Freie Software und Linux in Indien

Aus LinuxUser 07/2014

Freie Software und Linux in Indien

© Medialinx AG

Made in India

Mit Boss Linux entwickelt das indische Ministerium für Kommunikation und Information eine eigene Linux-Distribution. Das System etabliert sich in den Behörden vor Ort mehr und mehr als Windows-XP-Nachfolger.

Nach langem Zaudern kündigte Microsoft zum 8. April 2014 sein betagtes Betriebssystem Windows XP endgültig ab. Während in Europa zahlreiche staatliche Institutionen die Entwicklung grob fahrlässig verschliefen und jetzt Steuergelder herhalten müssen, um auftretende Sicherheitslücken exklusiv stopfen zu lassen [1], gehen die Verantwortlichen im Vielvölkerstaat Indien andere Wege: Hier verabschiedet man Microsoft und migriert zu Linux.

Ausgeschlafen

Indien verschreibt sich bereits seit Jahren einer konsequenten Open-Source-Strategie. Dazu bündelte das Land mit seinen mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern schon seit längerer Zeit mit dem C-DAC (Centre for Development of Advanced Computing) und dem NRCFOSS (National Resource Centre for Free and Open Source Software) Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, um eine eigene Linux-Distribution auf die Beine zu stellen.

C-DAC bietet das indische Linux in verschiedenen Ausprägungen für unterschiedliche Einsatzzwecke an. Die Distribution soll im behördlichen Umfeld sowie in Schulen auf Clients und Servern einen kostengünstigen Einsatz moderner IT-Strukturen ermöglichen. Ein Schwerpunkt bei der Entwicklung von Boss Linux (Bharat Operating System Solutions, [2]) liegt auf der Unterstützung möglichst vieler landestypischer Sprachen, um den Bürgern den Zugang zu Computersystemen in ihrer jeweiligen Muttersprache zu gewähren und so Hürden beim EDV-Einstieg abzubauen.

Boss Linux setzt auf Debian auf und arbeitet daher – nicht nur wegen der langen Release-Zyklen – außerordentlich stabil. Zudem bietet es auch den für ein Anwendungsspektrum vom Server bis zum Schüler-Desktop nötigen, umfangreichen Softwarefundus. Zusätzlich bringt das Betriebssystem Eigenentwicklungen aus den indischen Softwareschmieden mit. Rund um das eigentliche Betriebssystem veranstalten die Entwickler außerdem regelmäßig Workshops für Anwender und Lösungsanbieter. Um auch Newcomern den leichten Einstieg in die Welt freier Software zu ermöglichen, geben die über das ganze Land verteilten Dependancen des C-DAC kostenfrei Datenträger mit Boss Linux ab. Außerdem erhalten Interessierte auch vor Ort per Telefon oder E-Mail kostenlosen Support.

Im südlichen indischen Bundesstaat Tamil Nadu, der Entwicklungsstätte von Boss Linux, trägt diese Strategie Früchte: So steigen mit dem Ende des Supports von Windows XP die Regierungsstellen auf das eigenentwickelte Linux-System um [3]. Zudem beabsichtigen Indiens Banken mit dem Support-Ende für Windows XP Embedded am 12. Januar 2016 ebenfalls eine großflächige Migration auf Boss Linux. Die soll rund 115?000 Bankautomaten der Hersteller NCR und Diebold betreffen [4].

In erster Linie zeichnet der indische Geldautomaten-Hersteller Vortex [5] dafür verantwortlich, dass Linux in der bisherigen Windows-Domäne Indien Subkontinent – und zukünftig auch in vielen anderen Ländern – auf dem raschen Vormarsch ist: Das Unternehmen bietet mit dem rund 450 Kilogramm schweren Ecoteller den weltweit ersten komplett mit Linux betriebenen Geldautomaten an. Der Linux-ATM arbeitet extrem energieeffizient und eignet sich damit auch zum Anschluss an Solarmodule. Zudem ist er für den Einsatz für die in Südasien vorherrschenden tropischen Temperaturen bis 50 Grad Celsius ausgelegt.

Freie Wahl

Das frei erhältliche Boss Linux steht in verschiedenen Varianten als ISO-Image zum Download bereit [6]. Der universelle Desktop in Version 5.0 umfasst ein rund 3,5 GByte großes Image, das sich für 32-Bit-Architekturen eignet. Der moderne Kernel in Version 3.1 enthält allerdings die PAE-Erweiterung, sodass einige ältere mobile Intel-Prozessoren und viele Atom-CPUs damit nicht zurechtkommen. Andererseits erlaubt die Erweiterung den Einsatz von mehr als 4 GByte Arbeitsspeicher auch auf 32-Bit-Systemen.

Sofern Sie einen Prozessor ohne PAE-Unterstützung in Ihrem System nutzen, bietet sich der Einsatz von Netboss Linux an, der Boss-Variante speziell für Atom-Prozessoren. Als weitere Spielarten bietet das Ministerium Eduboss für den Einsatz in Schulen an sowie den Boss-Server, der unterschiedlichste Dienste bereithält und viele – teils auch grafische – Verwaltungswerkzeuge mitbringt. Neu ins Programm hinzu kam das Mool-Projekt [7], das durch die Entkopplung von Kernel und Treibermodulen verbesserte Wartungsmöglichkeiten des Systems erreichen will.

Erster Start

Boss Linux begrüßt den Anwender mit einem herkömmlichen, optisch etwas aufgepeppten Grub-Menü, das sowohl den Live-Betrieb als auch die direkte Installation auf einen Massenspeicher anbietet.

Die Live-Variante startet in einen Gnome-Desktop, der in einem Begrüßungsbildschirm über das System und die genutzten freien Lizenzen informiert. Das System zeigt auch beim Start auf anspruchsvoller mobiler Hardware keinerlei Treiberprobleme. Ein Blick in die Untermenüs der Gnome-Oberfläche fördert das übliche Spektrum an Programmen zutage, zu denen auch der Bildbearbeitungsspezialist Gimp und der schlanke Webbrowser Chromium zählen.

Darüber hinaus fallen mehrere eigenentwickelte Applikationen des Boss-Teams auf, die Sie in verschiedenen Untermenüs finden: So tauchen unter Office die beiden Programme BOSS Bulk Document Converter sowie das BOSS Presentation Tool auf. Während der Dokumentenkonverter gestattet, in einem Rutsch ganze Dateiordner mit Dokumenten von einem Format in ein anderes umzuwandeln, erleichtert das Präsentationsprogramm den Umgang mit Folien und Dokumenten bei multimedialen Vorträgen. Es ermöglicht, Präsentationen am Beamer automatisch ablaufen lassen; zusätzlich bietet es verschiedene Effekte an, die den Übergang zwischen Vortragsfolien interessanter gestalten (Abbildung 1).

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BOSS Presentation Tool machen Sie Ihre Vorträge zu echten Hinguckern.” width=”300″ height=”277″ /> Abbildung 1: Mit dem BOSS Presentation Tool machen Sie Ihre Vorträge zu echten Hinguckern.

Im Untermenü System Tools | Administration finden Sie die BOSS Utilities, mit deren Hilfe Sie bei älteren Boss-Versionen zusätzliche Programme von einer gesonderten Utility-CD installieren konnten. Seit Version 4 ist diese Bestandteil des DVD-Images, womit Sie keinen zusätzlichen Datenträger mehr benötigen, um die Zusatzsoftware zu installieren. Wie die Bezeichnung “Utility-CD” fälschlicherweise suggeriert, handelt es sich bei den angebotenen Applikationen keineswegs nur um Utilities, sondern um ausgewachsene Programme, die das Menü in mehreren Gruppen zusammenfasst (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die <code srcset=

BOSS Utilities gestatten es Ihnen jenseits von Synaptic, zusätzliche Software zu installieren.” width=”300″ height=”188″ /> Abbildung 2: Die BOSS Utilities gestatten es Ihnen jenseits von Synaptic, zusätzliche Software zu installieren.

Nach Anwahl einer Gruppe bietet die Software eine Auswahl an Programmen daraus, von denen Sie die zu installierenden per Häkchen markieren. Nach einem Klick auf OK richtet das Tool diese in einem Rutsch unter Berücksichtigung der Abhängigkeiten ein.

Eine weitere Besonderheit von Boss Linux finden Sie im Menü Sound & Video: Hier integrierten die Entwickler das XBMC-Mediacenter (Abbildung 3), sodass Sie Ihren PC ohne zusätzliche Installation in eine multimediale Heimzentrale verwandeln. Daneben stehen der altbekannte VLC-Player und Banshee als Abspielprogramme für Filme und Musik bereit, außerdem gibt es diverse Bildbetrachter und Audio-Ripper im Angebot.

Abbildung 3: Dank XBMC verwandelt Boss Linux Ihren Rechner auf Knopfdruck in ein Multimedia-Center.

Abbildung 3: Dank XBMC verwandelt Boss Linux Ihren Rechner auf Knopfdruck in ein Multimedia-Center.

Installation

Um die Distribution auf dem PC zu installieren, wählen Sie beim Start der DVD aus dem Grub-Menü Install BOSS Graphicaly an. Mithilfe der von Debian bekannten grafischen Installationsroutine gelangt das System auf den heimischen Massenspeicher.

Aufgrund der geografischen wie auch technischen Wurzeln von Boss Linux gilt es, zwei Besonderheiten zu beachten: Der Installer bietet zwar das deutsche Keyboard-Layout an, als Sprachvarianten für die Desktopumgebung stehen zunächst jedoch lediglich mehrere indische Dialekte sowie Englisch zur Verfügung. Daher empfiehlt es sich, das System erst einmal in englischer Sprache zu installieren und später an deutsche Gegebenheiten anzupassen.

Eine weitere Besonderheit betrifft bestimmte WLAN-Hardware von Intel: Da das Unternehmen für viele seiner WLAN-Karten lediglich proprietäre Firmware bereitstellt, die Debian und die meisten seiner Derivate nicht anbieten, müssen Sie diese Firmware nachinstallieren. Das wiederum setzt eine funktionierende Internetverbindung voraus, sodass es sich empfiehlt, den Rechner für die Installation von Boss Linux am kabelgebundenen Netz anzuschließen. Abgesehen davon verlief die Installation der Desktop-Variante des Systems im Test ohne weitere Probleme.

Vielsprachig

Obwohl die Distribution bei der Installation außer der englischen Lokalisierung nur indische Sprachen unterstützt, bereitet es keine Probleme, das Betriebssystem auch für andere Länder fit zu machen. Boss Linux bietet dafür keine grafischen Bordmittel, deswegen verwenden Sie die Konsole.

Zunächst rekonfigurieren Sie die Lokalisierungen durch Eingabe des Befehls # dpkg-reconfigure locales. Bei der angezeigten Auswahl bestätigen Sie de_DE UTF-8. Danach öffnen Sie die noch leere Datei /etc/environment mit einem Texteditor und tragen dort die beiden Zeilen LANGUAGE="de_DE.UTF-8" und LANG=de_DE.UTF-8 ein (Abbildung 4). Nach dem Speichern der Datei starten Sie das System neu. Nun erscheinen alle Menüs und auch die meisten Anwendungen in deutscher Sprache.

Abbildung 4: Mit wenigen Handgriffen richten Sie auf Boss Linux die deutsche Lokalisierung ein.

Abbildung 4: Mit wenigen Handgriffen richten Sie auf Boss Linux die deutsche Lokalisierung ein.

Zu den Ausnahmen von dieser Regel zählen die vom Boss-Entwicklerteam geschriebenen Programme, die Webbrowser Chromium und Iceweasel sowie LibreOffice. Während sich die Boss-spezifischen Anwendungen mangels entsprechender Lokalisierung nicht an die deutsche Sprache anpassen lassen, richten Sie für LibreOffice, Iceweasel und Chromium die entsprechenden Language-Packs über Synaptic ein.

Um abschließend auch die deutsche Zeitzone einzustellen, wechseln Sie im Gnome-Desktop ins Menü Anwendungen | Systemwerkzeuge | Systemverwaltung | Datum und Uhrzeit und ändern die hier eingetragene Zeitzone von Kalkutta/Indien in Berlin/Europa.

Eduboss

Um auch jüngeren Semestern die Vorteile von Linux nahezubringen und zudem Medienkompetenz zu vermitteln, findet in weiterführenden Schulen auch der Unterricht teilweise EDV-gestützt statt. Dafür entwickelte das Boss-Team mit Eduboss eine spezielle Distribution für Lehr- und Lernzwecke.

Die in Version 3 vorliegende Distribution bietet das Ministerium als 3,8 GByte großes Image zum Download an. Das System liefert eine vom Allround-Desktop abweichende Softwareausstattung: Hier finden Sie unterschiedliche Lehrprogramme für die Jüngsten und Grundschüler, etwa Gcompris oder Childsplay. Für die älteren Semester stehen mathematische und naturwissenschaftlich orientierte Programme bereit. Außerdem bringt das System viele aus dem KDE-Fundus bekannte Lernprogramme mit.

Das Herzstück bildet jedoch die Software Italc, die Eduboss fit für den Einsatz in Computerkabinetten macht. Das auf einer Client-Server-Architektur basierende Programm lässt sich plattformübergreifend nutzen und integriert somit im Computerkabinett auch Rechner mit verschiedenen Betriebssystemen. Italc ermöglicht dem Lehrer einen komplett rechnergestützten Unterricht mithilfe interaktiver Übungen und Tests. Obendrein verwaltet es auch die einzelnen Schülerrechner im Klassenraum, wobei die Lehrkraft diese individuell steuern kann. Die Optionen, die Italc dabei bietet, reichen vom Aufschalten auf einen Schüler-PC bis hin zum Abschalten und Herunterfahren einzelner Rechner.

Das unter einer freien Lizenz stehende Italc eignet sich auch zum Verwalten großer EDV-Installationen. Da es zudem getunnelte Verbindungen zwischen Server und Client unterstützt, lassen sich auch außerhalb der Schule genutzte Computer via VPN in ein Eduboss-Netz integrieren. Als einziges Manko von Italc erweisen sich die recht hohen Hardwareanforderungen: Insbesondere auf Rechnern mit Single-Core-CPUs macht die Software einen recht trägen Eindruck, da sie intensiv Multi-Threading nutzt und sich daher erst auf Maschinen mit mehreren CPU-Kernen richtig wohl fühlt.

Auch für Eduboss steht der gesamte Softwarefundus von Debian zur Verfügung. Gewünschte Applikationen installieren Sie bequem via Synaptic nach.

Fazit

Indien gibt sich im südasiatischen Raum als einer der Vorreiter freier und quelloffener Software. Dabei beschränken sich die staatlich koordinierten Aktivitäten nicht nur auf die Einflussnahme bei der Verabschiedung von Industriestandards, sondern gehen durch eine langfristig angelegte Strategie zur festen Verankerung freier Software weit darüber hinaus.

Zudem entwickelt Indien in Form von Boss Linux eine erfolgreiche, an landesspezifische Sprachen angepasste Linux-Distribution, die vorwiegend in Schulen und Behörden zum Einsatz kommt, an der jedoch zunehmend auch die freie Wirtschaft Gefallen findet.

Das Betriebssystem zeigt auf älterer wie neuerer Hardware kaum Schwächen und bringt einige Software-Schmankerl mit, die es auch über den indischen Markt hinaus interessant machen. Die “great new experiences”, die Microsoft bei einem Wechsel weg von Windows XP vollmundig verspricht, sind für indische Anwender somit dank Boss Linux längst Realität – auch ganz ohne Microsoft. 

Glossar

ATM

Automated Teller Machine. Die im englischsprachigen Raum gebräuchliche Bezeichnung für Geldautomaten.

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