Mandriva-Derivat ROSA Marathon 2012 EE im Test

Aus LinuxUser 07/2012

Mandriva-Derivat ROSA Marathon 2012 EE im Test

© LNM AG

Zweischneidig

Nach dem Fork Mageia ist jetzt auch vom russischen Hauptanteilseigner ROSA Lab eine auf Mandriva basierende eigene Distribution erschienen.

Mandriva gehörte einst zur Top-Liga der Distributionen: einsteigerfreundlich, aktuell und mit ausgezeichneter Community-Basis. In den letzten Jahren machte das gleichnamige Unternehmen aber fast ausschließlich durch finanzielle Turbulenzen von sich reden. Durch die Unsicherheit über die Zukunft verkleinerte sich die Anwenderbasis währenddessen zusehends.

Weitere Rückschläge musste das Unternehmen Mandriva mit der misslungenen Neuauflage des Betriebssystems im Jahr 2011 hinnehmen, hinzu kam die Uneinigkeit der führenden Anteilseigner über den künftigen Unternehmenskurs. Doch neuerdings kommt Bewegung in das Mandriva-Universum: Neben dem 2011 eingeführten Fork Mageia (siehe Artikel in dieser Ausgabe) hat nun das russische ROSA Lab, das wie Mandriva zu den “Schäfchen” des Großinvestoren Townarea Ltd. zählt, ein eigenes Derivat mit dem Namen ROSA Desktop Marathon 2012 auf die Beine gestellt.

Zielgruppe

Anders als Mandriva 2011 und dessen Vorgänger legt ROSA Marathon den Fokus eindeutig auf Anwender im Unternehmen [1]. Der Name des Systems symbolisiert diese Entscheidung: ROSA Lab sichert den Nutzern des Marathon-Desktops einen Supportzeitraum von fünf Jahren zu. Zudem weist der Hersteller auf seiner Website explizit darauf hin, dass er die Auswahl der Software an die Bedürfnissen der Zielgruppe angepasst hat, sodass diese keine mit Gimmicks überfrachteten Menüs zu erwarten hätten [2].

Anders als Mandriva 2011 verliert der ROSA-Desktop nicht jene Anwender aus den Augen, die mit älterer Hardware arbeiten: Neben der Hauptversion mit KDE 4, wie es auch in Mandriva 2011 zum Einsatz kommt, befindet sich eine Marathon-Variante mit dem schlanken LXDE-Desktop in Arbeit. Sie soll aufgrund der geringen Ansprüche an die Hardware auch auf älteren Systeme eine ansehnliche Performance erzielen [3].

Los geht’s

ROSA Marathon 2012 kommt als jeweils knapp 1,5 GByte großes ISO-Image für 32- und 64-Bit-Systeme. Beide gestatten sowohl den Live-Betrieb als auch die sofortige Installation auf der Festplatte aus dem Grub-Menü heraus. Überdies liefert das Unternehmen die Distribution in einer Free- und einer Extended-Variante aus, wobei die erweiterte Version unfreie Software enthält, wie etwa Videocodecs [4].

Wenig Freude macht die Distribution in der KDE-Variante auf untermotorisierten Systemen: Auf einem älteren Testsystem mit lediglich 512 MByte Arbeitsspeicher dauerte der Start im Live-Betrieb nahezu eine geschlagene Viertelstunde, bis der Desktop aufgebaut war. Auf einer modernen Maschine ging die Live-Variante zügig und ohne jegliche Probleme an die Arbeit.

Für Mandriva-Kundige gibt es wenig Überraschungen: Die Tools zum Lokalisieren stammen aus den früheren Versionen der französisch-brasilianischen Distribution, sodass sie keinerlei Umgewöhnen erfordern. Nach kurzer Startzeit begrüßt ROSA Marathon den Nutzer mit einem aufgeräumten KDE4-Desktop.

Bereits im Test der Live-Variante fiel auf, dass der Hersteller einige grobe Schwächen von Mandriva 2011 offensichtlich behoben hat, wie das teils fehlerhafte Ansteuern des Bildschirms oder die problematische Einstellung der Audio-Hardware. Der Desktop arbeitete selbst auf der einem unter Linux oft widerborstigen Testsystem mit ATI-HD3470-Grafikkarten unauffällig und flüssig.

Ein erster Blick in die Menüs zeigt, dass die russischen Entwickler das System deutlich entschlackt haben: Insbesondere in den Gruppen Grafik und Unterhaltungsmedien herrscht im Vergleich zu anderen KDE-basierten Distributionen geradezu gähnende Leere. Spiele finden Sie bei ROSA Marathon ebensowenig wie das von Mandriva her bekannte Menü Dokumentation mit unterschiedlichen Anleitungen.

Ansonsten gibt sich das russische Mandriva-Derivat in Sachen Aktualität keine Blöße: Unter der Haube werkelt ein Kernel 3.0.28. Die Applikationen befindet sich ebenfalls auf einem aktuellen Stand: So bringt ROSA Marathon unter anderem LibreOffice 3.4.5, Firefox und Thunderbird 10.0.2, der Bildbetrachter Gwenview 2.8.2 und den Dateimanager Dolphin 2.0 mit.

Mit der Unterstützung aktueller Technologien wie Nvidias Optimus oder Chipsätzen der neuesten Intel-Generationen sorgen die Entwickler dafür, dass die LTS-Distribution deren Möglichkeiten optimal ausnutzt. Ausgerechnet einige im Unternehmensumfeld wichtige Programme fehlen jedoch: So findet sich weder ein vollwertiges Bildbearbeitungsprogramm noch Software zum Verwalten von Projekten, und auch Terminkalender sowie Newsfeed-Programm glänzen durch Abwesenheit.

Dem Bedienkonzept von KDE folgend, präsentiert ROSA Marathon – eine entsprechend leistungsfähige Grafikkarte vorausgesetzt – selbst in der Live-Variante diverse optische Gimmicks, die beispielsweise Schatten generieren oder den Hintergrund des Desktops verdunkeln, sobald eine Applikation eine Eingabe in einem Fenster erwartet.

Allerdings sind die KDE-spezifischen Fenster in sehr unergonomischen, dunklen und wenig kontrastreichen Farben gehalten. Das erschwert das Bedienen des Systems insbesondere bei ungünstigen Lichtverhältnissen teils recht stark (Abbildung 1).

Abbildung 1: Schwarz auf schwarz: Wo befindet sich auf der rechten Seite der Balken zum Scrollen?

Abbildung 1: Schwarz auf schwarz: Wo befindet sich auf der rechten Seite der Balken zum Scrollen?

Installation

Die Installation der neuen Linux-Distribution auf der Festplatte gestaltete sich im Test weit weniger bequem als der Live-Betrieb. Mit einer unangenehmen Überraschung wartete ROSA Marathon gleich auf dem ersten Testgerät auf, einem Lenovo Thinkpad R500. Nach einer vermeintlich erfolgreichen Installation startete die Distribution beim ersten Hochfahren in einen verzerrten, unleserlichen Bildschirm, was das System unbenutzbar machte.

Der Versuch, über verschiedenen Boot-Parameter die Situation zu verbessern, scheiterte. Dieser schwere Fehler trat auf einem baugleichen System in noch gravierenderer Form bereits im Test von Mandriva 2011 auf. Mageia 1 hingegen zeigte auf dem gleichen Gerät keinerlei Auffälligkeiten. Da es sich bei der in diesen Notebooks eingesetzten Grafikkarte Radeon HD3470 beileibe nicht im einen Exoten handelt, besteht bei der Integration der Treiber Verbesserungsbedarf.

Beim Einrichten des WLAN-Zugangs zeigte ROSA Marathon die gleichen Probleme wie Mandriva 2011, sodass der drahtlose Zugang ins Internet nur sehr holprig gelang: Das System erkannte die erreichbaren Netzwerke erst nach mehrfachen Betätigen des entsprechenden Schalters am Notebook, und mehrfach unterbrach das Fenster des KWallet-Managers das Einrichten des Zugangs.

Auf einem parallel installierten Thinkpad T60 mit anderer Hardware zeigten sich bei der Inbetriebnahme des WLANs die gleichen Phänomene. Unverständlicherweise hat ROSA Lab die im alten Mandriva-Kontrollzentrum noch vorhandene zentrale Möglichkeit zum Einstellen alle Netzwerkschnittstellen entfernt.

Auch viele andere über Jahre hinweg gepflegte, stabil arbeitende und selbst für Linux-unerfahrene Einsteiger leicht zu erlernende Management-Tools aus dem Mandriva-Kontrollzentrum fielen dem Streichkonzert der Entwickler zum Opfer (Abbildung 2 und Abbildung 3).

Abbildung 2: Unter Mandriva erledigten Sie die Konfiguration des Netzwerks zentral an einer Stelle, …

Abbildung 2: Unter Mandriva erledigten Sie die Konfiguration des Netzwerks zentral an einer Stelle, …

Abbildung 3: … doch ROSA Marathon hat an dieser Stelle zum Nachteil des Anwenders das Messer angesetzt.

Abbildung 3: … doch ROSA Marathon hat an dieser Stelle zum Nachteil des Anwenders das Messer angesetzt.

Software-Fundus

Die Software-Verwaltung funktioniert immer noch mithilfe des Kontrollzentrums und nicht über ein anderes Tool. Damit installieren unter ROSA Marathon erfahrene Anwender wie Einsteiger auf einfachem Weg gewünschte Applikationen. Als einziges Manko der neuen russischen Distribution erweisen sich in diesem Kontext die bislang noch recht übersichtlichen Repositories, in denen deutlich weniger Programme bereitstehen als beim Platzhirsch Mandriva.

Bei Drittanbietern wie MIB oder PLF stehen ebenfalls keine eigenen Repositories für ROSA Marathon bereit. Das betrifft insbesondere patentbehaftete oder lizenzrechtlich eingeschränkte Software. Immerhin haben die Entwickler PLF-Pakete in die Marathon-Repositories übernommen (Abbildung 4).

Gemächlich

In Sachen Performance haben die Entwickler von ROSA Marathon an verschiedenen Schrauben gedreht. Während das Vorbild Mandriva 2011 auch auf neuesten Desktop-Rechnern oder High-End-Workstations teilweise unerträglich langsam zu Werke ging [5], erlaubt der Enterprise-Desktop des russischen Derivats ein flüssiges Arbeiten.

Allerdings zeigen sich beim Start vieler Applikationen – insbesondere solcher Boliden wie LibreOffice, Firefox oder Thunderbird – selbst auf schnellen Rechnern mit Zweikern-Prozessoren und modernen Massenspeichern deutliche Hänger. Im direkten Vergleich mit mehreren Mandriva-Derivaten fällt auf, dass speziell Mageia und Unity Linux durchgängig deutlich agiler wirken.

Ein Blick in den Systemmonitor verdeutlicht, dass ROSA Marathon keineswegs sparsam mit vorhandenen Ressourcen umgeht: Das Betriebssystem allein ohne zusätzliche geöffnete Applikationen beansprucht bereits deutlich mehr als 300 MByte Arbeitsspeicher. Der Start von größeren Programmen lastet zudem bei Dual-Core-Rechnern beide Kerne gut aus.

Indexe und Zeitleisten

Mit Nepomuk und Timeframe halten auch in ROSA Marathon zwei Technologien Einzug, deren Sinn sich insbesondere für Unternehmensanwender nicht erschließt. Nepomuk indiziert Datenbestände und erlaubt eine rasche Suche nach einzelnen Daten. Timeframe bildet hingegen eine grafische Zeitleiste ab, die auf Nepomuk basiert und die Arbeit mit den Datenbeständen in chronologischer Reihenfolge dokumentiert.

Das entsprechende Indexieren der Datenbestände erfordert jedoch enorme Rechenkraft. Herkömmliche Festplatten benötigen hierzu je nach Größe der Datenbestände längere Zeit, sodass sich die Arbeit auf einem System selbst bei schneller CPU und großem Arbeitsspeicher deutlich verlangsamt. Selbst auf Rechnern mit sehr schnellen SAS– oder Hybrid-Festplatten sind Hänger unvermeidlich.

Multimediales

Auch bei der Arbeit in Unternehmen nimmt der Einsatz multimedialer Software bereits seit geraumer Zeit kontinuierlich zu. Dabei haben sich in den letzten Jahren viele neue Anwendungsfelder eröffnet. Schnell eine DVD oder CD brennen oder Filmsequenzen für eine Mitarbeiterschulung aufbereiten – überall ist entsprechende Software gefragt.

ROSA Marathon liefert in der Standardinstallation eine eigene Software zum Abspielen von Filmen, den ROSA Media Player, sowie Amarok zur Wiedergabe von Audio-Dateien. Software zum Bearbeiten von Audio- und Video-Dateien fehlt ebenso wie ein leistungsfähiges Brennprogramm zum Herstellen von optischen Datenträgern. Wenn Sie solche Programme benötigen, müssen Sie diese aus den Repositories nachinstallieren.

Die zum Abspielen von Filmen nötigen Codecs sind nur teilweise vorhanden. So gelang es im Test insbesondere bei einigen Containerformaten nicht, aus dem Stand Videos mit Ton abzuspielen. Somit müssen Sie hier im Bedarfsfall selbst Hand anlegen. Alternativ installieren Sie den VLC-Medienplayer, der eigene Codecs für die meisten gängigen Formate mitbringt. VLC befindet sich in Version 2.0.1 in den Repositories.

Fazit

Das neue russische Mandriva-Derivat hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Während der lange Support-Zeitraum den Ansprüchen der anvisierten Zielgruppe durchaus entspricht, gibt es teils erhebliche Mängel sowohl bei der Auswahl der Software als auch bei der Integration der Treiber.

Beim Aufräumen des Fundus gingen die Entwickler zu rabiat vor, sodass der Anwender viele Programme nachinstallieren muss, die eigentlich zum Standard-Repertoire gehören. Bei der Qualität der Treiber fallen die Ergebnisse zwar nicht mehr derart katastrophal aus wie bei Mandriva 2011, allerdings liegt ROSA Marathon hier noch immer im Vergleich zum alten Mandriva 2010.2 oder auch Mageia 1 meilenweit zurück.

Schließlich dürfte der Ressourcen fressende und unergonomisch gestaltete KDE-Desktop dem Erfolg des Systems auf Unternehmensrechnern eher schaden. Durch unübersichtliche Management-Tools, nur begrenzt nützliche Änderungen am alten Mandriva-Kontrollzentrum und dem Konzept der Programmgruppen in nur einem Fenster mit überlangen Wegen für den Mauszeiger bei gleichzeitig schlecht wahrnehmbarer Farbgebung sinkt der Nutzwert im produktiven Einsatz des Systems signifikant. Es bleibt abzuwarten, ob diese Mängel auch in der LXDE-Variante auftreten. 

Glossar

SAS

Serial Attached SCSI. Nachfolger von Ultra-320-SCSI, mit einer seriellen Schnittstelle, der sich weitgehend kompatibel zu S-ATA verhält.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDF
LinuxUser 07/2012 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben