Innovation im Retro-Look

Aus LinuxUser 06/2010

Innovation im Retro-Look

© LNM AG

Schlank und schön

BeOS galt in den späten neunziger Jahren als das Multimedia-Betriebssystem schlechthin. Jetzt tritt ZevenOS in seine Fußstapfen – mit komplettem Linux-Unterbau.

README

Linux-Distributionen mit multimedialem Schwerpunkt sind inzwischen weit verbreitet. ZevenOS-Neptune bietet jedoch zusätzlich eine aufgepeppte Oberfläche und eine extrem vereinfachte Bedienung.

Mit ZevenOS (http://www.zevenos.com) hat sich ein Linux-Abkömmling etabliert, der eines der weniger bekannten, jedoch höchst innovativen Betriebssysteme der späten neunziger Jahre zum Vorbild hat: Die Distribution lässt das ungewöhnliche und auch heute noch keineswegs angestaubt wirkende Erscheinungsbild und Bedienkonzept von BeOS wieder auferstehen. Die neueste Variante ZevenOS-Neptune 1.8 basiert auf Debian “Lenny”, wobei jedoch ein Kernel der Version 2.6.31, ein X-Server in Version 7.3 und als Desktop das schlanke und schnelle XFCE in einer modifizierten Version 4.4.2 zum Zug kommen.

Zu diesen Kernkomponenten hat das Team rund um den Kölner Leszek Lesner neben dem üblichen Spektrum an freier Software zusätzliche Eigenentwicklungen gruppiert. Hinzu kommen einige besonders interessante neue Applikationen und ein Artwork, das durch sein ästhetisch ansprechendes Erscheinungsbild die Distribution auch optisch abrundet.

ZevenOS-Neptune 1.8 ist als Live-CD angelegt. Im Bootmanager-Menü tauchen nach dem Einschalten des Rechners Starteinträge für das Betriebssystem jeweils in Deutsch und Englisch auf. Zusätzlich gibt es spezielle abgesicherte Modi, falls die Software Probleme mit der Hardware-Erkennung haben sollte.

Nach erfolgreichem Start präsentiert sich Neptune in dezenten Blautönen mit BeOS-ähnlichen Symbolen. Die Panelleiste von XFCE befindet sich am oberen Bildschirmrand, unten residiert mittig eine Schnellstartleiste. Über sie starten Sie die wichtigsten Anwendungen per Mausklick. Hier geben sich neben vielen Multimedia-Applikationen auch der wieselflinke Webbrowser Google Chrome sowie die meistgenutzten Office- und Hilfsprogramme ein Stelldichein.

Viel Magi(e)

Aufmerksamkeit erregt sofort der Starter mit der Bezeichnung MAGI 2 auf der Arbeitsoberfläche: Hinter diesem Icon verbirgt sich das zentrale Verwaltungswerkzeug des Betriebssystems, das Sie mit dem interessanten Bedienkonzept von Neptune vertraut macht. Sie finden in den wichtigsten Menüs keine Menüleisten mehr wie bei anderen Distributionen, sondern eine grau hinterlegte Gruppenleiste im unteren Bereich des Auswahlfensters.

Ein Klick auf eines der Gruppensymbole verzweigt in die Untergruppen. Ganz unten im jeweiligen Fenster finden Sie ein permanent eingeblendetes Eingabefeld und die dazugehörige Schaltfläche für die Suche. Zudem – auch das ein Novum – lässt sich aus jedem Fenster heraus durch Anklicken des roten Ausschalters das System herunterfahren oder neu starten.

Magi 2 beinhaltet im Menü Einstellungen auch seinen kleineren Bruder Magi, der die Menüs System | Einstellungen und System | Systemverwaltung von Gnome nachbildet, ohne allerdings dessen verwirrende Vielzahl von Optionen zu bieten. Magi verlegt zusätzlich entgegen sonstiger Gepflogenheiten das Untergruppenmenü an den oberen Fensterrand. Einen Vorgeschmack auf die Fensterleiste von Ubuntu 10.04 bietet ZevenOS-Neptune bereits mit der Anordnung der Schaltknöpfe Verkleinern, Vollbild und Schließen am linken Rand der Leiste (Abbildung 1).

Abbildung 1: Leicht zu bedienen und übersichtlich: das Systemverwaltungswekzeug Magi 2.

Abbildung 1: Leicht zu bedienen und übersichtlich: das Systemverwaltungswekzeug Magi 2.

Ein weiteres Novum stellt die ebenfalls von der Arbeitsoberfläche aus zu aktivierende Datenträgerverwaltung dar. Hier verzweigt das Programm in eine übersichtliche Liste der im System vorhandenen Partitionen. Durch einen Klick auf das entsprechende Feld in der Spalte Aktivieren hängen Sie das jeweilige Laufwerk ein, wobei Sie in der rechts angeordneten Balkengrafik in der Spalte Belegt sofort erkennen, in wie weit die Partition ausgelastet ist. Diese Mountfunktion macht ZevenOS-Neptune auch zu einem idealen Rettungssystem, da Sie nicht erst umständlich Partitionen auf der Festplatte suchen müssen, sondern diese gleich aktivieren können (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das Finden und Einhängen von Partitionen funktioniert in ZevenOS per Mausklick.

Abbildung 2: Das Finden und Einhängen von Partitionen funktioniert in ZevenOS per Mausklick.

3D ohne 3D

ZevenOS-Neptune bietet im unteren Bereich des Desktops eine “Zeebar” genannte Schnellstartleiste mit animierten, sich beim Darübergleiten des Mauszeigers selbst vergrößernden Icons. Zusätzlich können Sie im Menü ZevenOS | Einstellungen | Fenstermanager-Tweaks im Reiter Compositor noch die optischen Schmankerl des XFCE-Desktops einschaltet und konfigurieren. In diesem Dialog passen Sie für einzelne Fenster je nach Aktivitätsstatus Deckkraft sowie Schatten den individuellen Wünschen an. Damit erhält Ihr Desktop optisch das besondere Etwas – und zwar nicht nur bei hochgerüsteten Grafikkarten und opulenter CPU-Leistung. In unserem Test auf einem als besonders kapriziös bekannten IBM-Netvista-Desktopsystem mit einem integrierten einfachen 2D-Intel-Grafikcontroller leistete sich ZevenOS-Neptune weder bei den 3D-Effekten noch bei der eigentlichen Hardwareerkennung Schwächen. Sogar die Bildschirmauflösung wurde korrekt und ergonomisch auch im Live-Betrieb eingestellt – was auf dieser Maschine weder Fedora noch OpenSuse in den jeweils aktuellen Versionen schaffen.

Installation auf der Festplatte

Über den Starter Install Neptune auf der Arbeitsoberfläche installieren Sie ZevenOS dauerhaft auf der Festplatte. Damit erhöht sich der in Magi 2 gelistete Fundus an Software gegenüber der Live-Version erheblich. Der grafische Installer packt das Betriebssystem nach nur wenigen Mausklicks und Abfragen auf die Festplatte, im Falle von Unklarheiten hilft ein kleines Handbuch im PDF-Format weiter. Sie öffnen es durch Anklicken des Desktop-Icons Neptune-Installationsanleitung.

Beim Installationstest kann die Software noch nicht ganz überzeugen: Es empfiehlt sich, die Festplatte vor dem Start des Installers manuell zu partitionieren, da es hier unter Umständen zu Problemen mit logischen Laufwerken auf erweiterten Partitionen kommt. Auch die Kooperation mit Grub2 gilt es händisch einzurichten, ZevenOS setzt noch auf den alten Grub.

Media-Tausendsassa

Wie beim Vorbild BeOS auch orientiert sich die Softwareauswahl von ZevenOS primär an multimedialen Bedürfnissen. So bringt es zahlreiche Anwendungen für die Bildbearbeitung sowie den Audio- und Videoschnitt mit. Für letzteres sind mit Avidemux und OpenShot gleich zwei semiprofessionelle Softwarepakete mit an Bord.

Mit YAVTD liefert ZevenOS-Neptune einen Downloader für Youtube-Videos mit, der auch das Herunterladen von hochqualitativen HD-Videos gestattet. Sollten Sie trotzdem einen Dateikonverter benötigen, so haben Sie mit Encode eine leistungsfähige und einfach zu bedienende Applikation für diesen Zweck zur Hand. Um die so konvertierten Daten gleich auf ein passendes Medium zu brennen, bietet Encode zusätzlich die Option, aus dem Programm heraus über Brasero eine Video-CD zu erstellen.

Fazit

ZevenOS-Neptune bietet eine interessante Alternative zu den etablierten Distributionen. Es wartet mit einer attraktiven Oberfläche und einem leicht zu erlernenden Bedienkonzept auf, so dass auch Einsteiger schnell produktiv damit arbeiten. Trotz vieler Multimediaprogramme und guter Funktionalität wirkt das System keineswegs träge: Mit seinem schlanken XFCE-Desktop, dem von unnützem Ballast befreiten Kernel sowie schnell agierender Software wirkt ZevenOS-Neptune selbst auf Systemen mit unter 1 GHz Taktfrequenz erstaunlich agil. Insbesondere Freunde multimedialer Inhalte sollten einen näheren Blick auf das System werfen. 

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Eppo
16 Jahre her

Ich teste die einzelnen Versionen von ZevenOS-Neptune seit einem Jahr und kann dem nur zustimmen. Neben dem insgesamt positiven Fazit wird, wie fast zu erwarten der etwas rudimentäre Installer bemängelt, allerdings ist das u.U. das Geheimnis seiner Schnelligkeit. Ich persönlich richte eh, wie empfohlen, zuerst eine Partition ein, in die ich dann installiere, nicht nur bei ZevenOS-Neptune. Was die Frage des Grub2 betrifft, nun ja, ZevenOS-Neptune 1.8 wirkt so modern, dass man fast vergisst, dass es noch auf Debian-Lenny basiert, man muss da nicht unbedingt Grub2 erwarten (allerdings war Grub 2 bei ebenfalls Lenny-basiertem Kanotix-Excalibur fast von Anfang an dabei)… Mehr »

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