Devuan-Derivat Exe GNU/Linux im Kurztest

Aus LinuxUser 11/2023

Devuan-Derivat Exe GNU/Linux im Kurztest

© Stuart Porter / 123RF.com

Schlank und flink

Gängige Linux-Distributionen gibt es meist nur noch für 64-Bit-PCs. Das schlanke Exe GNU/Linux macht eine Ausnahme und bietet auch eine 32-Bit-Variante an.

Großbritannien gilt nicht gerade als Mekka für Enthusiasten freier Software. Doch mit dem bereits seit mehr als zehn Jahren in der Entwicklung befindlichen Exe GNU/Linux [1] kommt aus dem Süden der Insel eine in vieler Hinsicht außergewöhnliche Linux-Distribution, die durchaus Beachtung verdient. Sie basiert in ihrer neuesten Version auf Devuan, einem Debian-Abkömmling ohne den Sitzungs- und Systemmanager Systemd. Es setzt stattdessen nach wie vor entweder auf das ältere SysVinit oder Runit als Init-System. Exe GNU/Linux startet zunächst als reines Live-System von optischen wie auch USB-Speichermedien. Aus dem gestarteten System heraus nehmen Sie bei Bedarf eine Installation vor.

Das britische Devuan-Derivat richtet sich primär an Nutzer, die einen soliden Allrounder suchen, wobei das Betriebssystem sowohl in einer Variante für aktuelle 64-Bit-Hardware als auch in einer 32-Bit-Version bereitsteht. Anders als die neueste Variante von Debian kommt das britische Linux-Derivat jedoch ohne proprietäre Firmware-Blobs, sodass sich manche Hardwarekomponenten nicht sofort nach dem Hochfahren und der Installation ansprechen lassen. Da der Fokus der Entwicklung des Systems auf dem ressourcenschonenden Umgang mit der Hardware liegt, fallen die ISO-Abbilder [2] entsprechend klein aus: Die 64-Bit-Version schlägt mit lediglich 935 MByte Umfang zu Buche, das 32-Bit-Image kommt mit gut 900 MByte aus.

Auch bei der Arbeitsumgebung geht das britische System eigene Wege: Anstelle der inzwischen recht leistungshungrigen gängigen Arbeitsoberflächen wie KDE Plasma, Gnome oder auch XFCE setzt die Distribution voreingestellt auf den Trinity-Desktop [3]. Er basiert auf dem bereits recht betagten KDE 3, allerdings technisch und optisch modernisiert. Für Anwender, die eine weniger detailliert konfigurierbare Arbeitsoberfläche bevorzugen, liefern die Entwickler die ebenfalls recht schlanke LXDE-Arbeitsumgebung mit.

Erster Start

Nach dem Herunterladen des ISO-Abbilds und dessen Transfer auf ein unterstütztes Speichermedium gelangen Sie beim ersten Start in ein Grub-Menü, das zahlreiche Optionen für das Hochfahren des Systems anbietet. Darunter sind auch die Sprachvarianten für die US-amerikanische, englische und spanische Lokalisierung, jedoch nicht für die deutsche.

Via [F4] gelangen Sie in ein Auswahlmenü für die Tastaturbelegung, in dem Sie zumindest das deutsche Tastaturlayout einstellen. Es wird sofort aktiviert und steht damit auch auf dem nach kurzer Zeit erscheinenden Trinity-Desktop bereit (Abbildung 1). Alternativ klicken Sie im gestarteten System unten rechts in der Panel-Leiste mehrere Male auf die dort angezeigte Landesflagge, bis die deutsche erscheint. Damit schalten Sie die Tastaturbelegung ebenfalls auf das deutsche Layout um.

Abbildung 1: Der Trinity-Desktop zeigt sich durchaus runderneuert.

Abbildung 1: Der Trinity-Desktop zeigt sich durchaus runderneuert.

Die Trinity-Arbeitsumgebung in der aktuellen Version 14.1.0 kann ihre Wurzeln nicht verleugnen: Die Icons und auch Menüs sind nahezu identisch zu denen des KDE-3-Desktops, auch die Fensterdarstellung und die Panel-Leiste am unteren Bildschirmrand erinnern optisch an längst vergangene Zeiten.

Dafür bringt das Devuan-Derivat im aktuellen Release vom 25.08.2023 neueste Software mit: Den Unterbau stellt der recht aktuelle Linux-Kernel in Version 6.1.0, an Standardanwendungen sind Firefox in der ESR-Version 102.14.0 und die Bildbearbeitung Gimp 2.10.34 an Bord. Die freie Scanner-Software Xsane ist in der Variante 0.999 mit dabei. Neben diversen TDE-eigenen kleinen Applikationen – sie entsprechen weitgehend jenen von KDE 3 – ergänzen zahlreiche unabhängig entwickelte Programme wie Gparted und der Midnight Commander die Arbeitsumgebung.

Die Softwareauswahl weist allerdings Lücken auf: Es fehlen beispielsweise die Bürosuite LibreOffice, der E-Mail-Client Thunderbird sowie der Multimediaplayer VLC.

Installation

Der im Live-Modus angebotene Desktop-Starter ExeGNU Installer funktioniert derzeit nicht. Zur Installation des Systems rufen Sie stattdessen im Terminal mit dem Befehl sudo exegnu-installer den Installer auf. Ein Passwort benötigen Sie dafür nicht.

Nach Eingabe des Befehls öffnet sich der grafische Installationsassistent, der zunächst auf die Neupartitionierung des Massenspeichers verweist und dazu Gparted startet. Das Devuan-Derivat benötigt eine primäre Ext4-Partition mit mindestens 4 GByte Kapazität sowie eine Swap-Partition. Möchten Sie viele zusätzliche Programme nutzen, sollte die Systempartition jedoch mindestens 20 GByte groß ausfallen.

Nach dem Vorbereiten des Speichermediums mit Gparted legen Sie in der Installationsroutine die Zielpartitionen fest, danach folgen der Host-Name und ein Benutzer. Im nächsten Schritt geben Sie ein Root-Passwort ein, danach wählen Sie die korrekte Zeitzone aus und geben den Installationsort für den Grub-Bootloader an. Der Installer blendet nun eine Übersicht aller auszuführenden Schritte ein. Sobald Sie sie bestätigen, beginnt die eigentliche Installation. Sie läuft komplett im Terminal ab, sodass sich lediglich das Entpacken der einzelnen Pakete nachvollziehen lässt. Zu guter Letzt fordert der Assistent Sie auf, das System neu zu starten. Sie landen dann in einem schmucklosen Grub-Boot-Menü, das noch auf Devuan als zu startendes System verweist.

Nach dem ersten Hochfahren finden Sie denselben Desktop vor wie im Live-Modus, bei identischer Softwareausstattung. Allerdings hat das System nach der Installation die Tastaturbelegung wieder auf das englische Layout eingestellt. Daher öffnen Sie als Erstes im Menü Trinity Control Center | Regional**&**Accessibility den Eintrag Keyboard Layout und bewegen rechts im Segment Active layouts die deutsche Landesflagge an die erste Stelle (Abbildung 2). Nach einem Klick auf Apply und anschließend auf OK speichert das System diese Einstellung. Sie bleibt nun auch über Neustarts hinweg erhalten.

Abbildung 2: Die deutsche Tastaturbelegung sichern Sie in einem komfortablen grafischen Dialog.

Abbildung 2: Die deutsche Tastaturbelegung sichern Sie in einem komfortablen grafischen Dialog.

Kinderkrankheiten

Da der Distribution ein eigener App-Store fehlt, greifen Sie auf Synaptic als grafisches Frontend für die Installation von Zusatzpaketen zurück. Nach dem Einbinden der Devuan-Paketquellen stehen Ihnen über 65 000 Pakete zur Verfügung.

Hier gibt es allerdings noch einen Bug: Wie der Installer lässt sich auch Synaptic nur im Terminal nutzen, da der entsprechende Starter im TDE-Menü das bei der Installation hinterlegte Root-Passwort nicht akzeptiert. Über das Kommando sudo synaptic und anschließende Eingabe des Root-Passworts lässt sich das grafische Frontend jedoch wie gewohnt nutzen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Einige Routinen funktionieren noch nicht, darunter der Aufruf von Synaptic über den dafür vorgesehenen Starter.

Abbildung 3: Einige Routinen funktionieren noch nicht, darunter der Aufruf von Synaptic über den dafür vorgesehenen Starter.

Sichern

Dank der Integration verschiedener Tools aus dem Devuan-Derivat Refracta lässt sich die aktuelle Installation komplett als Live-System auf einen USB-Speicherstick transferieren. Dabei bleiben zeitaufwendige Anpassungen erhalten, und Sie müssen auch nachträglich installierte Programme nicht erneut installieren. Das entsprechende Werkzeug Refracta2usb rufen Sie am Prompt mit dem Befehl sudo refracta2usb auf. Es öffnet sich ein grafischer Assistent, der Sie in wenigen Schritten zu einem vollständig auf dem USB-Stick gesicherten Betriebssystem führt (Abbildung 4).

Abbildung 4: Mithilfe des Werkzeugs Refracta sichern Sie Ihr laufendes System auf einem USB-Stick.

Abbildung 4: Mithilfe des Werkzeugs Refracta sichern Sie Ihr laufendes System auf einem USB-Stick.

Proprietär

Im Gegensatz zu Debian, das seine diesbezügliche Politik vor Kurzem umgestellt hat, integriert Devuan von Hause aus nach wie vor keine proprietären Firmware-Blobs. Ohne diese unfreien Bestandteile lassen sich jedoch zahlreiche Komponenten, vor allem einige WLAN- und die meisten WWAN-Boards, aber auch viele Grafikkarten – nicht in vollem Umfang verwenden und in einigen Fällen noch nicht einmal ansprechen. Je nach vorhandener Hardware binden Sie die benötigte Firmware auf unterschiedliche Art ins System ein; die Debian-Dokumentation [4] leistet die dafür notwendige Hilfestellung.

Ressourcenwunder

Exe GNU/Linux richtet sich explizit auch an Anwender, die ältere Hardware mit begrenzten Ressourcen nutzen und daher ein schlankes Betriebssystem benötigen. Der Systemmonitor des Devuan-Derivats weist im Leerlauf nach dem Start tatsächlich nur eine RAM-Belegung von rund 550 MByte auf. Öffnen Sie mehrere große Standard-Anwendungen wie LibreOffice, Firefox und VLC gleichzeitig, steigt die Auslastung auf gerade einmal knapp 1,5 GByte an (Abbildung 5).

Abbildung 5: Vorbildlich sparsam geht Exe GNU/Linux mit den vorhandenen Ressourcen um.

Abbildung 5: Vorbildlich sparsam geht Exe GNU/Linux mit den vorhandenen Ressourcen um.

Mit diesen Werten unterbietet das schlanke System sogar gängige Systeme wie Ubuntu oder Fedora mit XFCE- oder Gnome als Arbeitsumgebung. Zusätzlich sticht die geringe Prozessorlast ins Auge. Lediglich bei systemlastigen Tätigkeiten wie dem Starten von Programmen treten bei betagten Rechnern mit Dual-Core-Prozessoren kurzzeitig höhere Werte auf. Einem Einsatz des gertenschlanken Devuan-Derivats auf älteren Rechnern mit lediglich 2 GByte Arbeitsspeicher und einer Zweikern-CPU steht damit nichts im Weg.

Fazit

Exe GNU/Linux bietet insbesondere Nutzern mit älterer Hardware, die einen schlanken Allrounder suchen, eine interessante Alternative zum Einheitsbrei der Ubuntu- und Arch-Linux-Derivate. Aber auch Anwender mit aktuelleren Systemen kommen mit der Distribution voll auf ihre Kosten.

Allerdings kämpft das System nach der Umstellung von Debian auf Devuan als Basis noch mit einigen Kinderkrankheiten, die die Entwickler schleunigst beheben sollten, um Exe GNU/Linux eine weitere Verbreitung zu ermöglichen. Tote Starter und Bugs in den Authentifizierungsroutinen erschweren es derzeit vor allem Anfängern, das System flüssig zu nutzen. Sind diese Probleme einmal beseitigt, bietet das ressourcenschonende System eine echte Alternative zu den ausgewachsenen Platzhirschen. (tle/jlu)

Infos

  1. Exe GNU/Linux: https://exegnulinux.net

  2. Exe GNU/Linux herunterladen: https://sourceforge.net/projects/exegnulinux/files/iso/

  3. Trinity-Desktop: https://www.trinitydesktop.org

  4. Debian-Dokumentation zu Firmware: https://wiki.debian.org/Firmware

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