Speziell an Umsteiger von anderen Betriebssystemen wendet sich das in Deutschland entwickelte Diamond Linux-TT.
Viele Windows-Anwender, die zu Linux wechseln möchten, sehen sich noch immer mit dem Gerücht konfrontiert, das freie Betriebssystem sei schwierig zu bedienen und erfordere daher auch auf dem Desktop eine längere Einarbeitung. Doch was vor mehr als zwei Dekaden bei einigen Arbeitsumgebungen durchaus noch zutraf, ist inzwischen längst überholt.
Auch Linux-Entwickler erkannten schon vor langer Zeit, dass sich eigenwillige Bedienkonzepte nicht dazu eignen, den heimischen PC zu erobern. Daher näherten sich alle gängigen Desktop-Umgebungen im Lauf der Jahre in ihren Bedienkonzepten an und unterscheiden sich heute vielfach nur noch im optischen Erscheinungsbild und der Konfigurierbarkeit.
Als besonders geeignet für Windows-Umsteiger erwies sich dabei der KDE-Plasma-Desktop, der sich sowohl optisch als auch funktional in fast jedem Aspekt anpassen lässt, was für Umsteiger bei entsprechender Vorkonfiguration nur einen minimalen Einarbeitungsaufwand bedeutet. Das in Deutschland entwickelte Diamond Linux-TT fokussiert daher auf diese Zielgruppe und möchte den Einstieg in die Linux-Welt so einfach wie möglich gestalten.
Erste Schritte
Diamond Linux-TT basiert auf Debian, allerdings noch auf der Version 10.7 “Buster”. Das System eignet sich dank der hohen Stabilität der Basis auch für den produktiven Einsatz. Als einzige Desktop-Umgebung kommt KDE Plasma zum Einsatz, wobei das Betriebssystem ausschließlich für moderne 64-Bit-Hardware bereitsteht. Sie erhalten das rund 2,8 GByte umfassende ISO-Abbild auf der Website des Projekts unter https://www.linux-tt.com.
Nach dem Herunterladen transferieren Sie das hybride Abbild entweder auf eine DVD oder einen USB-Speicherstick und booten Ihr System damit. Die Startroutine bietet dabei im Grub-Bootmanager mehrere Optionen für unterschiedliche Bildschirmauflösungen. In den meisten Fällen genügt jedoch ein Druck auf die Eingabetaste, um das System im Live-Modus hochzufahren.
Danach erscheint ein aufgeräumter KDE-Plasma-Desktop, auf dessen Arbeitsoberfläche Sie neben verschiedenen Ordnern auch einen Starter finden, der die Systemeinrichtung via Calamares anstößt. Der bereits in vielen Distributionen etablierte Installer führt Sie in wenigen Schritten zu einem funktionierenden Betriebssystem. Nach einem anschließenden Neustart erscheint erneut der KDE-Plasma-Desktop (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der KDE-Plasma-Desktop hält auch für Neulinge keine unerwünschten Überraschungen bereit.
Softwareauswahl
Die vorinstallierte Softwareauswahl zeigt bereits, dass die Distribution sich an Ein- und Umsteiger richtet, die eine möglichst vollständige Ausstattung erwarten. Neben den Standardapplikationen LibreOffice, Gimp und VLC enthält das System auch zwei Varianten des Firefox-Browsers: Neben der ESR-Version 78.7.0 finden Sie zusätzlich den Tor-Browser komplett vorkonfiguriert in Version 10.0.10 (er basiert ebenfalls auf Firefox ESR 78.7.0) im Untermenü Internet.
Für kommunikationsfreudige Anwender gibt es einen grafischen Desktop-Messenger für Facebook und eine webbasierte Oberfläche für Whatsapp. Darüber hinaus fanden die wichtigsten KDE-Plasma-Anwendungen ihren Platz in Diamond Linux-TT, aber auch nützliche und häufig nicht berücksichtigte Werkzeuge wie der textbasierte Dateimanager Midnight Commander und das Scanner-Frontend Xsane samt Backend. Mehrere Terminalapplikationen sowie ein grafischer Samba-Browser zum problemlosen Einbinden in Windows-Netze runden das Angebot ab.
Repositories
Für die Installation zusätzlicher Anwendungen steht das grafische Frontend Apper (Abbildung 2) bereit, das zum KDE-Plasma-Software-Fundus gehört. Im Menü finden Sie es unter System | Software-Verwaltung. Im Gegensatz zu vielen anderen App-Stores, die die vorhandenen Applikationen oft aufwendig grafisch dargestellt präsentieren, beschränkt sich Apper auf ein sehr schlichtes Design und verzichtet auf optische Gimmicks.
Apper übernimmt auch das Verwalten von Aktualisierungen. Dazu klicken Sie in der Gruppe Listen auf Aktualisierungen und anschließend oben links im Fenster auf die Schaltfläche Nach neuen Aktualisierungen suchen. Apper listet nach kurzer Zeit alle verfügbaren Aktualisierungen inklusive ihres Platzbedarfs auf und bietet eine individuelle Auswahl der zu aktualisierenden Pakete an. Entfernen Sie links neben dem Paketnamen das vorhandene Häkchen, überspringt das Update die fragliche Software. Danach klicken Sie auf Aktualisieren oben links. Das Tool bringt nun das System auf den neuesten Stand, ein Fortschrittsbalken oben visualisiert den Ablauf der Aktion (Abbildung 3).
Beachten Sie, dass Sie vor dem Einleiten der Aktualisierung die Paketquellen auf den aktuellen Stand bringen müssen. Das erledigen Sie entweder über das Kommando sudo apt update im Terminal oder direkt in Apper. Wählen Sie dafür im Hamburger-Menü rechts oben die Option Einstellungen aus, und nehmen Sie im Kontextmenü die entsprechende Konfiguration vor. Im Reiter Software-Quellen passen Sie die Repositories Ihren Wünschen an.
Alternativen
Eine weitere Möglichkeit, neue Anwendungen bequem grafisch zu installieren und das System auf dem aktuellen Stand zu halten, bietet das Frontend Discover (Abbildung 4), das Sie ebenfalls im Menü System finden. Optisch wirkt Discover wesentlich anspruchsvoller als Apper, erfüllt jedoch denselben Zweck. Sie suchen und installieren damit nicht nur neue Software, sondern erhalten auch Bewertungen zu einzelnen Applikationen, um so die am besten für Ihre Zwecke geeignete Variante zu finden. Discover unterstützt darüber hinaus nicht nur das DEB-Paketformat, sondern erlaubt auch das Einrichten von Flatpak- und Snap- und AppImage-Paketen.

Abbildung 4: Mit Discover steht ein weiteres Frontend zur Paketverwaltung bereit, das unter anderem auch die Installation von AppImages und Flatpaks unterstützt.
Da Diamond Linux-TT auf Debian basiert, können Sie zur Paketverwaltung auch das grafische Frontend Synaptic nutzen, das Sie dazu mit dem Kommandozeilenbefehl sudo apt install synaptic einrichten. Anschließend finden Sie im Menü System des KDE-Plasma-Desktops den Starter Paketverwaltung, der Synaptic aktiviert. Das Werkzeug listet dann alle gut 65 000 installierbaren Pakete auf, sodass sich Diamond Linux-TT auch für sehr spezielle Anwendungszwecke problemlos mit der passenden Software ausstatten lässt.
Ressourcen
Besonders positiv fällt der geringe Ressourcenbedarf von Diamond Linux-TT auf. Der KDE-Plasma-Desktop gilt zwar als hervorragend konfigurierbar, jedoch auch als sehr ressourcenintensiv und schwerfällig. Daher erstaunt der geringe Arbeitsspeicherbedarf des Debian-Derivats – im Leerlauf gerade einmal 400 MByte (Abbildung 5). Auch auf betagten Zweikern-Prozessoren arbeitet das System selbst mit nur 4 GByte RAM sehr agil und ohne größere Latenzen. Die Auslastung der einzelnen Prozessorkerne bewegt sich dabei auf erfreulich niedrigem Niveau. Damit eignet sich Diamond Linux-TT trotz des schwergewichtigen KDE-Desktops auch für ältere Rechner.
Zusätze
Auf der Arbeitsoberfläche finden Sie einen Ordner Advanced, der verschiedene Zusätze zum Betriebssystem enthält, die unter anderem die Einsatzmöglichkeiten nochmals erweitern. Dazu zählen mehrere Unterordner mit verschiedenen Skripten, die das Installieren und Konfigurieren der Systemzusätze erleichtern. Es gibt die Unterordner Addons, Drivers, Config, Software und Tor.
Addons enthält ein Skript, mit dessen Hilfe sich verschiedene Softwarepakete aus Debians Non-free-Repository installieren lassen. Dazu zählen unter anderem Windows-spezifische Codecs, aber auch Firmware-Pakete, die den Mangel an proprietären Firmware-Blobs in Debian beheben und so unterschiedliche Hardwarekomponenten nutzbar machen.
Im Ordner Config finden Sie zusätzliche Treiber für den X-Server, eine spezielle Sprachunterstützung für das System und Skripte zum Einrichten der Arbeitsoberfläche. Das Verzeichnis Drivers enthält Anwendungen zum Einrichten von Grafikkarten der Hersteller AMD/ATI und Nvidia, die häufig nur mit proprietären Linux-Modulen ihre volle Leistung entfalten. Außerdem liefert die Anwendung Hplip spezielle Features für das Nutzen von Druckern, Scannern und Multifunktionsgeräten des Herstellers Hewlett-Packard.
Der Ordner Software enthält einige Tools zum Anpassen und Installieren bekannter Anwendungen, teils mithilfe der Laufzeitumgebung Wine. Dazu zählen unter anderem Oracles Virtualbox und Microsoft Office 2007. Im Ordner Tor logieren der Tor-Browser und ein Werkzeug zu dessen manuellem Start. Der Hauptordner enthält zudem ein Skript zum Öffnen des Support-Forums im Web sowie ein noch nicht funktionierendes Skript zum Updaten des Systems per Mausklick. Eine grundlegende Anleitung zur Installation und Inbetriebnahme des Betriebssystems komplettiert den Fundus.
Fazit
Diamond Linux-TT macht einen ausgereiften Eindruck. Das Betriebssystem glänzt vor allem dank seiner Debian-Basis mit großer Stabilität, einem enormen Softwarefundus und verlässlicher Pflege. Darüber hinaus schafften es die Entwickler, den Ressourcenhunger von KDE-Plasma-Desktop so weit zu bändigen, dass sich das System auch für ältere Dual-Core-Rechner mit 4 GByte Hauptspeicher eignet.
Zwar fällt die optische Ähnlichkeit mit diversen Windows-Systemen eher gering aus, doch die bedienerfreundliche KDE-Arbeitsumgebung gepaart mit einer sinnvollen Softwareauswahl ermöglicht auch Umsteigern ein sofortiges produktives Arbeiten. Daher empfiehlt sich die Distribution sowohl für Newcomer als auch für Umsteiger, die ein grundsolides Betriebssystem für den täglichen Einsatz suchen. (tle)









nein nicht für Win-Umsteiger, es ist nicht richtig auf “deutsch” eingestellt,
fast jedes Programm muss man nachträglich manuell auf “de” umstellen.
Ich habe das Gefühl da wird immer “Linux für Umsteiger” toll empfohlen,
wird aber nicht selber richtig getestet.
Gruß Gast