktiven Anwendungen als stilisierten Reiter am unteren Bildschirmrand an. Ein Klick darauf führt zum jeweiligen virtuellen Bildschirm. Anders als bei Desktops mit einer statischen Anzahl virtueller Arbeitsflächen sind Sie bei Pantheon nicht auf eine bestimmte Zahl festgelegt. Ganz so flexibel wie die Gnome-Shell behandelt Pantheon die virtuellen Desktops jedoch nicht.

Wer Gnome 3 schon einmal ausprobiert hat, der kennt die "aktive Ecke" links oben. Fahren Sie mit der Maus dorthin, erscheint automatisch die Aktivitätenübersicht – ganz so, also würden Sie [Windows] drücken oder auf Aktivitäten im Panel klicken. Pantheon führt diese Idee weiter und macht jede Ecke des Desktops aktiv – allerdings nur, wenn Sie das vorher aktivieren. Den Dialog dazu finden Sie unter Anwendungen | Systemeinstellungen | Schreibtisch. Hier definieren Sie nicht nur einen neuen Bildschirmhintergrund, sondern beeinflussen im Reiter Dock auch das Verhalten und Aussehen der Dockleiste.

Unter Aktive Ecken ganz rechts geben Sie über eine Ausklappliste jeder Bildschirmecke eine Aufgabe, die später automatisch und ohne einen gesonderten Klick ausgeführt wird (Abbildung 6). Als Aktionen stehen Kommandos wie etwa das Maximieren des aktuellen Fensters oder das Öffnen der Anwendungsübersicht zur Auswahl. Zusätzlich lässt sich im Eingabefeld Benutzerdefinierter Befehl: ein individuelles Kommando eintragen, das dann allerdings gleich für alle Ecken des Bildschirms gilt.

Abbildung 6: Pantheon bietet im Vergleich zu Gnome nicht nur eine aktive Bildschirmecke: Bei Bedarf lassen sich alle vier mit einer Aktion belegen.

Individualisierung

Der Pantheon-Desktop lässt sich anders als sein KDE-Gegenstück nicht bis ins kleinste Detail anpassen – schließlich basiert Pantheon weitgehend auf dem sehr restriktiven Gnome. Die Systemeinstellungen bieten dementsprechend nur wenig Einflussmöglichkeiten. Abhilfe schafft hier die Installation des Gnome-Tweak-Tools (Paket gnome-tweak-tool), mit dem Sie beispielsweise das Erscheinungsbild der Fensterrahmen und Bedienelemente beeinflussen. Dazu müssen Sie jedoch entweder manuell Themes für Gnome 3 beziehungsweise GTK3 installieren oder zum Beispiel die zu Gnome gehörenden Theme-Pakete aus der Paketverwaltung einspielen (Listing 1).

Listing 1

$ sudo apt-get install gnome-tweak-tool
$ sudo apt-get install gnome-themes-standard gnome-themes-extras gnome-themes-ubuntu
$ gnome-tweak-tool

Eine eigene Autostart-Liste und eine Auswahl von Standardanwendungen für bestimmte Dateitypen ermöglichen größere Flexibilität beim Einsatz des Systems. So könnten Sie beispielsweise den schlanken Videoplayer Audience, den Pantheon vorinstalliert mitbringt, durch ein leistungsfähigeres Pendant wie VLC ersetzen. Dieser unterstützt viele Medienformate nur dann, wenn Sie die entsprechenden Codecs aus der Paketverwaltung nachinstallieren (Listing 2).

Listing 2

$ sudo apt-get install ubuntu-restricted-extras

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