InstantOS mit dem Tiling-Fenstermanager InstantWM

Aus LinuxUser 10/2020

InstantOS mit dem Tiling-Fenstermanager InstantWM

© Computec Media GmbH

Fertiggericht

InstantOS definiert den Komfort von Fenstermanagern neu. Vom Start weg gut konfiguriert, lässt sich damit zügig arbeiten.

Bei jeder Diskussion darüber, wie eine Distribution ausgestattet zu sein hat, melden sich auch die Minimalisten zu Wort, die ein möglichst leichtgewichtiges System bevorzugen. Es soll ohne ausgewachsene grafische Benutzeroberfläche auskommen und möglichst wenig Hauptspeicher in Anspruch nehmen. Die Bedienung soll möglichst durchgängig per Tastatur erfolgen, wobei vordefinierte Tastaturkürzel für einen flotten Arbeitsfluss sorgen.

Kommt das Ihrem Anforderungsprofil nahe, dann könnte InstantOS Sie interessieren. Es wird erst seit knapp einem Jahr entwickelt und befand sich zum Zeitpunkt des Tests bei der Version Beta 4. Wie uns der Hauptentwickler wissen ließ, dürfte bei Erscheinen des Hefts die erste stabile Version vorliegen oder zumindest nicht mehr weit entfernt sein.

It just works

Gemäß des Mottos “It just works” bietet InstantOS ein ultraleichtes System mit einem Fenstermanager anstatt einer Desktop-Umgebung, das trotzdem nichts vermissen lässt und sich vom Start weg ohne weitere Konfiguration einsetzen lässt. Geschwindigkeit, Stabilität und Einfachheit in der Benutzung stehen dabei im Fokus, eine tiefgreifende Konfigurierbarkeit tritt eher in den Hintergrund. Die meisten Anwender wollen ihr System nicht anpassen, es soll einfach nur funktionieren – so die Erkenntnis des Entwicklers, der unter dem Pseudonym Paper Benni im Netz zu finden ist.

Die noch junge Distribution setzte anfangs auf Manjaro als Basis, wechselte dann aber recht schnell zu Arch Linux. Die Distribution ist als Live-Medium mit Installer ausgelegt und steht auf der Projektseite zum Herunterladen bereit [1]. Das 64-Bit-Image hat 1,3 GByte Umfang; als Repositories dienen die Arch-Quellen sowie ein Archiv mit eigenen Anwendungen [2].

Alternativ lässt sich InstantOS aus einem Arch- oder Artix-Live-Medium heraus einspielen. Damit sparen Sie sich das Herunterladen des Abbilds. Dazu gibt es einen CLI-Installer, den Sie mittels bash < $(curl -L instantos.io/install) aus dem Terminal von Arch oder Artix aufrufen. An der Umsetzung von InstantOS für den Paketmanager Nix wird gearbeitet.

Die Distribution verwendet keine ausgewachsene grafische Desktop-Umgebung, sondern setzt auf den hauseigenen Fenstermanager InstantWM [3], der sowohl Tiling [4] als auch Floating und Stacking [5] unterstützt und von Dwm [6] abstammt. Der Desktop lässt sich sowohl mit der Tastatur als auch mit der Maus effizient benutzen. Zudem unterstützt InstantOS Eingaben via Touchscreen, sodass sich das System auch für die Installation auf Tablets eignet.

Wir installierten InstantOS zunächst in Virtualbox, wichen dann aber auf eine feste Installation aus, da die vordefinierten Key-Bindings in der VM teilweise nicht funktionierten. Das hat damit zu tun, dass die Super-Taste unter Umständen bereits im Gast belegt ist.

Die Installation verlief in beiden Fällen problemlos. Der Installer selbst wirkt optisch etwas ungewohnt, leitete uns jedoch klar strukturiert in wenigen Minuten durch die Installation.

Schlankes System

Falls Sie mit Fenstermanagern nicht auf vertrautem Fuß stehen, sollten Sie die Gelegenheit wahrnehmen und in der bei Start automatisch gestarteten Willkommensanwendung auf Get Started klicken. Das öffnet den Youtube-Kanal von Paper Benni mit knapp einem Dutzend kurzer Videos in Firefox. Das Nachvollziehen der dort gezeigten Bedienungsanleitungen hilft enorm beim Verständnis des Systems (Abbildung 1).

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Abbildung 1: Im ersten Fenster nach dem Start des Systems dürfen Sie das Welcome wörtlich nehmen: Ein Klick darauf heißt Sie bei den Video-Tutorials willkommen.

Dass InstantOS ein äußerst schlankes System lädt, belegt nach dem Neustart in die Installation ein Blick auf den Prozessmanager Htop. Er weist im Leerlauf einen Verbrauch von lediglich 127 MByte RAM aus. Das ist mit einer klassischen Desktop-Umgebung wie Gnome oder KDE nicht zu erreichen. Selbst das als relativ schlank geltende XFCE4 belegt nach dem Start die dreifache Menge an Speicher.

Außer der oberen Leiste weist der Desktop keinerlei Bedienelemente auf. Die am oberen Rand angesiedelten Bedienelemente wirken zunächst etwas ungewohnt. Um mit dem System zügig zu arbeiten, gilt es daher, einige Dinge zu lernen. Die Bedienung erfolgt entweder vollständig mit der Tastatur, der Maus oder in einer Mischform, was für Fenstermanager gewöhnlich nicht in dem Ausmaß möglich ist.

Dash oder Zsh

Das Icon ganz links öffnet ein Menü, das verschiedene Ansichten ermöglicht. Neben der Anwendungsübersicht erreichen Sie dort die Einstellungen, eine Infoansicht, das Terminal, die Dokumentation sowie die wichtigen Tastenzuordnungen. Alle Key-Bindings lassen sich auch per [Super]+[F1] aufrufen. Mit [Super] wird bei InstantOS die als Metataste definierte Windows-Taste bezeichnet. Zudem lässt sich aus dem Menü der Rechner neu starten oder herunterfahren. Die Anwendungsansicht erinnert in der Darstellung ein wenig an die Gnome-Shell (Abbildung 2).

Abbildung 2: Eine der Optionen des Hauptmen&uuml;s ist die Infoansicht, die relevante Fakten zu Soft- und Hardware des Systems vermittelt.

Abbildung 2: Eine der Optionen des Hauptmenüs ist die Infoansicht, die relevante Fakten zu Soft- und Hardware des Systems vermittelt.

Als Terminalemulation kommen Simple Terminal (ST) von Suckless.org [7] und der Multiplexer Tmux zum Einsatz. Was das für die Bedienung bedeutet, erläutert ein Hilfstext beim erstmaligen Öffnen. Zudem kann man zwischen Dash und Z-Shell umschalten. Zum Öffnen von Anwendungen gibt es mehrere Wege. Das Menü-Icon oben links bietet den Eintrag Applications. Über die Leertaste oder einen Klick in den leeren oder rechten Bereich der Leiste öffnen (und schließen) Sie ein App-Raster aller installierten Anwendungen, die über einen Menüeintrag verfügen. Einen textbasierten App-Starter, der über eine Suchfunktion alle installierten Anwendungen im Pfad aufrufen kann, öffnen Sie über [Y] (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das App-Grid gleicht in der Darstellung jenem der Gnome-Shell. Weitere Programme installieren Sie mit dem von Manjaro bekannten Paketmanager Pamac oder mit Pacman im Terminal.

Abbildung 3: Das App-Grid gleicht in der Darstellung jenem der Gnome-Shell. Weitere Programme installieren Sie mit dem von Manjaro bekannten Paketmanager Pamac oder mit Pacman im Terminal.

Das Schließen von Applikationen gelingt am einfachsten mit einem Mittelklick auf die blaue Titelleiste oder einen Linksklick auf das rote Quadrat in dieser Leiste. Ein Rechtsklick in das rote Quadrat der Titelleiste sperrt die Anwendung, bis Sie sie wieder entsperren. Mit der Tastatur schließen Sie Anwendungen über [Super]+[Umschalt]+[C] oder [Alt]+[F4].

Die Task-Leiste verstehen

Im linken Bereich der Task-Leiste rechts vom Menüschalter sehen Sie Zahlen von 1 bis 9 sowie ein Plus-Zeichen. Dahinter verbirgt sich das Tags-Konzept, eine erweiterte Version der üblichen virtuellen Desktops. Der leere Bereich in der Mitte dient offenen Anwendungen zur Platzierung ihrer Titelleiste (Abbildung 4).

Abbildung 4: Tags werden durch die Zahlenreihe oben links in der Leiste repr&auml;sentiert. Das Konzept leitet sich von den virtuellen Desktops der herk&ouml;mmlichen Desktops ab. Unten sind drei Fenster im Tiling-Modus angeordnet.

Abbildung 4: Tags werden durch die Zahlenreihe oben links in der Leiste repräsentiert. Das Konzept leitet sich von den virtuellen Desktops der herkömmlichen Desktops ab. Unten sind drei Fenster im Tiling-Modus angeordnet.

Falls Sie ein Notebook verwenden, beginnt der rechte Bereich mit einem “B”, gefolgt von einer Prozentzahl. Das signalisiert den Batterieladestand. Das grüne “i” bestätigt eine bestehende Netzverbindung und färbt sich rot, sobald die Verbindung abreißt. Danach folgen Datum und Uhrzeit sowie am Schluss ein “A”. Letzteres zeigt die gerade eingestellte Lautstärke und lässt sich über das Scrollrad der Maus manipulieren.

Optional ändern Sie die Lautstärke, indem Sie [Super]+[A] und anschließend [P]+ drücken. Darauf öffnet sich in der Leiste ein Lautstärkebalken, der sich mit [Pfeil-rechts]+ und [Pfeil-links]+[J] und [K]+[+] und [–] oder über das Scrollrad anpassen lässt. Alternativ tippen Sie, sobald der Balken erscheint, eine Zahl ein und drücken die Eingabetaste. Halten Sie [Super]+[Umschalt] gedrückt und klicken mit der Maus auf das “A”, öffnet sich das Fenster für die Lautstärkeregelung, in dem Sie einzelnen Anwendungen Lautstärken zuweisen. Auf die Tastenkombination [Super]+[A] gehen wir noch gesondert ein, denn sie öffnet die Funktion instantASSIST.

Wechselnde Layouts

Layouts bestimmen im voreingestellten Tiling-Modus, wie Anwendungsfenster sich den Desktop teilen. Die Standardeinstellung gewährt der ersten geöffneten Anwendung den gesamten Desktop. Kommen weitere hinzu, nimmt die neue Anwendung die Master Area ein, die standardmäßig die linke Hälfte des Desktops füllt. Die weiteren Anwendungen teilen sich horizontal die rechte Hälfte, die Stack Area. Im Jargon von InstantOS nennt sich dieses Layout Tile +.

All das lässt sich nach Wunsch beeinflussen. Anschaulich wird das Konzept, sobald Sie mit mehreren Klicks auf das Plus-Icon in der Leiste durch die verschiedenen Layouts wechseln. Dazu sollten Sie zuvor mindestens drei Anwendungen öffnen. Die Online-Dokumentation der Distribution geht ausführlich auf das Thema ein [8].

Bei Bedarf lösen Sie Anwendungen aus dem starren Korsett und verschieben sie in eigenständige Fenster. Im Floating-Modus lassen sich diese Anwendungen dann frei außerhalb der Layouts verschieben. Mit der Tastatur versetzen Sie Fenster mittels [Super]+[Umschalt]+[Leer] in diesen Modus. Mit der Maus kann ein Fenster nach Drücken von [Super] bewegt werden.

Um das Fenster wieder in den Tiling-Modus zu versetzen, nutzen Sie die Tastenkombination erneut oder bewegen das Fenster mit der Maus an den oberen Bildschirmrand. Auch hier hilft die Dokumentation mit weiteren Optionen [9].

Tags

Das oben bereits erwähnte Tags-Konzept verbirgt sich hinter den Nummern 1 bis 9 in der Leiste. Sie ähneln virtuellen Desktops, leisten jedoch etwas mehr als diese. Jedes offene Fenster ordnet das System einem oder mehreren Tags zu und zeigt es nur an, wenn das Tag aktiv ist. Die Tag-Leiste signalisiert dabei den jeweiligen Status aller Tags durch unterschiedliche Farben (siehe Tabelle “Tags und ihre Farben”).

Farbe

Bedeutung

Dunkelblau

Tag ist nicht aktiv, und ihm sind keine Fenster zugeordnet.

Blau

Tag ist nicht aktiv, und ihm sind Fenster zugeordnet.

Rot

Tag ist aktiv, und ihm sind keine Fenster zugeordnet.

Gelb

Tag ist aktiv, und ihm sind Fenster zugeordnet.

Grün

Tag ist aktiv, und ihm ist das derzeit aktive Fenster zugewiesen.

Einzelne Tags aktivieren Sie, indem Sie auf deren Indikator klicken oder [Super] plus eine Zahl von 1 bis 9 verwenden. Um ein Fenster in ein anderes Tag zu verschieben, verwenden Sie [Super]+[Umschalt] plus Zahl. Um ein Fenster zu einem Tag zu verschieben und diesen zu aktivieren, verwenden Sie [Super]+[Alt] plus die Tag-Nummer. Sie können den grünen Indikator auch mit der Maus auf ein anderes Tag ziehen. Halten Sie dabei die Umschalttaste gedrückt, folgen die enthaltenen Fenster zu dem entsprechenden Tag. Ziehen Sie ein schwebendes Fenster über einen Tag-Indikator, um es dorthin zu verschieben und den Tag zu aktivieren. Weitere Optionen enthüllt auch hier die Dokumentation [10].

Kennen Sie die Ausklappterminals Yakuake oder Guake, erschließt sich das Konzept der Overlays schnell. Sie verwandeln jedes beliebige Fenster in ein Ausklappfenster, indem Sie [Super]+[W] drücken oder das Fenster nach Drücken von [Super] mit der Maus in die rechte obere Ecke des Desktops verschieben. Danach lässt sich das Fenster ein- und ausklappen. Eine weitere, von anderen Distributionen und auch Windows her bekannte Auswahlmöglichkeit ist [Alt]+[Tab] – das funktioniert auch in InstantOS.

instantASSIST

In der Einleitung des Artikels kam die Sprache bereits kurz auf instantASSIST, das Sie über [Super]+[A] aktivieren. In dem Werkzeug organisiert das System eine Reihe kleiner Anwendungen, die Sie mit wenigen Tastenanschlägen erreichen. Mit der Aktivierung verschwinden die Tags oben links in der Leiste und machen Platz für eine Reihe von Buchstaben. Drücken Sie eines dieser Icons, um den entsprechenden Abschnitt zu aktivieren. Bei einigen Assistenten stehen mehrere Optionen zur Verfügung, sie erscheinen im selben Menü (Abbildung 5)

Abbildung 5: InstantASSIST bietet ein neues Konzept, um kleine Anwendungen mit nur einem Tastendruck zu &ouml;ffnen. Mit der Tastaturkombination <span class="key-combo">[Super]+[A]</span> erscheinen in der Leiste 20&nbsp;Buchstaben, die verschiedene Anwendungen starten. Teilweise stehen hinter einem Buchstaben mehrere Optionen.

Abbildung 5: InstantASSIST bietet ein neues Konzept, um kleine Anwendungen mit nur einem Tastendruck zu öffnen. Mit der Tastaturkombination [Super]+[A] erscheinen in der Leiste 20 Buchstaben, die verschiedene Anwendungen starten. Teilweise stehen hinter einem Buchstaben mehrere Optionen.

So erstellen Sie über s beispielsweise Screenshots mittels Flameshot, das dabei zunächst installiert und dann gestartet wird. Unter w aktivieren Sie wechselnde Hintergründe für den Desktop aus verschiedenen Quellen. Mit dem Assistenten h lassen Sie sich alle anderen Assistenten samt eventuell vorhandener Optionen anzeigen (Abbildung 6).

Abbildung 6: &Uuml;ber den Buchstaben <span class="ui-element">h</span> lassen Sie sich s&auml;mtliche K&uuml;rzel von instantASSIST und deren Auswirkungen anzeigen.

Abbildung 6: Über den Buchstaben h lassen Sie sich sämtliche Kürzel von instantASSIST und deren Auswirkungen anzeigen.

Fazit

Wir könnten noch weitere Seiten mit Funktionen, Tipps und Tricks füllen, doch wo bleibt dann der Spaß des Entdeckens? InstantOS will erobert werden, und das hat zumindest uns viel Spaß bereitet.

Wer diesem Reiz des Neuen nachgibt, die Konzepte und Layouts des Fenstermanagers InstantWM verinnerlicht und die wichtigsten Tastenkürzel ins Fingergedächtnis überführt, der erhält ein System, das eine Geschwindigkeit des Arbeitens erlaubt, die ihresgleichen nur bei gut durchkonfigurierten Fenstermanagern findet.

InstantOS hat den Vorteil, diese Konfiguration vom Start weg zu bieten. “It just works” liegt bereits in der Beta-Version ziemlich nah an der Wahrheit. 

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