Hasta la Vista?

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in dem 16seitigen Prospekt, der mir heute beim Öffnen des lokalen flachlandversorgenden Wochenwerbeblättchens entgegen fiel, preist der taiwanesische Kistenschrauber Asus rund zwei Dutzend Notebooks, Smartphones und PDAs an – allesamt mit Windows. "Asus empfiehlt Windows Vista Home Premium" wiederholt das Pamphlet gebetsmühlenartig nicht weniger als acht Mal.

Wie denn, was denn? Kaum mag man glauben, dass hier die selbe Firma Asustek wirbt, deren unter Linux laufender EeePC (er kommt in besagtem Prospekt noch nicht einmal vor) inzwischen die zweitlukrativste Einnahmequelle des Unternehmens darstellt – die gleiche Firma, die inzwischen sogar auf ihre PC-Motherboards ein Mini-Linux ("Internetzugang in nur fünf Sekunden!") nagelt. Weiß man in Taiwan nicht, dass gerade auf Notebooks Linux als Betriebssystem überdurchschnittlich gefragt ist? [1] Dass die Anwender Vista auf mobilen wie stationären PCs auch eineinhalb Jahre nach dessen Einführung nur mäßig nachfragen und einsetzen? [2],[3] Kann man bei Asus noch nicht mal googeln? [4]

IBM recherchiert wohl routinierter, wie die neueste Offensive aus Armonk vermuten lässt: Zusammen mit Canonical, Novell und Red Hat will Big Blue jetzt die lokalen Märkte mit "Microsoft-freien PC-Alternativen" beschicken [5] – mit einer interessanten Begründung: "Die zögerliche Adaption von Vista zusammen mit dem weltweiten Erfolg einer neuen Art von Microsoft-freien PCs eröffnet Linux jetzt außerordentliche Möglichkeiten."

Auch auf der anderen Seite des amerikanischen Kontinents hat man die Zeichen der Zeit erkannt: In Microsofts aktuellem SEC-10k-Filing [6], dem von der US-Börsenaufsicht geforderten formellen Geschäftsbericht, finden sich äußerst aufschlussreiche Sätze. "Das kostenlose Betriebssystem Linux … erfährt zunehmend Akzeptanz, seit der Wettbewerbsdruck PC-Hersteller drängt, die Preise zu senken und neue, kostengünstigere PC-Formen einzuführen.", ärgert sich Microsoft da, und fürchtet, "… es könnte den Umsatz nachteilig beeinflussen, dass Kunden weniger Software oder Upgrades kaufen, weil sie glauben, dass ihnen neue Produkte wie Windows Vista und Microsoft Office 2007 keine signifikanten neuen Funktionen oder andere Vorteile bringen."

Wie die Kunden nur auf sowas kommen? Aber Microsoft wäre ja nicht Microsoft, hätte es für solche Unpässlichkeiten keine Lösung zur Hand. Da überdeckt man geistige Windstille einfach durch operative Hektik und sponsert willigen OEMs launige Hochglanzblättchen, die flächendeckend verteilt bis in die tiefste Provinz lauthals Produkte anpreisen, die kaum jemand wirklich haben will. Aber bis 2010 wird's schon halten, und dann kommt ja Windows 7.

Asus allerdings muss sich fragen lassen: Wenn ihr denn Windows Vista so nachdrücklich empfehlt, warum verkauft ihr uns dann EeePCs und Mainboards mit Linux? Dreht ihr nun euren Linux-Kunden Software an, die ihr eigentlich für minderwertig haltet, oder balbiert ihr für 30 Silberlinge aus Redmond die Notebook-Käufer über den Löffel? Egal: Hasta la vista, Asus.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Linux auf Notebooks: http://www.linux-magazin.de/news/linux_in_deutschland_auf_notebooks_erfolgreich

[2] Linux wächst rasant: http://www.linux-magazin.de/news/linux_waechst_rasant_auf_dem_desktop

[3] Fittkau & Maaß OSWatch: http://www.w3b.org/trends/oswatch.html

[4] Google Insights für XP, Vista, Linux: http://tinyurl.com/66mk2e

[5] IBMs Microsoft-freier Desktop: http://www-03.ibm.com/press/us/en/pressrelease/24825.wss

[6] Microsofts SEC-10-K-Bericht FY2008: http://tinyurl.com/6pmwzj

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