Mit KaOS lässt sich KDE entspannt genießen – sofern Sie einige kleine Einschränkungen akzeptieren.
Viele Distributionen wollen dem Anwender eine möglichst große Vielfalt an Desktop-Umgebungen anbieten und belassen diese dabei oft im Upstream-Zustand, also so, wie deren Entwickler sie ausliefern. Konfiguration und Anpassung des Desktops obliegt dann oft dem Endanwender. Die im Frühjahr 2013 gestartete Distribution KaOS [1] will dagegen nur das eine: den bestmöglichen KDE-Desktop ausliefern.
Die weiteren Zutaten und Entwicklungsmaximen ordnen sich diesem Ziel unter und entstammen den verschiedensten Quellen. So stammt der Paketmanager Pacman [2] aus dem Fundus von Arch Linux, der grafische Installer Thus kommt von Manjaro [3]. Das KaOS-Projekt selbst entwickelt keine Anwendungen, sondern wählt aus dem vorhandenen Pool die jeweils besten Pakete für den jeweiligen Einsatzzweck aus.
Mit Pragmatismus zum Ziel
Um zu einem kontrollierbaren Ergebnis zu kommen, bauen die Entwickler alle Pakete selbst und bieten diese in einem Rolling Release [4] an. Hat sich der Quellcode eines Pakets längere Zeit nicht geändert, paketiert das Projekt es trotzdem neu, um das bestmögliche Zusammenspiel mit anderen aktualisierten Komponenten zu gewährleisten. Dabei ist und bleibt KDE die einzige Konstante. Alles andere steht ständig auf dem Prüfstand – taucht eine bessere Alternative auf, so wird diese benutzt.
Dieses pragmatische Vorgehen fördert zwar die Zielsetzung des bestmöglichen KDE-Desktops, bedingt jedoch auch Einschränkungen. So liegt KaOS ausschließlich als 64-Bit-Version vor. Das Bauen aller Pakete für KaOS auf zwei Architekturen erscheint den Machern angesichts der Tatsache, dass es seit gut zehn Jahren 64-Bit-CPUs gibt, als nicht zu rechtfertigender Aufwand. Jede Software, die solche grundlegenden Verbesserungen der Hardware für eine so lange Zeitspanne ignoriert, erfüllt nicht den Qualitätsstandard, den sich KaOS selbst setzt. Damit fallen allerdings auch Programme wie etwa Skype, Wine oder Steam im KaOS-Repository flach.
Zwar liegt der Fokus der Distribution auf KDE, dennoch finden sich einige wenige GTK+-Programme im Software-Fundus. Dabei handelt es sich um solche, für die es keine wirklich akzeptablen Qt-Pendants gibt. So bringt KaOS neben Inkscape und Ardour auch den optional installierbaren Browser Chrome mit.
Evolution durch Auslese
Derzeit besteht KaOS aus rund 2050 Paketen, wobei die Entwickler anstreben, für jeden Einsatzzweck fünf bis sechs Alternativen anzubieten. Die Repositories teilen sich dabei in die drei Bereiche Core, Main und Apps auf.
Core umfasst die grundlegenden Pakete für den Start des Systems. Dazu zählen unter anderem der Kernel, der Systemverwaltungsdienst Systemd, die Toolchain [5] zum Bauen der Pakete sowie grundlegende Kommandozeilenprogramme. Dieses Repository aktualisieren die Entwickler nur sehr behutsam, da hier auftretende Fehler die Stabilität des Systems gefährden würden.
Main beherbergt alle benötigten Bibliotheken und zusätzlichen Treiber zum Start des Desktops und der Programme. Dieser Teil des Archivs erfährt recht zeitnahe Aktualisierungen, wobei die Entwickler einige als fehleranfällig bekannte Bibliotheken erst dann updaten, wenn positive Rückmeldungen der Anwender vorliegen.
Die Masse an Anwenderprogrammen inklusive KDE liegt in der Abteilung Apps. Diese Pakete aktualisiert das Projekt nach einer kurzen Testphase laufend, es sei denn, die neuen Versionen hängen von noch nicht verfügbaren Paketen in Core oder Main ab.
Zwei weitere Archive, die in der Standardkonfiguration des Paketmanagers Pacman allerdings durch Abwesenheit glänzen, Build und KDE-Next. Ersteres dient lediglich als Sammelbecken zum Testen neuer, neu gebauter oder aktualisierter Pakete, bevor diese in die jeweiligen Software-Quellen umziehen. In Letzterem sammeln, bauen und testen die Entwickler derzeit Pakete für die fünfte KDE-Generation.
Frisch ans Werk
Die aktuelle Ausgabe von KaOS stammt vom 20. August 2014 und wirft 1,7 GByte in die Waagschale. Als Hardware-Voraussetzungen nennt das Projekt 6 GByte freien Platz auf der Festplatte und 1 GByte Hauptspeicher. Dabei handelt es sich allerdings um absolute Minimalvoraussetzungen – KDE macht erst ab 4 GByte RAM wirklich Spaß, was bei halbwegs aktueller Hardware mittlerweile auch den Standard darstellt.
Das aktuelle KaOS basiert auf dem Kernel 3.15.10.1 und bringt ein brandaktuelles KDE 14.4-1 mit, das bereits am Tag seiner Freigabe durch das Mutterprojekt im KaOS-Image landete. Der X.org-Stack gibt sich mit Version 1.16.1 ebenso aktuell wie das Mesa-Paket mit Release 10.2.5. Zudem ist Systemd 215 mit an Bord (Abbildung 1). Insgesamt versammeln sich auf dem ISO-Image 910 der verfügbaren 2042 Pakete. Die Abbilddatei entspricht dem ISO-Hybrid-Standard und lässt sich somit wahlweise auf DVD brennen oder von einem USB-Stick booten.

Abbildung 1: Bei der Initialisierung und Verwaltung des Systems setzt KaOS auf den innovativen Systemd.
Installieren leicht gemacht
Nach dem ersten Start drängt sich sofort der Eindruck auf, es mit einem mit Bedacht zusammengestellten und mit dem Willen zu unaufdringlichem, sorgfältigem Design umgesetzten System zu tun zu haben. Der Desktop wirkt insgesamt angenehm zurückgenommen, verglichen mit dem etwas aufdringlicheren Standard-KDE-Design. Die Icons des Desktops und des Homerun-Menüs entstammen dem Icon-Set Flattr [6].
Der Installer Thus, der hier erstmals zum Einsatz kommt, weist logisch gegliederte Abschnitte auf und führt unaufdringlich durch die Installation. Neben der einfachen automatischen oder manuellen Installation inklusive Partitionierung bietet er auch das Aufsetzen von LVM [7] sowie eine verschlüsselte Installation an. Eingangs macht eine Meldung Sie auf den Beta-Status des Installers aufmerksam, der zudem noch kein RAID aufsetzen kann sowie derzeit das Dateisystem Btrfs nicht unterstützt.
Ein kleiner Fehler tritt beim Verwenden der deutschen Spracheinstellungen auf, einen Workaround dazu finden Sie im Kasten “Fehler im Installer umgehen”. In weniger als fünf Minuten beendet Thus die Festplatteneinrichtung und bietet einen Neustart ins frisch aufgesetzte System an. Die Installation umfasst in der Standardversion 5,4 GByte an Daten.

Abbildung 2: Die Sprachauswahl im Installer. Bei der deutschen Lokalisierung lauert eine kleine Tücke.
Fehler im Installer umgehen
Ein kleiner Fehler tritt beim Verwenden der deutschen Spracheinstellung im Installer (Abbildung 2) auf und verhindert, dass dieser alle Dateien auf die Festplatte kopiert. Dieses Hindernis umgehen Sie vor der Installation durch einen unkomplizierten Workaround: Öffnen Sie eine Shell (konsole oder yakuake) und geben Sie dort das Kommando sudo pacman -Sy thus ein. Daraufhin richtet Pacman die aktuellste Version von Thus ein, die den Fehler nicht mehr aufweist.
Qt dominiert
Das installierte KaOS arbeitet zügig, ab 4 GByte Hauptspeicher gibt es keine gefühlten Wartezeiten, alle Abläufe wirken flüssig. Das Hauptaugenmerk liegt naturgemäß auf Qt-Applikationen (Abbildung 3). Als Standardbrowser kommt Qupzilla zum Einsatz, als IRC-Client Quassel. Für Büroarbeiten setzt KaOS auf die Calligra-Suite, doch Freunde von LibreOffice können stattdessen auch dieses installieren. Zudem ist die Projektplanung Plan mit an Bord.
Für Entwickler installiert KaOS die Qt-Pakete Assistant, Designer und Linguist vor. Multimedia-Freunde ergötzen sich mithilfe von Amarok, SMPlayer sowie etlichen anderen Anwendungen dieser Gattung. An Pixel- und Vektorgrafikanwendungen finden sich neben Krita und Karbon auch Inkscape sowie Gimp, den Sie allerdings nachinstallieren müssen.
Insgesamt bringt KaOS eine rundum befriedigende Paketauswahl von vorinstallierten sowie nachinstallierbaren Paketen mit, die dem Besten den Vorzug gibt und so auch einige GTK+-Apps integriert.
Pakete verwalten
Als Paketmanager kommt das von Arch Linux bekannte Konsolenwerkzeug Pacman zum Einsatz. Es lässt sich bei KaOS aber auch über die grafische Anwendung Octopi (Abbildung 4) bedienen, die ein Widget in der Taskleiste platziert, das vorhandene Paketaktualisierungen anzeigt. Das intuitiv zu bedienende Octopi zeigt sowohl installierte Pakete wie auch den gesamten Softwarebestand an.
Laut Nachfrage bei der Hauptentwicklerin von KaOS wird sich der offizielle Software-Bestand in etwa bei der jetzigen Zahl von knapp über 2000 Paketen einpendeln, auch wenn mit der nächsten KDE-Version wegen der Modularisierung der KDE-Bibliotheken in den KDE Frameworks die Zahl noch einmal etwas ansteigt.
Ohnehin ist die Hausnummer von 2000 Paketen eher relativ zu betrachten, wie uns Anke Boersma erläuterte, die im Internet unter dem Nickname demm auftritt. Durch die Beschränkung auf KDE als einzige Desktop-Umgebung entfällt in vielen Fällen die Notwendigkeit, Applikationen in mehrere Pakete aufzuteilen. Debian hat zwar rund 30?000 Pakete im Bestand, wobei jedoch zwangsweise sehr viel mehr Fragmentation auftritt als KaOS. Unter diesem Aspekt betrachtet, reicht die Zahl der Pakete in KaOS für einen Desktop und eine Architektur für den Alltagsgebrauch völlig aus.
KaOS bietet zudem, angelehnt an das AUR-Archiv bei Arch Linux, Anwendern die Möglichkeit, im offiziellen Archiv fehlende Pakete über sogenannte KaOS-Community-Packages (KCP) selbst zu erstellen und zu pflegen [8]. Dies geschieht mithilfe der von Arch Linux bekannten Bauanleitungen namens PKGBUILD auf GitHub, eine Anleitung für Einsteiger findet sich auf der KaOS-Webseite [9]. Obwohl die KCPs offiziell nicht unterstützt werden, leisten die Entwickler im IRC trotzdem freundliche Hilfestellung.
KDE – die nächste
Wo wir gerade von der nächsten KDE-Generation gesprochen haben, soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Macher von KaOS als eingefleischte KDE-Fans bereits die nächste Inkarnation ihres Lieblingsdesktops zum Testen anbieten (Abbildung 5).
Das entsprechende Image liegt auf der Webseite mit den KaOS-Testabbildern [10]. Dort wählen Sie dasjenige zum Download aus, das das Kürzel kf5 im Namen trägt. Dieses Image aktualisieren die Entwickler laufend, eine jeweils frische Anleitung zu dessen Handhabung bietet das Forum von KaOS an [11].
Eine Menge an Anwendungen wurden für dieses Image bereits nach Qt5 portiert und rundum an die fünfte KDE-Generation angepasst. Dazu zählen etwa der IRC-Client Konversation, Kdevelop und die KDE-PIM-Suite. Allerdings eignet sich das KF5-Image noch nicht für produktives Arbeiten; eine stabile Version der nächsten Stufe der KDE-Entwicklung erscheint schließlich erst in einigen Monaten. Sie heißt dann übrigens nicht KDE SC 5, sondern identifiziert sich über ihre Komponenten KDE Frameworks**5, KDE-Applications und Plasma**5.

Abbildung 5: Das KaOS-KF-Testabbild erlaubt erste Einblicke in die fünfte Generation des KDE-Desktops.
Fazit
KaOS dürfte ohne jeden Zweifel zu den ersten Distributionen zählen, die eine stabile Release des neuen KDE anbieten. Bis dahin aber sei KDE-Fans ein Blick auf das derzeit aktuelle ISO-Image mit KDE SC 4.14 wärmstens ans Herz gelegt.
Die Konzentration auf lediglich einen Desktop und auf einen begrenzten Software-Pool, den die Entwickler für das Betriebssystem ständig maßschneidern, zahlt sich in Form einer exzellent zusammengestellten, stabilen und flott agierenden Distribution aus. Ansonsten leugnet KaOS eine gewisse Nähe zu Arch Linux nicht, legt aber trotzdem einen ganz eigenen Auftritt hin.
Die grafische Ausrichtung von KaOS orientiert sich stimmig am derzeit angesagten Flat-Design und nimmt damit bereits die Richtung der nächsten KDE-Version etwas vorweg. Da KDE sich aber bis in den letzten Winkel konfigurieren lässt, bleibt das letztendliche Aussehen völlig dem Anwender überlassen.
Als einziger Wermutstropfen an KaOS dürfte einigen Anwendern die Tatsache aufstoßen, dass durch die Beschränkung auf die 64-Bit-Architektur einige Programme wie Skype, Wine oder Steam nicht ohne weitere Verrenkungen laufen. Ansonsten gibt sich die Distribution als alles andere als chaotisch und lässt sich rundum nur empfehlen.
Der Autor
Ferdinand Thommes lebt und arbeitet als Linux-Entwickler, freier Autor und Stadtführer in Berlin.
Infos
[1] KaOS: http://kaosx.us/
[2] Pacman-Anleitung: http://kaosx.us/phpBB3/viewtopic.php?f=7&t=3
[3] Manjaro: https://de.wikipedia.org/wiki/Manjaro_Linux
[4] Rolling Release: https://de.wikipedia.org/wiki/Rolling_Release
[5] Toolchain: https://de.wikipedia.org/wiki/Toolchain
[6] Flattr-Icons: http://deviantn7k1.deviantart.com/art/Flattr-376383397
[7] LVM: http://de.wikipedia.org/wiki/Logical_Volume_Manager
[8] KCP: https://github.com/KaOS-Community-Packages
[9] KCP-Anleitung: http://kaosx.us/kcp-guide/
[10] KaOS-KF5: http://sourceforge.net/projects/kaosx/files/test-iso/
[11] KaOS-KF5-Anleitung: http://kaosx.us/phpBB3/viewtopic.php?f=18&t=413






