Regata OS: Linux-Distribution für Gamer

Aus LinuxUser 07/2024

Regata OS: Linux-Distribution für Gamer

© Computec Media GmbH

Verspielt

Regata OS möchte sich als Allrounder etablieren und dabei auch Gamer bedienen.

Linux gehört bislang nicht gerade zu den bevorzugten Plattformen für Gamer. Zwar gibt es auch für das freie Betriebssystem zahlreiche Spiele, aber die müssen sich Nutzer meist erst mühsam aus dem Internet zusammensuchen. Das aus Brasilien stammende Regata OS [1] bringt dagegen von Haus aus eine eigene integrierte Applikation für Spiele mit, die mit wenigen Mausklicks auch das Installieren kommerzieller Spiele ermöglicht.

Technisches

Das bereits seit mehreren Jahren kontinuierlich entwickelte Regata OS basiert auf OpenSuse und ist nicht als Rolling-Release-Distribution ausgelegt, sondern folgt festen Release-Zyklen. Das Projekt bietet es als hybrides, rund 3,6 GByte großes ISO-Abbild [2] für 64-Bit-PCs zum Download an. Zusätzlich gibt es noch ein 3,8 GByte großes ISO des Betriebssystems mit integriertem Nvidia-Grafikkartentreiber speziell für Rechner mit Grafikkarten dieses Herstellers. Eine Liste der unterstützten GPUs finden Sie direkt bei Nvidia [3].

Als Arbeitsumgebung kommt beim aktuellen Regata-Release wie schon bei den bisherigen Versionen KDE Plasma zum Einsatz. Als Basis des Systems dient ein Linux-Kernel in Version 6.8.2. Alle Kernkomponenten wie die Qt-Bibliotheken, das Init-System Systemd, die GNU Compiler Collection (GCC) und die Glibc-Bibliothek sind auf aktuellem Stand. Für die grafische Schnittstelle nutzt Regata OS nach wie vor den X.org-Server anstelle des neueren Grafiksystems Wayland.

Start frei!

Beim Start von DVD oder USB-Stick können Sie Regata OS lediglich in den Live-Modus hochfahren. Eine Option zur sofortigen Installation bietet das schlichte Grub-Boot-Menü nicht an. Nach dem Systemstart öffnet sich ein bunter, recht konventionell aufgebauter KDE-Plasma-Desktop mit einer Panel-Leiste am unteren Bildschirmrand und drei Icons auf der Arbeitsoberfläche. Über das Installations-Icon starten Sie das Einrichten des Systems auf dem Massenspeicher, ein Klick auf eines der beiden anderen Icons öffnet den Dateimanager beziehungsweise den Papierkorb.

Der Softwarebestand der Distribution fällt weniger konventionell aus als die Oberfläche. Neben den gängigen Plasma-spezifischen Anwendungen haben die Entwickler einige ungewöhnliche Applikationen eingepflegt. So finden Sie im Menü Office nicht wie üblich LibreOffice, sondern OnlyOffice Desktop Editors. Diese Bürosuite fällt vor allem durch eine sehr leicht zu nutzende und modern gestaltete Oberfläche auf, wobei sie ähnliche Funktionsmodule anbietet wie LibreOffice.

Relativ schlecht mit Applikationen bestückt erscheinen auf den ersten Blick die Untermenüs Games, Internet, Graphics und Multimedia. Die dort eingepflegten Anwendungen decken jedoch meist ein großes Funktionsspektrum ab und ersetzen daher gleich mehrere konventionelle Programme.

Seine OpenSuse-Abstammung kann Regata OS jedoch in den Applikationsmenüs nicht verleugnen: So findet sich im Untermenü System das vom Original her bekannte grafische Systemverwaltungswerkzeug YaST. An derselben Stelle liegt auch ein Starter für den YaST Software Manager, ein grafisches Frontend für die RPM-Paketverwaltung.

Redundanz

Etwas aus dem Rahmen fallen die zahlreichen Möglichkeiten, zusätzliche Software in das Betriebssystem zu integrieren. So offeriert Regata OS neben dem Softwaremanager YaST noch einen eigenen App-Store. Zusätzlich gliedert es aus YaST den Einstellungsdialog für die nutzbaren Software-Repositories aus und implementiert einen Regata-Update-Manager als eigene Anwendung.

Speziell für die Verwendung von Spielen finden Sie darüber hinaus den Starter Regata**OS Game Access. Diese Anwendung ermöglicht das Nutzen von Windows-Spielen unter Regata OS, wobei die Auswahl dank einer optisch schön gestalteten Oberfläche leichtfällt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Auch Spiele von anderen Plattformen können Sie mit Regata OS nutzen.

Abbildung 1: Auch Spiele von anderen Plattformen können Sie mit Regata OS nutzen.

Installation

Aus dem Live-System heraus installieren Sie das OpenSuse-Derivat mithilfe des entsprechenden Starters auf der Arbeitsoberfläche bequem auf einem Massenspeicher. Regata OS nutzt dazu ein optisch angepasstes Calamares. Im Untermenü System ist der Assistent zusätzlich gleich zweimal eingepflegt, wobei es sich jedoch beide Male um dieselbe Software handelt.

Calamares bietet im Vergleich zu anderen gängigen grafischen Installationsroutinen in den aktuellen Versionen einige Schmankerl: So erlaubt der Partitionierungsdialog nicht nur, auf eine Swap-Partition zu verzichten, sondern packt auf Wunsch auch nach dem Setzen eines Häkchens das System verschlüsselt auf den Massenspeicher.

Bei der Erstinstallation wird kein Benutzer angelegt, sodass nach dem ersten Neustart erneut automatisch Calamares zur Konfiguration startet. Sie müssen nun nochmals die Lokalisierung anpassen und können im weiteren Verlauf auch ein Benutzerkonto anlegen. Danach erledigt Calamares die restliche Konfiguration und stößt automatisch einen Reboot an. Nach dem ersten Hochfahren des fertig konfigurierten Systems startet ebenso automatisch die Aktualisierungsroutine und es erscheinen entsprechende Meldungen auf dem Desktop.

Manuelle Updates

Klicken Sie auf das Update-Icon rechts unten in der Panel-Leiste, dann öffnet sich die Oberfläche des Update-Dialogs von Regata OS (Abbildung 2) und Sie sehen die Anzahl der vorhandenen Aktualisierungen. Die automatische Aktualisierung ist zunächst deaktiviert. Klicken Sie rechts neben der Anzahl der erneuerbaren Pakete auf den Schalter Update, um sie ins System zu integrieren.

Abbildung 2: Regata OS kommt mit einem eigenen Update-Assistenten.

Abbildung 2: Regata OS kommt mit einem eigenen Update-Assistenten.

Während einer Aktualisierung blendet die Anwendung eine Fortschrittsanzeige ein. Nach Abschluss des Prozesses schließen Sie das Fenster. Das System ist nun auf dem aktuellen Stand und einsatzbereit.

Ein Blick in die Repositories mithilfe der Software Repositories von YaST im Menü System zeigt, dass zusätzlich zu den OpenSuse-Leap-Softwarearchiven auch mehrere Repositories von Regata OS freigeschaltet sind. Sie enthalten primär Multimediaanwendungen, zusätzlich aktiviert das System einige Sammlungen mit Spielesoftware. Insgesamt stehen damit mehr Pakete zur Verfügung als unter OpenSuse Leap.

Regata OS Store

Der Regata OS Store fällt vor allem durch zahlreiche Anwendungen auf, die sich üblicherweise nicht in gängigen App-Stores finden (Abbildung 3). So können Sie direkt aus dem grafischen Frontend heraus das chinesische WPS Office oder das exotische FreeOffice installieren, daneben stehen Clients für Dropbox und Slack zur Verfügung.

Abbildung 3: Der App-Store kommt mit vielen ungewöhnlichen Anwendungen.

Abbildung 3: Der App-Store kommt mit vielen ungewöhnlichen Anwendungen.

Vor allem im Bereich des kollaborativen Arbeitens zeigt sich das systemeigene Repository bestens ausgestattet, aber auch unterschiedlichste Video- und Messaging-Anwendungen lassen sich mit wenigen Mausklicks in das brasilianische Linux-Derivat einbinden. Dadurch lässt sich Regata OS zur vielseitigen Plattform für die tägliche Büroarbeit ausbauen.

Ausgewählte Applikationen installieren Sie per Mausklick auf die Schaltfläche Install. Die Software zeigt dabei unten links im Fenster den Fortschritt des Vorgangs an und meldet auch dessen erfolgreichen Abschluss.

Gaming

Um Zugriff auf den umfangreichen Fundus an Spielen zu erlangen, klicken Sie unten links in der Panel-Leiste auf den Starter Regata**OS Game Access. Das sich daraufhin öffnende Fenster folgt einer optisch ähnlichen Gestaltung wie ein konventioneller App-Store. Die dort gelisteten Spiele sind jedoch an entsprechende kommerzielle Plattformen gebunden und setzen zum Teil auch ein Konto beim jeweiligen Anbieter voraus.

Bei manchen Games müssen Sie zusätzlich noch herstellereigene Anwendungen und Softwarekomponenten zur Gewährleistung ausreichender Performance installieren, bevor Sie ein Spiel aus dem Internet vom jeweiligen Anbieter herunterladen. Die entsprechende Routine bindet entsprechende Abhängigkeiten jedoch automatisiert ein. Dank einer Kompatibilitätsschicht lassen sich damit auch Spiele nutzen, die eigentlich für andere Betriebssysteme konzipiert wurden.

Anpassungen

Zahlreiche Spiele benötigen für ein flüssiges Spielerlebnis spezifische Einstellungen für CPU und GPU des Host-Rechners. Die Anwendung Regata**OS Game Access lädt dazu bei Bedarf einzelne Applikationen wie AMD FSR nach oder die Vulkan-Graphics-API, um optimierte Grafikleistungen zu erzielen.

Darüber hinaus können Sie selbst Hardwareeinstellungen anpassen, sofern Ihr System über die entsprechenden Komponenten verfügt. Dazu dient die vorinstallierte Anwendung Max-Q (Abbildung 4). Mit ihrer Hilfe nehmen Sie verschiedene Anpassungen für die CPU vor und passen die Settings für die Grafikkarte an, sofern Sie eine dedizierte GPU in Ihrem System verwenden.

Abbildung 4: Mit Max-Q konfigurieren und überwachen Sie die CPU und GPU Ihres Computers.

Abbildung 4: Mit Max-Q konfigurieren und überwachen Sie die CPU und GPU Ihres Computers.

Daneben enthält die Software auch ein Modul zum Monitoring, das grafisch in Echtzeit die Auslastung von GPU, VRAM, CPU und RAM sowie die Temperaturen des Haupt- und des Grafikprozessors anzeigt. Diese Funktion setzt jedoch entsprechende Sensoren zum Messen dieser Werte voraus.

Ressourcenbedarf

Aufgrund der Ausrichtung auf ressourcenintensive Anwendungen wie Spiele benötigt Regata OS deutlich leistungsfähigere Hardware als herkömmliche Linux-Distributionen. Lediglich Anwender, die das System als Allrounder verwenden möchten und dabei keine Spiele nutzen, können sich über einen moderaten Leistungsbedarf freuen.

Der Ressourcenverbrauch hängt zudem von der verwendeten Hardware ab: Ist ein dedizierter Grafikadapter im Computer verbaut, stellt das OpenSuse-Derivat höhere Anforderungen als bei Arbeitsplatzrechnern mit einer integrierten, weniger leistungsfähigen Intel-Grafikkarte. Die CPU-Last fällt bei modernen Computersystemen im Leerlauf moderat aus, auch den Arbeitsspeicher belastet Regata OS nicht übermäßig.

Generell lässt sich feststellen, dass Regata OS aufgrund der integrierten Spieleplattformen bereits ohne zusätzlich installierte Anwendungen zwischen 16 und 30 GByte Massenspeicherkapazität beansprucht. Zweikernprozessoren gelangen zudem mit dem OpenSuse-Derivat schnell an ihre Leistungsgrenzen: Die Auslastung beträgt bereits im Leerlauf rund 80 Prozent. Regata OS eignet sich daher primär für Maschinen mit vier oder mehr Prozessorkernen.

Fazit

Mit Regata OS ist den brasilianischen Entwicklern ein großer Wurf gelungen. Durch pfiffige Anwendungen wie die Installationsroutine für kommerzielle Spieleplattformen kann Linux nun auch mit den proprietären Lösungen mithalten, die bislang den Spielemarkt dominieren. Aber auch die Software-Repositories für konventionelle Büroanwendungen können sich sehen lassen: Mit ihrer Hilfe bauen Sie das OpenSuse-Derivat schnell zu einem universell einsetzbaren System für den Arbeitsplatz aus, das weder beim kollaborativen Arbeiten noch bei der Kommunikation über verschiedenste Kanäle Wünsche offenlässt. Lediglich der hohe Kapazitätsbedarf auf den Massenspeichern trübt hier das Bild. Da könnte etwas mehr Feinschliff nicht schaden. (jlu)

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