Leichtgewichtige Debian-Distribution mit Plasma-Desktop

Aus LinuxUser 11/2022

Leichtgewichtige Debian-Distribution mit Plasma-Desktop

© Computec Media GmbH

Klein, aber stark

Titan Linux setzt auf Debian Stable und installiert einen minimalen, jedoch vollwertigen Plasma-Desktop.

Sieht man sich an, welches Linux-Derivat im Lauf der Jahre die meisten Ableger hervorbrachte, liegt Debian mit großem Abstand vor Arch Linux und dem Rest der Distributionen. Es zeichnet als Grundlage für mehr als 400 der insgesamt über 1000 seit den 1990er-Jahren erstellten Linux-Ableger verantwortlich. Zu den derzeit noch aktiven rund 120 Debian-Derivaten kamen im April zwei weitere hinzu. Wir sehen uns in diesem Artikel zunächst Titan Linux an [1], ein Blick auf SpiralLinux [2] folgt in einem der nächsten Hefte.

Titan Linux bringt gute Erbanlagen mit, basiert es doch auf Debian GNU/Linux 11.4 “Bullseye” und dem KDE Plasma-Desktop in Version 5.20.5. Während Debian als Garant für ein sehr stabiles System gilt, ist der Plasma-Desktop derzeit eine der am besten ausgestatteten, skalierbaren und anpassbaren Desktop-Umgebungen und bildet damit eine perfekte Ergänzung.

Schlankheitskur

Vor einigen Jahren stand der KDE-Desktop noch im Ruf eines wahren Schwergewichts, heute eignet er sich dank Modularisierung auch für leichtgewichtige Installationen – und genau das ist auch der Anspruch von Titan Linux. Besitzen Sie einen älteren Computer mit wenig Hardwareressourcen oder wünschen sich einfach nur ein abgespecktes, schnelles und leichtgewichtiges System, dann finden Sie in Titan Linux vielleicht die richtige Lösung. Aber auch dem Einsatz auf einem modernen Rechner steht nichts im Wege.

Das aktuelle Titan Linux 1.2.1 “Cronus” laden Sie als ISO-Abbild mit rund 2,7 GByte Umfang direkt oder als gut verteilten Torrent von der Webseite des Projekts herunter. Dort finden Sie auch Kontaktmöglichkeiten per Discord oder IRC sowie Verweise zu Github und Gitlab, wo sich die Entwicklung von Titan Linux verfolgen lässt.

Erste Schritte

Nach dem Start von Titan Linux haben Sie die Wahl, es live auszuprobieren oder durch einen Klick auf das entsprechende Desktop-Icon direkt zu installieren. Entscheiden Sie sich für Letzteres, startet ein Installer auf der Basis des populären Calamares-Frameworks. Die Systemeinrichtung dauerte auf einem Rechner mit Ryzen-7-CPU im Test rund drei Minuten und verlief ohne Besonderheiten. Danach belegte das System rund 10 GByte Platz auf der Festplatte.

Der dunkel gehaltene Desktop vermittelt, von wo sich der Name Titan entlehnt, nämlich vom Göttergeschlecht der Titanen aus der griechischen Mythologie. Das geflügelte Pferd Pegasos beherrscht das Hintergrundbild. Anstelle des KDE-Icons zum Aufruf des Hauptmenüs links unten in der Leiste prangt hier der Dreizack des Meeresgotts Poseidon. Direkt nach dem Start des Desktops begnügt sich das System mit rund 480 MByte Arbeitsspeicher. Der sparsame Auftritt repräsentiert in etwa die Untergrenze dessen, was sich mit dem Plasma-Desktop und KWin als Fenstermanager machen lässt.

Um zu sehen, welche Repositories Titan verwendet, werfen wir einen Blick in die Quellenliste. Wie erwartet finden sich dort lediglich die Standard-Repositories, die auch in Debian 11 zum Einsatz kommen. Ein anschließendes Upgrade spülte im Test 110 aktualisierte Pakete ins System, die meisten davon Sicherheitsupdates. Der Kernel zeigte danach die Versionsnummer 5.10.127-2, Firefox lag in Version ESR 91.12.0 vor.

Sparsame Ausstattung

Der Plasma-Desktop bietet offiziell drei Varianten für das Hauptmenü, das Projekt entschied sich für die Minimalversion Plasma Kickoff (Abbildung 1). Dieses kaskadierende Ausklappmenü gab es bereits bei KDE 4. In den einzelnen Menürubriken findet sich unter Büroprogramme lediglich Qpdfview, eine leichte Alternative zum mächtigen Okular. Unter Dienstprogramme ersetzt das schlankere Featherpad den Standard-Editor Kate. Im Bereich Grafik kommt der Bildbetrachter Lximage von LXQt anstelle von Gwenview zum Zug. Der Mediaplayer VLC deckt den Bereich Multimedia ab.

Abbildung 1: Das Hauptmenü hinter dem Dreizack in der Leiste bietet nur eine eingeschränkte Auswahl an durchgehend leichtgewichtigen Anwendungen.

Abbildung 1: Das Hauptmenü hinter dem Dreizack in der Leiste bietet nur eine eingeschränkte Auswahl an durchgehend leichtgewichtigen Anwendungen.

Im Untermenü System finden sich einige der KDE-Standard-Tools. Dazu zählen der App-Store Discover, der Dateimanager Dolphin, der KDE-Partitionseditor und das Aufklappterminal Yakuake. Die Systemeinstellungen finden sich im Sinne der Ressourcenschonung in vereinfachter Form ohne Seitenleiste im Menü, was jedoch mit weniger Übersichtlichkeit einhergeht (Abbildung 2). Die moderne Version mit Seitenleiste lässt sich aber per Einrichten | Seitenleistenansicht einblenden (Abbildung 2).

Abbildung 2: Bei den vereinfachten Systemeinstellungen spart das Projekt am falschen Ende: Die moderne Fassung mit Seitenleiste verschafft einen besseren Überblick.

Abbildung 2: Bei den vereinfachten Systemeinstellungen spart das Projekt am falschen Ende: Die moderne Fassung mit Seitenleiste verschafft einen besseren Überblick.

Titan Toolbox

So weit, so unspektakulär – im positiven Sinn. Der letzte Menüpunkt reißt Titan Linux allerdings aus der Uniformität heraus: Hinter der griffigen Bezeichnung Titan Toolbox verstecken die Entwickler mehrere Unterpunkte, deren hinterlegte Tools das System an verschiedenen Stellen aufbohren (Abbildung 3). Der Punkt Community Support hält Verweise zu den Support-Angeboten von Titan Linux bereit. Unter Utilities lassen sich das Netzwerk oder der Plasma-Desktop neu starten, ein eventuell vorhandener Swap leeren, Hardwareinformationen auslesen oder Applikationen notfalls hart beenden.

Abbildung 3: Die <span class="ui-element">Titan Toolbox</span> hebt die Distribution aus der Masse heraus, gibt sie doch Anf&auml;ngern ein m&auml;chtiges Werkzeug an die Hand, um die Systemadministration zu erledigen.

Abbildung 3: Die Titan Toolbox hebt die Distribution aus der Masse heraus, gibt sie doch Anfängern ein mächtiges Werkzeug an die Hand, um die Systemadministration zu erledigen.

Über die Advanced Tools aktualisieren Sie Grub, entfernen ältere Kernel oder installieren sie samt Header aus dem Debian-Backports-Repository (Abbildung 4). Die Apt-Tools greifen ein, wenn der Paketmanager einmal streiken sollte. Zudem leeren Sie dort auf einfache Weise den Paketcache (apt clean). Unter Extra Repositories lassen sich die Bereiche contrib und non-free sowie das Backports-Repository freischalten und die 32-Bit-Architektur aktivieren. Dort richten Sie auch im Handumdrehen die Unterstützung für Flatpak und Snap ein.

Abbildung 4: Unter <span class="ui-element">Advanced Tools</span> lassen sich auf Mausklick unter anderem Kernel samt Headern installieren und der Bootmanager Grub aktualisieren.

Abbildung 4: Unter Advanced Tools lassen sich auf Mausklick unter anderem Kernel samt Headern installieren und der Bootmanager Grub aktualisieren.

Die Abteilung Extra Software bietet die Installation der Browser Brave, Chrome, Chromium, LibreWolf, Vivaldi und Pale Moon an. Des Weiteren installieren Sie damit LibreOffice, VirtualBox Virt-Manager oder den Appimage Launcher mit jeweils ein oder zwei Mausklicks. Über Firewall aktivieren Sie die Uncomplicated Firewall Ufw, deaktivieren sie oder lassen deren Status ausgeben. Der System Updater aktualisiert das System per Apt in der Konsole. Der letzte Punkt der Toolbox heißt Titan Tweak Tool und beherbergt derzeit nur zwei Werkzeuge. Das eine schaltet Neofetch aus, womit es nicht bei jedem Start der Konsole erscheint (Abbildung 5), über das andere regulieren Sie die Intensität des Swappens.

Abbildung 5: Beim Aufruf des Terminalemulators Konsole oder des Dropdown-Terminals Yakuake begr&uuml;&szlig;en Sie in der Grundeinstellung jedes Mal die Systeminfos von Neofetch.

Abbildung 5: Beim Aufruf des Terminalemulators Konsole oder des Dropdown-Terminals Yakuake begrüßen Sie in der Grundeinstellung jedes Mal die Systeminfos von Neofetch.

Insgesamt vereinfacht dieses Highlight von Titan Linux Anwendern das Leben, die mit der Administration eines Debian-Systems noch nicht vertraut sind oder das Verwenden der Konsole scheuen. Dadurch eignet sich Titan Linux auch bestens für Einsteiger.

Behutsame Entwicklung

Im Gespräch mit den Entwicklern antworteten die auf die Frage, welche neuen Funktionen für die kommenden Veröffentlichungen zu erwarten seien, mit “nicht wirklich viel”. Das ist auch gar nicht nötig, denn Titan Linux setzt sein Konzept bereits in dieser frühen Phase gut um, ohne dass uns Fehler aufgefallen wären. Die beiden Entwickler wollen behutsam vorgehen und lediglich die Neuerungen von Debian und KDE integrieren. Mit Debian 12 übernimmt beispielsweise Pipewire die Rolle von Pulseaudio, bald tritt KDE 6 an die Stelle von KDE 5. Darüber hinaus sieht die Roadmap lediglich den Ausbau der Titan Tools vor.

Möchten Sie anstelle von X11 eine Wayland-Sitzung nutzen, gilt es, das Paket plasma-workspace-wayland nachzuinstallieren. Nach einem Neustart steht Wayland dann beim Anmelden unten links als Option bereit. Auch mit diesem Display-Protokoll liegt der RAM-Verbrauch beim Start bei unter 500 MByte.

Fazit und Ausblick

Die Entwickler von Titan Linux liefern mit Version 1.2.1 ein schlankes, stabiles System, das bis auf Kleinigkeiten rund wirkt. Darüber hinaus bietet die Titan Toolbox eine praktische Ergänzung zur Unterstützung vor allem noch unerfahrener Benutzer. Suchen Sie also nach einer stabilen Debian-Variante mit KDE-Plasma-Desktop, sollten Sie sich Titan Linux auf jeden Fall näher ansehen.

Die Distribution eignet sich für den täglichen Einsatz und produktive Arbeit und verzeiht auch einmal Nachlässigkeiten bei der Administration. Zudem eignet sie sich dank ihrer ressourcenschonenden Arbeitsweise auch zum Einsatz auf älterer Hardware. Hilfe bei offenen Fragen finden Sie auf Discord, das rund 100 Fans der Distribution listet, und im offiziellen Forum [3], das sich aktuell aber noch im Aufbau befindet. (tle)

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