Mofo Linux reißt virtuelle Mauern ein

Aus LinuxUser 06/2016

Mofo Linux reißt virtuelle Mauern ein

© Bruce Rolff, 123RF

Grenzöffner

Mofo Linux ermöglicht eine sichere digitale Kommunikation auch dort, wo sie politisch oder ideologisch nicht gewollt ist.

Mofo Linux nimmt für sich in Anspruch, dabei zu helfen, weltweite Informationsfreiheit zu ermöglichen. Es bringt die passenden Werkzeuge mit, um politisch motivierte Firewalls von Staaten wie China, dem Iran, der Türkei, Thailand, Syrien, den Vereinten Arabischen Emiraten und anderen Staaten mit repressiven Regimes zu durchdringen. Dazu zählen neben Tor, Tor-Browser und Tor-Messenger auch diverse VPN-Varianten und weitere Werkzeuge wie I2P, Cjdns und Lantern. Das System enthält neben der englischen auch eine arabische und chinesische Lokalisierung.

Mofo Linux [1] spaltete sich 2011 von der Portable-Distribution Porteus ab, die ihrerseits auf Slax und somit auf Slackware aufsetzt. Mittlerweile reifte das System zu einer vollwertigen Distribution und wechselte beim Unterbau zu Ubuntu 15.10. Das Live-Image mit Installer steht bei Sourceforge zum Download bereit [2] und bringt rund 1,6 GByte auf die Waage. Sie können das Image auf einen optischen Datenträger brennen oder mit Unetbootin oder dem Konsolentool Dd auf einen USB-Stick transferieren. Alternativ testen Sie es mit virtuellen Maschinen wie VirtualBox im Live-Betrieb. Den Installer übernahm das Projekt nahezu unverändert von Ubuntu. Er bietet das Einrichten von LVM sowie das Verschlüsseln des gesamten Systems oder nur des Home-Verzeichnisses an.

Tor oder I2P

Als Oberfläche nutzt Mofo Linux den altbekannten Unity-7-Desktop (Abbildung 1), jedoch befinden sich eher unbekannte Icons am linken Bildschirmrand. Hier platziert das Projekt Anwendungen, die dem speziellen Zweck der Distribution dienen. An oberster Stelle unter der obligatorischen Suche steht der Tor-Browser [3]. Er leitet ausgehende Anfragen des Browsers über mehrere Server des Anonymisierungsnetzwerks Tor, um die Identität des Nutzers zu verschleiern.

Abbildung 1: Ubuntus Standard-Desktop Unity 7 stellt die Oberfläche für Mofo.

Abbildung 1: Ubuntus Standard-Desktop Unity 7 stellt die Oberfläche für Mofo.

Daneben ist auch das anonyme Overlay-Netzwerk I2P [4] (“Invisible Internet Project”) vorinstalliert. Während Tor hauptsächlich anonyme Proxy-Server für diverse Internet-Dienste bietet, darunter IRC, E-Mail und HTTP, geschieht bei I2P primär alles innerhalb des Netzwerks. Damit fällt auch die bei Tor benötigte und unter Umständen zur De-Anonymisierung verwendbare Knotendatenbank der Directory Server weg. Ein weiterer Vorteil: Der Dienst nutzt Ende-zu-Ende- Datenverschlüsselung. Das bietet Tor nur beim Verwenden der “hidden services”.

Allerdings startete der Tor-Browser im vorliegenden Image nicht, sondern lieferte lediglich eine wenig zielführende Fehlermeldung. Eigentlich soll beim ersten Start der Tor-Browser-Launcher starten, den Webbrowser herunterladen und einrichten. Erst nachdem wir über das Ubuntu Software Center (Abbildung 2) den Tor-Browser-Launcher installierten und in der Konsole mit dem Befehl torbrowser-launcher starteten, verrichtete dieser seinen Dienst und führte zu einem startfähigen Tor-Browser (Abbildung 3).

Abbildung 2: Umständlich: Bevor Sie den vorgeblich vorhandenen Tor-Browser nutzen können, müssen Sie ihn erst einmal installieren.

Abbildung 2: Umständlich: Bevor Sie den vorgeblich vorhandenen Tor-Browser nutzen können, müssen Sie ihn erst einmal installieren.

Abbildung 3: Das Sicherheitslevel des Tor-Browsers lässt sich mühelos per Schieberegler an die eigenen Bedürfnisse anpassen.

Abbildung 3: Das Sicherheitslevel des Tor-Browsers lässt sich mühelos per Schieberegler an die eigenen Bedürfnisse anpassen.

Sicher teilen

Unter I2P in der Leiste befindet sich der Button, der Onionshare [5] startet. Das Tool dient zum sicheren Austausch von Dateien und benötigt dazu einen im Hintergrund laufenden Tor-Browser, um dessen Dienste zur Anonymisierung zu nutzen. Zu diesem Zweck startet lokal ein kleiner Webserver, der Tor als Hidden Service online verfügbar macht. Die Dateien bekommen eine Zufalls-URL, über die das Gegenüber sie herunterlädt. Die Größe der Files spielt dabei keine Rolle. Ein Dokument auf GitHub verrät weitere technische Einzelheiten [6].

Als Nächstes enthält die Leiste Bitmask VPN [7], einen von mehreren in Mofo verfügbaren VPN-Clients. Bitmask (Abbildung 4) bietet Verschlüsselung für Internetverbindungen und E-Mail. Dabei wählen Sie zwischen vorgegebenen VPN-Anbietern wie etwa Riseup oder einem eigenen.

Abbildung 4: Bitmask VPN erlaubt das problemlose Verbinden des Rechners mit vorgegebenen oder frei wählbaren VPN-Diensten.

Abbildung 4: Bitmask VPN erlaubt das problemlose Verbinden des Rechners mit vorgegebenen oder frei wählbaren VPN-Diensten.

Restriktive Ecken

Das nächste Werkzeug richtet sich vor allem an Anwender, die Länder bereisen, in denen die Internetnutzung Restriktionen oder einer Zensur unterliegt. Der Proxy-Dienst Lantern [8] versucht, mit stets aktuellen Informationen über die Situation im jeweiligen Land blockierte Webseiten zu umgehen (Abbildung 5). Der Dienst arbeitet mit Peer-to-Peer-Techniken, wobei ein Netz von Anwendern in Ländern ohne Restriktionen Bandbreite mit Anwendern aus Staaten teilen, wo der Zugang Beschränkungen unterliegt.

Abbildung 5: Der Proxy-Dienst Lantern benötigt zum Betrieb nur wenige Einstellungen.

Abbildung 5: Der Proxy-Dienst Lantern benötigt zum Betrieb nur wenige Einstellungen.

Das US-Außenministerium bezuschusst den Dienst mit 2,2 Millionen US-Dollar. Pikantes Detail am Rand: Lantern-Entwickler Adam Fisk betrieb bis 2010 den durch ein Gerichtsurteil in den Vereinigten Staaten verbotenen Filesharing-Client Limewire. Damit entwickelte er die Techniken, die heute Lantern förderungswürdig machen. Chinas wiederholte Versuche, den Dienst vollständig zu blockieren, blieben bisher ohne Erfolg.

Sehr vorsichtig sollten Sie mit Popcorn Time [9] (Abbildung 6) umgehen. Dabei handelt es sich um einen Bittorrent-Client mit integriertem Mediaplayer, quasi ein Netflix mit eingebauter Copyright-Verletzung. Nutzer dieses komfortablen Diensts werden von Rechteinhabern der bereitgestellten Werke stark verfolgt, Anwender erhalten massenweise Abmahnungen. Was die Entwickler antreibt, den Dienst in eine auf den Erhalt der Privatsphäre getrimmten Distribution zu integrieren, bleibt unklar.

Abbildung 6: Warum die Entwickler ausgerechnet den brandgefährlichen Bittorent-Client Popcorn Time in die Distribution integrierten, bleibt unklar.

Abbildung 6: Warum die Entwickler ausgerechnet den brandgefährlichen Bittorent-Client Popcorn Time in die Distribution integrierten, bleibt unklar.

Container-Tricks

Für die Verschlüsselung des gesamten Systems, einzelner Partitionen oder sogenannter Container zeichnet Veracrypt [10] zuständig. Container bestehen in diesem Fall aus Dateien mit fester Größe, die das System nach dem Entschlüsseln wie virtuelle Laufwerke behandelt. Dabei bietet die Software die Möglichkeit, einen Container in einem anderen so zu verstecken, dass sich dessen Existenz nicht nachweisen lässt. Veracrypt (Abbildung 7) entstand 2012 als Abspaltung von Truecrypt, das dessen Entwickler 2015 unter immer noch etwas mysteriösen Umständen abrupt einstellten. Veracrypt gilt seitdem als dessen Nachfolger, da der Code weitgehend kompatibel ist.

Abbildung 7: Veracrypt verschlüsselt Systeme, Partitionen und USB-Sticks.

Abbildung 7: Veracrypt verschlüsselt Systeme, Partitionen und USB-Sticks.

Besonders der versteckte Container macht es für die Zwecke von Mofo interessant. Die Verschlüsselung lässt sich so anlegen, dass weniger wichtige Daten der normalen Verschlüsselung unterliegen und der versteckte Container die wirklich schützenswerten Daten enthält. Fordern Behörden den Besitzer eines Rechners auf, sein Passwort für die Verschlüsselung auszuhändigen, kann er sich kooperativ zeigen, ohne schützenswerte oder kompromittierende Daten preiszugeben. Als Alternativen zu Veracrypt bringt die Distribution darüber hinaus noch Zulucrypt und ECryptFS mit.

Ein weiteres Werkzeug zum Absichern von Verbindungen bietet das Netzwerkprotokoll Cjdns [11], das unter anderem die Basis des Hyperboria-Netzwerks [12] bildet. Prinzip ist hier die Mesh-Vernetzung, wie sie auch das hierzulande bekanntere Freifunk-Netzwerk verwendet. Dezentral gekoppelte Mesh-Netze, deren einzelnen Knoten nicht mehr ein zentraler Zugangsanbieter verbindet, bilden bei entsprechender Größe quasi ein eigenes Netzwerk im Internet. Cjdns sorgt dabei nicht nur für das Management der Peer-to-Peer-Verbindungen, sondern auch für eine Verschlüsselung auf den Transportwegen.

Fazit

Mofo Linux ist eine schnell installierte und leicht zu bedienende Distribution auf Ubuntu-Basis. Das Betriebssystem tritt dabei völlig in den Hintergrund und überlässt die Bühne den Werkzeugen, die den Zweck der Distribution darstellen. Immer häufiger gilt es, Information auf Reisen zu schützen, um nicht den Besitzer oder andere Menschen zu gefährden. Dieses Anliegens nimmt sich Mofo Linux an und bietet dazu ein Angebot gut integrierter Werkzeuge. Lediglich der anfänglich nicht startende Tor-Browser als ein Dreh- und Angelpunkt der Distribution könnte weniger versierte Anwender abschrecken. Hier sollten die Entwickler im Sinne der einfachen Bedienung, die Mofo ansonsten durchgängig bietet, entsprechend nachbessern. 

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDF
LinuxUser 06/2016 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Nach oben