Ob Desktop, Server oder Cloud, ob x86 oder ARM – Fedora 25 und seine Spins bieten ein wahres Füllhorn an moderner und topaktueller Software. Dank der Fedora-Next-Initiative wandelt sich die Distribution nun von “Bleeding Edge” zu “Leading Edge”.
Bereits seit zwei Jahren liefert das Fedora-Projekt seine Distribution Fedora nicht mehr monolithisch aus, sondern in den Varianten Workstation, Server und Cloud. Die Aufteilung im Rahmen der Fedora-Next-Initiative hat die Distribution für die Zukunft neu aufgestellt und fokussiert die Varianten auf bestimmte Anwendungsszenarien. So sieht das Projekt die Workstation-Variante für Desktop-Anwender und Entwickler vor, standardmäßig kommt sie mit Gnome als Desktop. Daneben existieren sogenannte Spins [1] mit alternativen Desktops wie KDE, Cinnamon, Maté, LXDE und XFCE.
Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit Fedora Workstation [2], das auf Gnome 3.22.1 und Kernel 4.8 setzt (Abbildung 1). Gnome ist die bei der Integration von Wayland am weitesten fortgeschritten und die einzige Umgebung, die Fedora derzeit mit Wayland als Standard veröffentlicht.

Abbildung 1: In der aktuellen Release setzt Fedora Workstation auf Gnome 3.22.1, Version 3.22.2 soll zeitnah folgen.
Endlich am Ziel
Fedora 25 erschien am 22. November mit insgesamt zwei Wochen Verspätung. Der Grund: Es setzt ein Vorhaben um, das die Entwickler bereits seit Fedora 22 vorantreiben: Sie erheben den neuen Display-Server Wayland [3] zum Standard für die Anzeige des Desktops und tauschen die Rollen mit dem in die Jahre gekommenen X-Server von X.org. Somit platziert Fedora die erste Mainstream-Distribution, die dieses Vorhaben umsetzt.
Das gilt vorerst allerdings nur in Verbindung mit freien Grafiktreibern ohne Einschränkungen. Mit dem kurz nach Fedora 25 erschienenen Fenstermanager Mutter 3.23.2 besteht Hoffnung, dass zumindest der proprietäre Treiber von Nvidia mit Wayland bald ohne Probleme läuft.
Über den Display-Manager GDM entscheiden Sie beim Anmelden, ob Sie bei Bedarf eine X11-Sitzung starten. Anwendungen, die noch X11 benötigen, übernimmt XWayland nahtlos. Wayland selbst lässt sich aber auch generell abschalten, indem Sie in der Datei /etc/gdm/custom.conf den Parameter WaylandEnable=false setzen.
Gleichstand
Die Entwickler von Wayland, Fedora und Gnome sorgten in den letzten Monaten für eine annähernde Funktionsparität zwischen X11 und Wayland: Alle wichtigen Funktionen eines herkömmlichen X-Servers sollte jetzt auch der neue Display-Server unterstützen.
So arbeitete das Team bis zuletzt an der Unterstützung für Wacom-Grafiktablets, der Darstellung der Gnome-Bildschirmtastatur und der korrekten Handhabung von Multimonitorumgebungen. In der relativ kurzen Testzeit von wenigen Tagen zeigten sich beim neuen Anzeige-Server im normalen Alltag keine funktionellen Unterschiede zu X11, was durchaus positiv gemeint ist.
Es treten sicherlich noch einige Ecken und Kanten zutage – wichtig ist jedoch, dass die Ablösung begonnen hat und Wayland technisch auf einer breiteren Testbasis arbeiten kann. Eine Liste auf Fedoraproject.org zeigt neben den bei Wayland bereits komplettierten Funktionen auch solche, die noch auf ihre vollständige Implementierung warten [4]. Aber auch X11 wird uns noch lange begleiten und befindet sich noch in der Weiterentwicklung, wie die Aktualisierung auf X.Org Server 1.19.0 vor wenigen Tagen attestierte.
Neuer Store
Auch abseits dieses Highlights bietet die Workstation-Ausgabe von Fedora 25 einiges: So brachten die Entwickler mit Gnome 3.22 eine der beiden großen Desktop-Umgebungen weiter voran. Der App-Store Gnome Software versteht sich jetzt besser mit dem alternativen, distributionsneutralen Paketformat Flatpak. Zudem erfuhr die Oberfläche der Anwendung eine Überarbeitung und die Kategorisierung wurde übersichtlicher gestaltet. Freie Software hebt der Store jetzt in Grün hervor.
Darüber hinaus beherrscht Gnome Software nun ein grafisches Versionsupgrade, das die nötige Software zum Wechsel auf die nächste Fedora-Version herunterlädt und bei einem Reboot vor dem eigentlichen Start des Systems installiert. Dieses bereits für Fedora 24 vorgesehene Merkmal stand bisher lediglich über die Kommandozeile zur Verfügung.
Gnomes Dateimanager Dateien auf der Basis von Nautilus benennt jetzt intern auch mehrere Dateien auf einmal um. Die Auswahl der Tastaturbelegung haben die Entwickler komplett überarbeitet.
Musikalisch
Erstmals spielt Fedora nun auch ohne die manuelle Installation der Codecs MP3-Dateien ab: Sobald Gnome Software erkennt, dass Sie einen MP3-Titel abspielen möchten, richtet es ein entsprechendes Plugin ein. Zum Einsatz kommt dabei die Mpg123-Bibliothek mitsamt einer korrespondierenden Gstreamer-Erweiterung. Bisher fürchtete Red Hat Klagen von Patentinhabern, deren Patente aber mittlerweile ausgelaufen sind.
Simple Installation
Eine weitere interessante Neuerung, die nicht nur Einsteigern das Leben erleichtert, bietet der Fedora Media Writer (Abbildung 2). Das kleine Werkzeug findet nach Bedarf die aktuelle Workstation- oder Server-Variante, lädt sie herunter und schreibt sie gleich bootfähig auf einen USB-Stick. Zudem erlaubt das Tool die Installation eines beliebigen anderen, lokal vorhandenen ISO-Images auf einem USB-Stick.
Besitzer von Notebooks mit zwei Grafikkernen nehmen sicherlich erfreut zur Kenntnis, dass die Entwickler den bisweilen nicht gerade intuitiven Wechsel von der integrierten auf die dedizierte GPU und zurück vereinfachten; sie wollen das Feature in den nächsten Monaten noch weiter ausbauen [5]. Das gilt bislang jedoch ausschließlich für den X11-Modus.

Abbildung 2: Der neue Fedora Media Writer erleichtert die Vorarbeiten zur Installation, indem er selbstständig ISO-Images herunterlädt und auf USB-Sticks transferiert.
Neben den üblichen Gnome-Anwendungen bringt Fedora 25 unter anderem LibreOffice 5.2.3 und Firefox 49 mit. Für Entwickler liefert der Distributor neben Docker 1.12 erstmals einen Rust-Compiler für Mozillas Programmiersprache. Ferner stehen Node.js 6.9.1, Ruby on Rails 5.0, Go 1.7, PHP 7 sowie die Python-Versionen 2.6, 2.7, 3.3, 3.4 und 3.5 zur Verfügung. Zudem unterstützt Fedora jetzt Unicode 9.0.
Ebenfalls erstmalig integriert ist Flatpak, dessen Bedienung die Macher kürzlich mit Version 0.6.13 nochmals vereinfachten [6]. Die freie Grafikbibliothek Mesa 3D schaffte es in Version 13 allerdings nicht mehr rechtzeitig in die Repositories – Fedora reicht sie später per Upgrade nach.
Für jeden etwas
Wir testeten Fedora auf realer Hardware, da sich das System in Virtualbox mit Wayland stellenweise seltsam verhielt. Das liegt vermutlich an den Treibern, die Oracle noch nicht anpasste.
Nach der Installation startet ein Wizard, der Sie durch die ersten Schritte des Setups leitet. Wer Fedora noch gar nicht kennt, dem erklärt ein kleines Video, wie er die Gnome Shell bedient, zwischen Anwendungen wechselt und weitere elementare Bedienschritte erlernt (Abbildung 3).
Im nächsten Fenster fordert der Helfer dazu auf, das System optional mit Online-Konten wie Google oder Facebook sowie Owncloud oder anderen Online-Diensten zu verbinden. Die hier angegebenen Daten übernimmt das System in die entsprechenden Anwendungen. So importiert es auf Wunsch etwa Kontakte und Kalender von Owncloud oder Google in Evolution (Abbildung 4).

Abbildung 4: Auch zum Einbinden von Online-Konten bietet Fedora das passende Werkzeug. Die importierten Daten integriert es direkt in die passende Anwendung, etwa die PIM-Suite Evolution.
Fedora lässt sich sowohl per Maus als auch mit der Tastatur gut bedienen. So führt etwa das Drücken von [Super] (“Windows-Taste”) in die Gnome-Shell mit der Favoritenleiste und dem geöffneten Suchfeld zurück (Abbildung 5). Das lässt sich ebenso durch das Bewegen der Maus in die linke obere Ecke des Bildschirms erreichen. Die vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten ordnet das System logisch an. Sowohl das Nachinstallieren von Software als auch das Systemupdate lassen sich im Terminal oder grafisch per Gnome Software erledigen.

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Abbildung 5: Ein KlickSuper führt Sie immer zur Gnome-Shell zurück.Fazit
Fedora haftete über die Jahre immer der Ruf einer Experten-Distribution an, die nach einem versierten Anwender verlangte. Zudem sagte man Fedora nach, zwar ständig aktuell, dabei aber nicht immer stabil zu sein. Die vor zwei Jahren gestartete Initiative Fedora-Next stellte nicht nur mit der Aufteilung in drei Varianten die Weichen für die Zukunft: Daneben stand auch die Stabilisierung der Releases auf dem Programm, ohne dabei an Aktualität einzubüßen.
Red-Hat-Entwickler Christian Schaller beschrieb das zu Jahresbeginn in seinem Blog sehr treffend als “Übergang von Bleeding Edge zu Leading Edge” [7] – mit Fedora 25 scheint dies nun erfolgreich vollzogen zu sein. Die Distribution ist nicht ganz so aktuell wie etwa Arch Linux, fordert aber auch weniger Expertise vom Anwender. Daher eignet sich Fedora 25 durchaus auch für lernbereite Einsteiger, die sich Problemlösungen auch einmal mithilfe des Internet erarbeiten können.
Fedora bleibt zweifelsohne die innovativste der großen Distributionen. Das ergibt sich schon durch seine Funktion als Experimentierstube von Red Hat. Dadurch stehen der Distribution neben vielen dort beheimateten Gnome-Entwicklern auch eine Reihe weiterer namhafter Entwickler aus Bereichen wie Kernel, Grafik und Systemadministration zur Verfügung, die das Betriebssystem stetig – und mittlerweile behutsam – modernisieren.
Infos
[1] Fedora Spins: https://spins.fedoraproject.org/
[2] Fedora Workstation: https://getfedora.org/workstation/
[3] Wayland: https://de.wikipedia.org/wiki/Wayland_(Anzeige-Server)
[4] Wayland-Funktionen: https://fedoraproject.org/wiki/Wayland_features
[5] Hybrid-Grafik: https://blogs.gnome.org/uraeus/2016/11/01/discrete-graphics-and-fedora-workstation-25/
[6] Flatpak: https://github.com/flatpak/flatpak/releases/tag/0.6.13
[7] Blog von Ch. Schaller : https://blogs.gnome.org/uraeus/2016/01/05/fedora-workstation-and-the-quest-for-stability-and-robustness/






