Exton Defender SRS versucht den Spagat zwischen einem Rettungssystem und einem Allround-Desktop.
Mehrere Hundert Distributionen buhlen um die Gunst der Nutzer. Zahlreiche der Linux-Derivate basieren dabei auf gängigen Systemen wie Debian, Ubuntu und neuerdings auch Arch Linux. Sie spezialisieren sich häufig auf bestimmte Einsatzzwecke.
Das in Schweden von dem Entwickler Arne Exton zusammengestellte Exton Linux (https://linux.exton.net) fällt hier etwas aus dem Rahmen: Das System integriert Software aus 17 unterschiedlichen Distributionen. Daneben gibt es zwei Abbilder, die auf Android und Chromium OS basieren. Auch den Raspberry Pi hat Exton nicht vergessen: Für die diversen Modellgenerationen stehen insgesamt fünf Abbilder zum Herunterladen bereit.
Datenrettung
Die Defender-SRS-Variante (“Super Rescue System”) basiert auf dem Rawhide-Entwicklungszweig von Fedora, derzeit also auf F38. Als primärer Desktop kommt die von Gnome abgewandelte Cinnamon-Arbeitsumgebung zum Einsatz. Alternativ steht auch eine Variante mit dem ebenfalls sehr eingängigen Deepin-Desktop bereit.
Der Hauptzweck von Exton Defender SRS besteht darin, beschädigte Betriebssysteme zu reparieren. Das Fedora-Derivat lässt sich jedoch auch problemlos in einen vollwertigen Allrounder für die tägliche Arbeit am Computer verwandeln. Die beiden Abbilder kommen als installierbares Live-System daher.
Erster Eindruck
Exton Defender SRS öffnet nach dem Live-Start zunächst ein Grub-Boot-Menü mit einem leuchtend bunten Hintergrund und zwei Boot-Optionen. Der Standard-Boot-Prozess startet einen eleganten Cinnamon-Desktop mit geschickter Farbauswahl und kontrastreichen Icons.
In der Panel-Leiste am unteren Bildschirmrand finden sich links zahlreiche Programmstarter für häufig genutzte Anwendungen. Das Startmenü folgt der üblichen Struktur, nur der Eintrag Administration fällt aus dem Rahmen. Darin versammeln sich zahlreiche Werkzeuge zur Systemadministration und Fehlerbehebung. Dabei fallen vor allem das Festplattenwerkzeug Gparted und der Grub Customizer auf, der zum Anpassen des Boot-Managers Grub dient. Ein Blick in die einzelnen Untermenüs fördert viele Anwendungen aus anderen Arbeitsumgebungen zutage, aber auch unabhängig entwickelte Werkzeuge und Apps.
Auffallend ist der geringe Softwarebestand im Menü Office: Es enthält lediglich den Gnome Calendar, gängige Office-Programme wie LibreOffice oder ein PDF-Viewer fehlen. Auch in anderen Menüs fällt die Liste der vorinstallierten Anwendungen übersichtlich aus: Internet enthält lediglich den Webbrowser Firefox, den Chat-Client Hexchat und den Bittorrent-Client Transmission. Das Untermenü Grafik wartet mit der Bildbearbeitung Gimp und einem vom Mate-Desktop entlehnten Bildbetrachter auf (Abbildung 1).
Unter der Haube ist das Fedora-Derivat auf dem aktuellen Stand: Exton Defender SRS kommt mit einem Kernel der 6.2er-Serie, Cinnamon 5.6.5, GCC 13.0.1 und aktuellen Bibliotheken der GTK-Zweige 2, 3 und 4. Systemd liegt in der neuen Version 253 vor, Grub in Release 2.06.
Installation
Eine Installation von Exton Defender SRS empfiehlt sich vor allem dann, wenn Sie das System als Allrounder für den täglichen Bedarf nutzen möchten. Dazu bringt die Distribution auf dem Desktop den Starter Install to Hard Drive mit. Dahinter verbirgt sich der Fedora-Installer Anaconda, der Sie in wenigen Schritten durch die Installation führt (Abbildung 2).
Nach der Systemeinrichtung samt Reboot gelangen Sie erneut in den Cinnamon-Desktop, bei identischer Softwareauswahl wie im Live-System. Lediglich das Menü Administration nennt sich jetzt Systemverwaltung.
Am Prompt
Für den Start über die Kommandozeile stehen diverse weitere Programme zur Verfügung. Dazu gehören etwa der Ncurses-basierte Midnight Commander sowie Photorec, ein Programm zum Rekonstruieren versehentlich gelöschter Datenbestände. Testdisk dient zum Wiederherstellen gelöschter Partitionen, mit Ddrescue erhalten Sie ein weiteres Terminalprogramm zur Systemwiederherstellung. Safecopy rekonstruiert ebenfalls Daten, anders als etwa Ddrescue jedoch sektorweise. Das Programm unterstützt nicht nur Festplatten, sondern auch Bandmedien und optische Datenträger.
Für die Arbeit mit Dateien und Partitionen, die Sie unwiderruflich löschen möchten, befindet sich das Werkzeug Shred im Lieferumfang. Es überschreibt entsprechende Bereiche oder Device-Dateien auf Massenspeichern mit unterschiedlichen Bytefolgen, sodass sich die ursprünglichen Inhalte selbst mit forensischen Mitteln nicht mehr rekonstruieren lassen. Mit dem Terminal-Tool Sfdisk partitionieren Sie blockorientierte Geräte jeder Art. Es unterstützt verschiedene Methoden der Plattenaufteilung, wobei für PCs mit MBR und GPT beide wichtigen Partitionierungsschemen zur Verfügung stehen.
Zum Sichern unproblematischer Datenbestände bringt das schwedische Fedora-Derivat die Terminalprogramme Rsync und Fsarchiver mit. Während Sie mit Ersterem Daten zwischen verschiedenen Medien synchronisieren, beschäftigt sich Letzteres mit dem Erstellen von Snapshots von kompletten Laufwerken oder Partitionen. Fsarchiver unterstützt dabei nicht nur verschiedenste Dateisysteme, sondern komprimiert die Daten auch, sodass diese für die Sicherungen weniger Speicherplatz benötigen. Die generierten Archive lassen sich bei Bedarf in kleinere Dateien aufteilen, und die Software kann unter bestimmten Umständen sogar beschädigte Archive wieder rekonstruieren.
Allrounder
Für den Einsatz als Allrounder gilt es, zusätzliche Software aufzuspielen. Zwar bringt Exton Defender SRS bereits die Bildbearbeitung Gimp und den Webbrowser Firefox mit, es fehlen jedoch ein E-Mail-Client, eine Bürosuite, ein PDF-Viewer sowie der Mediaplayer VLC.
Vor allem bei Multimediaprogrammen wirkt die vorhandene Softwareauswahl inkonsistent: Mit MPV und Parole sind zwei Abspielprogramme vorhanden, die teils dieselben Formate unterstützen, aber ganz unterschiedliche Bedienkonzepte verfolgen. Hier wäre der Ersatz beider Anwendungen durch den ressourcenschonenden VLC-Player sinnvoll. Auch ein Ripping-Programm wie Handbrake sowie ein Editor für Audiodateien wie Audacity fehlen. Diese Applikationen stehen jedoch allesamt in den Repositories zur Installation bereit.
Paketverwaltung
Fedora verwendet auf der Kommandozeile die weniger bekannte Paketverwaltung DNF, seit Fedora 27 ergänzt durch das grafische Frontend Dnfdragora. Das orientiert sich optisch wie funktional an Synaptic, dem grafischen Frontend für APT. In Exton Defender SRS finden Sie im Untermenü Systemverwaltung zwei Einträge für die Paketverwaltung: dnfdragora öffnet das grafische Frontend zur Installation von Programmen, dnfdragora-updater dient zur Systemaktualisierung.
Die Aktualisierungsverwaltung agiert ähnlich wie bei Ubuntu oder Linux Mint im Hintergrund und zeigt beim Start des Computers die Anzahl vorhandener und installierbarer Updates an. Der Starter im Menü führt das Update manuell aus. Die Aktualisierungsverwaltung legt zudem ein Icon im System-Tray der Panel-Leiste ab. Dieser Starter öffnet bei einem Rechtsklick darauf ein Kontextmenü, das nicht nur das manuelle Aktualisieren des Systems gestattet, sondern auch die Suche nach Updates und das Öffnen der Dnfdragora-Oberfläche (Abbildung 3).
Dnfdragora übernimmt, ähnlich wie Synaptic, auch das Verwalten der Software-Repositories. Ein App Store, wie ihn inzwischen viele Distributionen mitbringen, fehlt bislang. Das Gnome Software Center lässt sich jedoch bei Bedarf nachinstallieren.
Ressourcen
Exton Defender SRS kommt dank des relativ genügsamen Cinnamon-Desktops mit rund 1,2 GByte Hauptspeicher aus (Abbildung 4). Im Test mit einer älteren Zweikern-CPU fiel jedoch eine überdurchschnittliche Belastung des Prozessors auf. Diese ließ sich der Cinnamon-Arbeitsoberfläche und dem geöffneten Gnome-Systemmonitor zuordnen. Man kann also davon ausgehen, dass sich die Belastung bei geschlossenem Systemmonitor deutlich verringert.

Abbildung 4: Exton Defender SRS eignet sich auch für den Einsatz auf älteren Maschinen, setzt jedoch ausreichend RAM und eine genügend starke CPU voraus.
Selbst nach dem Öffnen mehrerer umfangreicher Applikationen wie LibreOffice, Gimp und Firefox bleibt die Arbeitsspeicherbelegung meist unter 2 GByte. Exton Defender SRS lässt sich daher auch auf älteren Rechnern mit 4 GByte RAM produktiv einsetzen.
Fazit
Exton Linux macht in der Rettungsvariante Defender SRS einen durchgängig guten Eindruck. Das System arbeitet stabil und bringt einen ordentlichen Fundus an Werkzeugen zur Datenrettung und forensischen Untersuchung von beschädigten oder gelöschten Speichermedien mit. Da es sich bei vielen davon um Terminalprogramme handelt, würde eine bessere Übersicht über die vorhandenen Anwendungen weniger versierten Administratoren den Umgang mit der Distribution im Falle einer Havarie erleichtern.
Trotz des Schwerpunkts Datenrettung lässt sich Exton Defender SRS auch als vollwertiges Betriebssystem für den Desktop verwenden. Dann gilt es jedoch, entsprechende Applikationen für den täglichen Einsatz nachzuinstallieren. Die Distribution lässt sich dank der dafür bereitgestellten grafischen Frontends ohne großen Zeitaufwand problemlos nachrüsten und anpassen. Damit eignet sich Exton Defender SRS auch für Anwender, die weniger mit der Rettung von Datenbeständen zu tun haben, sondern abseits vom Mainstream eine Allround-Distro für die tägliche Arbeit suchen. (tle)








