Der totgesagte Fallback-Modus von Gnome 3 ist immer noch lebendig. Wir fühlen dem Patienten den Puls.
Im Frühjahr 2011 startete Gnome 3.0 mit einem neuen Ansatz für das Design, der vieles Bestehende über Bord warf. Das rief bereits im Vorfeld erbitterte Gegner auf den Plan. Als Zugeständnis an langjährige Fans des klassischen Desktops portierten die Entwickler die Grundkomponenten auf GTK 3 und stellten diese in Form des Ausweichmodus als Alternative zur Gnome-Shell bereit.
Doch schon zwei Jahre später ersetzt das Projekt in Gnome 3.8 den entsprechenden Modus durch den “Classic Mode”, der als angepasste Gnome-Shell daherkommt und insbesondere auf nicht 3D-fähiger Hardware keine Chance hat. Der modulare Aufbau aus Sitzungsverwaltung, Benachrichtigungssystem, Fenstermanager und Anwendungsebene war damit offiziell zu Grabe getragen.
Wenig beeindruckt vom regulären Gnome und dessen neuem Workflow fand sich bald ein kleines Team um den lettischen Entwickler Alberts Muktupavels zusammen, um das frühere Gnome am Leben zu erhalten. Allerdings nahmen weder Anwender noch Entwickler Notiz davon, sodass sich die Fortschreibung der Legende im Wesentlichen auf das Beseitigen von Fehlern beschränkt.
Dennoch ist Gnome Flashback [1] einen Blick wert, schon allein deshalb, weil das populäre Projekt Maté [2] einen ähnlichen Ansatz verfolgt, aber von einer anderen Ausgangsposition (siehe Kasten “Parallelwelt”).
Parallelwelt
Neben Gnome Flashback halten noch etliche andere Projekte die Fahne des klassischen Desktops hoch. Am engsten mit Gnome 2 verknüpft ist dabei Maté, dessen erste Version bereits im August 2011 erschien. Damals war es lediglich ein Gnome 2, bei dem Entwickler vergleichsweise geringe Änderungen in Bezug auf die Namen von Anwendungen und den Pfaden für die Installation vorgenommen hatten, um es parallel zu Gnome zu installieren.
Während sich Gnome Flashback auf einen sehr kompakten Kern beschränkt, der die Gnome-Shell ersetzen will, schnappten sich die unerschrockenen Maté-Entwickler gleich das gesamte Release 2.32 von Gnome. Davon war damals noch gar nichts auf GTK 3 portiert, und heute sieht es nicht viel besser aus. Das Umstellen auf die neueste Version der GTK-Bibliotheken dauert noch immer an und dürfte selbst bis zum Ende des Supports für GTK 2 nicht vollständig abgeschlossen sein. Eine Arbeit an den Anwendungen findet nur in sehr beschaulichem Umfang statt, wenngleich die Entwickler immer wieder Anleihen bei neuer Gnome-Software nehmen und unter der Haube schon vieles an aktuelle Technologien angepasst haben.
Flashback hingegen setzte von Anfang an auf GTK 3. Allerdings war es stets nötig, mangels peripherer Software das Zusammenspiel mit den jeweils aktuellen Versionen von Nautilus und dem Rest des Gnome-Kerns zu koordinieren. Die Entwickler hatten damit alle Hände voll zu tun, weswegen sich hier ebenfalls die Neuigkeiten in Grenzen halten.
Letztendlich folgen XFCE, LXDE, LXQt und selbst KDE dem klassischen Ansatz, sodass weder Maté noch Flashback ohne Alternativen dastehen. Als voll integriert gelten in diesem Zusammenhang nur die Gnome-Shell und Cinnamon, weil sie eine Trennung in Fensterverwaltung und Arbeitsumgebung nicht vorsehen. Liegt Ihr Interesse primär auf dem Ersetzen des Fenstermanagers, kommen daher außer den beiden Letztgenannten fast alle der erwähnten Mitbewerber infrage.
Testlauf
Für den Test kam Gnome Flashback auf Fedora 25 und Xubuntu 16.10 zum Einsatz (siehe Kasten “Verfügbarkeit”). Nach der Installation, einer Abmeldung und dem erneuten Anmelden wählen Sie einfach im Display-Manager die Sitzung Gnome Flashback aus. Nach einer Gedenkminute zum Finden der Einstellungen für das erste Einrichten erscheint der klassische Desktop mit Panels oben und unten sowie einigen vorkonfigurierten Applets (Abbildung 1).
Einige Unzulänglichkeiten seines Urahns Gnome 3.0 schleppt Flashback immer noch mit sich herum: Aus dem ehemals dreiteiligen Menü oben verschwand damals der direkte Zugriff auf das Systemmenü und kehrte nie wieder zurück. Ähnlich erging es den Tooltipps im Anwendungsmenü und dem freien Platzieren der (allerdings ohnehin dünn gesäten) Applets im Panel. Zwar stehen die meisten aus Gnome 2 bekannten Applets noch bereit, aber das war es schon.
Das Hinzufügen von Applets gestaltet sich dabei etwas umständlich – ein einfacher Rechtsklick auf die Leiste wäre wohl zu simpel. Mindestens [Alt]+ müssen Sie gedrückt halten, um das Kontextmenü zu öffnen, auf vielen Systemen zusätzlich [Super] (die “Windows-Taste”). Bei den Applets (Abbildung 2) handelt es sich ausschließlich um alte Bekannte aus Gnome 2.

Abbildung 2: Im Westen nichts Neues: Die Panel-Applets halten keine Überraschungen bereit, es handelt sich allesamt um alte Bekannte aus Gnome 2.
Wie auch sonst in Gnome üblich, bringen unter Flashback die Fenstertitel ebenfalls nur einen einzigen Knopf mit, den zum Schließen. Dabei brauchen Sie es aber nicht zu belassen: Es gibt die Konfigurationsdatenbank GSettings, in der Sie bei Bedarf diese Einstellung anpassen. Quasi mit wenigen Federstrichen im grafischen Dconf-Editor (Abbildung 3) holen Sie die fehlenden Knöpfe zurück.

Abbildung 3: Der Dconf-Editor hilft Ihnen dabei, Flashback ein wenig tauglicher für den Alltag zu machen.
Seit Version 3.20 dient GSettings auch dazu, das Theme der Fenster anzupassen. Den entsprechenden Schlüssel finden Sie im Dconf-Editor unter org.gnome.metacity.theme. Der Vorgabewert lautet gtk, was bedeutet, dass Metacity den Wert aus dem GTK-Thema bezieht.
Alternativ tragen Sie den Namen eines Themas ein, das Sie auf Ihrem System in /usr/share/themes, ~/.themes oder ~/.local/share/themes abgelegt haben. Dann setzen Sie nur noch den Schieberegler neben Vorgabewerte verwenden zurück, um die Einstellung anzuwenden.
Verfügbarkeit
Für Debian und Ubuntu sowie deren Ableitungen stehen aktuelle Pakete von Gnome Flashback bereit. Hier genügt es, das Paket gnome-session-flashback zur Installation auszuwählen; alles Nötige zieht das System automatisch nach. Damit erhalten Sie nur die Sitzung an sich, bis auf den Dateimanager Nautilus installieren Sie keine weiteren Gnome-Bestandteile. Selbst das Paket gnome-applets müssen Sie explizit dazuwählen, damit nicht nur die grundlegenden Erweiterungen des Panels an Bord sind.
Benutzer von Arch Linux finden die Software im Community-Repository AUR. Für RPM-basierte Systeme hingegen sieht es dagegen eher trübe aus. Das im deutschsprachigen Raum wenig verbreitete ALT Linux ist dabei auf dem aktuellen Stand, OpenSuse hingegen vermag nichts Passendes zu liefern. Sporadisch gepflegte Pakete für Fedora finden Sie in einem Copr-Repository [4], bei dem im Test aber ein seltsamer Fehler auftrat: Obwohl die externe Quelle einen hinreichend aktuellen Metacity anbot, landete eine völlig veraltete Version 3.12 im System. Die spielte kaum mit dem Rest von Flashback zusammen, sodass sich etwa das Theme für die Fenster nicht konfigurieren ließ. Metacity 3.20 kam erst mit dem nächsten Update.
Eine Installation aus den Quellen gestaltet sich nicht allzu kompliziert. Die benötigten Quellpakete finden Sie auf dem FTP-Server des Gnome-Projekts [5]. Zuerst installieren Sie Metacity, das Panel und den Notification Daemon, dann das Flashback-Modul selbst. Die Panel-Applets sind optional. Hinweise zur Installation per Dreischritt configure, make und make install finden Sie im Archiv mit dem Quelltext. Als hilfreich dabei erweist sich das Gnome-eigene Werkzeug Jhbuild [6], das insbesondere die Installation aus den neuesten Quelltexten des Git-Repositories von Gnome wesentlich vereinfacht.
Fensterwechsel
Im Gegensatz zur Gnome-Shell oder Cinnamon, die den Fenstermanager fest mit dem Desktop verdrahten, lässt er sich in Flashback relativ einfach austauschen. Für den früher schon in Gnome 2 sehr beliebten Compiz liefert Flashback bereits einen passenden Eintrag für das Menü im Login-Manager mit. Aktivieren Sie dazu beim Anmelden einfach Gnome Flashback (Compiz).
Andere Fenstermanager probieren Sie aus, indem Sie mit dem Befehl openbox --replace den gleichnamigen minimalistischen Verwalter starten – die Systemressourcen danken es Ihnen. Bei Gefallen fügen Sie den Befehl in den Autostart-Ordner ein. Legen Sie einfach eine Textdatei wie in Listing 1 an, und speichern Sie sie in ~/.config/Autostart. Ab dann startet beim nächsten Anmelden zunächst Metacity, gleich ersetzt durch Openbox.
Listing 1
[Desktop Entry] Exec=openbox --replace Name=Openbox NoDisplay=true Type=Application
Einen etwas bitteren Nachgeschmack hinterlässt Openbox allerdings: Die Kombination [Alt]+[F2] funktioniert nicht mehr auf Anhieb. Das liegt daran, dass frühere Versionen ein Binary mitlieferten, das das ohne eigenen Aufrufbefehl daherkommende Schnellstartfenster dennoch aufrief. Auf Debian- und Ubuntu-basierten Systemen finden Sie dieses praktische Werkzeug immer noch im Paket gnome-panel-control, aber ab Openbox 3.6 haben die Entwickler die Gnome-Unterstützung offiziell entfernt.
In diesem Fall greifen Sie auf alternative Tools zurück, wie etwa Synapse [3], das Sie so einrichten, dass es über [Alt]+[F2] startet. Die entsprechende Konfiguration finden Sie im Abschnitt keyboard der Datei ~/.config/openbox/rc.xml.
Der Einstellungsmanager Compiz weiß dagegen immer noch mit [Alt]+[F2] etwas anzufangen und erfordert in diesem Zusammenhang keine Modifikationen. Das Schnellstartfenster erscheint wie gewohnt.
Frisches Obst
Ebenso wie Gnome 3 spaltet das globale Anwendungsmenü am oberen Bildschirmrand von Ubuntus Unity die Anwender in zwei Lager. Die an MacOS angelehnte Menüleiste zieht sich durch alle Desktops, selbst Flashback fehlt dabei nicht. Dank der Unterstützung für die Indicator-Applets steht auch für Ubuntu eine Flashback-Version bereit. Sie installieren dazu einfach das Paket indicator-applet-appmenu.
Um Platz im oberen Panel zu schaffen, empfiehlt es sich, das zweiteilige Gnome-Menü zu entfernen und durch die einfache, nur aus einem Symbol bestehende Alternative zu ersetzen. Mit dem beschriebenen Kontextklick auf das Panel und der Auswahl von Indicator Anwendungsmenü-Applet fügen Sie nun die Menüleiste zum Panel hinzu. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, wie Abbildung 4 zeigt.

Abbildung 4: Ein Hauch von Mac: Mit der globalen Menüleiste versuchen die Entwickler dem Desktop ein Element zu nehmen, das sich aber bei vielen Anwendern großer Beliebtheit erfreut.
Zwar fehlt der aus MacOS bekannte Anwendungsname vor dem Menü, aber das Zusammenspiel mit den Fenstern der Programme funktioniert vorerst. Solange Sie darüber hinwegsehen, dass das Menü neuer Gnome-Anwendungen recht einsilbig daherkommt und Sie es generell per Maus bedienen müssen, ist dieses Konzept ganz angenehm, da das Menü der fokussierten Anwendung stets an einem zentralen Ort präsent bleibt.
Erst der Zugriff über die Tastatur offenbart einen ziemlich groben Fehler: Drücken Sie [Alt]+[D], klappt das Menü Datei nicht aus dem Panel heraus auf, sondern aus der (eigentlich gar nicht vorhandenen) Zeile im Programmfenster. Das ruft Irritationen hervor, insbesondere bei Powerusern, die gern und häufig mit der Tastatur arbeiten. Dieses seltsame Verhalten stellt leider keinen Einzelfall dar, eine ähnliche Implementation in Cinnamon zeigt die gleichen Symptome.
Ob Sie nun die Menüleiste in dieser Form akzeptieren oder nicht, sei dahingestellt. Das zweitwichtigste Merkmal eines Apple-Desktops ist zweifellos das Dock am unteren Bildschirmrand. So etwas bekommen Sie recht gut mit Plank auf den Desktop gezaubert, das zwar nicht gerade vor Features strotzt, aber den Zweck einer Startleiste mit eingebauter Fensterliste perfekt erfüllt (Abbildung 5, unten).
Sowohl optisch als auch in Bezug auf das Bedienkonzept orientiert sich Plank am Vorbild der Software aus Cupertino. Ein einmal aus dem Startmenü oder per Befehlszeile aufgerufenes Programm verewigen Sie im Dock durch Rechtsklick auf das Icon und Ankreuzen von Im Dock behalten. Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Icons, vergrößert die Software die Symbole, und ein Tooltipp zeigt den Namen an. Das erlaubt es, die Icons in der Grundeinstellung angenehm klein zu halten, denn selbst auf hochauflösenden, breiten Displays läuft Plank erstaunlich schnell voll.
Außerdem blendet es sich aus dem Desktop aus, sobald ein Fenster in seine Nähe gerät. Sie holen es wieder hervor, indem Sie mit dem Mauszeiger an den unteren Rand fahren. Das Vergrößern funktionierte allerdings nicht auf dem zweiten Testsystem mit Fedora 25: Dort haben die Entwickler die wellenförmige Animation herausgenommen, um einem eventuellen Streit in Bezug auf das entsprechende Patent aus dem Weg zu gehen.
Fazit
Gnome Flashback versteht sich lediglich als Ersatz für die Gnome-Shell. Andere Features, wie die anwendungsseitig gezeichneten Fensterrahmen oder die Trennung der Einstellungen in das offizielle Gnome-Kontrollzentrum und das Gnome Tweak Tool, gehören dagegen fest zum Konzept von Gnome, egal, ob Flashback oder Shell. Eine besonders gute Integration von Kernanwendungen wie Nautilus in den klassischen Desktop war im Test nicht zu verzeichnen, aber andererseits auch keine Unverträglichkeiten. Wenn Sie die stellenweise recht tiefe Kluft zwischen Anspruch und Realität in Kauf nehmen, hat Flashback seinen Platz in der Landschaft der Arbeitsumgebungen schon gefunden.
Mit Flashback erhalten Sie nur einen kleinen Kern-Desktop aus Sitzungsverwaltung, Panel und wenigen anderen Komponenten. Liegt das Ziel in der Modularität, die den Austausch von Kernbestandteilen überhaupt erst ermöglicht, dann stellt Flashback eine gute Wahl dar, jedoch keineswegs die beste. Solange sich seine Weiterentwicklung weiter im Wesentlichen auf kosmetische Maßnahmen beschränkt, bieten sich in den einzelnen Disziplinen oft interessantere Alternativen an: Desktops wie XFCE, LXQt oder Maté stehen Flashback in Sachen Modularität in nichts nach und bieten zudem eine größere Auswahl an spezifischen Erweiterungen.
Infos
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Gnome Flashback: https://wiki.gnome.org/Projects/GnomeFlashback
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Maté-Desktop: https://de.wikipedia.org/wiki/Maté_Desktop_Environment#Geschichte
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Synapse-Projekt: https://launchpad.net/synapse-project
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Gnome Flashback (Fedora): https://copr.fedorainfracloud.org/coprs/yselkowitz/gnome-flashback/
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Gnome Flashback (Quellen): https://wiki.gnome.org/Projects/GnomeFlashback#Releases
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Jhbuild: https://wiki.gnome.org/action/show/Projects/Jhbuild







