Das aus Kubuntu bekannte Paketverwaltungswerkzeug Muon wird nun direkt von den KDE-Entwicklern betreut und steht nicht mehr nur für Apt zur Verfügung. Neben der Oberfläche hat sich auch das Konzept grundlegend gewandelt.
Wohl fast jeder Debianer kennt Synaptic [1], das seit Jahren bewährte GTK-basierte Frontend zur Paketverwaltung. Speziell Kubuntu-Anwender nutzten jahrelang dessen Qt-Klon, der in Handhabung und Verhalten kaum von Synaptic zu unterscheiden war. Die enge Bindung an Apt und einige spezielle Bibliotheken verhinderten die Verbreitung außerhalb Kubuntus. RPM-basierte Distributionen verzichteten aufgrund des Alters und des schlechten Pflegezustand des Gateways zwischen Apt und RPM [2] lieber auf das Werkzeug. Unter Kubuntu waren die letzten Versionen der 2er-Reihe jedoch nicht nur das Standardwerkzeug zur Paketverwaltung, sondern wirklich ziemlich beliebt, was bei voreingestellten Tools nicht unbedingt immer der Fall ist.
Neuer Maintainer
Für KDE Frameworks 5 nahmen sich nun die Hauptentwickler der Sache an. Angetrieben von Kubuntu-Entwickler Jonathan Thomas sollte die Synaptic-Alternative Muon zum festen Bestandteil des KDE-Portfolios avancieren, und so kam es auch: Das Programm trägt inzwischen bereits die Versionsnummer 5.3.2. Statt direkt auf das Terminalprogramm Apt aufzusetzen, übernimmt bei Muon PackageKit [3] als eine Art Zwischenschicht die Aufgabe, die Systemaufrufe des Programms so zu übersetzen, dass der verwendete Paketmanager sie versteht. Passende PackageKit-Backends gibt es für zahlreiche Programme, wie DNF und Zypper, oder eben auch für Apt, was die Verbreitung unabhängig vom verwendeten Paketsystem gewährleistet.
Überraschenderweise blieb außer dem Namen wenig übrig. Abbildung 1 zeigt das Startfenster von Muon, das Sie über den Menüpunkt Alle Anwendungen | System | Programmverwaltung öffnen oder im Terminal mit muon-discover aufrufen. Pakete an sich oder Verweise darauf finden sich hier gar nicht mehr, sondern nur noch eine gekachelte Ansicht diverser Softwaregruppen. Beim Durchklicken des ersten Fliesenspiegels landen Sie stets wieder auf einem neuen, und recht schnell wird deutlich: Sie finden hier nur grafische Programme, Plasma-Applets und Schriften.
Die Suche nach Bibliotheken oder Devel-Paketen greift stets ins Leere. Waren Sie bisher die endlosen Weiten herkömmlicher Softwareverwaltungen gewöhnt, finden Sie nun einen waschechten App-Store vor. Der Einsatz von Muon außerhalb des KDE-Desktops fällt damit auch aus, denn Gnome-Shell-Erweiterungen, Themenpakete oder Ähnliches zeigt Muon gar nicht erst an. Das muss kein Nachteil sein: Wer jemals ein Smartphone in den Händen hielt, wird die daran angelehnte Bedienung zu schätzen wissen.

Abbildung 1: Ziemlich viel Raum räumen die Entwickler dem KDE-Logo ein. Bewertungen und andere Nebeninfos werden erst nach dem Hochscrollen des Inhalts sichtbar.
Vom Startbildschirm aus gelangen Sie per Doppelklick in eine der App-Gruppen. Sofern die Gruppe auch Apps enthält, öffnen Sie mit einem weiteren Doppelklick deren Seiten. Abbildung 2 zeigt die Seite des Übersetzungsprogramms Poedit. Das Anklicken des Bildschirmfotos vergrößert dieses auf Fenstergröße. Die Informationsdichte lässt noch zu wünschen übrig: Außer einem Link zur Webseite und einem Bewertungssystem mit fünf möglichen Sternen findet sich kaum Verwertbares. Immerhin erscheint die Beschreibung in der Regel auf Deutsch; allerdings kommt es nicht selten vor, dass gar kein Text erscheint.
Das Bewertungssystem lässt dabei völlig offen, woher es seine Daten bezieht. Muon erlaubt es aktuell nicht, Apps direkt in der Anwendung zu bewerten. In der webbasierten App-Sammlung von Fedora findet sich dazu ebenfalls nichts. Befremden erzeugt auch, dass nach kurzem Durchforsten verschiedener Bereiche sich alle Apps mit einer Bewertung von vier Sternen schmücken. Das legt die Vermutung nahe, dass die Bewertungen momentan nur als optische Lückenfüller dienen, die jeder Grundlage entbehren.
Verfügbarkeit
Dank der Anbindung an PackageKit harmoniert Muon 5 nun auch mit anderen Distributionen als Kubuntu. Aktuell gibt es Pakete für Fedora, Debian “Sid”, Arch Linux, Open Mandriva Cooker, ROSA und Kubuntu selbst. Bei Letzterem steht die Versionsnummer in den letzten beiden LTS-Distributionen noch auf 2.2.0 beziehungsweise 1.3.1. Möchten Sie Muon selbst kompilieren oder ein Paket für eine andere Distribution bauen, dann benötigen Sie zahlreiche Abhängigkeiten. Zu den Grundvoraussetzungen zählen Plasma 5, die Qt-Bindings für PackageKit, Appstream, Python und nicht zuletzt Cmake. Im Allgemeinen brauchen Sie dafür die Entwicklerdateien, sofern Ihre Distribution diese in eigene Unterpakete packt. Den aktuellen Tarball [5] mit den Quellen finden Sie auch auf der Heft-DVD.
Eigendynamik
Was im ersten Test außerdem noch auffiel, war ein gewisses Eigenleben des Programms. Nach der Installation durchsuchte Muon flugs die Softwarequellen nach Aktualisierungen und meldete diese prompt in der Kontrollleiste des KDE-Desktops. Das geht insofern in Ordnung, denn Information schadet nie. Doch nach dem Start von Muon-Discover – eigentlich gar kein Aktualisierungswerkzeug – lädt das System die gemeldeten Pakete klammheimlich im Hintergrund herunter und installiert sie sogleich. Interessant und ärgerlich zugleich, dass sich in den Muon-Einstellungen nichts findet, womit man dem Programm die Selbstbedienung abgewöhnen könnte. Ein Menüpunkt namens Einstellungen, der vielleicht helfen könnte, ist ausgeblendet und somit nicht anklickbar.
Für die Darstellung der Bildschirmfotos bedient sich Muon ungeniert im Fundus von Debian. Daher taucht selbst im Testsystem mit Fedora 22 oft der Debian-Swirl als Geisterbild auf, wenn es keinen passenden Schnappschuss gibt. Dabei wäre es viel einfacher: Insbesondere Fedora fordert von seinen Paketbauern die Integration von Appstream-Dateien, die für Muon und vergleichbare Anwendungen die Daten liefern sollen. Auch wenn längst nicht alle grafischen Anwendungspakete mit einer Datei namens appdata.xml daherkommen und von denen wiederum nicht alle einen Link zu einem Bildschirmfoto enthalten, ließe sich damit ein Fauxpas wie in Abbildung 3 vermeiden.
Der Gnome-Standardbrowser ist Appstream-technisch auf dem neuesten Stand. Da aber das entsprechende Debian-Paket nicht den Browser, sondern das Spiel gleichen Namens [4] beinhaltet, wirkt das von dort bezogene Bildschirmfoto etwas deplaziert. Selbst wenn die Entwickler Debians Bilderalbum für besser ausgestattet halten, unterwandert das Vorgehen das distributionsübergreifende Appstream-Konzept. Immerhin stammen die Paketbeschreibungen nicht aus Debian, sondern direkt aus der Appstream-Datenbank.
Systemaktualisierungen lassen sich auch direkt in Muon-Discover anstoßen. In der Werkzeugleiste finden Sie neben dem Zauberstab-Symbol ein weiteres Icon, das nach dem Anklicken in den Aktualisierungsmodus wechselt. Das Aktualisierungswerkzeug findet sich außerdem separat im KDE-Menü unter Anwendungen | System | Aktualisierungsverwaltung. Gleich beim Start grast es die eingerichteten Paketquellen nach neuen Versionen ab – ziemlich merkwürdig für eine App-Verwaltung, aber andererseits erfreulich: Es erscheinen nämlich nicht nur Updates grafischer Programme, Muon kommt hier nicht umhin, auf Paketebene zu arbeiten (Abbildung 4). Obwohl Muon konzeptbedingt eigentlich alles ausblenden will, was den Smartphone-gewöhnten Benutzer verwirren könnte, erscheinen auch Bibliotheken, Befehlszeilentools und Skriptsprachen-Module.
Fazit
Was Muon ist, hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab. Wer sich mit traditionellen grafischen Paketverwaltungen oder der Befehlszeile nicht anfreunden kann oder will, findet in Muon das längst überfällige KDE-Pendant zu Gnome Software. Auch wenn entwicklerseitig noch viel zu tun bleibt, zeigt der derzeitige Stand, wohin die Reise geht. Legt man aber die Maßstäbe des um einige Jahre reiferen Gnome Software an, hängt Muon 5 immer noch stark hinterher. Glaubt man der To-do-Liste aus dem Tarball, soll es jedoch irgendwann ein richtiges Software-Center werden, wie auch immer es dann aussehen mag.
Insbesondere für jene Anwender, die Muon 2 nutzten, stellen die aktuellen Versionen des Programms einen Rückschritt dar. Selbst wenn man unterstellt, dass sich die Funktionsvielfalt auf absehbare Zeit mit der von Produkten aus Cupertino oder Mountain View messen kann: Selbst Befehlszeilenwerkzeuge wie Apt, DNF, Pacman oder Zypper erscheinen nach entsprechender Einarbeitung praxistauglicher, will man wirklich alle Pakete verwalten und nicht nur eine Teilmenge davon.
Im Zweifelsfall geht es auch ohne App-Store-Klon: Apper bietet durch verschiedene Filter durchaus Ähnliches, wenngleich die Integration von Appstream vielleicht nie dieses Programm erreichen wird. Und wer sich nicht generell auf Qt beschränken will, kann insbesondere im GTK-Fundus aus etlichen Alternativen wählen.
Contra: Alles App-Store oder was?
Schon in den frühen Jahren freier Betriebssysteme sorgten Werkzeuge wie Dpkg oder RPM für Ordnung im System. Die proprietären Mitbewerber von Apple und Microsoft boten nichts Vergleichbares; so blieb die feinkörnige und doch gut beherrschbare Struktur der Softwareverwaltung lange Zeit einer der großen Vorteile eines Linux-Systems. Damals fungierte der PC noch als üblicher Einstieg in die Welt der Computer – die Mobiltelefone jener Zeit waren in Verbindung mit PDA oder Notebook zwar durchaus nützlich, boten aber keine weitergehenden Fähigkeiten.
Der Siegeszug der Feature-Phones hat das geändert: Jugendliche sammeln ihre ersten Erfahrungen mit programmierbaren Rechenmaschinen nicht mehr am heimischen PC, sondern halten mittlerweile schon sehr früh ein eigenes Smartphone am Ohr und zunehmend häufiger in den Händen. Obwohl in drei von vier dieser Geräte Linux werkelt, blieb von den Vorzügen einer zentralen Paketverwaltung wenig übrig: Ein starres, schwer zu wartendes Grundsystem, das zudem in der Regel vom Hersteller des Gerätes und nicht von dem des Betriebssystems verwaltet wird, bildet die Basis. Darauf aufbauend gibt es Softwarepools, die einzelne Apps zur Installation vorhalten.
Hier setzen “moderne” Paketverwaltungswerkzeuge wie Muon oder Gnome Software an: Sie sollen dem Benutzer genau das vorgaukeln, was er von seinen mobilen Geräten kennt. Zwar springen die Entwickler damit mehr oder weniger elegant auf einen längst fahrenden Zug auf – aber ohne Rücksicht auf die noch am Bahnsteig wartenden Benutzer, die eigentlich den gleichen Zug nehmen wollten, der dann ärgerlicherweise doch in die falsche Richtung fuhr. Ob der vielleicht zum Schienenersatzverkehr verkommende traditionelle Weg noch mithält, bleibt fraglich.
Unzweifelhaft schafft man so wissentlich Benutzer erster und zweiter Klasse: Jene, die das Verhalten ihrer Smartphones unbedingt auch auf dem Desktop oder Laptop wiederfinden wollen, und jene, die dem schulmeisternden Ans-Händchen-Nehmen längst entwachsen sind und wirklich die Kontrolle über ihr System behalten wollen. Die ohnehin aufgrund zahlloser zueinander inkompatibler Distributionen zersplitterte Linux-Community bekommt damit einen weiteren Riss. (Mario**Blättermann)
Pro: Lasst uns mal bitte vom Baum kommen
Nur weil sich Entwickler darum bemühen, den Zugang zur Paketverwaltung zu vereinfachen, bekommt die Linux-Community keinen Riss. Seit Ewigkeiten beklagen wir uns darüber, dass Linux zu wenig Unterstützung durch die Hard- und Software-Industrie erfährt. Diese beantwortet die Klagen meist mit: “Wir würden Linux gerne unterstützen, doch für die paar Anwender lohnt sich der Aufwand nicht”. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Bleibt Linux kompliziert, bleiben die Nutzer weg und die Plattform uninteressant.
Discover stellt nur eine von drei Komponenten der Muon-Paketverwaltung dar. KDE-Distributionen wie Netrunner bieten nach der Grundinstallation nur Discover und den Updater, doch wer mag, der installiert sich mit dem Paket muon die Hauptkomponente und findet so fix sein Heil in der gewünschten Qt-Alternative zu Synaptic (Abbildung 5). Erfahrene Linux-Nutzer stellen sich sowieso ihr eigenes Linux zusammen, egal, was der Distributor macht. Einsteigern ist jedoch viel geholfen, wenn sie bei einer Suche nach “libreoffice” in der Paketverwaltung nicht Hunderte von Paketen angezeigt bekommen.
Da moderne Paketverwaltungsfrontends wie Muon, Gnome Software oder das Ubuntu Software Center bisher nur auf PackageKit und somit auf Apt, Dnf, Zypper, Pacman und Co. aufsetzen, gibt es keinen Grund, einen Trauergesang anzustimmen. Allerdings bleibt auch Linux von der zunehmenden “Appification” der IT-Welt nicht verschont. Das gilt insbesondere für Ubuntu, für das Canonical schont seit Jahren einen tatsächlichen App-Store zu etablieren versucht – bislang mit eher mäßigem Erfolg. Jetzt sollen Snappy [6] und dessen Desktop-Pendant Click [7] alles richten. Die neue Paketverwaltung koppelt sich komplett vom DEB-Format ab und steckt Anwendungen mitsamt Bibliotheken in “Confinements”, auch bekannt als Jails. Im Prinzip eine positive Idee für Closed-Source-Anwendungen: So darf eine Anwendung nur auf ihre eigenen Daten zugreifen. Allerdings bekommt selbst Google mit seinen schier unerschöpflichen Mitteln das Thema nicht gebacken, als Beispiel sei nur Stagefright [8] genannt.
In einer auf der 35. internationalen Konferenz der Beauftragten für den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre getroffenen Erklärung zur “Appifikation” der Gesellschaft [9] nehmen die allzu oft zahnlosen institutionellen Datenschützer insbesondere die Betriebssystemhersteller in die Pflicht: Sie trügen eine “besondere Verantwortung gegenüber den Nutzern”, da sie als “Plattform-Anbieter den Rahmen, in dem Apps verwendet werden, herstellen und pflegen”. Einfach nur eine Sandbox bauen, sich zurücklehnen und dann bei Missbrauch auf Entwickler mit unlauteren Motiven schimpfen – das geht so nicht. Auch Shuttleworths bisher noch reichlich in Canonical fließendes Kapital geht eines Tages zur Neige. Ob Ubuntu bis dahin über eine solide Sandbox für proprietäre Anwendungen und einen betriebsamen App-Shop verfügt? Mag sein – doch der Open-Source-Community nutzen solche Bemühungen in jedem Fall wenig. (Christoph**Langner)

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Abbildung 5: Die Muon-Paketverwaltung enthält mit demPackage Manager eine zu Synaptic fast identische Anwendung, mit der sich sämtliche Pakete gezielt nutzen lassen.Der Autor
Mario Blättermann kümmert sich seit dem Abschied von Gnome vor einigen Jahren vor allem um Fedora-Pakete rund um KDE und Qt. Daneben übersetzt er klassische Unix-Handbuchseiten und zählt zu den Koordinatoren des deutschen Teams des GNU Translation Projects.
Glossar
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Appstream
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Das bei Freedesktop.org gehostete Projekt des Gnome-Entwicklers Richard Hughes will distributionsübergreifend Beschreibungen, Bildschirmfotos und weitere Metadaten zu grafischen Programmen zur Verfügung stellen.
Infos
[1] Synaptic: http://www.nongnu.org/synaptic/
[2] Apt-rpm: http://apt-rpm.org/
[3] PackageKit: http://www.freedesktop.org/software/PackageKit/
[4] Miner-Spiel Epiphany: http://epiphany.sourceforge.net/site/
[5] Muon-Tarball: http://download.kde.org/stable/plasma/5.3.2/muon-5.3.2.tar.xz
[6] Ubuntu Snappy: https://developer.ubuntu.com/en/snappy
[7] Ubuntu Click: https://developer.ubuntu.com/en/publish/packaging-click-apps/
[8] Android Stagefright: http://www.heise.de/security/meldung/Stagefright-Android-Smartphones-ueber-Kurznachrichten-angreifbar-2763764.html
[9] “Erklärung von Warschau zur Appifikation der Gesellschaft”: http://www.bfdi.bund.de/SharedDocs/Publikationen/Entschliessungssammlung/IntDSK/35.IDSKWarschau_ErklaerungZurAppifikationDerGesellschaft.pdf;jsessionid=0802F0D0E1871F3B64A48D18FCB747A9.1_cid329?__blob=publicationFile&v=1








