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Editorial

Freiheit Null

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ich hätte da einen Tipp für den Kauf Ihres nächsten Autos – ein besonders schickes Modell, zwar etwas teuerer als die Konkurrenz, aber dafür extrem unkompliziert in der Handhabung: Sie brauchen sich nie wieder Gedanken zu machen, wie sie von A nach B kommen, denn es fährt ausschließlich auf vom Hersteller zertifizierten Mautstraßen, für die Sie die Tickets direkt im eingebauten Navi erwerben. OK, wenn Sie an einem vom Hersteller nicht erlaubten Ort wollen, kommen Sie entweder dort nicht hin oder müssen ersatzweise das Auto dazu kurzschließen, aber ansonsten ist es einfach superbequem.

Jaja, ertappt – ich meine natürlich nicht wirklich Autos und Mautstraßen, sondern das iPhone samt iOS-Verwandten und Apples App-Store. Warum ansonsten geistig gesunde Menschen sich freiwillig einem solchen Vertriebsmodell unterwerfen, das sie sonst in keinem anderen Lebensbereich akzeptieren würden, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Sei's drum – aber was hat das mit freier Software zu tun? Dazu liefert dieser Tage das VideoLAN-Projekt ein Lehrstück erster Güte.

Das Unternehmen Applidium hat aus dessen beliebtem, GPL-lizenzierten VLC-Mediaplayer eine App fabriziert [1] und vertreibt diese nun (gratis) über Apples Store. Dem VLC-Kernentwickler Rémi Denis-Courmont geht das über die Hutschnur: Die App-Store-Richtlinien widersprechen seiner Meinung nach klar den Vorgaben der GPL, weswegen er Apple förmlich aufgefordert hat, für Abhilfe zu sorgen. Er vermutet aber, dass man in Cupertino lieber die VLC-App aus dem Store wirft, als für GPL-Konformität zu sorgen [2].

Prima, möchte man meinen, da hat einer aufgepasst und einen klaren GPL-Verstoß bekämpft. Doch statt Lob erntet Denis-Courmont derzeit massiv Prügel – und die heftigste verbale Keule schwingt kein anderer als der VLC-Projektleiter Jean-Baptiste Kempf: Wer solche Freunde habe, der brauche keine Feinde mehr, tobt er, und da ginge jetzt die ganze schöne PR-Arbeit des VideoLAN-Projekts zum Teufel [3]. Mit solchen Ausfällen beweist Monsieur Kempf vor allem eines: dass er das Prinzip der freien Software nicht verstanden hat.

Die grundlegenste der vier Freiheiten freier Software, die Freiheit 0, ist es, ein "Programm auf jeder Art von Computersystem für jede Tätigkeit" benutzen zu können [4]. Auf ihr als conditio sine qua non fußt das gesamte Gebäude der freien Software – denn was nutzt das Recht zum Kopieren, Modifizieren und Verteilen, wenn man die Software dann nicht laufen lassen kann? Genau diese essenzielle Freiheit unterlaufen Hersteller wie Apple mit der Abriegelung ihrer Hardware und den willkürlichen Beschränkungen ihrer Software-Stores – der Fachausdruck dafür heißt nach dem ersten abschreckenden Beispiel Tivoisierung [5].

Wer dazu beiträgt, und sei es nur durch Kleinreden, ein solches Kappen der Benutzerrechte gleich an der Wurzel salonfähig zu machen, der zieht damit buchstäblich der freien Software den Boden unter den Füßen weg. Deswegen hat freie Software auf zugenagelter Hardware und in zensierten Stores nichts, aber auch gar nichts zu suchen – aus Prinzip.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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