Ausblick auf Elementary OS 6 “Odin”

Aus LinuxUser 09/2021

Ausblick auf Elementary OS 6 “Odin”

© Computec Media

Runderneuert

Das Ubuntu-Derivat Elementary OS möchte Umsteigern eine schnelle, freie und datenschutzfreundliche Alternative bieten.

Das aus den USA stammende Elementary OS [1] hat sich in den letzten Jahren eine feste Fangemeinde erarbeitet. Das Ubuntu-Derivat mit dem in eigener Regie entwickelten schlanken Pantheon-Desktop und zahlreichen kleinen, ebenfalls eigenentwickelten Applikationen tummelt sich deshalb inzwischen dauerhaft unter den Top 10 der beliebtesten Linux-Derivate auf der Website Distrowatch.com. Mit der kürzlich freigegebenen Beta 2 der Version 6 haben die Entwickler nicht nur einige kosmetische Verbesserungen eingeführt, sondern zahlreiche Neuerungen und Erweiterungen in das Betriebssystem integriert.

Der Desktop

Der ursprünglich von Gnome abgeleitete, in Vala geschriebene und optisch ein wenig an MacOS erinnernde Pantheon-Desktop erfährt in Elementary OS  6 zahlreiche Verbesserungen. Unter anderem haben die Entwickler das Benachrichtigungssystem komplett überarbeitet, sodass jetzt Status- oder Aktivitätsmeldungen von Applikationen ein einheitliches Aussehen bieten.

Die Distribution erhielt zudem einen komplett neuen Installer, der nun optisch seine Größe beibehält und einige Animationen spendiert bekam. Die Routine zur Erkennung der Massenspeicher verbesserten die Entwickler ebenfalls. Das System erkennt nun Geräte mit unterschiedlichen Schnittstellen und verschiedenen Interfaces zuverlässiger und bindet sie korrekt in den Verzeichnisbaum ein.

Ein neues, dunkleres Theme und zahlreiche optische Effekte werten den Pantheon-Desktop auf, der jedoch die grundlegenden Bedienkonzepte beibehält. Eine neue Typografie mit der Schriftart Inter und die Neugestaltung der Fenster mit abgerundeten Ecken machen die Oberfläche noch ansehnlicher. Daneben erfuhr die Gestensteuerung Verbesserungen. Primär an Entwickler richten sich Anpassungen wie Updates für die Granite-Bibliotheken und das Gnome-Toolkit.

Unter der Haube

Während die Vorgänger-Version 5.1 mit dem Codenamen “Hera” noch auf Ubuntu 18.04 basiert, nutzt die neue Version 6 “Odin” nun Ubuntu 20.04.1 mit einem Kernel der Reihe 5.8 als Basis. Das stellt eine Verfügbarkeit von Updates bis April 2025 sicher. Zudem integriert die Version 20.04 im Vergleich zu Ubuntu 18.04 neue Kernel-Module für aktuelle Hardware, was sich besonders bei Nutzern aktueller Computersysteme positiv auswirkt.

Der neu geschriebene Installer erlaubt in den Startroutinen die Wahl zwischen dem Testmodus im Live-Betrieb und der Installation auf der Platte. Dabei lässt Ihnen das System die Wahl zwischen einem einfachen Installationsmodus und einer manuell konfigurierbaren Routine.

Nach der Erstinstallation nimmt das System zudem einen Warmstart vor und aktiviert erneut den Installer. Dadurch müssen Sie die Lokalisierung ein weiteres Mal einstellen, können jedoch anschließend einen Nutzer auch Deutsch lokalisiert anlegen.

Oberflächliches

Das Betriebssystem kommt wie in der Vorgängerversion mit einer Panel-Leiste am oberen Bildschirmrand und einer Dock-Leiste unten mittig auf der Arbeitsoberfläche. Die Panel-Leiste enthält einen einzigen Menüstarter Anwendungen, der in ein kleines Anwendungsmenü verzweigt.

Trotz des recht großen ISO-Abbilds von etwa 2,6 GByte Umfang findet sich im Live-System von Elementary OS bis auf den Webbrowser keine einzige größere Applikation. Der Lieferumfang umfasst lediglich mehrere kleine Applikationen wie einen Kalender, einen E-Mail-Client, einen Video- und einen Audio-Player, einen Fotomanager sowie eine Kamera-App. Sonst übliche Standardanwendungen wie LibreOffice, Gimp, VLC oder Firefox fehlen.

Das Anwendungsmenü verfügt zudem über keine herkömmliche Menühierarchie. Der Dialog listet alle installierten Applikationen auf einer Ebene auf. Dadurch gerät das Menü bei der Installation weiterer Anwendungen zunehmend unübersichtlich, weil der Desktop die Programmstarter dann seitenweise im Anwendungsmenü darstellt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Anwendungsmenü von Elementary OS fällt recht spartanisch aus.

Abbildung 1: Das Anwendungsmenü von Elementary OS fällt recht spartanisch aus.

Paketverwaltung

Zur Installation neuer Softwarepakete nutzt Elementary OS einen eigenen App Store namens AppCenter, der die Applikationen nach Anwendungsszenarien kategorisiert. Das AppCenter integriert auch die Aktualisierungsverwaltung, die Updates weitgehend automatisiert ohne ein zusätzliches Programm in das System einspielt.

Ähnlich wie Ubuntu setzt Elementary OS auf ein distributionsübergreifend etabliertes Paketformat, allerdings nicht auf Snap, sondern auf Flatpak. Der Vorteil: Flatpaks lassen sich auch unabhängig von herkömmlichen Paketverwaltungssystemen installieren. Die Anwendungen landen dabei in eigenen Sandboxen und laufen dort quasi unabhängig vom Rest des Systems.

Der Nachteil: Da Flatpaks alle nötigen Abhängigkeiten mitbringen, steigt der Speicherplatzbedarf enorm an. Zudem leiden Flatpaks ähnlich wie ihre Snap-Pendants insbesondere bei kleineren Anwendungen unter einem im Vergleich zu herkömmlich installierten Paketen deutlich höheren Ressourcenbedarf und einer spürbar langsameren Arbeitsgeschwindigkeit.

Da die Entwicklung des Flatpak-Systems beileibe noch nicht abgeschlossen ist, kann man selbst Standardanwendungen wie den Webbrowser Firefox derzeit noch nicht aus dem AppCenter heraus installieren. Sie finden hier überwiegend die bereits installierten kleinen Desktop-Apps (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das AppCenter beinhaltet zwar Kategorien, aber noch kaum installierbare Pakete.

Abbildung 2: Das AppCenter beinhaltet zwar Kategorien, aber noch kaum installierbare Pakete.

Um dem daraus resultierenden Mangel an Programmen abzuhelfen, greifen Sie auf das DEB-Paketverwaltungssystem zurück. Elementary OS aktiviert dazu von Haus aus die Ubuntu-Repositories. So spielen Sie bei Bedarf mit dem Befehl sudo apt install synaptic das altbewährte Frontend Synaptic ins System ein und installieren darüber die benötigten Applikationen.

Das AppCenter eignet sich damit längerfristig nur für solche Programme, die sich aufgrund problematischer Abhängigkeiten nicht als DEB-Paket installieren lassen, jedoch als Flatpak vorliegen. Auch Anwendungen, die Sie mit erhöhten Sicherheitsanforderungen betreiben wollen, sollten Sie eher über das AppCenter installieren, sofern sie denn als Flatpak im Elementary-OS-Repository vorliegen.

Einstellungen

Elementary OS bietet lediglich ein einziges, mit nur relativ wenigen Optionen versehenes Konfigurationsmenü. Diese für ambitionierte Anwender etwas spartanisch wirkenden Einstellungsmöglichkeiten sind der Fokussierung des Betriebssystems und des Pantheon-Desktops auf Endanwender geschuldet. Trotzdem lohnt eine nähere Beschäftigung mit einzelnen Optionen.

Über Tastatur legen Sie beispielsweise ein Symbol für den Status der Num-Lock-Taste in den System-Tray und können somit bei Bedarf die Funktion des Ziffernblocks schnell umschalten. Im Menü Rechnerzeit**& Beschränkungen definieren Sie nicht nur Benutzungszeiten für den Rechner, sondern blockieren bei Bedarf auch anhand von Sperrlisten den Aufruf bestimmter Anwendungen oder Webseiten. Diese Sperre erweist sich vor allen Dingen auf Mehrbenutzersystemen mit Accounts für Kinder als nützlich, da sie sich anwenderspezifisch konfigurieren lässt.

Eine weitere kleine Innovation ist ein Symbol im System-Tray, das schnellen Zugang zu vordefinierten Internet-Konten gewährt. Dadurch entfällt die oft lästige Eingabe von Authentifizierungsdaten im Webbrowser. Die dazugehörige Konfiguration nehmen Sie ebenfalls in den Systemeinstellungen vor (Abbildung 3).

Abbildung 3: Auch der Konfigurationsdialog ist auf Endanwender zugeschnitten.

Abbildung 3: Auch der Konfigurationsdialog ist auf Endanwender zugeschnitten.

Fazit

Obwohl Elementary OS 6 in der zweiten Beta-Version [2] noch einige Defizite aufweist, lässt sich die Grundrichtung deutlich erkennen: Während sich am optischen Erscheinungsbild nur kleinere Änderungen mit einer Verbesserung des Look & Feel ergeben, steht mit der Umstellung des Systems auf die Flatpak-Paketverwaltung ein deutlicher Sicherheitsgewinn ins Haus.

Diesen Vorzügen stehen jedoch wie bei allen Neuerungen einige Nachteile gegenüber: Das Nebeneinander mehrerer Paketverwaltungen kann auch verwirren, und der Ressourcenbedarf der Flatpak-Anwendungen bläht das System auf. Hier gibt es für die Elementary-OS-Entwickler noch einiges zu optimieren. (cla/jlu)

Infos

  1. Elementary OS: https://elementary.io/de/

  2. Beta 2 herunterladen: https://builds.elementary.io

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