Brandstifter

Version 2.0.0.2 im Test

01.10.2005 Gut ein viertel Jahr ist es her, dass wir einen Blick auf die erste Linux-Version der kommerziellen Brenn-Software Nero geworfen haben. Dieser Artikel verrät, mit welchen Neuerungen Version 2.0.0.2 aufwartet.

Fast jedem Brenner liegt die OEM-Version von Nero bei, wodurch sich das Programm unter Windows zur Standard-Anwendung in Sachen CDs und DVDs brennen gemausert hat. Seit Anfang dieses Jahres schickt sich der Hersteller Ahead an, den römischen Brandstifter auch unter Linux salonfähig zu machen. Unser erster Test der Software [1] zeigte jedoch, dass die Linux-Variante vom Funktionsumfang her nicht an die Windows-Version heranreicht. In diesem Artikel erfahren Sie, ob Version 2.0.0.2 gegenüber dem Windows-Pendant Boden gutmachen kann und welche neuen Features hinzugekommen sind.

Brennstoffbeschaffung

NeroLINUX (Abbildung 1) können Sie mitlerweile kaufen, ohne eine Windows-Lizenz ihr eigen zu nennen. Für 19,99 Euro erwerben Sie eine Seriennummer, welche die unter [2] erhältliche Demo-Version in eine Vollversion umwandelt. Bevor Ahead Linux-Nutzer zur Kasse bittet, können Sie den Brennwert von NeroLINUX ausgiebig testen. Während dieser Artikel entstand, bot der Hersteller eine bis zum 31. August lauffähige Demo-Version an. Am 01.09. verschwand diese von der Web-Seite und wich dem Versprechen, in Kürze ein neues Demo-Paket anzubieten, das schließlich am 05.09. zum Download bereitstand (Abbildung 2).

Abbildung 1: Im Hauptfenster von Nero stellen Sie die zu brennenden Dateien zusammen.

Abbildung 2: Nach Ablauf der alten Demo-Version stellt Ahead binnen weniger Tage ein neues Testpaket zum Download bereit. Diese Abbildung stammt vom 05.09.2005.

Die Systemvoraussetzungen von Nero sind relativ bescheiden: Das Programm verträgt sich mit RPM- und Deb-basierten Linux-System ab Kernel-Version 2.4.x. Ebenfalls Pflicht ist die GTK-Bibliothek in Version 1.2, die alle gängigen Linux-Distributionen von Haus aus mitbringen. An Hardware sollten Sie mindestens ein System mit 500 MHz-Prozessor und 64 MByte Arbeitsspeicher nutzen. Wie viel Plattenplatz Sie benötigen, hängt von der Größe der zu brennenden Datenträger ab: Für DVDs gibt der Hersteller einen Platzbedarf von bis zu 9 GByte an. Die 50 MByte, die die Software selbst auf der Platte belegt, fallen dabei nicht weiter ins Gewicht. Offiziell unterstützt Nero die 32-Bit-Versionen der folgenden Linux-Distributionen für die Intel-Architektur:

  • Suse Linux ab Version 8.0
  • Red Hat Linux ab Version 7.2
  • Fedora Core 1 bis 4
  • Debian GNU/Linux ab Version 3.0 mit einem Kernel der Version als 2.4.x oder 2.6.x (standardmäßig installiert Debian Woody einen 2.2er-Kernel)

Obwohl nicht in dieser Liste enthalten, arbeitet Nero auch mit Mandrake Linux 10.1 zusammen. Benutzer Debian-basierter Distributionen finden auf der Download-Seite ein Paket im Deb-Format; Anwender von Suse Linux, Fedora und Co. greifen zum RPM-Paket.

Bevor Sie das Programm mit dem Software-Installationswerkzeug Ihrer Distribution einspielen, überprüfen Sie die Validität des heruntergeladenen Archivs anhand der MD5-Summe: Dazu berechnen Sie beispielsweise unter Suse Linux mit Hilfe von md5sum nerolinux-2.0.0.2-x86.rpm den MD5-Hash-Wert des Paketes und vergleichen ihn mit dem, den Ahead auf der Download-Seite angibt. Stimmen die beiden Zeichenketten überein, spielen Sie das Programm ein. Die Installationsroutine legt dabei auch einen Eintrag im KDE-Menü an, wie in Abbildung 3 zu sehen.

Abbildung 3: Nero legt bei der Installation eine Verknüfung im KDE-Menü an.

Kompromissloser Feuerteufel

Beim ersten Start sucht Nero nach einem Brenner. Auf unserem SCSI-freien Test-Notebook unter Suse Linux 9.3 beschwert sich die Anwendung, dass sie auf einige SCSI-Geräte nicht zugegreifen könne (Abbildung 4). Die Funktionalität beeinträchtigt das nicht, sodass Sie Nero über die entsprechende Checkbox anweisen können, den Hinweis in Zukunft zu unterlassen.

Abbildung 4: Nero beschwert sich, dass der Zugriff auf SCSI-Systeme nicht möglich ist, wenn keine solchen existieren.

Den Hinweis auf Applikationen, die Nero am Zündeln hindern, sollten Sie jedoch nicht ignorieren. Wie Abbildung 5 verdeutlicht, verträgt sich Nero unter Suse nicht mit den Diensten susewatcher und suseplugger. Der erstgenannte kümmert sich unter anderem um die Benachrichtigung bei vorhandenen Sicherheits-Updates, so dass die Deaktivierung des Dienstes eigentlich nicht zu empfehlen ist. Der suseplugger wacht darüber, welche Hardware sie anschließen und bietet entsprechende Aktionen an: Beispielsweise den Start des Konquerors wenn Sie einen USB-Stick mit dem Rechner verbinden. In unseren Tests funktionierte das automatische Mounten von CD-ROMs nicht mehr, wenn Nero zusammen mit aktivem suseplugger benutzt wurde.

Abbildung 5: Nero verträgt sich nicht mit allen Errungenschaften moderner Linux-Distributionen.

Neuer Zunder

Der Versionssprung von Version 2 auf Version 2.0.0.2 verdeutlicht, dass seit dem letzen Test [1] keine Wunder geschehen sind. Dennoch gibt es einige Neuerungen, wie beispielsweise die Unterstützung für Layer-Jump Recording bei DVD-R-DL (Dual-Layer). Dahinter verbirgt sich die Möglickeit, Dual-Layer-DVD-Rs in mehreren Sitzungen nach und nach zu füllen, wobei das Brennprogramm beide Ebenen der Scheibe abwechselnd beschreibt. Laut Herstellerangaben ist damit Nero das einzige Programm, welches die noch recht seltenen Dual-Layer-DVDs vollständig unterstützt.

Darüberhinaus gestattet es Ihnen die Nero-Neuauflage, DVD-Video und miniDVD zu erzeugen, wenn bereits die entsprechenden VIDEO_TS und AUDIO_TS-Verzeichnisse vorhanden sind. Das Zusammenstellen von Video-Datenträgern aus Video-Dateien, wie es die Windows-Version von Nero unterstützt, ist mit der Linux-Version des Programms noch nicht möglich. Dafür können Sie inzwischen ISO-spezifische Optionen festlegen. Dabei stehen Einstellungen wie der CD-Sektor-Typ Mode 1 oder Mode 2/XA sowie die unterstützten Erweiterungen Joliet (lange Dateinamen unter Windows) und RockRidge (lange Dateinamen unter Linux) zur Verfügung. Zum Festlegen dieser Parameter dient der Karteireiter ISO Options im Konfigurationsdialog. Detailinformationen zu diesen Optionen finden Sie unter [3].

Eine weitere Neuerung besteht darin, Audio-Signale mit Brennereignissen zu verknüpft. Diese neue Funktion bringt leider nur denjenigen etwas, die zur Soundausgabe entweder OSS oder aber den in die Jahre gekommenen Sound-Daemon ESD benutzen. Hat beispielsweise das KDE-Sound-System Arts die Audio-Hardware in Beschlag genommen, kann Nero das Gerät nicht verwenden und bleibt stumm.

Das Umschalten zwischen OSS, ESD und das Ausschalten der akkustischen Benachrichtigung erfolgt unter FilePreferences im Karteireiter System Configuration. Die abzuspielenden Klänge legen Sie im selben Dialog auf dem Registerreiter Sounds fest.

Ahead hat der neuen Nero-Version nicht nur weitere Features spendiert, sondern auch die Gelegenheit genutzt, Fehler in der Software zu beheben und bereits vorhandene Funktionen zu erweitern. Ein detailliertes Changelog finden Sie unter [4].

Brandhemmer

Dass Nero für Linux mit der Windows-Version nicht mithalten kann, ist kein Geheimnis. Aber selbst im Vergleich mit Linux-Anwendungen wie K3b [5] ist Nero keineswegs der Weisheit letzter Schluß. Ein Projekt-Wizard fehlt dem Programm leider immer noch. Drag & Drop funktioniert zwar sowohl innerhalb von Nero als auch aus dem Konqueror, man muss aber darauf achten, das richtige Ziel zu wählen. Der Bereich, der in Abbildung 1 links unten den Verzeichnisbaum darstellt, ignoriert das Loslassen von Dateien und Verzeichnissen. Lediglich die rechts davon befindliche Dateiliste nimmt die Lieferung entgegen.

Eine interessante Funktion von Nero ist das Konvertieren von Audio-Formaten. Ebenso wie für das Abspielen von Audio-Dateien per Doppelklick oder per Drag & Drop auf den unten rechts im Nero-Fenster befindlichen Knopf, ist es zumindest unter SuSE 9.3 notwendig, mit Hilfe des Online-Updates die vier Multimedia-Option-Packs einzuspielen. Alternative dazu können Sie die notwendigen Tools mpg123 bzw. ogg123 manuell nachinstallieren. Zum Konvertieren zwischen den Formaten sind weitere Helferlein notwendig: So greift Nero auf lame zurück, um MP3-Dateien zu erstellen, sox kümmert sich um die Ausgabe ins Wav-Format, und oggenc konvertiert Audio-Dateien nach OggVorbis.

Auf dem Registerrreiter File Types im Konfigurationsdialog besteht die Option, weitere Hilfsprogramme einzutragen und Nero so den Umgang mit weiteren Formaten beizubringen, wie etwa Flac (Abbildung 6).

Abbildung 6: In diesem eher unübersichtlichen Dialog machen Sie den Audio-Konverter von Nero mit weiteren Formaten bekannt.

Beim Konvertieren vom MP3- ins WAV-Format erzeugte Nero auf dem Testsystem Dateien, die nur Rauschen enthielten. Schuld war die falsche Einstellung der dateiinternen Ordnung von Bytes. Leider quittierte Nero das Erzwingen der little-Endian-Reihenfolge, im Encoding-Dialog von WAV-Dateien sporadisch mit einem Absturz. Nach mehreren Versuchen gelang das Konvertieren dennoch und die so erzeugte Datei war fehlerfrei – aufgrund der Instabilität ist die Funktion jedoch nicht produktiv nutzbar.

Um mit Nero Audio-CDs zu brennen, verwenden Sie den Track-Editor. Sie erreichen ihn am schnellsten mit einem Druck auf [F4]. Anschließend bewegen Sie die gewünschten Audio-Dateien via Drag & Drop in die Track-Liste. In unserem Test kam Nero jedoch lediglich mit MP3-Dateien zurecht. Die selbst erzeugten Wav-Dateien bemängelte das Programm als zu lang. Die Länge von OggVorbis-Dateien konnte Nero mangels des Programms Oggtst nicht bestimmen. Diese Anwendung ist inzwischen von den Entwicklern der OggVorbis-Tools durch Ogginfo ersetzt worden. Um Nero dazu zu bringen, dieses Programm zu verwenden, tragen Sie in dem in Abbildung 6 dargestellten Dialog ogginfo "$file" anstelle von oggtst "$file" in der Zeile zu .ogg und der Spalte Detect Size ein. Weiterhin ist es nötig, in der folgenden Spalte dieser Zeile

strval(regexp("^length=([0-9]↩
*)"))*44100*4

durch

strval(regexp("Total data ↩
length: ([0-9]*)"))*12.9

zu ersetzen, damit Nero auch Audio-CDs aus OggVorbis-Dateien erzeugt.

Fazit

Die Fehlerbehebungen in Version 2.0.0.2 und das Festhalten von Ahead an der Linux-Unterstützung stellen einen Schritt in die richtige Richtung dar. Dennoch steckt die Linux-Version des Programms noch in den den Kinderschuhen. Glaubt man dem Hersteller, ist das einzige Alleinstellungsmerkmal die Möglichkeit, DVD-R-DL-Medien sinnvoll zu benutzen. Dem gegenüber steht eine fast unbrauchbare Bedienung. Die beschriebenen Fehler dürfen in einem kommerziellen Produkt eigentlich nicht auftreten. Solange Ahead hier nicht nachbessert und Sie auf das DVD-R-DL-Feature verzichten können, wären selbst die günstigen 19,99 Euro eine Fehlinvestition.

Der Autor

Hagen Höpfner hat seine Promotion zum Dr.-Ing. in Informatik erfolgreich abgeschlossen und arbeitet seitdem als Lecturer für Datenbanken und Informationssysteme an der International University in Germany (http://www.i-u.de) in Bruchsal. Der begeisterte Vater ist Co-Autor eines Lehrbuch zum Thema "Mobile Datenbanken und Informationssysteme" und spielt in seiner Freizeit Gitarre in der Rockband "Gute Frage" (http://www.gutefrage.info).

Infos

[1] Brennprogramm Nero für Linux: Tim Schürmann, "Neues aus Rom", LinuxUser, 07/2005, S. 81 ff.

[2] NeroLINUX Download: http://www.nero.com/deu/NeroLINUX.html

[3] Hintergrundwissen über CD-Formate: Standards, Dateisysteme, Spezialfälle: http://www.lrz-muenchen.de/services/peripherie/cd-formate/

[4] NeroLINUX 2.0.0.2 Changelog: http://club.cdfreaks.com/showthread.php?t=142046

[5] K3b Homepage: http://www.k3b.org/

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