Bildungspool für alle Alterstufen

Aus LinuxUser 03/2008

Bildungspool für alle Alterstufen

Bunte Mischung

Linux erobert allmählich auch den Bereich der Bildungs- und Lernsoftware. Neu spielt in diesem Segment ZenEdu, ein schlanke Version des Slackware-Derivats Zenwalk.

In den vergangenen Jahren positioniert sich Linux immer stärker als Plattform für Bildungs- und Lernsoftware. Neben kommerziellen Lösungen wie Klixxa [1], eher für den privaten Gebrauch und für Kinder gedacht, hat sich mit Edubuntu eine große Distribution etabliert, die das gesamte Spektrum von der reinen Lernsoftware über Verwaltungsprogramme für Schule und Studierende bis hin zum Netzwerkbetriebssystem abdeckt [2]. Zusätzlich sind auch für die Kleinsten komplette Spielumgebungen mit Lerneffekt verfügbar, wie Juxlala [3]. Als neuester Spross der Linux-basierten Spiel- und Lerndistributionen ist ZenEdu Live [4] vor einigen Wochen in den Ring getreten.

Flinker Desktop

ZenEdu Live basiert auf Zenwalk Linux, einem Slackware-Derivat. Aufgrund dieser Basis ist ZenEdu ein sehr schlankes System, das auch auf älteren Rechnern zügig arbeitet. Der Start der Live-CD verläuft dementsprechend schnell. Nach der Auswahl des Startmodus (die Distribution bietet bei Problemen mit der grafischen Darstellung auch die Option, im gesicherten Grafikmodus zu starten) und der Spracheinstellung präsentiert sich ZenEdu nach kurzer Zeit mit einem in Blautönen gehaltenen Desktop.

Etwas ungewöhnlich für Nutzer anderer Betriebssysteme oder auch Desktopumgebung KDE wirkt zunächst die am oberen Bildschirmrand angeordnete Panelleiste mit dem Hauptmenü. Am unteren Rand der Arbeitsoberfläche findet sich zudem eine eingeklappte zweite Panelleiste, die bei Berührung mit dem Mauszeiger aufklappt und verschiedene Programmstarter freigibt. Die Oberfläche – es handelt sich um den schlanken Windowmanager XFCE in der neuesten Version 4.4.2 – reagiert auf Eingaben erfreulich rasant.

Auch ansonsten gibt sich ZenEdu in Sachen Aktualität der Software keinerlei Blöße: Neben dem aktuellen Kernel 2.6.23.12 sind OpenOffice Version 2.3.1, Xsane 0.995, das Firefox-Derivat Iceweasel in Version 2.0.0.11 und der Grafik-Bolide GIMP in der brandneuen Release 2.4.3 mit an Bord. Im Hauptmenü fallen sofort die Einträge Education und Entwicklung auf. Das Öffnen des Untermenüs Education fördert jedoch entgegen den Erwartungen nicht Lernsoftware in Hülle und Fülle zutage, sondern eine ganze Anzahl von Programmen, die man eher sehr selten in Lern- und Bildungsdistributionen findet.

So ist mit Solfege ein Programm zum Hörtraining vorhanden, Klavaro aus demselben Menü lehrt das Zehn-Finger-Tippen, und Little Wizard stellt eine grafische Software-Entwicklungsumgebung für Kinder zur Verfügung. Im Untermenü Entwicklung stößt der Interessierte wiederum auf ungewöhnliche Software: Der für die Gestaltung von Webauftritten gedachte KompoZer findet sich hier ebenso wie Celtx in Version 0.9.9.7. Diese Programmsuite dient der Filmproduktion entworfen und bietet die Möglichkeit, vom Drehbuch über das Storyboard bis hin zu den Charakteren einen kompletten Produktionsprozess abzubilden. Auch im Untermenü Grafik präsentiert ZenEdu Unübliches: Neben Standardprogrammen wie Gimp oder Inkscape ist hier auch Comix mit von der Partie, ein sehr schlicht anmutender Bildbetrachter für Comics.

Sehr viel umfangreicher fällt die Softwareauswahl im Menü Multimedia aus: Neben Altbekanntem wie dem Mplayer finden sich hier mit dem Grip-Audioripper mit LMMS in Version 0.3.1 ein Synthesizer-Programm und mit mhWaveEdit eine sehr schnell arbeitende Software zur professionellen Modifikation von Audiodateien. Dabei ähnelt mhWaveEdit von Oberfläche und Funktionen her stark dem Audio-Altmeister Audacity, geht jedoch deutlich sparsamer mit Ressourcen um. Mit TuxGuitar zählt auch eine Software zum Bearbeiten und zum Abspielen von Partituren zur Sammlung (Abbildung 1).

Abbildung 1: ZenEdu liefert viele außergewöhnliche Multimedia-Anwendungen.

Abbildung 1: ZenEdu liefert viele außergewöhnliche Multimedia-Anwendungen.

Der Bereich Netzwerk gestaltet sich deutlich schmaler: Mit den gängigen Mozilla-Derivaten Iceweasel und Icedove stehen ein leistungsfähiger Webbrowser sowie ein ausgereifter E-Mail-Client bereit, und mit Transmission zählt auch ein Bittorrent-Client zur Sammlung. Freunden der drahtlosen Kommunikation erleichtert Wifi-radar das Auffinden von WLANs und die Anmeldung.

Interessante Auswahl

Anwender, die eher Wert auf die gängigen Lernprogramme unter Linux legen, werden im Menü Spiele fündig: Hier gibt es zwar nur wenige Applikationen, aber mit Gcompris findet sich die klassische Linux-Programmsammlung für kleinere und größere Kinder in der Liste. Auch Puzzle Collection und TuxPaint richten sich eher an das jüngere Publikum, während als einzige Software für ältere Semester das Schachspiel Eboard im Spiele-Menü auftaucht (Abbildung 2).

Abbildung 2: Spielparadies für jüngere Semester: ZenEdu.

Abbildung 2: Spielparadies für jüngere Semester: ZenEdu.

Im umfangreichen Menü System lassen sich grundlegenden Einstellungen wie etwa zum Cups-Dienst mit Grsync treffen und auch unter der grafischen Oberfläche Backups anlegen. Zudem finden sich hier mehrere Handbücher zu Zenwalk.

Im Menü Wissenschaft subsummiert ZenEdu eine Reihe naturwissenschaftlich-mathematischer Programme sowie einen wissenschaftlichen Taschenrechner. Am interessantesten dürfte für wissbegierige Nutzer jedoch das hier aufgeführte Programm Stellarium in der Version 0.8.2 sein, das Astronomie auch für den Durchschnittsanwender erlebbar macht. Mit schöner Grafik und vielen Einstellmöglichkeiten weiß diese Software auch Nicht-Wissenschaftler zu begeistern (Abbildung 3).

Abbildung 3: Astronomie ohne Teleskop und mit Linux am PC: das Programm Stellarium.

Abbildung 3: Astronomie ohne Teleskop und mit Linux am PC: das Programm Stellarium.

Im letzten Menü, Zubehör, listet ZenEdu neben einem weiteren Taschenrechner, einem Programm zur Modifikation von ISO9660-Images, der XFCE-Druckerverwaltung, einem Wörterbuch, dem ebenfalls zum Windowmanager XFCE gehörenden Dateimanager Thunar sowie dem Xarchiver und weiteren Systemprogrammen an Neuerungen nur Catfish auf, das als grafisches Frontend für die Terminalbefehle find, locate und slocate fungiert.

Fazit

ZenEdu bietet bei geringen Ansprüchen an die Rechnerressourcen ein dank XFCE flott und komfortabel arbeitendes, stabiles Betriebssystem. Eine ganze Reihe wenig bekannter, jedoch durchaus funktioneller Applikationen wecken beim Anwender Interesse zum Stöbern. Das Fehlen von Programmen aus verschiedenen Lernbereichen, beispielsweise mit sprachlichem Schwerpunkt, trübt den Eindruck allerdings etwas. Die peppige Oberfläche und die vorhandenen Programme für kleine Kinder können zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass wichtige Lernsuiten für die Kleinsten fehlen, wie etwa Childsplay.

Auch lässt sich nicht immer nachvollziehen, welcher Logik der Menüaufbau folgt. So verteilen sich Taschenrechner verschiedenen Funktionsumfangs auf die Menüs Zubehör und Wissenschaftt, Lernprogramme finden in den Menüs Education, Entwicklung und Wissenschaft. Daneben stört die teilweise unvollständige Lokalisierung: Programme und Menüs liegen teils in englischer, teils in deutscher Sprache vor, auch Systemmeldungen präsentiert ZenEdu nicht durchgängig in Deutsch. Unangenehm fallen zudem einige Unzulänglichkeiten bei der Funktionalität der Software auf: So ließ sich Xnest, das eine Anmeldung in einem zweiten Fenster erlaubt, nicht starten. Auch der Aufruf des X-Terminals ließ den kompletten X-Server abstürzen.

Positiv hervorzuheben ist die inzwischen deutlich verbesserte Hardware-Erkennung. Hatten ältere Slackware- und Zenwalk-Versionen vor allem auf Notebooks und exotischeren älteren Grafikchipsätzen erhebliche Probleme beim Einstellen der bestmöglichen Auflösung und Farbtiefe, so arbeitete die neue ZenEdu-Live-Version im Test auf mehreren Systemen verschiedener Baujahre ohne jegliche Schwächen. Für experimentierfreudige Anwender, die Software auch außerhalb der ausgetretenen Pfade kennenlernen möchten, lohnt sich ein Blick auf ZenEdu allemal.

Infos

[1] Klixxa: http://www.klixxa.de

[2] Edubuntu: Erik Bärwaldt, “Bildungswunder”, LinuxUser 12/2006, S. 68

[3] Juxlala: http://www.jux-net.info

[4] ZenEdu: http://www.zenwalk.org/modules/tinycontent/index.php?id=50

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