Schickes Debian-Derivat Elive 3.0.0 im Überblick

Aus LinuxUser 11/2018

Schickes Debian-Derivat Elive 3.0.0 im Überblick

© Computec Media

Ausgereift

Systeme für ältere Computersysteme kranken oft an mangelnder Software oder rustikalem Design. Elive dagegen verwandelt den Desktop in einen echten Hingucker und bringt Software für jeden Einsatzzweck mit.

Debian und viele seiner Derivate gehören aufgrund der langen Entwicklungszeit meist nicht zu den aktuellsten Systemen. Dafür sind sie aber in der Regel sehr stabil und weisen wenige Fehler auf. Das aus Belgien stammende Elive jedoch schießt in Sachen Entwicklungsdauer den Vogel ab: Nach rund achteinhalb Jahren seit dem Erscheinen der letzten Major Release 2.0 wurde im September 2018 nun endlich Version 3.0.0 freigegeben.

In der Zwischenzeit hat das Projekt keineswegs die Entwicklung unterbrochen oder war eingeschlafen: Seit 2010 veröffentlichten die Developer regelmäßig mehrere Dutzend Versionen, die stets als Beta- oder Unstable-Release gekennzeichnet waren. Die nun freigegebene Version 3.0.0 basiert auf Debian 7 “Wheezy” und bringt einen Kernel der Serie 3.16 mit.

Das Betriebssystem arbeitet nach wie vor mit SysVinit als Init-System [1] und richtet sich an Anwender mit älteren Rechnern. Daher liegt es bislang nur in einer 32-Bit-Variante vor. Als Voraussetzungen in Bezug auf die Hardware geben die Entwickler eine CPU mit 500 MHz Taktfrequenz und einen minimalen Arbeitsspeicher von 192 MByte an.

In der Praxis

Die Elive-Entwickler fokussieren explizit auf ältere Hardware, wobei hier eines der wichtigen Kriterien der Bedarf an Arbeitsspeicher ist. Im Test zeigte sich, dass das System tatsächlich zu den sparsamsten Linux-Derivaten zählt: Trotz vieler Effekte ist nach dem Start ein RAM-Bedarf von knapp unter 270 MByte festzustellen. Die Last auf der CPU hielt sich ebenso in Grenzen, sodass das System auf betagten Prozessoren mit nur einem Kern ebenfalls eine gute Figur macht.

Als weitere Besonderheit des schlanken Debian-Derivats sticht die Desktop-Umgebung ins Auge: Während andere, ähnlich gelagerte Distributionen häufig auf mehr oder weniger abgespeckte Hausmannskost oder rustikale Kreationen aus eigenem Hause setzen, kommt hier mit Enlightenment E17 eine optisch äußerst ansprechende und trotzdem wieselflinke Variante des Desktops zum Einsatz, den die Entwickler durch das Elpanel aufgewertet haben.

Erster Eindruck

Die Entwickler stellen das ISO-Image auf der Webseite entweder sofort nach einer kleinen, vom Anwender zu wählenden Spende zum Herunterladen bereit, oder aber nach Angabe der E-Mail-Adresse durch einen per Mail versandten Link mit 24 Stunden Reaktionszeit [2]. Alternativ laden Sie das Image auch direkt über Distrowatch herunter, entweder als Hybrid-Image oder als spezielles USB-Image. Die Abbilder benötigen ein Speichermedium mit einer Größe von mindestens 4 GByte.

Das System bootet zunächst in ein sorgfältig konfiguriertes Grub-Menü: Hier stehen neben den üblichen Optionen für den Start ein Eintrag zum Booten von einem USB-Stick mit Persistenz bereit sowie ein Eintrag für sehr alte Systeme, der einen Kernel der Serie 3.2 aktiviert. Außerdem ist es möglich, das System komplett ohne proprietäre binäre Treiber zu betreiben.

Im Unterschied zum Standard-Kernel lädt der ältere Kernel ohne PAE-Extension. Daher eignet er sich auch für Computer, die keine entsprechende Erweiterung zum Ansteuern von mehr als 4 GByte Arbeitsspeicher unterstützen [3].

Nach dem Start in das Live-System erkennt die Routine Hardware-Komponenten, die einen proprietären Treiber benötigen und lädt auf Nachfrage den quelloffenen oder proprietären Treiber. Dies betrifft vor allem Grafikkarten des Herstellers Nvidia, für die häufig unter Linux Treiber des Herstellers vorhanden sind. Anschließend extrahiert der Assistent die betreffenden Module aus dem Image, sodass es zum Laden der Treiber keine Verbindung zum Internet braucht.

Danach lädt der Desktop, wobei die Routine zunächst die Parameter für Sprache und Tastatur abfragt. Nach einer weiteren Abfrage, ob Sie die OpenGL-Hardwarebeschleunigung nutzen möchten, öffnet sich die ansprechend gestaltete Umgebung mit zwölf virtuellen Arbeitsoberflächen in der rechten oberen Ecke und einer Dock namens Engage unten mittig. In der rechten unteren Bildschirmecke befindet sich zudem ein kleiner System-Tray, der verschiedene Hardware-Informationen anzeigt. Ein Panel mit Menüstruktur fehlt dagegen.

Haben Sie Ihr System von einem USB-Stick gestartet und zudem den Persistenz-Modus aktiviert, so testet Elive die Geschwindigkeit für den Speicher und informiert Sie außerdem, wie groß dieser ist. Fällt das Ergebnis zu langsam aus, so weist das System darauf hin, dass ein schnelleres Medium deutliche Vorteile brächte.

Die Dock unten mittig im Bildschirm besitzt einen transparenten Hintergrund und ist frei konfigurierbar, wobei sich die Icons beim Überfahren mit dem Mauszeiger vergrößern. Der Hintergrund des Bildschirms wechselt ebenfalls in Intervallen. Zudem sind voreingestellt beim Öffnen und Schließen von Fenstern dezente optische Effekte eingeschaltet.

Menüs

Unter Elive erreichen Sie die installierten Anwendungen auf zwei Wegen: Entweder Sie klicken mit der rechten Maustaste einmal in den Desktop, woraufhin sich das Elpanel öffnet. In diesem navigieren Sie über verschiedene Schaltflächen am unteren Rand. Dabei sind die Menüs für Applikationen und Einstellungen in Gruppen zusammengefasst und weisen eine Hierarchie auf.

Alternativ klicken Sie mit der linken Maustaste auf den Desktop, woraufhin sich ein herkömmliches Menü öffnet. Dieses weist ebenfalls eine konventionelle Hierarchie auf. Während das Elpanel zunächst aufgrund des ungewohnten Konzepts etwas Einarbeitung erfordert, kommen Anwender, die bislang KDE, Xfce oder LXDE als Umgebung genutzt haben, mit dem konventionellen Menü sofort zurecht.

Installation

Um Elive zu installieren, klicken Sie einfach auf das rechte Icon Installiere Elive im Dock – beachten Sie dabei, dass der Installer nur dann bereitsteht, wenn Sie die Distribution nicht von einem USB-Stick mit persistentem Speicher geladen haben. In diesem Fall starten Sie das System in den herkömmlichen Live-Modus neu und starten den Installer ein zweites Mal.

Der Assistent weicht in seiner Optik und Funktionalität von herkömmlichen Routinen wie Calamares oder Ubiquity ab. Zudem blendet er immer wieder Hinweise ein, sodass zahlreiche Interaktionen nötig sind (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Installer ist eine eigene Entwicklung und bedarf etwas mehr Interaktion.

Abbildung 1: Der Installer ist eine eigene Entwicklung und bedarf etwas mehr Interaktion.

Findet die Routine beim Partitionieren andere Linux-Betriebssysteme auf dem Massenspeicher, bietet der Assistent an, die Benutzer und Daten ins Elive-System zu migrieren. Die Funktion befindet sich jedoch noch in einem experimentellen Stadium und versagte im Test den Dienst. Daten auf dem internen Speicher hat sie dabei jedoch nicht beschädigt.

Der Installer erkennt, ob Sie das System auf einer SSD oder herkömmlichen Festplatte installieren möchten. Im Falle einer SSD empfiehlt die Routine das Einrichten eines Ext4-Dateisystems. In weiteren Schritten steuern Sie, welche Dienste und Applikationen Sie installieren möchten.

Zur Auswahl stehen unter anderem mehr als ein halbes Dutzend Webbrowser. Zudem bietet der Assistent an, überflüssige Datenbestände zu löschen, um so mehr freien Speicherplatz auf dem System zu erhalten (Abbildung 2).

Abbildung 2: Von Haus aus gestattet der Assistent unter anderem das Entfernen überflüssiger Dateien.

Abbildung 2: Von Haus aus gestattet der Assistent unter anderem das Entfernen überflüssiger Dateien.

Zum Abschluss richtet der Assistent den Bootloader Grub ein, wobei er allerdings keine weiteren auf dem Massenspeicher befindlichen Betriebssysteme erkennt und integriert; diese binden Sie bei Bedarf später manuell ein.

Beim ersten Neustart nach der Installation stehen noch einige kleine Arbeiten an der Konfiguration an: Zunächst fragt eine Routine ab, welche Dienste und Applikationen Sie zukünftig beim Systemstart automatisch laden möchten. Außerdem haben Sie die Möglichkeit, eine Melodie beim Start abzuspielen – ein eher drolliges Feature.

Software

Wie aufgrund der großen ISO-Dateien nicht anders zu erwarten, glänzt Elive mit einem außergewöhnlich umfangreichen Sortiment an Software. So finden sich bereits im Bestand des Live-Systems neben allen großen Programmen wie LibreOffice, Firefox und Gimp zahlreiche weitere Applikationen, die bei der Installation mit auf den Massenspeicher wandern. Dazu zählen unter anderem Audacity, der 3D-Modellierer Blender, Vokoscreen, VLC, das Media-Center Kodi, Scribus und Calibre. zahlreiche Spiele, VirtualBox sowie Wine runden das Angebot ab.

Zahlreiche kleinere Applikationen (primär aus dem Gnome- und Xfce-Fundus) finden sich ebenfalls. Der Software-Fundus beläuft sich auf insgesamt knapp 30?000 Pakete. Da Elive auf die Paketquellen von Debian zurückgreift und die erste Debian 7-Variante bereits im Jahr 2013 freigegeben wurde, hinkt die Version der meisten Anwendungen jedoch dem aktuellen Stand hinterher. Nur wenige Applikationen wie etwa der Browser Firefox befinden sich auf der Höhe der Zeit.

Enlightenment [4] eilt der Ruf voraus, besonders schlank und schnell zu arbeiten. Außerdem ist die Umgebung für ein ansprechendes optisches Design bekannt. Die Version E17 ist zwar ebenfalls nicht die neueste Variante des Desktops, erweist sich jedoch als ausgereift und sehr stabil. Anwender, die bislang mit anderen Oberflächen gearbeitet haben, müssen sich allerdings an neue Bedienkonzepte und Konventionen gewöhnen.

Der Enlightenment-Desktop erinnert vom Aufbau her an KDE und erlaubt es, bis ins kleinste Detail an den Stellschrauben zu drehen. Die entsprechenden Dialoge finden Sie im Menü Einstellungen und dessen Untermenüs (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das Elpanel ist ein optisch gut integrierter Applikations-Launcher.

Abbildung 3: Das Elpanel ist ein optisch gut integrierter Applikations-Launcher.

Fazit

Mit Elive steigt ein attraktives Debian-Derivat in den Ring, das sich vor allem auf älterer Hardware als solider Allrounder entpuppt, ohne dabei den Prozessor oder den Speicher in die Knie zu zwingen. Die Basis sorgt für eine sehr große Auswahl an Software, und dank des Enlightenment-Desktops kommt das belgische Betriebssystem optisch ansprechend daher. Außerdem erwies es sich als sorgfältig konfiguriert und schlank, ohne dass es an Funktionalität mangelt.

Kritik verdient lediglich die teils unvollständige deutsche Lokalisierung der Eigenentwicklungen und die veraltete Software. Da die Entwickler jedoch diese zukünftig auf einen aktuellen Stand bringen wollen und obendrein eine 64 Bit-Variante auf dem Plan steht, sollten nicht nur Nutzer älterer Hardware Elive im Auge behalten.

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