Im Feature-Count würde Kdenlive allein schon durch die Anzahl der verfügbaren Effekte hervorstechen. Die tatsächlichen Trümpfe liegen aber ganz woanders.
Kdenlive ist ein freier Videoeditor [1] mit großem Funktionsumfang [2]. Es reicht nicht an Hollywood-erprobte kommerzielle Programme wie Lightworks [3] oder DaVinci Resolve [4] heran, doch seine Funktionen fürs Schneiden und Bearbeiten stellen selbst anspruchsvolle Hobby-Anwender ebenso zufrieden wie die mitgelieferten Effekte.
Die Anwendung ermöglicht neben Schnitten auch aus Film und Fernsehen bekannte Techniken in tadelloser Qualität umzusetzen, wie Überblendungen zwischen Szenen, Bild-im-Bild-Effekte und sogar Bluescreen-Montagen. Das Handbuch zum Programm [5] ist inzwischen so weit gediehen, dass es alle wichtigen Funktionen erläutert. Doch den Workflow, der das Rohmaterial aus Ihrer Kamera in einen ansprechenden Clip oder sogar Spielfilm verwandelt, müssen Sie sich selbst erarbeiten – oder Sie lesen diesen Artikel.
Installation
Kdenlive erhalten Sie in der Regel über die Paketverwaltung der von Ihnen genutzten Linux-Distribution. Allerdings führen die Paketquellen selten die aktuelle Version (derzeit 18.12.1): Ubuntu 18.10 enthält beispielsweise lediglich Kdenlive 18.04.3, Ubuntu 18.04 gar nur die Version 17.12.3. Aufgrund der stetigen Entwicklungsarbeit lohnt es sich jedoch, mit einer möglichst neuen Ausgabe der Anwendung zu arbeiten. Ambitionierte Video-Cutter sollten daher entweder eine stetig aktuelle Rolling-Release-Distribution wie Arch Linux (oder Derivate wie Manjaro) verwenden oder die Anwendung über eine zusätzliche Paketquelle auf den neuesten Stand bringen, wie die des Kdenlive-Teams für Ubuntu [10].
Zurechtgestutzt
Jedes Videoprojekt, das auf Aufnahmen aus einer Kamera basiert, startet mit dem Schnitt: Es gelingt in der Praxis selten, die Aufnahme genau zum richtigen Zeitpunkt zu starten oder zu beenden. Selbst bei simplen Screencasts möchten Sie vielleicht Versprecher herausschneiden. Kdenlive bringt mehrere Werkzeuge für diese Aufgabe mit. Besonders intuitiv funktioniert der Clipmonitor (Abbildung 1, rechts), der auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Videoplayer aussieht.

Abbildung 1: Zum Beschneiden von Videos wählen Sie zuerst im Clipmonitor (unterhalb des Player-Fensters) einen Bereich aus. Dann ziehen Sie diesen Clip entweder direkt auf die Spur für die Montage (1) oder zunächst ins Fenster Projektinhalt (2) und erst später in den Montagebereich (3). Feinkorrekturen der Schnittstellen nehmen Sie auf der Montagespur vor (4).
Um Videoclips in Kdenlive zu bearbeiten, ziehen Sie die Dateien aus einem Dateimanager in den Bereich Projektinhalt (Abbildung 1, links). Alternativ öffnet ein Klick auf den linken Button im Unterfenster den Dialog zur Dateiauswahl. Ein Mausklick auf ein Thumbnail in diesem Unterfenster öffnet das Video im Clipmonitor.
Über die Leertaste starten und stoppen Sie die Wiedergabe. Mit [J]+ und [L]+ steuern Sie den schnellen Vor- und Rücklauf. Mit den Pfeiltasten springen Sie um ein Einzelbild, oder – mit gedrückter Umschalt-Taste – eine Sekunde vor und zurück. Befindet sich der Mauszeiger über dem Zeitstrahl unter dem Video, scrollen Sie mit dem Mausrad durch das Video. Dabei vergrößert [Strg]+ die Geschwindigkeit beim Scrollen. Mit [Pos1]+ und [Ende] springen Sie zum Start oder Schluss.
Alternativ ziehen Sie den Cursor (schwarze Linie im Zeitstrahl) direkt zu einer Position oder tippen in die Zeitanzeige unten im Player einen Zeitcode ein (Punkt 5 in Abbildung 1). Die Zahlen zwischen den Doppelpunkten stehen in der Standardeinstellung für Stunde:Minute:Sekunde:Einzelbildnummer. Die Einzelbildnummer entspricht dabei dem Video-Frame ab der jeweils aktuellen Sekunde.
Zum Beschneiden eines Videoclips spielen Sie ihn bis zum gewünschten Startpunkt und markieren diesen mit [I]+ (“in”). Dann bewegen Sie den Wiedergabe-Cursor durch Spulen oder Abspielen zum Endpunkt und markieren diesen mit [O] (“out”). Im Zeitstrahl ist nun der Bereich zwischen Start- und Endpunkt markiert.
Es gibt in Kdenlive mehrere Methoden, um den ausgewählten Bereich in Ihr Projekt einzufügen. Am einfachsten gelingt das, indem Sie das Bild im Clipmonitor mit der Maus auf eine der Videospuren in den Montagebereich unten im Fenster ziehen. Dort erscheint es als Filmschnipsel, der auf der Zeitleiste die Länge des ausgewählten Bereichs belegt.
Halten Sie, wenn nötig, den Mauszeiger über den Bereich, halten Sie [Strg] gedrückt, und wählen Sie mit dem Mausrad eine Zoom-Stufe, die den Clip in der Zeitleiste in einer passenden Größe anzeigt. In der Regel benutzen Sie nur eine Videospur, in der Sie die Szenen direkt aneinanderreihen. Überlappen sich Clips auf übereinanderliegenden Spuren, so überdeckt der obenliegende Clip das darunterliegende Bild. Dieses Überlappen bildet die Basis für weiche Überblendungen, Bild-im-Bild-Effekte oder Bluescreen-Überlagerungen.
Zusammengeklebt
Für einfache Projekte genügt es, jeden Roh-Clip mit den Tastatur-Shortcuts [I]+ und [O] zu beschneiden und die Ausschnitte auf den Montagespuren unten im Fenster aneinanderzulegen. Die Enden der Clips ziehen sich magnetisch an, um lückenloses Anfügen zu erleichtern.
Möchten Sie nachträglich die Reihenfolge verändern, zoomen Sie die Montage-Zeitleiste mit [Strg] und Mausraddrehung nach unten so weit heraus, bis genug freier Platz entsteht, und arrangieren die Clips dann neu. Halten Sie den Mauszeiger über eine der Montagespuren, dann scrollt das Mausrad ohne gedrückte Taste nach links oder rechts.
Um die auf den Spuren angereihten Clips in einem Stück abzuspielen, wechseln Sie vom Clipmonitor zum Projektmonitor, indem Sie auf den gleichnamigen Karteireiter unter dem Videoplayer klicken. Noch schneller gelingt das durch einen Druck auf [T]+; erneutes Drücken von [T] wechselt zurück zum Clipmonitor.
Die vom Clipmonitor bekannten Tastatur-Shortcuts zum Navigieren durch das Video greifen hier ebenfalls. Auch in den Montagespuren gibt es einen Wiedergabe-Cursor. Sie verschieben ihn wie im Clipmonitor mit der Maus oder bewegen ihn per Mausrad, sobald Sie den Zeiger über den Zeitstrahl halten. Bei größeren Projekten fällt das erneute Arrangieren der Szenen auf der Montagespur per Maus jedoch zunehmend schwer. Ziehen Sie die geschnittenen Szenen nicht direkt in die Zeitleiste, sondern zunächst in den Bereich Projektinhalt oder drücken Sie [Strg]+[I].
In der Praxis verwirrt, dass die abgelegten Ausschnitte nicht sofort erscheinen, sondern erst, wenn Sie auf den nun erschienenen Pfeil rechts vom Original-Clip klicken: Dann tauchen die Schnitte als Kindelemente mit Namen wie Zone 1 auf. Per Doppelklick ersetzen Sie diese generischen Bezeichnungen durch aussagekräftige Namen. So ordnen Sie die geschnittenen Clips auf den Montagespuren auf die Schnelle neu an, nachdem Sie diese mit [Strg]+[A] (alle Clips auswählen) und [Entf] vollständig geleert haben.
Doch einen vollständigen Kahlschlag braucht es selten: Wenn Sie zum Beispiel alternative, unterschiedlich lange Schnitte einer Szene zum Ausprobieren vorbereitet haben, ist es umständlich, durch reines Schieben mit der Maus einen Clip gegen ein Exemplar anderer Länge auszutauschen. Doch zum Glück kennt Kdenlive neben dem vorgestellten Workflow via Drag & Drop auch noch eine Variante per Cut & Paste, die sich besser für komplexe Projekte eignet.
Markieren Sie zum Beispiel den auszutauschenden Clip auf einer der Montagespuren, und drücken Sie [Umschalt]+[X], so verschwindet der markierte Clip (Abbildung 2). Anders als beim Löschen mit [Entf] rückt der gesamte folgende Inhalt jedoch um die Länge des entfernten Clips nach vorn und schließt so die Lücke.
![Abbildung 2: Cut & Paste statt Drag & Drop: [V]+ fügt einen Clip an der Cursor-Position ein, die folgenden Clips rutschen nach hinten. [X]+ löscht einen Schnipsel, die folgenden rutschen nach vorn. [B] überschreibt dagegen bestehendes Material.](/wp-content/uploads/2019/03/b02-kdenlive-cutandpaste-269x300.jpg)
Abbildung 2: Cut & Paste statt Drag & Drop: [V]+ fügt einen Clip an der Cursor-Position ein, die folgenden Clips rutschen nach hinten. [X]+ löscht einen Schnipsel, die folgenden rutschen nach vorn. [B] überschreibt dagegen bestehendes Material.
Markieren Sie nun den Clip vor dem Entfernten, und drücken Sie auf [Ende]: Der Wiedergabe-Cursor rastet nun an den Clip-Enden nicht ein, doch der Tastatur-Shortcut richtet ihn exakt daran aus. Ist der Track, in dem die Clips liegen, im Moment nicht aktiv (also nicht farbig hervorgehoben), ändern Sie das durch einen Klick auf dessen Kopfbereich am linken Ende.
Wählen Sie im Unterfenster Projektinhalt die Szene aus, durch die Sie die eben gelöschte ersetzen möchten. Mit [V] fügen Sie diese an der Cursor-Position ein und verschieben gleichzeitig alle Inhalte dahinter so, dass sie lückenlos anschließen. In diesem Fall fungiert die Fuge zwischen zwei Clips als Einfügepunkt.
Doch das muss nicht zwingend so sein: Steht der Cursor mitten in einem Schnipsel, fügt Kdenlive an der Cursor-Position einen Schnitt ein. Statt die Inhalte nach dem Einfügepunkt um die Länge des neuen Clips nach hinten zu verschieben, entsteht beim Einfügen mit [B] der benötigte Platz durch Überschreiben.
Wichtig ist es noch zu wissen, dass Sie die Schnittpunkte der Clips auf der Montagespur noch durch Heraus- und Hereinschieben der Clip-Enden verändern können (Abbildung 1). Das Herausziehen beschränkt sich dabei auf die Länge des ursprünglichen Clips. Zusätzlich lässt sich der aktive Clip mit [Umschalt]+[R] zerteilen.
Eventuell entstandene Lücken schließen Sie am einfachsten per Rechtsklick auf die Spur mit der Option Abstand entfernen oder Abstand in allen Spuren entfernen. Dabei rücken alle folgenden Clips nach vorn, um den Zwischenraum zu schließen.
Möchten Sie die auf der Montagespur veränderten Schnittpunkte im Projektinhalt verewigen, klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Clip und wählen die erste Option Clip im Projektinhalt. Dann sehen Sie den Clip mit Auswahlmarkierungen, die den aktuellen Schnittpunkten entsprechen, im Clipmonitor. Er lässt sich mit [Strg]+[I] als dem Original-Clip zugeordnete Zone ablegen.
Weich überblendet
Bei Szenenwechseln verdeutlichen Überblendungen, dass ein neues Kapitel beginnt. In Kdenlive erstellen Sie diese mit wenigen Klicks. Der folgende Workflow bietet sich an: Schneiden Sie Ihre Clips zunächst exklusive der Übergangsbereiche, sprich: Planen Sie den für die Übergänge nötigen Vor- und Nachlauf noch nicht ein. Ziehen Sie dann den ersten Clip auf die Spur Video 1, den zweiten auf Video 2, sodass die Enden aneinander anschließen.
Erhöhen Sie anschließend die Zoom-Stufe bei gedrücktem [Strg] per Mausrad so weit, dass der Wiedergabe-Cursor einige Millimeter breit erscheint. Er markiert dann die Breite eines einzelnen Video-Frames. Die Clip-Enden lassen sich nun auf den Frame genau ziehen, sie rasten an deren Grenzen ein.
Bei einer Aufnahme aus dem Fernsehen mit 50 Bildern pro Sekunde hat es sich für einen unaufdringlichen Übergang bewährt, beide Schnipsel um zwei Frames zu verlängern. Das Überblenden dauert weniger als eine Zehntelsekunde. Der Effekt springt nicht direkt ins Auge, aber der Übergang wirkt dennoch weicher als ein Schnitt ohne Überblendung.
Wenn Sie für die Überlappung gesorgt haben, klicken Sie auf die linke untere Ecke. Achten Sie darauf, dass sich die Form des Cursors dabei ändert. So fügen Sie eine Standardüberblendung vom Typ Auflösen hinzu, deren Länge genau der Überlappung entspricht. Bei Clips mit großen Helligkeitsunterschieden braucht es hingegen längere Überblendungszeiten. Hier nehmen Sie den Wiedergabe-Cursor zuhilfe, den Sie mit den Pfeiltasten auf den Frame genau oder mit [Umschalt] und den Pfeiltasten um eine Sekunde bewegen.
Ein anderer seit Zelluloid-Zeiten üblicher Effekt ist das Auf- und Abblenden von und nach Schwarz. Dazu müssen Sie die Schnipsel nicht auf zwei Spuren anordnen, sondern dafür sorgen, dass die einzelnen Video-Stücke auf demselben Track lückenlos aneinander anschließen. Sie brauchen für diesen Effekt dann nur noch den Mauszeiger an der oberen Ecke am Anfang oder Ende des Schnipsels zu platzieren und die Maus nach Veränderung der Cursor-Form einige Frames weit nach innen zu ziehen. Auch hier kann bei längeren Überblendungen der per Pfeiltasten bewegte Wiedergabe-Cursor als Orientierung für eine reproduzierbare Länge helfen.
Die vorgestellten schlichten Überblendungen stellen die richtige Wahl dar, wenn es nicht um fantasievolle Effekte geht, sondern um eine solide Regie, die die Inhalte des Videos in den Vordergrund stellt. Kdenlive bringt dennoch zusätzlich um die vierzig optisch verspielte Übergangseffekte mit (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein fantasievoller Übergangseffekt zum Einstieg fesselt die Zuschauer; zu viele davon könnten deren Nerven strapazieren.
Um andere Übergänge als die beiden quasi in die GUI eingebauten Effekte Auflösen und Auf- und Abblenden einzufügen, sorgen Sie wie beschrieben für eine Überlappung zweier Clips. Dann öffnen Sie im Effekte-Unterfenster (Abbildung 4) den Reiter Übergänge und ziehen ein Effekt-Symbol auf den Clip in der oberen Spur.
Das Suchfeld oben im Unterfenster hilft, bestimmte Effekte zu finden. Kdenlive passt die Länge des Übergangs automatisch der Überlappung an, wenn die per Rechtsklick auf die als ockerfarbenes Rechteck zwischen den Spuren dargestellten Übergangseffekt sichtbare Option Automatischer Übergang aktiv ist.

Abbildung 4: Das Unterfenster Übergänge hält 37 Effekte für die Überblendung zwischen zwei Szenen bereit.
Wenn Sie den Übergangseffekt per Klick im Montagebereich aktivieren, erscheinen im Unterfenster Eigenschaften die zugehörigen Einstellungen. Bei vielen simplen Effekten gibt es allerdings keine veränderbaren Parameter. Dann sehen Sie lediglich ein Ausklappfeld, mit dem Sie einen anderen Übergangseffekt wählen, ohne ihn neu auf der Spur ausrichten zu müssen.
Effektfeuerwerk
Im Reiter neben den Übergangseffekten liegen fast 250 Effekte, die sich nicht nur auf Übergänge auswirken, sondern auf ganze Clips. Wie bei den Übergangseffekten hilft ein Suchfeld am oberen Rand des Reiters Effekte bei der Auswahl (Abbildung 5). Aufklappbare Kategorien verbessern die Übersicht. Die Buttons über dem Suchfeld gestatten es, die Liste auf Video- oder Audio-Effekte zu beschränken (Filmstreifen- beziehungsweise Lautsprecher-Symbol).

Abbildung 5: Zum Einfügen von Effekten ziehen Sie einfach ein Symbol aus dem gleichnamigen Reiter auf einen Schnipsel im Montagebereich. Die Einstellung für den Effekt nehmen Sie dann im Reiter Eigenschaften vor.
Allerdings sortiert Kdenlive die meisten Filter unter der nichtssagenden Kategorie Verschiedenes ein. Hier fasst das Programm sehr unterschiedliche Effekte zusammen. In dem Sammelsurium finden sich beispielsweise der Filter Baltan, der träumerisch wirkende, semitransparente Geisterbilder einfügt, aber auch ein hochwertiger Denoise-Filter (Hqdn3d, Abbildung 6), der Sensorrauschen bei schlechter Belichtung unter Auswertung mehrerer Frames eliminiert.

Abbildung 6: Der Effekt Hqdn3d (links) mindert das Sensorrauschen bei dieser Aufnahme in einer dunklen Umgebung.
Beim Führen des Mauszeigers über einen Effektlisteneintrag zeigt Kdenlive eine Kurzbeschreibung. Viele Effekte erläutert das Handbuch mehr oder weniger umfassend [6]. Da die meisten Effekte in Kdenlive auf dem MLT-Framework zur Videobearbeitung basieren, hilft auch dessen knappe Dokumentation mitunter weiter [7].
Genau wie Übergänge wenden Sie Effekte durch Ziehen eines Eintrags aus der Effektliste auf einen Schnipsel in den Montagespuren an. Im mittleren Unterfenster Eigenschaften erscheint eine für den Effekt spezifische Einstellungspalette. Abbildung 5 zeigt ein Beispiel für den Filter RGB-Anpassung, der die rote, grüne und blaue Farbkomponente separat regelt (oben im Reiter Eigenschaften).
Ein wichtiges Bedienelement vieler Effekte erreichen Sie über das unscheinbare Stoppuhr-Icon direkt unter dem Palettentitel, das es ermöglicht, die Parameter im Zeitverlauf zu variieren. Ein Klick auf den Button blendet eine Liste sogenannter Keyframes ein. Dabei handelt es sich um Stellen im Clip, denen Sie bestimmte Einstellungen für den Effekt zuweisen. Kdenlive errechnet automatisch fließende Zwischenwerte zwischen den Keyframes.
Beim Klick auf den Button legt Kdenlive automatisch Keyframes am Beginn und Ende des Clips an. Weitere erstellen Sie, indem Sie im Projektmonitor zur gewünschten Stelle springen und auf dem Plus-Button unterhalb der Keyframe-Liste klicken. Nach dem Setzen der Keyframes wählen Sie einen aus der Liste aus. Um die Wirkung des Effekts zwischen den Keyframes zu begutachten, spielen Sie das Video im Projektmonitor ab.
Vorgebacken
Die Wiedergabe beginnt allerdings je nach Anzahl und Komplexität der Effekte zu stottern: Kdenlive arbeitet als nichtlinearer Videoeditor. Die Software errechnet also das endgültige Ergebnis in hoher Qualität erst dann, wenn Sie auf den Schalter Rendern in der oberen Leiste klicken.
Im Gegensatz dazu wenden lineare Editoren jeden einzelnen Effekt sofort in endgültiger Qualität auf das Video an. Es dauert daher im schlimmsten Fall Stunden, bis das Programm für den nächsten Schritt wieder zur Verfügung steht. Da das in der Praxis kaum praktikabel ist, arbeiten alle professionellen Video-Editoren nach dem nichtlinearen Prinzip. Der Preis dafür: eine live errechnete Vorschau, die je nach Ressourcenanforderung der Effekte immer weniger Frames pro Sekunde darstellt.
Kdenlive kennt zwei Methoden, um dieses Problem zu umgehen: Sogenannte Proxy-Clips ersetzen hochauflösende Videos für die Vorschau durch Stellvertreter mit niedriger Auflösung (Abbildung 7). Außerdem kann das Programm die Vorschau auch im Voraus rendern. Da der Zwischenspeicher bei jeder Projektänderung aufgefrischt werden muss, was lange dauert, empfiehlt sich die Definition von Preview-Zones.

Abbildung 7: In den Montagespuren definierte Preview Zones (rot markiertes Kontextmenü) und niedrig auflösende Proxy-Clips (P-Symbol, im unteren Video läuft das Erstellen) sorgen für eine stotterfreie Videovorschau.
Um Sie zu definieren, wechseln Sie zum Projektmonitor und markieren durch Drücken von [I]+ und [O] einen Bereich. Per Rechtsklick und der Option Add Preview Zone wählen Sie diejenigen Teile des Projekts für das Vorausrendern aus, die Sie genauer begutachten möchten und bei denen langsame Effekte dies erschweren. [Umschalt]+[Eingabe] frischt den Zwischenspeicher auf.
Proxy-Clips müssen Sie erst unter Projekt | Projekteinstellungen im Reiter Einstellungen aktivieren. Dort gibt es auch die Option Erstellen für Videos größer als, die die Proxies für Clips ab einer bestimmten Auflösung automatisch erstellt. Per Hand erstellen Sie Proxy-Clips durch Rechtsklick und Wahl der Option Proxy Clip.
Bei Projekten in 4K-Auflösung erweisen sich Proxy-Clips als unverzichtbar: Kdenlive nutzt in der Standardeinstellung für die Vorschau nur einen Prozessorkern, die Vorschau-Performance fällt dadurch viel schlechter aus als zum Beispiel bei Cinelerra [8]. Zwar lässt sich unter Einstellungen | Kdenlive einrichten … im Reiter Umgebung im Feld mit dem kryptisch übersetzten Namen Threads werden bearbeitet eine Zahl größer eins einstellen, doch schon der Einstellungsdialog weist darauf hin, dass dies als experimentell gilt.
Im Test ließ sich denn auch der Cursor im Projektmonitor nach Verändern der Einstellung nicht mehr bewegen [9]. Mehrere Prozessorkerne für die Vorschau zu nutzen, ist also im Moment nicht praktikabel. Dies gilt aber nicht für das abschließende Rendern, das Mehrkernprozessoren effektiv nutzt.
Profi-Liga
Die sehr zahlreichen Effekte in Kdenlive decken ein breites Spektrum ab: Essenzielle Effekte wie Farbfilter und Helligkeitskorrekturen (Abbildung 8) sowie Rauschunterdrücker und Schärfefilter finden sich in hoher Qualität.
Mit dem Filter Verschieben und Größe ändern lassen sich einfach Bild-im-Bild-Effekte erstellen: Es genügt, dazu zwei Videos in zwei Spuren übereinanderzulegen und das obere kleiner zu skalieren (Abbildung 9). Da der Filter Keyframe-fähig ist, lassen sich die Unterfenster auch fließend herein- und herauszoomen.

Abbildung 8: Kdenlive bringt Farb-, Helligkeits- und Kontrastkorrekturfilter mit (Reiter Eigenschaften links und Reiter Effekte rechts).

Abbildung 9: Zwei übereinanderliegende Videospuren und der Filter Verschieben und Größe ändern genügen für Bild-im-Bild-Effekte. Dank der Keyframe-Fähigkeit gelingt ein animiertes Ein- und Ausblenden der Unterfenster.
Kdenlive speichert vorgenommene Einstellungen eines Effekts auf Wunsch als Benutzerdefinierte Effekte ab, sodass sie sich mehrfach im Projekt verwenden lassen. Außerdem erlaubt die Anwendung, Effekte zu gruppieren. Auch ganze Gruppen lassen sich als Benutzerdefinierte Effekte abspeichern. Wählen Sie zum Erstellen im bereits erwähnten Effektpalettenmenü den Punkt Gruppe erstellen. Ziehen Sie dann weitere Effekte in die schwarz umrandete Gruppenpalette.
Eine besonders effektvolle Videobearbeitungstechnik stellt das aus der Tagesschau bekannte Bluescreen-Verfahren dar, das einen Sprecher vor einem Hintergrund aus bewegten oder Standbildern zeigt. In Abbildung 10 wurde beim Ausgangsmaterial eigentlich alles falsch gemacht, was man beim Green- oder Bluescreening falsch machen kann: Der grüne Hintergrund ist weder gleichmäßig ausgeleuchtet noch faltenfrei.

Abbildung 10: Die Greenscreen-Montage (links) und das Ausgangsmaterial (rechts) im Vergleich: Der sehr gute Kdenlive-Filter Farbauswahl schafft es, die laienhafte Greenscreen-Aufnahme in eine Montage zu verwandeln.
Dennoch macht es Kdenlive mit seinem Filter Farbauswahl möglich, ein halbwegs brauchbares Resultat zu erzielen – genau genommen mit der Kombination der Filter Farbauswahl und Alpha-Operationen. Die Hauptarbeit leistet die Farbauswahl: Hier wählen Sie zunächst die Farbe aus, die transparent erscheinen soll. Dazu klicken Sie auf das Tropfen-Icon hinter dem Farbfeld und wählen per Mausklick eine Stelle des Hintergrunds im Videomonitor, deren Helligkeit und Farbe für den in Transparenz umzuwandelnden Teil im Durchschnitt liegt.
Im standardmäßig eingestellten Modus Unterbereichs-Auswahl von RGB regeln die ersten drei Delta-Schieber die maximale Abweichung der roten, grünen oder blauen Farbkomponenten, für die die Auswahl einen Farbpunkt noch erfasst. Die Steigung legt fest, wie breit der teiltransparente Übergangsbereich ausfällt.
Bei den Modi ABI und HCI stehen die Regler für Farbton-, Sättigungs- und Helligkeitstoleranz. Die Unterschiede zwischen den beiden Modi fallen subtil aus und sind schwer vorherzusagen, ebenso wie bei den Unterbereich-Objekt-Varianten Box, Ellipsoid und Diamant. Sie stehen für die Form, die der Filter auf ein Farbdiagramm legt, um einen Ausschnitt davon festzulegen. Zum Benutzen des Tools ist die Theorie aber weniger wichtig: Ausprobieren führt zum besten Ergebnis.
Fazit
Mit Kdenlive 18.12.1 präsentieren die Entwickler einen ausgereiften Video-Editor mit vollem Funktionsumfang. Das Schneiden von Clips geht dank zweier unterschiedlicher Verfahren leicht von der Hand: Das Programm unterstützt einen Workflow sowohl per Drag & Drop als auch via Copy & Paste. Ersterer geht Einsteigern intuitiver von der Hand, Letzteren erledigen dank vorausgewählter Tastatur-Kurzbefehle versierte Anwendern zügiger.
Für die am häufigsten gebrauchten Überblendungsverfahren stellt die GUI mit “magischen” Clip-Ecken praktische Shortcuts zur Verfügung. Die Zahl der verfügbaren Effekte übersteigt die Anforderungen der meisten Anwendungsfälle. Die Qualität grundlegender Filter, wie Farb- und Belichtungskorrekturen, aber auch des Green/Bluescreen-Filters erweist sich als tadellos.
Geblieben ist eine gewisse Instabilität, wie man sie jedoch bei wohl allen nichtlinearen Video-Editoren unter Linux verschmerzen muss. Im Vergleich zu älteren Versionen nahm die Absturzhäufigkeit zwar deutlich ab, doch selbst während der Recherche für diesen Artikel gab es ein paar Segfaults zu beklagen. Immerhin wusste die standardmäßig aktivierte Absturzwiederherstellung meist zu verhindern, dass Arbeit verloren ging.
Infos
-
Kdenlive: https://kdenlive.org
-
Download: https://kdenlive.org/en/download/
-
Lightworks: https://www.lwks.com
-
DaVinci Resolve: https://www.blackmagicdesign.com/products/davinciresolve/
-
Kdenlive-Handbuch: https://userbase.kde.org/Kdenlive/Manual
-
Effekte im Handbuch: https://userbase.kde.org/Kdenlive/Manual/Effects_And_Transitions
-
MLT-Framework-Dokumentation: https://www.mltframework.org/plugins/PluginsFilters/
-
Cinelerra: http://cinelerra.org
-
Mehrkernprozessor-Bug: https://bugs.kde.org/show_bug.cgi?id=352489
-
Kdenlive-PPA für Ubuntu: https://launchpad.net/~kdenlive/+archive/ubuntu/kdenlive-stable





