Das Pinephone mutiert durch den Austausch der Rückseite gegen ein Tastatur-Cover vom Smartphone zum Miniatur-Notebook im PDA-Format.
Die etwas älteren Semester unter uns erinnern sich an die Glanzzeiten des Personal Digital Assistant (PDA) in den 90er-Jahren des vorigen Jahrtausends. Der Autor trug damals einen Psion S5mx [1] als Organizer mit sich herum, der im Clamshell-Design wie ein Mini-Notebook mit physischer Tastatur ausgestattet war und auch unterwegs den Überblick über Termine und E-Mails sowie das Erledigen kleiner Büroaufgaben ermöglichte. Neben EPOC, das später Symbian OS hieß, ließ sich hier auch Linux in der Form von OpenPsion installieren.
Auch in der heutigen Zeit findet diese Gerätegattung offenbar noch Anklang, denn 2018 gab es nach einem erfolgreichen Crowdfunding des von ehemaligen Psion-Entwicklern gegründeten Startups Planet Computers eine Neuauflage des Psion unter dem Titel Gemini PDA [2]. Als Betriebssysteme laufen darauf Android, Debian oder Sailfish OS.
Aktuell lässt sich das mit 150 US-Dollar recht günstige Smartphone Pinephone von Pine64, über das wir unter dem Titel “For Geeks only” [3] bereits in LU 08/2020 berichtet haben, in einen solchen PDA umwandeln. Das geschieht durch das Auswechseln der Originalrückseite gegen eine mit einer Tastatur ausgestatteten Klappvorrichtung (Clamshell), in die man das Pinephone einklickt.
Kontakt per Pogo-Pins
Das Pinephone wurde so konzipiert, dass es im Innern rückseitig über sechs Federkontaktstifte für Zubehör verfügt, sogenannte Pogo-Pins, die mit für verschiedene Funktionen ausgelegten Gegenstücken auf Wechsel-Covern Kontakt aufnehmen. Die Pogo-Pins ermöglichen den Entwicklern Zugriff auf den Akku, auf USB, den I2C-Bus und auf Interrupts.
Auf dieser Basis hat Pine64 bisher vier Wechsel-Cover vorgestellt, die es in seinem Webshop anbietet [4]. Neben dem Tastatur-Cover gibt es dort auch Varianten mit Fingerabdruckleser, mit einem Modul für das Low-Power-Wireless-Netzwerk Long Range Wide Area Network (LoRa [5]) sowie zum drahtlosen Laden mit Qi. Die Preise bewegen sich zwischen knapp 10 und 25 US-Dollar.
Geplant ist des Weiteren ein Cover für das Nachrüsten von Near Field Communication (NFC). Besonderen Anklang in der Community fand erwartungsgemäß die Tastaturerweiterung, die das Pinephone zu einem günstigen Mini-Laptop macht.
Akku als Gewicht
Seit einigen Wochen liefert Pine64 das Tastatur-Cover nun aus. Es kostet 50 US-Dollar, beim Exemplar des Autors erhob DHL 14,30 Euro für Zoll und weitere Auslagen. Zusammen mit einem Pinephone erhält man damit für etwas mehr als 200 Euro ein Miniatur-Notebook.
Damit die Shell nach dem Einklicken des Pinephone nicht nach hinten umkippt, mussten die Entwickler für einen sicheren Stand unter der Tastatur ein Gewicht vorsehen. Schlauerweise haben sie dabei nicht etwa ein totes Gewicht verbaut, sondern einen zusätzlichen Akku mit einer Kapazität von 6000 mAh, der den Energiespeicher des Telefons (3000 mAh) auf dann insgesamt 9000 mAh ergänzt. Damit beträgt das Gesamtgewicht des Geräts 190 Gramm, bei Maßen von 161 mal 95 mal 21,5 Millimetern (Abbildung 1).

Abbildung 1: Mit dem Tastatur-Cover dürfte das Pinephone für die meisten Hosentaschen etwas zu voluminös ausfallen.
Zudem integriert das Tastatur-Cover einen USB-C-Port, der gleichzeitig beide Akkus lädt. Das bedeutet, dass eine USB-Maus, ein USB-C-Dongle oder ein anderes Peripheriegerät, das selbst über keine Ladefähigkeit verfügt, an das Pinephone angeschlossen sein kann, während Sie die Akkus von Telefon und Tastatur via Cover aufladen.
Verwenden Sie dagegen den USB-C-Port des Pinephone zum Laden, wird nur das Telefon selbst geladen, was aber der Funktionalität der Tastatur keinen Abbruch tut. Sofern die verwendete Distribution das unterstützt, lässt sich der Füllstand beider Akkus per Software überprüfen. Eine Taste oberhalb des USB-C-Ports dient zur Bedienung des zweiten Akkus. Einmaliges Drücken schaltet ihn zu, zweimaliges wieder ab (Abbildung 2).

Abbildung 2: An der rechten Seite bietet das Cover einen zweiten USB-C-Port, der beide Akkus gleichzeitig lädt. Die Taste schaltet zur Laufzeit den Tastaturakku zu oder ab.
Pine64 liefert die Tastatur im ISO-QWERTY-Layout mit 54 Tasten in 5 Reihen aus (Abbildung 3). Die geätzten Tastenkappen lassen sich laut Angaben im Internet für alternative Layouts wie AZERTY oder QWERTZ leicht austauschen. Das Layout stellt man dazu in der Software beispielsweise auf QWERTZ um und modifiziert die betroffenen Tasten dann mit Stickern [6].
Auch wenn der Austausch der Kappen für ein anderes Layout recht einfach vonstattengeht, so löst das nicht das Problem der Beschriftung (bei den Satz- und Sonderzeichen sowie Umlauten) und wirkt auf uns wegen der geringen Abstände zwischen den Kappen als eher heikle Aktion (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Arbeit im Terminal fällt mit der Tastatur wesentlich leichter, sobald man sich an deren Layout gewöhnt hat.
Pinephone Pro
Das Scharnier bietet einen Aufklappwinkel von 180 Grad und ermöglicht so bei Bedarf Anrufe, ohne dass die Tastatur im Weg ist – auch wenn sich das eher merkwürdig anfühlt und bestimmt ebenso aussieht.
Die Hardware verfügt über eine offene Firmware [7]. Das entsprechende Know-how vorausgesetzt, können Sie problemlos bestehende Funktionen ändern oder neue hinzufügen. Der Einsatz der Kamera bleibt auch mit dem Cover weiter möglich. Die Tastatur unterstützt auch das kommende Pinephone Pro [8], das bei einem Preis rund 400 US-Dollar auf aktuellere Technik aufbaut als das Grundgerät.
Der Aufbau der Tastatur wirkt solide, und in Kombination mit dem Smartphone hat das Gerät (auch durch das Gewicht des zusätzlichen Akkus) einen guten Stand. Es bewegt sich beim Tippen nicht von der Stelle. Trotzdem eignet sich die Tastatur nur bedingt für das Schreiben längerer Texte. Das liegt zum einen an den kleinen Tasten und zum anderen am für die meisten Anwender ungewohnten QWERTY-Layout (Abbildung 5).

Abbildung 5: Anwender mit schmalen bis normal breiten Fingern kommen gut mit der Tastengröße klar. Zeitgenossen mit eher breiten Fingern könnten Schwierigkeiten bekommen, nur die gewünschte Taste zu treffen.
Ansonsten läuft die Bedienung des Smartphones und das Schreiben kurzer Texte flüssig ab. Wenn Sie das Gerät zum ersten Mal benutzen, braucht die Tastatur einige Minuten, bevor das Schreiben anstandslos und mit dem üblichen Druck läuft. Nach der Anmeldung wechselt das Gerät in die horizontale Darstellung.
Das Gerät lässt sich auf einer Unterlage stehend wie ein Notebook oder, wenn Sie es in den Händen halten, zum Texten mit den Daumen im Smartphone-Stil bedienen. Das passgenaue mattschwarze Gehäuse wirkt unauffällig, lediglich ein Schriftzug auf der Unterseite verrät, was sich hinter der Klappe befindet. Fingerabdrücke haben auf der Oberfläche kaum eine Chance.
Software
Die Tastatur erfordert einige Anpassungen im von der Distribution verwendeten Kernel, weshalb Sie auf die Aktualisierung der verwendeten Version achten sollten. Bei Redaktionsschluss arbeitete die Tastatur auf den Pinephone-Versionen von Manjaro mit Plasma Mobile sowie auf PostmarketOS, Mobian und Arch Linux, jeweils mit Phosh-Oberfläche. Unter PostmarketOS funktionierte sie auch mit dem besonders leichtgewichtigen Sxmo als Oberfläche.
Bei anderen Distributionen sollten Sie prüfen, ob die Voraussetzungen vorhanden sind, indem Sie mit dem Befehl modinfo Modul nach den Kernel-Modulen ip5xxx und kb151 suchen.
Fazit
Mit dem Tastatur-Cover erreicht das Pinephone eine ganz neue Ebene der Nutzbarkeit. Falls Sie mit dem Gedanken spielen, sich diese Kombination zuzulegen, sollten Sie nach unserer Ansicht allerdings abwarten, bis das Pinephone Pro mit besserer Ausstattung bei SoC, RAM und Speicherkapazität in stabiler Version bereitsteht.
Zudem sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass sich Software und Firmware des Pinephone nach wie vor nicht in einem stabilen Zustand befinden. Sie können Fehler enthalten, die die Entwickler aber meist schnell beheben. Probleme mit dem derzeitigen Stand der Hardware und mögliche Abhilfen beschreiben die Entwickler des Projekts in einer ausführlichen Sammlung mit den häufigsten Fragestellungen [9]. (cla)
Infos
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Gemini PDA: https://en.wikipedia.org/wiki/Gemini_(PDA)
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Pinephone: Ferdinand Thommes, “For Geeks only”, LU 08/2020, S. 68, https://www.linux-community.de/44902
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Pine64 Shop: https://pine64.com/product-category/smartphone-accessories/
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LoRa: https://www.lora-wan.de
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Firmware: https://xnux.eu/log/#037
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Pinephone Pro: https://linuxnews.de/2021/10/pinephone-pro-angekuendigt/






