Sie möchten Ihr liebgewonnenes Linux-System benutzen und dennoch nicht auf Anwendungen wie Microsoft Office oder Adobe Photoshop verzichten? In diesem Fall bietet sich VMware in seiner Eigenschaft als Emulator eines kompletten PCs als – meist gute – Lösung mit genügend Performance-Reserven an: Die Leistung der virtuellen Maschinen skaliert in der Regel gut mit der Hardware des Host-Rechners. Das einzige Manko einer Hardware-Emulation besteht in der fehlenden Unterstützung für direkte Hardware-Zugriffe aller Art – das Gastbetriebssystem sieht ja immer nur eine PC-Emulation. Grafikfetischisten müssen so auf optimale Performance ihrer Anwendungen verzichten; zu nennen sind hier vor allem die Bereiche CAD, Rendering und natürlich Spiele. Auch VMwares bekannte Probleme mit dem Sound und CD-Brennern bestehen in der neuen Version 3.2 weiterhin und haben zur Folge, dass sich beide Gerätetypen vom Gastsystem nur sehr eingeschränkt ansprechen lassen: Mikrofonaufnahmen oder CD-Recording funktionieren beispielsweise nicht.
VMware kann als tar- oder rpm-Archiv zwar kostenlos aus dem Internet [2] heruntergeladen und 30 Tage evaluiert werden (es liegt auch auf unserer Heft-CD bei), doch wer die Software weiter benutzen möchte, muss anschließend kostenpflichtig einen Registrierschlüssel erwerben (vgl. Kasten 1).
Bei RPM-basierten Distributionen reicht der Kommandozeilenbefehl
rpm -ivh VMware-workstation-3.2.0-2230.i386.rpm
zur Installation der Software aus. Der Aufruf des Skriptes vmware-config.pl übernimmt anschließend die Basiskonfiguration. Passen die mitgelieferten VMware-Kernel-Module nicht zum installierten Linux-Kernel, ist es darauf angewiesen, den GCC-Compiler und die zum verwendeten Kernel passenden Header-Dateien auf dem Rechner vorzufinden. Dann kann es passende Module bauen (Abbildung 1); sie sorgen beispielsweise dafür, dass VMware Netzwerkfunktionalität bereitstellt, und werden bei jedem Systemstart von einem eigenen Startskript geladen. Allerdings lässt die Qualität des Codes der neuen Kernel-Module deutlich zu wünschen übrig – sie kompilieren nur unter Ausgabe jeder Menge Warnungen. Auf die Funktionsweise unter eingeführten Distributionen hatte das im Test zum Glück keine spürbaren Auswirkungen, aber auf einer Vorabversion von Red Hat Linux 8.0 stürzte VMware 3.2 bei "Power Off" und "Suspend" grundsätzlich ab.
vmware-config.pl fragt dann ab, ob die virtuellen Maschinen "wie richtige PCs" ans Netz dürfen. Bei den entsprechenden Abfragen wie auch bei denen, die sich erkundigen, ob und wie die virtuellen Maschinen auf das Dateisystem des Wirts zugreifen dürfen, kann man grundsätzlich die Default-Einstellung verwenden.
Jetzt lässt sich die Software endlich mit dem Befehl vmware & aufrufen. Doch dies lohnt sich eigentlich erst, wenn man sich bereits einen Registrierungs- bzw. Evaluierungsschlüssel besorgt hat (siehe dazu Kasten 1).
Kasten 1: Schlüssel und Lizenzen
VMware ist nicht im Quellcode und nur unter einer kommerziellen Lizenz erhältlich. Während ein 30 Tage gültiger Evaluationsschlüssel kostenlos (aber unter Angabe einer Menge persönlicher Daten) unter http://www.vmware.com/vmwarestore/newstore/wkst_eval_login.jsp bezogen werden kann (er wird per E-Mail zugesandt), kostet ein unbegrenzter Schlüssel 299 US-Dollar. Besitzer einer VMware 2.x kommen für 149 US-Dollar in den Genuss eines Upgrades auf die aktuelle Version. Das Box-Produkt kostet in beiden Fällen 30 Dollar Aufpreis. Kurz nach Markteinführung einer neuen Version sind Updates oft aber billiger zu haben. Ein Blick auf die Web-Seiten lohnt in diesem Fall.
Der Lizenzschlüssel wird nach dem Start von VMware abgefragt und im Home-Verzeichnis des aufrufenden Benutzers unterhalb des versteckten Verzeichnisses .vmware abgespeichert. Andere User benötigen damit selbst einen Schlüssel, um auf das installierte VMware zuzugreifen.
Mit einem Configuration Wizard (Abbildung 2 und 3) lässt sich nun die Umgebung des Gastbetriebssystems einrichten. Diesen praktischen Helfer ruft der Nutzer für jeden neuen virtuellen PC auf, den er installieren möchte, und legt damit einige grundlegende Eigenschaften wie
Hat der Wizard sein Werk getan, kann das Gastbetriebssystem durch Einlegen einer bootbaren CD-ROM ins erste CD-Laufwerk und durch Klicken des "Power On"-Buttons gestartet werden. Windows (aber beispielsweise auch ein zweites Linux) findet hier nun eine Umgebung vor, die ihm einen eigenständigen PC vorspiegelt. Das Gastsystem sieht also (außer über das Netzwerk, wenn gewünscht) nichts von der installierten Linux-Version.
Auch nachträglich lässt sich der Wizard über File / Wizard... aufrufen, um eine neue virtuelle Maschine einzurichten oder eine alte mit einer komplett neu erstellten Konfiguration zu überschreiben. Startet man VMware neu, fragt der Emulator nach, welche Konfiguration er laden soll (Abbildung 2). Da diese Auswahl auf der Basis der Dateinamen erfolgt, sollte man ihnen aussagekräftige Namen geben – VMware schlägt sinnvollerweise den Namen des Gastsystems vor.
Auch wenn Windows als Gast alle gefundenen Geräte korrekt einbinden kann, liefert VMware eine Toolbox mit, die Treiber im Gastsystem bereit stellt. Diese VMware Tools genannte Sammlung besticht dadurch, dass
Um in den Genuss dieser Vorteile zu kommen, müssen Sie auf dem Windows-Gastbetriebssystem zuerst Administrator-Rechte erlangen. Ein Klick in die VMware-Menüleiste auf Settings / VMware Tools Install... startet deren Installation unter Windows automatisch. Anschließend kann man die Bildschirm-Auflösung in Windows hochsetzen und mehr als 256 Farben einstellen.
VMware unterstützt im Grundsatz zwei Möglichkeiten, die Daten des Gastsystems zu speichern. Zum einen kann eine bestehende Partition auf der Festplatte benutzt werden. Dieser Disk-Modus heißt Raw Disk. Seine Vorteile liegen auf der Hand: Eine unter Linux gemountete Windows-Partition kann der Gast mitbenutzen. Wählt man beim Hochfahren des Rechners dank Dual-Boot-Installation beispielsweise zwischen Windows 2000 und Linux, so kann VMware dieses Windows 2000 bei Bedarf auch unter Linux starten. Hierfür müssen verschiedene Hardware-Profile angelegt werden; eines für die Hardware des Host-Rechners, ein weiteres für die standardisierte VMware-Hardware.
Gegen Raw Disks spricht der Partitionierungsaufwand und der damit verbundene Verlust an Flexibilität. Zudem muss jeder Linux-Benutzer, der Raw Disks benutzen möchte, in die (Linux-)Gruppe disk aufgenommen werden. Können diese Nachteile nicht durch Vorteile aufgewogen werden, sollte man in VMware eine andere Art der Festplatten-Ansprache verwenden, die Virtual Disks. Dahinter verbergen sich "Festplatten im Dateiformat": Harddisks inklusive virtueller Hardware-Informationen, abgelegt in Dateien. Diese erstellt VMware auf einem beliebigen Dateisystem. Auch solche Laufwerksdateien lassen sich über's Netz benutzen; der Anwender kann sie sogar zwischen verschiedenen VMware-Installationen übertragen. Dies funktioniert auch, wenn das Host-Betriebssystem von der Firma Microsoft kommt. Leider geht bei Virtual Disks durch den doppelten Verwaltungsaufwand (einmal durch das Linux-Filesystem, einmal durch die Festplatten-Emulation) einiges an Performance verloren. Für Anwendungen mit exzessivem Plattenzugriff sollte man also auf Raw Disks ausweichen.
Zum Testen und um Applikationen zufrieden zu stellen, die auf eine eingelegte CD-ROM bestehen, bietet VMware die Möglichkeit, dem Gastbetriebssystem eine solche vorzuspiegeln. Dafür legt man unter Linux ein ISO-Image an:
dd if=/dev/cdrom of=cdrom-image1.iso
Dieser Befehl liest die eingelegte CD aus und erzeugt im aktuellen Verzeichnis das Image meinelieblingscd.iso.
mount -o ro,loop cdrom-image1.iso /mnt/cdrom
wie einen externen Datenträger behandeln und ins Linux-Dateisystem einhängen. Im Beispiel sind die Daten aus cdrom-image1.iso anschließend unter /mnt/cdrom einsehbar.
In VMware klicken Sie nun (nach dem Laden der Konfigurationsdatei für das Gastsystem) den Menüpunkt Settings / Configuration Editor an. Um das Image wie eine CD-ROM abzusprechen, gehen Sie auf IDE Drives und wählen ein noch nicht installiertes Gerät. Diesem geben Sie den Device Type CD-ROM Image und wählen den Dateinamen Ihrer erstellten Image-Datei aus (Abbildung 5). Ein Klick auf Install macht das Laufwerk ab dem nächsten Start des Gastsystems verfügbar. Solchen Laufwerken lässt sich auch während des Betriebs ein neues Image zuordnen – ganz so, wie man eine CD wechselt. Dafür klickt man auf Devices / Name_des_CD-ROM-Laufwerks / Disconnect and Edit und landet im selben Dialog wie bei der Neueinrichtung.
Das Netzwerk stellt unter VMware die (mit Ausnahme der Zwischenablage) einzige Möglichkeit dar, mit der Außenwelt und damit mit dem Host-Betriebssystem Daten auszutauschen. Hierfür bietet sich ein Samba-Server an, den das Tool vmware-config.pl bei der Konfiguration auch automatisch einrichtet. Weiterhin stellt VMware in seinem privaten Netzwerk einen DHCP-Server [3] bereit, der die virtuellen Maschinen mit allen benötigten Netzwerkdaten (etwa einer IP-Adresse) versorgt. Die Konfigurationsdateien für diesen Server finden sich unter /etc/vmware/vmnet@L: */dhcpd/dhcpd.conf. Jeder eingerichteten Netzwerkverbindung teilt VMware einen eigenen DHCP-Server zu.
Probleme bekommt der Emulator allerdings, wenn die Netzwerklast im NAT-Modus stark ansteigt. Bei einer Vielzahl aktiver Verbindungen überlastet das die CPU im schlimmsten Fall so stark, dass der gesamte PC samt Host-Betriebssystem zum Stillstand kommt. Hier muss der Hersteller noch nachbessern. Allerdings macht der NAT Daemon in Version 3.2 bereits eine viel bessere Figur als im Vorgänger. So war es im Test nicht mehr möglich, VMware mit vielen NAT-Verbindungen so auszulasten, dass der Rechner wie bei VMware 3.1 nur noch durch einen Reset wiederzubeleben war.
Unter Windows 2000 und ME kommt es zudem vor, dass nach einer gewissen Zeit keine Netzwerkzugriffe mehr möglich sind. Schuld hieran ist der Netzwerktreiber, der versucht, den Link Status, also den Status der Verbindung des Netzwerkkabels, festzustellen – ein Feature, das Microsoft "Media Sensing" nennt. Da ein virtuelles Netzwerk wie im Fall von VMware nicht aus Kabeln besteht, scheitert der Treiber hier oft. Die Lösung des Problems beschreibt VMware Inc. auf seinen Support-Seiten [4]: "Schalten Sie Media Sensing ab!" Für Windows ME geht dies über die Netzwerk-Konfiguration in der Systemsteuerung. Dort wählt man aus dem Kontextmenü des "TCP/IP -> AMD PCNET adapter"-Icons den Eintrag Eigenschaften an und entfernt das Kreuz in der Checkbox Verbindung zu Netzwerkmedien feststellen. Bei Windows 2000 bedarf es einer Registry-Änderung, die http://support.microsoft.com/default.aspx?scid=kb;de;Q239924 beschreibt.
Außer vorkompilierten Modulen für einige neuere Kernel und Bugfixes bietet die neue Version 3.2 der VMware Workstation nicht viel Neues für den Linux-Host-Rechner. Im Test liefen drei Gast-Betriebssysteme parallel auf einem Rechner, die den Athlon-1200-MHz-Prozessor nicht in die Knie zwangen. Dabei ließ sich mit allen Standard-Windows-Anwendungen problemlos arbeiten.
Die Stärken von VMware liegen großteils in der Linux-Host-Umgebung. So möchte man nach einer Zeit das Gefühl nicht mehr missen, nach einem Windows-Bluescreen einfach den Reset-Knopf anzuklicken und nebenbei dennoch E-Mails schreiben zu können.
Glossar
virtuellen Maschinen
Eine virtuelle Maschine gaukelt ihrem Gastbetriebssystem einen echten Rechner vor. Sie besteht unter VMware aus einer Umgebung emulierter Standard-PC-Komponenten. Dabei kann man dem Gastsystem Eigenschaften wie Arbeitsspeicher-Größe, Peripherie und Festplatten vorspiegeln, die die der tatsächlichen Hardware-Spezifikation unterschreiten.
Host-Rechner
Der VMware-Host-Rechner kann mehrere virtuelle Maschinen beheimaten. Der Begriff bedeutet, dass die Applikation VMware auf diesem Rechner ausgeführt wird.
RPM-basierten Distributionen
Linux-Distribution, die zur Verwaltung der eingespielten (und zu installierenden) Software das Paket-Format rpm ("Red Hat Package Manager") benutzt. Dazu zählen unter anderem SuSE, Mandrake und Red Hat Linux.
Header-Dateien
Eine Datei, die die Schnittstellenbeschreibung von (meist C- oder C++-) Funktionen enthält, nicht aber den dazugehörigen Code (die Implementierung). Soll ein Programm gegen externe Bibliotheken gelinkt werden, werden die entsprechenden Header-Dateien zwingend benötigt.
Dual-Boot-Installation
Sie liegt dann vor, wenn zwei Betriebssysteme auf einem Computer, jedoch auf verschiedenen Partitionen installiert wurden. Die Betriebssysteme können im Wechsel gebootet werden und greifen auf ihren eigenen Plattenplatz zu. Den Auswahl-Vorgang beim Rechnerstart realisiert ein Bootloader wie GRUB oder LILO.
ISO-Image
Das als Datei vorliegende Abbild einer CD können Sie mit
NAT Daemon
Ein VMware-Hilfsprogramm, dass den ausgehenden Netzwerk-Verkehr der virtuellen Maschinen nach dem Prinzip des Masquerading (einem Spezialfall von NAT, "Network Address Translation") umschreibt. Das bedeutet, dass Netzwerk-Pakete mit der IP-Adresse des Host-Betriebssystems versehen werden und die IP-Adresse des Gastbetriebssystems nicht nach außen gegeben wird.
Infos
[1] Hans-Georg Eßer: "Aller guten Dinge", LinuxUser 03/2002, S. 46 ff.
[2] Website von VMware, Inc.: http://www.vmware.com/
[3] Miriam Busch: "Eine IP-Adresse, bitte", LinuxUser 03/2002, S.32 ff.
[4] VMware-Support: http://www.vmware.com/support/ws3/ts/ws32ts_networking2.html#1015316