Gnome verlor ab Version 3 viele Freunde, nicht zuletzt wegen seines umstrittenen Bedienkonzepts. In die Lücke stößt das ebenso elegante wie durchdachte Deepin Linux aus dem chinesischen Wuhan.
China, das traditionell offene Standards unterstützt, treibt seit Jahren mehrere innovative Projekte rund um Linux voran. Das Vorzeigeprojekt Deepin Linux (http://www.linuxdeepin.com) erschien kürzlich mit einem regelrechten Feuerwerk an Neuerungen. Insbesondere kommt Deepin 2014 mit einem ganz neuen Desktop, dem Deepin Desktop Environment (DDE), das an vielen Stellen von der Community bemängelte Defizite anderer Arbeitsoberflächen vermeidet. Der Fokus liegt dabei sowohl auf einem äußerst ästhetischen Erscheinungsbild als auch auf einer exzellenten Ergonomie.
Die unüberschaubare Vielzahl von multimedialen Programmen unter Linux veranlasste das Projekt, für das Betriebssystem eigene Multimedia-Anwendungen zu programmieren, die sich nahtlos in den Desktop einfügen. Zu guter Letzt ersetzt der sogenannte Deepin Store bei der Software-Installation das schon recht betagte grafische Synaptic. Mit all diesen Neuerungen gibt sich Deepin Linux nicht nur äußerst bedienerfreundlich, sondern entpuppt sich durch die elegante Arbeitsoberfläche auch als echter Hingucker.
Kleine Deepin-Historie
Als Hiweed Linux erblickte Deepin bereits vor rund zehn Jahren das Licht der Welt, damals als Debian-Derivat. Seitdem wechselte nicht nur der Name, sondern auch die Basis von Debian nach Ubuntu. Außerdem tauschten die Entwickler im Lauf der Zeit verschiedene Applikationen aus: So ersetzt LibreOffice heute das ursprünglich genutzte OpenOffice, Firefox tritt an die Stelle von Google Chrome, und als Standard-Mailprogramm kommt seit 2011 Thunderbird zum Einsatz. Offensichtlich waren die chinesischen Entwickler auch mit der neuerdings unter Linux zu beklagenden Zersplitterung der Desktop-Entwicklungen unzufrieden, wie die komplett neue Oberfläche DDE beweist.
Erste Einblicke
Das Projekt stellt das Ubuntu-Derivat sowohl in einer 32- als auch einer 64-Bit-Version als etwa 1,5 GByte großes ISO-Image zum Download bereit. Beide gibt es ausschließlich als multilinguale Variante, deren Installer allerdings noch kein Deutsch beherrscht. Als Ausweichoption steht jedoch neben verschiedenen europäischen Sprachen auch amerikanisches Englisch bereit.
Das System bootet ohne den Umweg über ein Grub-Menü direkt in eine sehr modern wirkende grafische Sprachauswahl. Die Distribution lädt zunächst in einen leeren Desktop mit lediglich einem einzigen Icon für die lokale Installation des Systems und der Panel-Leiste am unteren Bildschirmrand. Fahren Sie mit dem Mauszeiger in die rechte untere Bildschirmecke, öffnet sich das Konfigurationsmenü. Es erstreckt sich vertikal über den gesamten rechten Bildschirmrand und enthält alle wichtigen Einstelloptionen.
Nach einem Klick auf das Icon Install Deepin startet die Einrichtungsroutine und fragt lediglich Tastaturbelegung, Zeitzone sowie User- und Hostnamen ab. Die Angabe der gewünschten Zielpartition schließt den Dialog ab, der Installer befördert das System auf die Festplatte.
Erster Eindruck
Nach dem anschließenden Neustart über ein grafisch gestaltetes Grub-Menü, das auch zuvor installierte Betriebssysteme auflistet, gelangen Sie in einen schlicht gehaltenen Desktop mit lediglich einer Docking-Leiste am unteren Rand. Icons auf der Arbeitsoberfläche oder eine Panel-Leiste mit Menüs gibt es nicht.
Um den installierten Software-Bestand einzusehen, klicken Sie entweder auf den Starter Launcher links im Dock, oder Sie bewegen den Mauszeiger in die linke obere Bildschirmecke. In beiden Fällen erscheint eine Übersicht der wichtigsten Programme. Ein Klick auf das Kreis-Symbol mit vier darin enthaltenen kleinen Quadraten öffnet eine nach Programmgruppen geordnete Übersicht aller installierten Anwendungen. Unterhalb davon befinden sich vertikal angeordnet weitere Kreis-Symbole, die nach einem Mausklick die entsprechenden Gruppen ansteuern (Abbildung 1).

Abbildung 1: Gnome recht ähnlich, jedoch eleganter und durchdachter: der Deepin-Desktop mit geöffneter Applikationsliste.
Um schnell zu den Systemeinstellungen zu gelangen, fahren Sie mit dem Mauszeiger in die rechte untere Bildschirmecke. Daraufhin erscheinen, optisch deutlich vom blauen Hintergrund der Arbeitsoberfläche abgehoben, die wichtigsten Optionen zur Systemkonfiguration (Abbildung 2), und zwar in Gestalt eines vertikal über die gesamte rechte Bildschirmseite verlaufenden Einstellungsmenüs mit verschiedenen Icons. Sobald Sie eines davon anklicken, öffnet das Tool ein Untermenü, das kontextsensitiv alle Einstellmöglichkeiten bereithält.

Abbildung 2: Bewegen Sie den Mauszeiger in die rechte untere Ecke, erscheint das Konfigurationsmenü, das alle wichtigen Settings in einer einheitlichen Oberfläche vereint.
Links neben den Konfigurationsoptionen finden Sie eine permanente, vertikale Symbolleiste, mit deren Hilfe Sie zwischen den einzelnen Untermenüs wechseln. Sobald Sie den Konfigurationsbereich mit dem Mauszeiger verlassen und in den Desktop klicken, minimiert sich das Optionsmenü wieder und gibt die Arbeitsfläche komplett frei.
Anders als der Installer, die noch kein Deutsch spricht, beherrscht der Deepin-Desktop unsere Sprache durchaus. Um die deutschen Spracheinstellungen zu aktivieren, öffnen Sie die Systemeinstellungen und navigieren dort zur Gruppe Date and Time mit dem Uhr-Symbol. Hier stellen Sie unter Language die gewünschte Sprache ein. Ein erneutes Login übernimmt die Änderung und zeigt nicht nur das System, sondern auch viele der installierten Programme mit deutscher Lokalisierung an. Bei einigen Anwendungen, beispielsweise LibreOffice, müssen Sie jedoch noch die entsprechenden Sprachdateien nachziehen.
Ergonomie
Der Deepin-Desktop erinnert in seinem Erscheinungsbild an eine Mischung von Gnome 3 und Apple Mac OS X, bietet jedoch gegenüber beiden deutliche ergonomische Vorteile: Der Wegfall der Panel-Leiste am oberen beziehungsweise unteren Bildschirmrand sowie das Verlagern der Einstellmenüs in ein vertikal verlaufendes, automatisch ein- und ausklappendes Fenster am rechten Displayrand ermöglichen ein wesentlich besseres Ausnutzen der verfügbaren Monitorfläche.
Während herkömmliche Panel-Leisten für Monitore im 4:3- oder 5:4-Format entwickelt wurden und in diesen Bildschirmgeometrien auch umfangreiche Menüs komplett darstellen, sind in Zeiten von 16:10- und 16:9-Displays Menüstrukturen besser am rechten oder linken Bildschirmrand aufgehoben – nicht zuletzt deswegen, weil dann Menüs mit vielen Hierarchieebenen offene Programmfenster nicht mehr komplett abdecken.
Zur unkomplizierten Bedienung trägt zudem die in allen Untermenüs der Systemeinstellungen konsequent gleichartige Menüstruktur bei: Es gibt keine zusätzlichen Hierarchieebenen mit jeweils neu öffnenden Fenstern, durch die Sie sich mühsam durchklicken müssten; aufklappbare Reiter realisieren Optionsfelder.
Die Erreichbarkeit der einzelnen Menüs über die vertikal angeordnete Symbolleiste ermöglicht außerdem ein schnelles Wechseln der Menüs mit nur einem Mausklick. Die Menüs selbst bieten zwar nicht die Fülle an Einstelloptionen wie etwa jene von KDE, gewährleisten jedoch in allen wichtigen Bereichen eine detaillierte Konfiguration des Systems.
Zusätzlich achteten die Deepin-Entwickler darauf, die Farbschemata ergonomisch zu gestalten: Zwar tragen die Einstellmenüs durchgängig einen dunklen Hintergrund, die Schrift erscheint jedoch in einem hellen Farbton und damit in ausreichendem Kontrast. Aktivierte Schalter hebt das Layout durch einen Blauton hervor, sodass auch bei schlechteren Lichtverhältnissen keine Verwechslungsgefahr besteht. Dasselbe gilt auch für Optionsfelder, die aktiviert ebenfalls blau erscheinen.
Der Deepin-Desktop geht außerdem sparsam mit optischen Gimmicks um. Zwar nutzt er Compiz als Fenstermanager und arbeitet damit im Vergleich zu KWin oder Metacity nicht viel ressourcenschonender; wackelnde Fenster, sich drehende Würfel oder explodierende Desktops beim Herunterfahren sparten sich die Entwickler aber.
Weitere pfiffige Besonderheiten offenbart die DDE-Arbeitsoberfläche beim Umgang mit Applikationen. Zwar lehnt sich die herkömmliche Anzeige der installierten Programme optisch an Gnome 3.x an, doch erlaubt es DDE auch, Programmsymbole mithilfe des Befehls Send to an die gewünschte Stelle zu übertragen. Dafür klicken Sie lediglich mit der rechten Maustaste auf das gewünschte Applikationssymbol und wählen aus dem Kontextmenü die Option Send to desktop oder Send to dock.
Möchten Sie das betreffende Programm automatisch beim Systemstart mit aktivieren, so geschieht dies im gleichen Menü durch Auswahl von Add to autostart. Die Uninstall-Option aus dem Kontextmenü ermöglicht darüber hinaus das Deinstallieren eines Programms, ohne dafür den Paketmanager bemühen zu müssen. Die Eingabe eines Passworts ist dafür nicht nötig.
Software
Zusätzliche Software beziehen Sie über den Deepin Store genannten Paketmanager, der eine besonders komfortable Oberfläche bietet (Abbildung 3). Sie starten ihn über das zweite Icon von links im Dock. Anders als beispielsweise Synaptic listet er kaum Bibliotheken auf, sondern primär häufig verwendete Programme.

Abbildung 3: Der Deepin Store dient als zentrale Verwaltung zum Installieren und Deinstallieren von Programmen.
Der Store unterteilt die vorhandenen Programme links im Programmfenster in einer vertikalen Leiste in Untergruppen. Unter jeder Applikation befindet sich eine blaugrau hinterlegte Schaltfläche, die bei einem Mausklick das betreffende Programm für die Installation vormerkt. Dies zeigt oben eine horizontale Menüleiste unter Installation an. Ein Klick darauf öffnet die Liste aller zur Installation vorgemerkten Programme und signalisiert den Fortschritt der Einrichtung anhand eines Verlaufsbalkens. Genauso einfach klappt das Deinstallieren von Programmen: Dazu wechseln Sie in den Abschnitt Deinstallation und klicken auf das Papierkorb-Symbol neben der entsprechenden Anwendung. Abschließend bestätigen Sie die Auswahl mit einem Klick auf das erscheinende grüne Häkchen.
Weder das Einrichten noch die Deinstallation von Applikationen erfordert eine Passworteingabe. Das macht den Umgang mit dem Betriebssystem zwar sehr bequem, stellt aber auch ein gewisses Sicherheitsrisiko dar. Der Software-Fundus, den Deepin ausschließlich in seinen eigenen Repositories bereithält, entspricht etwa dem anderer großer Distributionen, was aufgrund der Ubuntu-Abstammung auch naheliegt.
Negativ fiel die Transferrate zu den in China gehosteten Repositories auf. So dauerte es im Test des Öfteren fünf Minuten, bis Deepin auch nur deren Meta-Informationen aktualisierte. Die Download-Rate schwankte dabei zwischen 20 KByte/s und 80 KByte/s. In einer späteren Wiederholung erreichte die Transfergeschwindigkeit dann akzeptablere 250 KByte/s.
Maßgeschneidert
Wie alle großen Desktop-Umgebungen bringt auch das Deepin Desktop Environment eigene Applikationen mit, die besonders gut mit dem System harmonieren. Dazu gehören Deepin Game, Deepin Music und Deepin Movie, die Sie jeweils über das Dock erreichen. Während die multimedialen Applikationen schlanke Abspielsoftware für verschiedenste generische Formate bieten, ist Deepin Game noch primär auf den chinesischen Markt zugeschnitten.
Bei den angebotenen Spielen handelt es sich teils um Online-Games, die stellenweise auch Werbung einblenden. Einige lassen sich auch lokal installieren. Die Deepin-Entwickler versahen die Oberfläche von Deepin Game mit einigen Kategorien unterschiedlicher Spiel-Genres. Dadurch finden Sie bekannte Spiele schneller. Das Personalisieren im Reiter Meine Spiele erlaubt es, Spielstände zu speichern und wieder abzurufen. Wegen der unvollständigen Lokalisierung eignet sich die Applikation allerdings nur bedingt für den Einsatz außerhalb Chinas.
Das Konzept der Zusammenfassung verschiedener Spiele unter einer Oberfläche mit zusätzlichem Online-Zugang zeigt jedoch einen möglichen Ansatz, wie Linux auch für Spieler interessant werden könnte (Abbildung 4).
Die Multimedia-Anwendungen stellen dagegen nur relativ einfache Abspielfunktionen bereit. Durch die Integration verschiedenster Codecs geben sie zwar Filme und Musik in den meisten Fällen problemlos wieder, allerdings zeigt insbesondere der Video-Player noch Schwächen: So erkennt er bei manchen Filmen das Bildformat nicht korrekt, was zu Verzerrungen führt. Allerdings lässt sich diese Unzulänglichkeit relativ problemlos via Kontextmenü manuell anpassen.
Schwerer wiegen jedoch Probleme, die auftreten, wenn ein Film mehrere Audiospuren und Untertitel enthält. Einen Wechsel der Audiospuren erlaubt die Software bisher nicht, und Untertitel zeigt sie nur an, wenn diese sich in einer gesonderten Datei befinden. Für Multimedia-Freunde empfiehlt es sich deswegen, über den Paketmanager VLC nachzuinstallieren.
Zu guter Letzt sticht noch der Deepin Boot Maker ins Auge, der es erlaubt, einen startfähigen USB-Stick anzulegen. Dazu benötigen Sie lediglich das Deepin-ISO-Image und einen USB-Stick, auf dem die Software das System zum mobilen Gebrauch einrichtet. Ähnlich wie der Rest des Systems gestaltet sich das Bedienen des Boot Makers nicht zuletzt dank einer grafischen Oberfläche denkbar einfach.
Fazit
Mit Deepin 2014 legen die Entwickler aus Wuhan ein starkes Stück System vor. Das innovative, komplett in HTML 5 realisierte Deepin Desktop Environment beschränkt sich dabei nicht nur auf ein elegantes Design, sondern zeigt, wie ein ausgereifter Desktop aussehen kann.
Die optisch auf den ersten Blick relativ enge Anlehnung an Gnome 3.x bedeutet nicht, dass die Deepin-Oberfläche sich auch konzeptionell an diesem Vorbild orientiert – eher ist das Gegenteil der Fall: Der Wegfall herkömmlicher Bedienelemente und die konsequente Verlagerung von Einstellmenüs an die Seitenränder des Bildschirms nutzen nicht nur die gängigen Breitbild-Displays besser aus, sondern bieten auch alle nötigen Optionen. Der Anwender sitzt weder frustriert vor überfrachteten Menüs, noch fühlt er sich entmündigt. Deepin Linux bietet daher all jenen Nutzern eine Alternative, die einen flinken Allrounder mit eleganter Oberfläche, stabiler Basis und hochmodernen Bedienkonzepten suchen.






