Debian-Derivat MX Linux 21 im Überblick

Aus LinuxUser 01/2022

Debian-Derivat MX Linux 21 im Überblick

© Suzanne Tucker / 123RF.com

Stiller Spitzenreiter

MX Linux vereint die stabile Grundlage von Debian mit aktuelleren Programmen und pfiffigen Tools.

MX Linux aus der Riege der zahlreichen Debian-basierten Distributionen ist noch immer relativ unbekannt, zumindest im deutschsprachigen Raum – und das, obwohl das System auf Distrowatch.com in den letzten Jahren in der Liste der populärsten Distributionen immer vorn mitspielte und sie aktuell sogar anführt.

In LinuxUser war das Debian-Derivat bereit früher ein Thema [1]. Anlässlich der Veröffentlichung der Version 21 des Systems (Abbildung 1) bietet es sich aber an, wieder einmal einen Blick darauf zu werfen. Wir hatten die Beta-Version einige Wochen lang in Betrieb, um herauszufinden, wie sich die Distribution in der Praxis schlägt.

Abbildung 1: Ursprünglich nutzte MX Linux XFCE als einzigen Desktop, mittlerweile gibt es aber Spins mit KDE Plasma und Fluxbox.

Abbildung 1: Ursprünglich nutzte MX Linux XFCE als einzigen Desktop, mittlerweile gibt es aber Spins mit KDE Plasma und Fluxbox.

MX Linux ist verhältnismäßig jung, das erste Release erschien 2014. Die Distribution entstand durch die Zusammenarbeit von einigen AntiX- und (ehemaligen) Mepis-Entwicklern und basiert auf dem stabilen Zweig von Debian. Aus diesem Grund erscheint die neueste Version meist wenige Monate nach dem Release von Debian Stable.

Init-System

Als Init-System, das in Form eines Daemons das Starten und Beenden des Systems sowie zahlreiche weitere Systemprozesse überwacht, nutzen mittlerweile fast alle gängigen Distributionen Systemd. Während der ersten Jahre nach der Einführung der Software gab es in der Open-Source-Community aber heftige Diskussionen: Unter anderem kritisierten einige Entwickler die Komplexität der Software, die zu viele Aufgaben erledige und daher Grundprinzipien der Unix-Philosophie verletze.

Einer der wichtigsten Unterschiede zu Debian besteht darin, dass MX Systemd zwar installiert, es aber standardmäßig deaktiviert. Die Distribution verwendet stattdessen das ältere SysVinit sowie Systemd-shim, um Systemd-Funktionen zu emulieren. So lassen sich auch Programme verwenden, die vom neuen Init-System abhängen – und diese Liste fällt mittlerweile schon recht lang aus. Über das Bootmenü starten Sie MX Linux bei Bedarf aber auch unkompliziert mit aktiviertem Systemd.

Eine weitere Besonderheit sind die sogenannten MX Tools, darunter insbesondere MX Snapshot und MX Remaster, mit deren Hilfe Sie bei Bedarf auf verhältnismäßig einfache Art benutzerdefinierte Live-Spins des Systems erzeugen. Das gestaltet sich bei Debian wesentlich komplizierter und setzt die Lektüre der zum Teil lückenhaften Dokumentation mehrerer komplexer Kommandozeilenwerkzeuge voraussetzt. Auch das entsprechende Ubuntu-Tool Cubic ist etwas schwieriger zu bedienen als die beiden grafischen Programme für MX Linux.

Zu guter Letzt fällt die Anwendersoftware in den Repositories von MX Linux zumeist deutlich aktueller aus als bei Debian. Allerdings ist die Beta-Version von MX 21 in dieser Hinsicht ein wenig enttäuschend: Im Vergleich zu früheren Versionen enthält das Release überraschend wenige Programme in der aktuellsten Version. So findet sich zwar Darktable 3.6, doch statt des aktuellen LibreOffice 7.2 nur die Version 7.0.4. Bei KDE Plasma, mittlerweile eine der Standard-Desktop-Umgebungen für MX, hätten wir ebenfalls eine neuere Version erwartet. Eventuell ändert sich dies jedoch noch im Laufe der nächsten Wochen und Monate.

Unterschiede

Im Allgemeinen versucht MX Linux, ein Debian für Anwender und Einsteiger zu sein: So enthalten die Apt-Konfigurationsdateien zum Beispiel bereits die Repository-Bereiche contrib und non-free, sodass Sie direkt unfreie Software beziehungsweise Treiber installieren können. Die Live-ISO-Images enthalten ebenfalls unfreie Firmware, wie sie viele Geräte benötigen. Ebenso ist Flatpak von Haus aus als Framework im System vorhanden.

MX Linux 21 trägt den Codenamen “Wildflower” und bringt neben aktuellen Paketen vor allem zwei Neuerungen: Der Installer kann nun ein auf dem Datenträger vorhandenes LVM-Partitionsschema nutzen, vermag es aber immer noch nicht selbst anzulegen. Die zweite wichtige Neuerung betrifft das UEFI-Boot-Menü des Live-Systems: Hier finden Sie viele Optionen für den Boot-Vorgang und zur Persistenz, die Sie über die Pfeiltasten und [Eingabe] auswählen, statt sie eintippen zu müssen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Im neuen UEFI-Bootmenü dürfen Sie zwischen zahlreichen Optionen für den Boot-Vorgang und die Persistenz auswählen.

Abbildung 2: Im neuen UEFI-Bootmenü dürfen Sie zwischen zahlreichen Optionen für den Boot-Vorgang und die Persistenz auswählen.

Das System läuft derzeit mit demselben LTS-Kernel 5.10 wie Debian 11 “Bullseye”. Bei früheren MX-Versionen integrierten die Entwickler nach einiger Zeit einen neueren Kernel in das ISO-Image, sodass die Software selbst auf neuer Hardware startete. Bei MX 19 gab es zusätzlich zum Image mit dem Standard-Kernel eine sogenannte AHS-Version (Advanced Hardware Support) mit einem neueren Kernel. Laut offizieller Ankündigung ist auch für MX 21 ebenfalls eine AHS-Version geplant. In diesem Kontext sei angemerkt, dass sich für Debian ebenfalls benutzerdefinierte Live-ISO-Abbilder mit einem Backports-Kernel erstellen lassen. Das ist jedoch eine recht komplizierte Aufgabe [2].

Ein weiterer Unterschied zu Debian und Ubuntu betrifft den Installer: MX bringt ein eigenes Setup-Programm mit, das einerseits benutzerfreundlicher agiert als der (alte) grafische Debian-Installer und andererseits zuverlässiger und flexibler arbeitet als das alte Ubiquity bei Ubuntu. Seit Version 10 “Buster” können Sie Debian allerdings recht komfortabel mit Calamares installieren.

Ursprünglich war XFCE die Standard- und einzige Desktop-Umgebung von MX Linux. Seit 2020 gibt es offizielle Live-Spins mit KDE Plasma und dem eher unbekannten Fenstermanager Fluxbox. Sowohl der KDE-Plasma-Spin als auch die Version mit XFCE verfügen über eine solide Softwareausstattung, jedoch enthalten sie zum Teil unterschiedliche Programme.

Software

Beide Spins enthalten Firefox und LibreOffice. Überraschenderweise bringt jedoch die KDE-Plasma-Variante auch Gimp und Digikam mit, die XFCE-Version aber nicht. Außerdem fanden wir bei der KDE-Edition mit Nomacs und Gwenview zwei Bildbetrachter. Auf der anderen Seite fehlen dem Plasma-Spin Tools wie Baobab.

Ferner gibt es unnötige Softwaredoppler, also mehrere Programme mit identischer Funktion. So bringt MX Linux etwa einen eigenen Paket-Installer mit, also eine Art Software Center, über den Sie zentral auf verschiedene Paketquellen zugreifen. Gleichzeitig installiert der XFCE-Spin die Paketverwaltung Synaptic.

Beim MX-Installer gibt es eine Registerkarte mit dem Namen Beliebte Anwendungen, über die Sie bei Bedarf mit wenigen Klicks bekannte Software aus unterschiedlichen Quellen einbinden, darunter auch Programme, deren Installation sonst deutlich komplizierter wäre. So offeriert MX hier unter anderem den Webbrowser Brave und den Messenger Signal. Einerseits findet sich verhältnismäßig unbekannte Software wie Pale Moon, Falkon oder Waterfox, andererseits fehlen beliebte Programme wie Darktable. In der Kategorie Fenstermanager sieht es dagegen etwas mau aus, sie enthält keinen einzigen Tiling Window Manager.

Neben Open-Source-Software bietet die Distribution auch Zugriff auf bekannte proprietäre Programme wie Google Chrome, Skype, Zoom, Teamviewer oder XnviewMP. Außerdem gibt es ein sogenanntes Test-Repository, das im Testzeitraum jedoch nur Virtualbox enthielt. Pakete aus dem Debian-Backports-Repository binden Sie über den Paketmanager ebenfalls unkompliziert ins System ein.

Im stabilen MX-Repository stießen wir ferner auf Pakete für die Kernel 5.13 und 5.14. Daraufhin erstellten wir mit MX Remaster ein neues Live-System, das diese Kernel enthielt, und installierten das so angepasste System auf einen externen Datenträger (Abbildung 3). Es lief auf dem Test-PC ähnlich stabil wie Debian 11. Dasselbe gilt übrigens für die Version mit Kernel 5.10. Mit dem Kernel 5.13 war es möglich, den Nvidia-Treiber nachzuziehen, beim Kernel 5.14 brach die Installation jedoch mit einer Fehlermeldung ab.

Abbildung 3: Als Standard-Kernel nutzt MX den LTS-Kernel 5.10, doch Sie können die Kernel 5.13 und 5.14 nachträglich installieren beziehungsweise einen neuen Live-Spin damit erstellen.

Abbildung 3: Als Standard-Kernel nutzt MX den LTS-Kernel 5.10, doch Sie können die Kernel 5.13 und 5.14 nachträglich installieren beziehungsweise einen neuen Live-Spin damit erstellen.

Erscheinungsbild

Die Auswahl der GTK- beziehungsweise Qt-Themes von MX erinnert ein wenig an Manjaro. Das Entwicklerteam legt also erfreulicherweise mehr Wert auf die optische Erscheinung der Distribution als Debian, jedoch besteht hier aus unserer Sicht noch Verbesserungsbedarf: Mit Linux Mint, Zorin OS oder EndeavourOS kann MX Linux in diesem Punkt nicht konkurrieren.

Ein großer Vorteil von MX Linux liegt in der lebhaften Community. Im Forum erhalten Sie bei Problemen in der Regel schnell Hilfe. Das liegt unter anderem daran, dass das System noch nicht so viele Nutzer hat wie Debian, Ubuntu oder Mint und daher weniger Fragen aufkommen. Allerdings setzt die Nutzung des Forums voraus, dass Sie die englische Sprache einigermaßen beherrschen. Ähnliches gilt für die Dokumentation: Das offizielle Benutzerhandbuch ist grundsätzlich sehr verständlich, existiert jedoch nur für die Version 17 auch in deutscher Sprache.

Fazit

Insgesamt hinterlässt MX Linux 21 – ebenso wie frühere Versionen – einen positiven Eindruck. Allerdings wirkt die Distribution nicht mehr so innovativ wie noch vor einigen Jahren, als die Entwickler unter anderem die MX Tools einführten. Die KDE-Plasma- und AHS-Versionen stellen zweifellos Schritte in die richtige Richtung dar, doch eine gewisse Stagnation lässt sich nicht übersehen. Das betrifft allerdings Debian und andere Debian-basierte Distributionen in einem noch größeren Maß, sodass MX wiederum im Vergleich zur Verwandtschaft eher besser abschneidet.

Dabei bietet das System in Sachen Stabilität und Funktionalität durchaus eine Alternative zu Debian, Ubuntu oder Linux Mint, insbesondere für Ein- und Umsteiger. Lästige Arbeiten an der Konfiguration entfallen, was aber wiederum erfahrenere Nutzer nicht abschrecken sollte. Dass MX trotz alledem nicht so viele Nutzer hat wie Debian oder Manjaro, lässt sich aus dieser Perspektive nicht rational begründen – an der Qualität der Software liegt das wohl eher nicht. Einen Platz unter den zehn interessantesten Distributionen verdient MX Linux auf jeden Fall. (agr)

Glossar

LVM

Der Logical Volume Manager ermöglicht es, dynamische oder virtuelle Partitionen, sogenannte Logical Volumes zu bilden, die sich über mehrere Festplatten erstrecken dürfen.

Infos

  1. MX Linux 19: Erik Bärwaldt, “Überflieger”, LU 04/2020, S. 10, https://www.linux-community.de/44120

  2. Debian Live-build: Anna Simon, “Marke Eigenbau”, LU 07/2021, S. 88, https://www.linux-community.de/46343

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