Einfach nur ein Mail-Programm
Mail-User-Agenten: Balsa, KMail, Mulberry, Mutt und Sylpheed
Mulberry
Moderne Nomaden, die von verschiedenen Rechnern an verschiedenen Orten auf ihre Mail zugreifen wollen, kommen an IMAP-Servern als zentrale Mail-Lager nicht vorbei. Richtig implementiert, kann ein Mailclient diesen eine Menge Arbeit (etwa das Suchen nach bestimmten Mails) aufbürden und schont damit die Ressourcen des lokalen Rechners. Leider ist IMAP nicht nur ein sehr mächtiges, sondern auch ein recht komplexes Protokoll, und nur wenige MUAs nutzen seine Stärken aus. Einer, der IMAP-Server ordentlich für sich arbeiten lässt, ist mulberry.
Sogar Mailboxen auf verschiedenen Servern lassen sich zu sogenannten Cabinets zusammenfassen und gemeinsam auf unzählige Regeln hin durchsuchen. Leider skaliert das Programm eher schlecht (und Schuld sind nicht immer langsame Server): Wenn die Benutzerin allzu eifrig Mailboxen und andere Dateien abonniert hat (viele IMAP-Server bieten Zugriff zum Beispiel auf das gesamte Home-Verzeichnis), kann es viele Minuten lang dauern, bis mulberry nach einem IMAP-Login betriebsbereit ist. Auch sonst überzeugt das proprietäre Programm nicht immer mit der gefühlten Geschwindigkeit, zumal es gern einen Schritt nach dem anderen macht: Solange mulberry damit beschäftigt ist, sich auf einem Server einzuloggen, kann man zum Beispiel nicht bereits anfangen, eine Mail zu schreiben.
User, die mehrere Absenderadressen verwenden, unterstützt der MUA mit einer vorbildlichen Identitätsverwaltung: Mit Signature, X-Headern, zu verwendendem PGP/GnuPG-Key etc. lässt sich die Absenderadresse zu Bündeln schnüren, unter denen die Schreiberin bei jeder erstellten E-Mail wählen kann.
Dem gegenüber stehen gravierende Mangel bei der Usability: So manche/r mag verschmerzen, dass die Handvoll vordefinierter, aber nicht änderbarer Shortcuts die Mauspflicht lediglich ein wenig lindert. Zwar geben Tooltipps ab und zu Auskunft über Sinn und Zweck eines Bedienungselements, doch fehlt diese Ballonhilfe ausgerechnet bei den Icons und Menüpunkten, die sich auch erfahreneren Usern nicht auf Anhieb (oder gar nicht) erschließen. Die quasi nicht vorhandene Dokumentation für die Linux-Ausgabe des Programms stößt bei einer kommerziellen Software besonders übel auf.
Auch bei der Gestaltung der Dialoge waren nicht gerade Benutzerschnittstellen-Profis am Werk: Dass man im Konfigurationsdialog einen Radio-Button am rechten Rand drücken muss (Abbildung 4 rechts unten), um von einer einfachen Schnellkonfiguration eines einzelnen Mail-Kontos zur vollständigen Auswahl zu kommen, muss man erstmal herausfinden. Auch die Stabilität ließ im Test zu wünschen übrig, und das nicht nur bei der Beta-Version zum nächsten stabilen 3.0-Release.
Die Politik, pro Mail, Mailbox oder Übersicht je ein eigenständiges Fenster zu öffnen, führt auf bevölkerten Desktops regelmäßig zu Suchorgien (Abbildung 5). Daher erlaubt es die neue, in der Beta-Phase befindliche Version 3.0 alternativ, auf die mittlerweile unter GUI-Mailclients verbreitete Dreiteilung umzustellen. Sie kann zudem Mails bouncen und Mail-Adressen automatisch oder per Shortcut in ein Adressbuch überführen. Eine Möglichkeit, Mail-Header nicht immer oder nie, sondern nur bei Bedarf schnell einzufügen, gibt es dort leider immer noch nicht. Dafür lassen sich beim Anzeigen von Mails Zitierebenen ausblenden.
KMail
Für nahezu jeden Zweck liefert KDE die passende Anwendung mit, und so darf auch ein E-Mail-Client nicht fehlen. Mittlerweile hat sich kmail zu einem leistungsfähigen Mail-Programm entwickelt.
Seine große Stärke liegt in der Verwaltung von POP-Konten, die dem Nutzer allen erdenklichen Komfort bietet. Besonders interessant für Anwender, die nur eine Wählverbindung ins Internet nutzen, ist die Möglichkeit, Mails direkt auf dem Server zu filtern, sofern man dieses Feature zuvor in den Einstellungen der gewünschten Konten aktiviert hat. So erspart man sich den Download lästiger Werbung oder allzu großer Anhänge. kmail bietet dabei sowohl die Möglichkeit, die betreffenden Mails direkt auf dem Server zu löschen oder sie dort zum späteren Download zu belassen (Abbildung 5).
Für die heimische Ordnung sorgen lokale Filter. Schon bei der Einrichtung eines Accounts legt man fest, in welchem Ordner die zugehörigen Mails landen, weitere Feinabstimmungen erfolgen über das Filtermenü. Ein kleiner Wermutstropfen besteht darin, dass ein Schließen des Filtermenüs über den Abbrechen-Button gelegentlich zum Absturz des ansonsten sehr stabil laufenden Programms führt. Für die Verwendung des richtigen SMTP-Servers sorgt das Anlegen von Identitäten, in deren Einstellungen die Anwenderin auf der Registerkarte Erweitert unter Spezielle Versandart den passenden Ausgangsserver auswählt. Alternativ stellt man den zu nutzenden Server direkt im Composer-Fenster der aktuellen Mail ein (Abbildung 6).
Erfreulicherweise legen die Entwickler großen Wert auf Sicherheit: HTML wird in den Default-Einstellungen nur als Quelltext angezeigt, aktive Inhalte nicht ausgeführt, und vor dem Öffnen von Mail-Anhängen steht eine Sicherheitsabfrage. Legt der Anwender Wert auf HTML-Darstellung, kann er sie nicht nur global, sondern für jeden Ordner separat aktivieren. So ist es im Verbund mit Filterregeln möglich, nur HTML-Mails von vertrauenswürdigen Absendern in gerenderter Form anzuzeigen.
Schwächen zeigt kmail lediglich bei IMAP, da es die Stärken des Protokolls nicht nutzt: So ist z. B. Suchen auf dem Server nicht möglich. Auch die Einbindung eines externen Editors ist gründlich misslungen, da dieser nicht automatisch startet, sondern erst nach einem Tastendruck im Composer-Fenster.
Ein Blick auf Version 1.5, die zum Release Candidate 6 von KDE 3.1 gehört, verspricht einiges für die Zukunft. Neben einer aufpolierten Optik sind auch neue Funktionen wie etwa LDAP-Unterstützung hinzugekommen. Die Abstürze im Filterdialog treten nicht mehr auf, und man kann für jede HTML-Mail separat und ohne Umweg über das Menü entscheiden, welche Ansicht man bevorzugt (Abbildung 7). Ein Problem haben die Entwickler jedoch immer noch nicht im Griff: Auch diese kmail-Version legt einen immens wachsenden Speicherverbrauch beim Versenden großer Anhänge an den Tag.



