Photofilmstrip haucht mithilfe des Ken-Burns-Effekts Ihren Fotos neues Leben ein: Durch gezieltes Schwenken und Zoomen in den Bildern vermittelt es echtes Video-Feeling.
Zu Zeiten der Analogfotografie waren Diaschauen oft hochtechnisierte Vorgänge. Für Überblendungen kamen zwei Projektoren oder ein Bildwerfer mit zwei Objektiven zum Einsatz. Ein mehrspuriges Tonbandgerät stellte dabei sowohl den Begleitton zur Verfügung als auch Steuersignale für den Bildwechsel. Die Ergebnisse fielen durchaus beeindruckend aus – kein Vergleich zum drögen Durchblättern eines Albums. Das Dia als solches blieb dabei allerdings stets ein statisches Bild.
Heute lassen sich per Software nicht nur Diaschauen zusammenstellen und als Film wiedergeben, sondern das gezielte Schwenken und Zoomen in den Bildern vermittelt zusätzlich die Illusion eines echten Videos. Auf diese Weise lenkt man die Aufmerksamkeit des Betrachters gezielt auf bestimmte Bildteile, die ihm sonst vielleicht verborgen blieben. Früher ließen sich solche Effekte nur mit einer professionellen Rostrum-Kamera [1] realisieren, heute übernimmt die Software sowohl das Bearbeiten der Einzelbilder als auch das Rendern des abspielbaren Videos.
Photofilmstrip [2] ist ein solches Programm, das mithilfe des sogenannten Ken-Burns-Effekts Ihren Fotos neues Leben einhaucht. Der US-Dokumentarfilmer [3], der als Namenspate diente, hat die Technik zwar nicht selbst erfunden, führte Sie aber zur Perfektion und heimste dafür zahlreiche Preise ein.
Photofilmstrip installieren
Nur wenige Distributionen bieten aktuelle Pakete für Photofilmstrip an: Debianer werden im Multimedia-Repository fündig, das Debian-Paket lässt sich auch unter Ubuntu verwenden. Für OpenSuse und Fedora gibt es RPMs beim OpenSuse Build Service.
Die Abhängigkeitsliste für die Installation aus den Quellen fällt erfreulich kurz aus. Da es sich um ein Python-Programm handelt und man nichts kompilieren muss, genügt Python 2.7 samt der zugehörigen Entwicklerdateien (meist im Paket python-dev oder -devel). Mit dem Befehl python setup.py build erstellen Sie die Dateistruktur, die Sie anschließend mit sudo python setup.py install im System verewigen.
Im laufenden Betrieb benötigt Photofilmstrip für das Rendern des Videos den Mencoder aus dem Mplayer-Portfolio sowie wxGTK 2.8.12 oder neuer, wobei auch auf GTK 3 basierende Versionen funktionieren. Diverse Bildbearbeitungsfunktionen übernimmt je nach Distribution eines der Python-Module PIL (python-imaging) oder Pillow (python-pillow). Allerdings ist Pillow 3.0.0 derzeit unbrauchbar – unter Fedora 23 konnten wir neue Projekte nach dem Hinzufügen von Bildern nicht mehr speichern. Debian und dessen Ableger dagegen verwenden noch die “echte”, aber nicht mehr aktiv betreute Python Imaging Library.
Schnell verfilmt
Nach dem ersten Start von Photofilmstrip erzeugen Sie über Datei | Neues Projekt oder das Plus-Symbol im Startfenster das Grundgerüst für einen neuen Filmstreifen (Abbildung 1). Die Voreinstellungen – 16:9-Formats und 30 Gesamtlänge – passen für die ersten Versuche bestens.
Das neue Projekt ist zunächst leer. Der Menüpunkt zum Importieren von Bildern versteckt sich in den Extras, alternativ gibt es einen entsprechenden Schalter in der Werkzeugleiste. Markieren Sie einfach ein oder mehrere Bilder im Auswahldialog: Photofilmstrip präsentiert Ihnen dann eine Übersicht wie in Abbildung 2, mit dem ersten Bild zur Bearbeitung im oberen Bereich.
Nun stellen Sie durch Verschieben und Zoomen der Rahmen über den zwei Bildansichten die Bewegung ein. Egal, an welcher Stelle des Rahmens Sie den Mauszeiger ansetzen: Das Seitenverhältnis des Bilds bleibt erhalten und verhindert, dass später schwarze Balken das Video verunzieren. Doch selbst wenn Sie ohne Modifikationen den Filmstreifen sofort ins gewünschte Zielformat exportieren, fällt das Ergebnis beeindruckend aus: Auf wundersame Weise scheint Photofilmstrip zu erkennen, welche Bildteile ansehnlich sind und welche im Video besser erst gar nicht auftauchen sollten. Ein solcher Instant-Export vermittelt zudem einen guten Eindruck der voreingestellten Überblendgeschwindigkeit.
Sie starten das Rendern des Videos über Extras | Filmstreifen erstellen oder über den entsprechenden Knopf in der Werkzeugleiste. Im Einstellungsfenster (Abbildung 3) finden sich unter Format diverse Disk-Formate, angefangen von der antiken Video-CD bis hin zur halbwegs aktuellen DVD. Auch hochauflösende Videos erzeugt Photofilmstrip bei Bedarf: Dazu stellen Sie als Format eine der MPEG4-Varianten ein und wählen im nun nicht mehr ausgegrauten Feld Auflösung zwischen HD (720 Bildzeilen) und Full-HD (1080 Bildzeilen). Für Feineinstellungen klicken Sie auf den Knopf rechts neben der Formatzeile, wo Sie noch die Bitrate und einige weitere Parameter beeinflussen können.
Aus dem Handgelenk
Als sehr praktisch erweisen sich die Schnellzugriffe zwischen den zwei Bildansichten. Der oberste Schalter erzeugt eine zufällige Bewegung, also im Prinzip das, was Photofilmstrip beim Neuladen von Bildern sowieso tut. Die nächsten beiden Buttons darunter kopieren die linke Auswahl in die rechte beziehungsweise umgekehrt, sodass der einmal gefundene optimale Ausschnitt ohne Schwenken oder Zoomen erhalten bleibt. Über den vierten Knopf tauschen Sie im Bedarfsfall die beiden Auswahlen gegeneinander aus.
Der vorletzte Knopf öffnet ein Einstellungsfenster zum pixelgenauen Anpassen der Bewegungspfade (Abbildung 4). Die Positionsangabe bezieht sich dabei auf die linke obere Ecke des Auswahlrahmens, die Größe auf die horizontale Breite. Falls das Auswählen mit der Maus nicht genau genug klappt, kitzeln Sie so das letzte Quäntchen Präzision heraus. Das Schloss-Symbol am unteren Ende der Schalterleiste schließlich erweitert den Aktionsradius der Auswahlrahmen über die physischen Grenzen des Bildes hinaus. Das erzeugt allerdings schwarze Bereiche, die im Normalfall eher hinderlich sind, aber in bestimmten Fällen zusätzlichen Gestaltungsspielraum schaffen.
Zoomen und Schwenken schöpfen die Möglichkeiten von Photofilmstrip längst noch nicht aus. Unterhalb des Ausgangsbilds tummeln sich einige Schalter, mit dem Sie dieses erst einmal in Form bringen. Die Knöpfe mit den Pfeilen bringen ein falsch ausgerichtetes Bild in die korrekte Lage. Unter Effekt verstecken sich keine weiteren atemberaubenden Bildeffekte, sondern lediglich die Umwandlung in ein Schwarzweißbild oder in eine vergilbte Sepia-Aufnahme.
Der rechts daneben angeordnete Bildablauf beeinflusst den Übergang zwischen zwei Bildern sowie die Art des Schwenkens und Zoomens. Die voreingestellten Modi Beschleunigen und Überblenden liefern schon ansprechende Ergebnisse. Bei Bedarf ändern Sie hier die Werte oder schrauben den Effekt auf das Niveau einer herkömmlichen Diaschau zurück. Die hier getroffenen Einstellungen gelten nur für das jeweilige Einzelbild, lassen sich aber nicht halb- oder vollautomatisch für andere Bilder übernehmen.
Der Filmstreifen im unteren Bereich des Fensters sortiert beim Bildimport die Fotos so wie ein Dateimanager, also üblicherweise alphabetisch nach Dateinamen. Durch einfaches Ziehen und Ablegen mit der Maus ändern Sie die Reihenfolge der Bilder. Das zu bearbeitende Bild lässt sich einfach anklicken oder mit den rechts befindlichen Pfeiltasten im Filmstreifen hin- und herschieben.
Aufgepeppt
Damit die Diaschau nicht zum hochauflösenden Stummfilm verkommt, fügen Sie beim Rendern eine Audio-Datei hinzu, deren Länge die Abspieldauer des resultierenden Videos bestimmt. Durch Variation der Bildanzahl beeinflussen Sie die Anzeigedauer der einzelnen Fotos, ohne direkt in die Überblendparameter eingreifen zu müssen.
Das direkte Aufsprechen eines Kommentars klappt nicht ohne Weiteres. Mit einem einfachen Trick kommen Sie dennoch zum Ziel: Rendern Sie das Video zunächst ohne Ton. Während des Abspielens starten Sie dann ein Aufnahmeprogramm und zeichnen Ihre Kommentare in eine Audio-Datei beliebigen Formats auf. Anschließend rendern Sie das Video erneut und geben dabei das Audio als Untermalung an. So laufen Kommentar und Bild stets synchron.
Rechts unter der Ansicht des Zielbilds finden Sie ein mit Untertitel beschriftetes Eingabefeld. Versprechen Sie sich nicht zu viel davon: Zwar platziert Photofilmstrip dort eingegebenen Text korrekt im entsprechenden Bild, jedoch mit minimaler Schriftgröße. Zudem gibt es keine weiteren Konfigurationsmöglichkeiten wie etwa Farbanpassungen. Eine echte Untertitelsoftware ersetzt das Feature also nicht.
Die Untertiteldatei mit der Endung .srt finden Sie nach dem Rendern im selben Ordner wie das Video selbst. Mit Programmen wie zum Beispiel Gnome Subtitles oder auch nur einem einfachen Texteditor lassen sich die Inhalte nachbearbeiten, um etwa die Schriftfarbe oder den Schriftschnitt zu ändern.
Im Terminal
Bringt ein grafisches Programm auch eine Befehlszeilenvariante mit, ist das eigentlich eine erfreuliche Tatsache – schließlich lässt sich die Stapelverarbeitung größerer Bildmengen auf diese Weise oft leichter bewältigen. Tatsächlich lässt sich auch mit Photofilmstrip über das Kommando photofilmstrip-cli unter Angabe einer Projektdatei und eines Ausgabepfads ein Video im Terminal rendern (Abbildung 5). Allerdings haben die Entwickler das Konzept nicht ganz zu Ende gedacht: Es fehlt eine Option, spezielle Optionen an den im Hintergrund werkelnden Mencoder durchreichen zu können.
Fazit
Photofilmstrip lässt sich einfach bedienen und produziert erstklassige Videos, ohne dass Sie allzu tief in den Produktionsprozess eingreifen müssen. Bei Bedarf können Sie das aber, denn die Ausstattung braucht sich keineswegs zu verstecken. Nur die Untertitelfunktion bedarf noch der Nachbesserung, ansonsten ist Photofilmstrip voll praxistauglich. Dank wxPython-Basis läuft das Programm nicht nur unter Linux und den BSD-Derivaten, sondern auch unter Windows. So können Wanderer zwischen den Welten ein begonnenes Projekt einfach auf einem anderen Betriebssystem weiterbearbeiten.
Alternativen
Photofilmstrip steht nicht allein auf weiter Flur. In LU 10/2011 haben wir Imagination [4] vorgestellt, das ebenfalls den Ken-Burns-Effekt beherrscht. Zwar scheint die Weiterentwicklung seither eingeschlafen zu sein, aber HD-Videos produziert die nach wie vor aktuelle Version 3.0 auch.
DVD-Slideshow [5] als weiterer Mitbewerber liegt ebenfalls seit vier Jahren im Dornröschenschlaf. Hinzu kommt, dass das Terminalprogramm die Videobearbeitung nicht unbedingt erleichtert und eine steile Lernkurve mit sich bringt. Das Paket enthält fünf Bash-Skripte, die über Befehlszeilenoptionen externe Werkzeuge wie Ffmpeg, Dvdauthor oder ImageMagick (für den Ken-Burns-Effekt) steuern. Zum gezielten Bearbeiten einzelner Bilder eignet es sich aufgrund seiner Natur eher nicht, lediglich bei der Stapelverarbeitung vieler Bilder spielt es seine Vorteile aus.
In einschlägigen Foren und Mailinglisten wurde bereits mehrfach der Wunsch geäußert, LibreOffice Impress mit einem Ken-Burns-Feature auszustatten. Außer dem Effekt selbst fehlt dem Präsentationsprogramm bisher eine passable Möglichkeit zum Export von Videos. Das derzeit ausschließlich verfügbare Flash-Format gilt als totes Gleis, sodass die freie Bürosuite spezialisierteren Programmen auf absehbare Zeit kaum Konkurrenz machen kann.
Infos
[1] Rostrum-Kamera: https://en.wikipedia.org/wiki/Rostrum_camera
[2] Photofilmstrip: http://www.photofilmstrip.org
[3] Ken-Burns-Effekt: https://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Burns#Ken-Burns-Effekt
[4] Imagination: Vincze-Aron Szabo, “Elegante Vorstellung”, LU 10/2011, S. 68, https://www.linux-community.de/24338
[5] DVD-Slideshow: http://dvd-slideshow.sourceforge.net/wiki/Main_Page










