SemiCode OS vereint eine Vielzahl an Entwicklungsumgebungen, Editoren und Compilern zu einer Distribution für Programmierer und Webentwickler.
Programmierer und Webentwickler benötigen zur produktiven Arbeit eine breite Palette an Werkzeugen. An solchen Tools herrscht bei Linux kein Mangel, was das Betriebssystem für dieses Einsatzszenario prädestiniert. Zu den typischen Systemen, die bei Entwicklern zum Einsatz kommen, gehören Arch Linux, Debian, Ubuntu oder Fedora.
Sie alle bringen als Grundlage die GNU-Toolchain [1] mit sowie oft mehrere Compiler und verschiedene Editoren. Eine integrierte Entwicklungsumgebung (IDE [2]) der Wahl kommt in einigen Fällen manuell hinzu. Gnome bringt seit rund einem Jahr sogar eine hauseigene IDE namens Builder [3] mit.
Jetzt kündigt sich mit SemiCode OS eine Distribution an, die deren Entwickler speziell auf Programmierer und Webdesigner zugeschnitten haben. Sie stammt aus Afrika, genauer gesagt aus Khartum im Sudan. Die erste Beta-Version, die Ende 2016 erschien, basiert auf Ubuntu 14.04 LTS “Trusty Tahr”.
Derzeit lässt sich das System am besten per Torrent [4] herunterladen. Das Image ist offenbar sehr gut verteilt: Die 1,9 GByte lagen im Test in rund zwei Minuten auf der Workstation. Sofern möglich, sollten Sie den Torrent-Client nach dem Herunterladen möglichst lang weiterbetreiben, um das offensichtlich begehrte Image zu verteilen. Die alternativen Download-Möglichkeiten per Dropbox oder Mega funktionierten im Test nicht.
Nach dem Herunterladen testen Sie das Image entweder in einer virtuellen Umgebung oder starten von einem USB-Stick. Derzeit existiert nur eine 32-Bit-Version, die noch keinen Installer enthält. Möchten Sie mit SemiCode OS bereits jetzt wie mit einer regulären Installation arbeiten, hilft ein USB-Stick, auf dem Sie zusätzlich eine Partition für Persistenz zum permanenten Speichern von Daten und Arbeitsergebnissen einrichten [5].
Moderner Desktop
Beim ersten Start von SemiCode OS fallen zwei Dinge auf: Zum einen erscheint die Desktop-Umgebung Gnome in ungewohntem Design (Abbildung 1), was an der Integration der Erweiterung Dash-to-Dock [6] liegt.

Abbildung 1: Dash-to-Dock macht Gnome etwas flexibler, da Sie nun die Möglichkeit haben, das Element frei zu platzieren.
Sie löst das Element am linken Rand aus der Gnome Shell heraus und stellt es als unabhängiges Dock bereit. Das erlaubt mehr Flexibilität, da Sie das Dash nun am unteren Bildschirmrand oder rechts platzieren dürfen. Darüber hinaus beherrscht Dash-to-Dock neben vielen anderen Optionen die Funktionen Autohide und Intellihide zum automatischen Ausblenden.
Zum anderen fällt auf, dass es sich bei SemiCode um eine modern gestaltete Distribution im “Material Design” handelt. Als Vorgabe-Theme dient Paper, bei den Icons kommt Numix zum Einsatz. Das Aussehen und Verhalten der Distribution passen Sie in weiten Teilen über die Systemeinstellungen und das Gnome Tweak Tool an.
Wenn Sie gerade in den Systemeinstellungen arbeiten, lohnt es sich, hier die Tastaturbelegung auf Deutsch umzustellen. Das erledigen Sie über das Modul Region and Language, wo Sie im Reiter Input Sources über das Pluszeichen Deutsch hinzufügen und dann nach oben in der Liste schieben. Die Tastatur funktioniert aber erst dann wie gewünscht, wenn Sie im Ausklappmenü oben rechts am Rand des Desktops das en auf de umstellen.
Persistenz
Möchten Sie die Distribution auf einem mit Persistenz ausgestatteten USB-Stick ausführen, sollten Sie das System auf Ubuntu 16.04 LTS aktualisieren. Dazu starten Sie die Applikation Software Updates, die Ihnen die verfügbaren Aktualisierungen anbietet. Alternativ verwenden Sie im Terminal Apt zum Upgrade. Danach haben Sie die Grundlage, um die neuen Techniken Snap und Flatpak in die Arbeitsumgebung zu integrieren. Die nächste Version von SemiCode OS setzt vermutlich ohnehin auf Ubuntu 16.04 LTS auf.
Neben einem vorkonfigurierten LAMP-Stack [7] bringt das System für Entwickler eine Unmenge an IDEs, Editoren und Compilern mit. Dazu zählen unter anderem Atom, Bluefish, Brackets, Code::Blocks (Abbildung 2), Eclipse, Emacs, Geany, Monodevelop, Ninja IDE und Sublime Text.

Abbildung 2: Bei Code::Blocks handelt es sich um eine freie, quelloffene Entwicklungsumgebung für C/C++, D und Fortran.
Im Test gefiel, dass die Distribution Scratch [8] als Lernumgebung für angehende Entwickler integriert, nicht nur für Kinder (Abbildung 3). Selbst eine Laufzeitumgebung für Programmiersprachen wie R findet sich unter den Programmen. Einzig ein Compiler für die neue Programmiersprache Rust aus der Mozilla Foundation fehlt, dürfte aber mit einer der nächsten Versionen folgen. Desktop-Clients für Git und Slack runden das Paket für Entwickler ab.

Abbildung 3: Das Raspberry-Pi-Nutzern bestens bekannte Scratch eignet sich zum Einstieg für kleine und große Entwickler.
Auch die üblichen Desktop-Anwendungen kommen nicht zu kurz: Neben den mit Gnome ausgelieferten Programmen hat SemiCode OS unter anderem Firefox mit DuckDuckGo als voreingestellter Suchmaschine, LibreOffice, Gimp, Transmission, VLC sowie Filezilla mit an Bord.
Um eine Eigenentwicklung des Projekts handelt es sich bei der noch im Aufbau befindlichen, im Terminal integrierte AI-Assistentin Sarah (siehe Kasten “Schlaue Assistenz”). Sie beantwortet Fragen, stellt Informationen bereit und erledigt Aufgaben. Die in Vala geschriebene Software verfügt seit Kurzem über ein Plugin-System, sodass sie sich auf einfache Weise erweitern lässt.
Schlaue Assistenz
Die AI-Assistentin Sarah beherrscht derzeit rund 20 Befehle, die Sie sich mit der Eingabe von sarah help anschauen. Im Repository auf Github [9] finden Sie weitere Erläuterungen zu den Kommandos und deren Syntax. Die Assistentin gibt unter anderem Informationen zum Wetter aus, vermag Zeichen in einer Datei zu zählen, und lädt auf Wunsch Youtube-Videos und ganze Webseiten für den Offline-Gebrauch herunter.
Daneben sucht Sarah nach Songtexten und liefert, falls vorhanden, Informationen zu Filmen und TV-Serien (Abbildung 4). Sie prüft auf Wunsch, ob es bei der Internet-Anbindung Störungen gibt, und vermag Börsenkurse abzufragen. Über ein PPA installieren Sie Sarah bei Bedarf auch unter Ubuntu und dessen Derivaten.

Abbildung 4: Die digitale Assistentin Sarah übernimmt auf Wunsch eine Reihe von Aufgaben mit teils nützlichem, teils spielerischem Charakter.
Fazit
SemiCode OS läuft zwar bereits recht stabil, der vorliegenden Beta-Version 0.1 fehlen jedoch ein Installer, umfassende Sprachunterstützung und ein aktuellerer Unterbau als Ubuntu 14.04. Ansonsten bietet die Distribution ein modernes und unaufdringliches Design.
Das Konzept, möglichst viele Werkzeuge für Entwickler unter einer Oberfläche zu vereinen, spricht allerdings vermutlich nicht jedermann an. Erfahrene Programmierer wollen ein schlankes und schnelles System, auf dem sie ihre bevorzugten Werkzeuge in der Regel selbst installieren. Für Programmiereinsteiger oder Gelegenheitsentwickler bietet das System andererseits ein Füllhorn zu entdeckender Werkzeuge, von denen einige sicher dem eigenen Workflow entgegenkommen.
Mit Sarah offeriert SemiCode OS eine Software, die – halb Spielerei, halb ernsthafte Anwendung – hoffentlich den Weg in andere Distributionen findet. Das neue Plugin-System, das auf dem Image im Test noch nicht bereitstand, eröffnet Entwicklern viele Wege, um die digitale Assistentin um eigene Funktionen zu erweitern.
Infos
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GNU-Toolchain: https://de.wikipedia.org/wiki/GNU_Toolchain
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IDE: https://de.wikipedia.org/wiki/Integrierte_Entwicklungsumgebung
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Builder: https://wiki.gnome.org/Apps/Builder
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Download: http://www.semicodeos.com/download/
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Persistenz: https://www.pendrivelinux.com/linux-live-usb-creator/
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Dash-to-Dock: https://micheleg.github.io/dash-to-dock/
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Scratch: https://de.wikipedia.org/wiki/Scratch_(Programmiersprache)





