Ein Zeichentablet einzurichten, gehört zu den schwierigsten Aufgaben für Heimnutzer. Wie bei fast jedem Gerät gilt es dabei umso größere Klippen zu umschiffen, je neuer die Hardware ist. So auch bei der Bamboo-Serie von Wacom, deren neuestes Gerät Pen & Touch seit rund zwei Monaten auch unter Linux seinen Dienst verrichtet. Dieser Artikel gibt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für das Setup unter OpenSuse und Ubuntu.
Wacom Bamboo Pen & Touch einrichten
| Grundlegendes Setup | http://www.linux-community.de/artikel/22106 |
| Feinjustierung | http://www.linux-community.de/artikel/22125 |
| Einrichtung der Programme | http://www.linux-community.de/artikel/22135 |
Das Internet ist voll von Anleitungen zum Setup eines Grafiktabletts. Dummerweise befindet sich aber die komplette Infrastruktur im Umbruch – angefangen vom Eingabegerätesystem des Kernels, über HAL und den X-Server bis hin zum eigentlichen Wacom-Treiber. Auf dieser Großbaustelle den Überblick nicht zu verlieren, kostet einige Stunden Zeit.
Aktuell gibt es zwei Möglichkeiten, ein Wacom-Tablet in Betrieb zu nehmen. Der traditionelle Weg führt über das Kernel-Modul wacom.ko und ein paar Tools, die vom Linuxwacom-Projekt gepflegt werden und zurzeit in Version 0.8.8 zum Download zur Verfügung stehen. Dieser Weg setzt auf das veraltete HAL (Hardware Abstraction Layer) und funktioniert mit etwas älteren Distributionen und älterer Hardware weiterhin problemlos. Der Artikel verzichtet deshalb auf eine Beschreibung des traditionellen Setups.
Der neue Weg funktioniert über einen passenden X.org-Treiber und kommt ohne HAL aus, da der Hardware Abstraction Layer in aktuellen Distributionen nicht mehr zum Einsatz kommt. Aus dem alten Treiber benötigt er nur das Kernel-Modul, aber keine Tools. Das Pen & Touch von Wacom lässt sich nur über den neuen Weg installieren, der herkömmliche funktioniert nicht.
In beiden Fällen ist es neben dem eigentlichen Hardware-Setup notwendig, minimale Anpassungen an der X-Server-Konfiguration vorzunehmen. Bei älteren Distributionen trägt man dazu die benötigten Zeilen in die Konfigurationsdatei /etc/X11/xorg.conf ein. Aktuelle Distributionen verzichten auf diese Datei, hier tragen Sie Werte bei Bedarf in die Datei /etc/X11/xorg.conf.d/20-wacom.conf (OpenSuse) bzw. /usr/lib/X11/xorg.conf.d/50-wacom.conf ein. Die Zahl vor dem Dateinamen ist nicht relevant, sie bestimmt lediglich die Priorität, in der die Dateien eingelesen werden. In vielen Fällen genügt aber zum Setup eine Standarddatei, die mit allen Tablets klarkommt.
Zusätzlich zu den bisher geschilderten Einstellungen möchte man Stift, Radierer, Touchpad und so weiter in der Regel den eigenen Anforderungen anpassen. Dazu sind diverse Aufrufe des Befehl xsetwacom notwendig.
Am einfachsten gestaltet sich das Setup unter Ubuntu 10.04. Hier gibt es ein PPA mit sehr aktuellen Versionen des Kernel-Moduls und des Xorg-Treibers. Wer die aktuelle Ubuntu-Version Lucid benutzt, kommt somit mit folgenden drei Befehlen bereits ans Ziel und kann sich danach an den Abschnitt "Setup in Gimp" machen:
sudo add-apt-repository ppa:doctormo/wacom-plus sudo apt-get update sudo apt-get install wacom-dkms xserver-xorg-input-wacom
Für die folgenden Schritte benötigt man die grundlegenden Entwicklerwerkzeuge und X.org-Entwicklerpakete, die Header-Dateien des Kernels (oder die kompletten Kernelquellen) sowie einige weitere Entwicklerpakete. Erhalten Sie unter OpenSuse eine Fehlermeldung bezüglich der xorg-server Entwicklerpakete, dann beheben Sie dieses Problem über die Installation von xorg-x11-server-sdk. Treten innerhalb der Anleitung beim Kompilieren Probleme auf, helfen wir gerne über unser Forum auf der LinuxCommunity.
Das Bamboo Pen & Touch benötigt den neuen Xorg-Treiber aus dem aktuellen Entwicklerzweig sowie das Kernelmodul aus dem alten Wacom-Treiber. Den Xorg-Treiber lädt man sich nach der Installation von Git (Paket git-core) mit folgendem Befehl herunter:
git clone git://linuxwacom.git.sourceforge.net/gitroot/linuxwacom/xf86-input-wacom
Anschließend wechselt man ins neue Verzeichnis und gibt hier den Befehl ./autogen.sh --prefix=/usr ein. Benutzen Sie ein 64-Bit-System, dann muss der Befehl ./autogen.sh --prefix=/usr --libdir=/usr/lib64 lauten (das gilt auch für die folgenden Anleitungen). Auch hier treten eventuell einige Abhängigkeitsprobleme auf, die sich in der Regel über das Paketmanagement der Distribution lösen lassen (autoconf, dh-autoreconf). Autogen beklagt sich hingegen in jedem Fall über eine veraltetet Version der Xorg-Makros. Installieren Sie deshalb zunächst aus dem Quellcode die neueste Version von util-macros. Details dazu finden Sie im Kasten "Stolpersteine".
Läuft autogen.sh fehlerfrei durch, dann kompilieren und installieren Sie den Xorg-Treiber über make und sudo make install.
Jetzt benötigen Sie noch das Kernel-Modul wacom.ko. Laden Sie dazu die aktuelle Version (0.8.8-8) von der Linuxwacom-Projektseite herunter:
wget http://prdownloads.sourceforge.net/linuxwacom/linuxwacom-0.8.8-8.tar.bz2
Entpacken Sie den Tarball, wechseln Sie ins neue Verzeichnis und geben Sie hier den Befehl
./configure --enable-wacom --prefix=/usr
ein. Nachdem Sie den Xorg-Treiber problemlos kompilieren konnten, sollten hier keine Fehlermeldungen mehr auftreten. Rufen Sie nun make auf, aber keinesfalls make install! Der Make-Befehl erstellt das benötigte Kernelmodul, das Sie anschließend im Verzeichnis src/2.6.30 finden. Dieses Modul kopieren Sie nun an die richtige Stelle:
sudo cp ./src/2.6.30/wacom.ko /lib/modules/`uname -r`/kernel/drivers/input/tablet/
Anstelle des Befehls `uname -r` mit den Backquotes können Sie auch die Versionsnummer des benutzten Kernels eintragen, falls bekannt. Am besten aber den Befehl per Copy & Paste übernehmen. Jetzt müssen Sie noch die Liste der vorhandenen Kernelmodule auffrischen:
sudo depmod -a
Danach empfiehlt es sich, den Rechner neu zu starten. Achten Sie darauf, dass das Modul bei einem Kernel-Update neu gebaut werden muss, da es sonst nicht mehr zum neuen Kernel passt.
Stolpersteine
Beim Tablet-Setup gibt es zahlreiche Fehler-Möglichkeiten, die es zu vermeiden gilt. Wer bereits ein wenig herumexperimentiert hat und sich mit dem System nicht perfekt auskennt, versucht sein Glück deshalb am besten mit einer Neuinstallation. Wer es sich zutraut, ins System einzugreifen, kann hier ein paar Tipps bekommen.
Zunächst gilt es den grundlegenden Treiber zu überprüfen. So lange das Wacom-Kernelmodul beim Anschließen des Tablets nicht geladen wird, muss man sich um die weiteren Schritte gar nicht erst kümmern. Deshalb am besten den Rechner hochfahren, in einem Terminal den Befehl tailf /var/log/messages eingeben und beim Anschließen des USB-Steckers die Meldungen verfolgen. Diese sollten in etwa wie folgt aussehen (Wacom Pen & Touch):
input: Wacom BambooFun 2FG 4x5 Pen as /devices/pci0000:00/0000:00:1a.0/usb3/3-1/3-1:1.0/input/input6 input: Wacom BambooFun 2FG 4x5 Finger as /devices/pci0000:00/0000:00:1a.0/usb3/3-1/3-1:1.1/input/input7 usbcore: registered new interface driver wacom wacom: v1.52-pc-0.3:USB Wacom tablet driver
Um die Git-Version von xf86-input-wacom kompilieren zu können, benötigt man die neuesten Xorg-Makros (Paket util-macros). Diese gibt es unter http://xorg.freedesktop.org/archive/individual/util/. Aktuell ist Version 1.10, man benötigt mindestens 1.8. Beim ./configure-Aufruf unbedingt die Option --prefix=/usr angeben, danach gleich sudo make install ausführen.
Falls der Rechner das Tablet erkannt hat und das Kernelmodul lädt, aber die Ausgabe von xinput list keine Geräte anzeigt, dann stimmt der X.org-Treiber nicht mit dem installierten Treiber überein (Überreste einer alten Installation). In diesem Fall gibt ein Blick in die Log-Datei des X-Servers über less /var/log/Xorg.0.log weitere Informationen. Abhilfe schafft man normalerweisen, indem man den X.org-Treiber wacom_drv.so im Verzeichnis /usr/lib/xorg/modules/input mit der Version aus dem xf86-input-wacom-Quellcode überschreibt (zu finden unter ../src/.libs/).
Nach dem Neustart schließen Sie Ihr Zeichentablet an und überprüfen mit dem Befehl xinput list, ob das System die Wacom-Hardware erkannt hat. Die Ausgabe des Befehls sieht beim Pen & Touch in etwa wie folgt aus:
marcel@linux-2xpt:~> xinput list
⎡ Virtual core pointer id=2 [master pointer (3)]
⎜ ↳ Virtual core XTEST pointer id=4 [slave pointer (2)]
⎜ ↳ PIXART USB OPTICAL MOUSE id=9 [slave pointer (2)]
⎜ ↳ Wacom BambooFun 2FG 4x5 Pen eraser id=12 [slave pointer (2)]
⎜ ↳ Wacom BambooFun 2FG 4x5 Pen stylus id=13 [slave pointer (2)]
⎜ ↳ Wacom BambooFun 2FG 4x5 Finger pad id=14 [slave pointer (2)]
⎜ ↳ Wacom BambooFun 2FG 4x5 Finger touch id=15 [slave pointer (2)]
⎣ Virtual core keyboard id=3 [master keyboard (2)]
↳ Virtual core XTEST keyboard id=5 [slave keyboard (3)]
↳ Power Button id=6 [slave keyboard (3)]
↳ Video Bus id=7 [slave keyboard (3)]
↳ Power Button id=8 [slave keyboard (3)]
↳ Mitsumi Electric Apple Extended USB Keyboard id=10 [slave keyboard (3)]
↳ Mitsumi Electric Apple Extended USB Keyboard id=11 [slave keyboard (3)]Hat bislang alles geklappt, sind die größten Hürden bereits überstanden und Stift sowie Touchpad sollten sich in Gimp oder Inkscape nutzen lassen.
Obwohl sich der Stift nun bereits in Gimp nutzen lässt, lohnt es sich, noch einige Einstellungen vorzunehmen. Wählen Sie dazu in Gimp den Menüpunkt Bearbeiten | Einstellungen | Eingabegeräte und klicken Sie auf Erweiterte Eingabegeräte konfigurieren.
Hier finden Sie nun die vier Einträge für das Wacom-Tablet, von denen Sie den Pen (Stift) und den Eraser (Radierer) auf Bildschirm stellen sollten. Die Einstellungen für X, Y und Druck belassen Sie am besten bei den voreingestellten Werten. Möchten Sie in Gimp auch per Finger malen können, dann aktivieren Sie auch den Eintrag Finger für das Touchpad. Damit kommen Sie allerdings vermutlich der Maus ins Gehege (Abbildung 1).
Wer Ubuntu nutzt, kommt besonders einfach zu einem funktionierenden Wacom-Tablet. Mit etwas Ausdauer und Grundwissen lässt sich der Treiber auch unter anderen Distributionen installieren. Für die neuen Geräte und Distributionen ist es dabei besonders wichtig, sich nicht von den zahlreichen alten Beschreibungen im Internet irreführen zu lassen.
Der nächste Artikel zum Wacom-Tablet widmet sich dann den Themen: Buttons nutzen und Gesten, Feintuning des Tablets und des Stifts sowie Detailsetup unter Gimp und anderen freien Grafikprogrammen.
Infos
[1] Linuxwacom-Projekt (LWP): http://linuxwacom.sourceforge.net/
[2] Setup unter Ubuntu: http://ubuntuforums.org/showthread.php?t=1515562&