SAM-Linux 2007

Aus LinuxUser 05/2007

SAM-Linux 2007

Die Nussknacker-Suite

Aus Sachsen kommen nicht nur Nussknacker: Mit einem neuen Release schickt sich nun auch SAM-Linux 2007 an, das traute Heim zu erobern.

Landläufig kennt man als typisch sächsische Produkte beispielsweise Plauener Spitzen, filigrane Nussknacker oder Räuchermännchen aus dem Erzgebirge. Auch Auerbachs Keller in Leipzig genießt dank Goethe einen gewissen Ruf über die Landesgrenzen hinaus.

Doch allmählich entwickelt sich Sachsen, von der Community noch weitgehend unbeachtet, auch zu einer Hochburg der Linux-Entwicklung in Deutschland: Neben dem Slackware/Zenwalk-Derivat SaxenOS hat hier bereits vor einigen Jahren eine zweite Distribution, SAM-Linux [1], das Licht der Welt erblickt. Nun ist das Sachsen-Linux in der neuen Version SAM 2007 verfügbar.

Bei SAM-Linux, das von dem Entwickler Nico Reuter in dem früheren Bergbaustädtchen Freiberg am östlichen Rand des Erzgebirges entwickelt und gepflegt wird, ist einiges anders, als bei gängigen Distributionen: Es basierte bis in das vergangene Jahr hinein auf Mandriva und wechselte in der zweiten Jahreshälfte 2006 zur Basis des ebenfalls auf Mandriva aufbauenden PCLinuxOS. Als Window-Manager kommt bei SAM-Linux weder KDE oder Gnome zum Einsatz, sondern der schlanke und daher schnelle XFCE in der aktuellen Version 4.4 [2]. Als Paketmanager arbeitet das von Debian und Ubuntu bekannte Synaptic.

Außerdem hervorzuheben: Die gesamte Distribution findet auf einer einzigen CD-ROM Platz. Die CD dient dabei sowohl als Live-CD als auch zur Installation des Betriebssystems auf der Festplatte oder – neuerdings – einem USB-Stick. Ein weiteres Highlight von SAM-Linux ist der vollständig implementierte 3D-Desktop: Hier präsentieren sich AIGLX/Beryl oder XGL/Compiz zusammen mit XFCE in harmonischer Zweisamkeit.

Nico Reuter versteht seine Distribution als Desktopbetriebssystem für Ein- und Umsteiger. Deshalb ist es nur logisch, dass er bei SAM-Linux auf die meisten Serverapplikationen verzichtet. Das bedeutet jedoch nicht, dass das System unvollständig oder wegen fehlender sicherheitsrelevanter Programme unsicher wäre. Im Gegenteil: Die ausgewogene Softwareauswahl, die SAM-Linux bietet, stünde auch manch anderer Distribution gut zu Gesicht. Zudem geht die das sächsische Betriebssystem trotz beeindruckender 3D-Effekte auf dem Desktop mit Hardware-Ressourcen sehr sparsam um. Schließlich ist es das erklärte Ziel Reuters, das System auch auf älteren Rechnern mit weniger als einem Gigahertz Taktfrequenz flüssig ablaufen zu lassen.

TIPP

Die auf der beiliegenden Heft-DVD enthaltene LinuxUser DVD Edition von SAM-Linux enthält eine gegenüber der Standardversion der Distribution nochmals deutlich ausgebaute Softwareauswahl.

Installation

Das System fragt beim Start zunächst einige grundlegende Einstellungen für Tastatur, Zeitzone und Netzwerk ab, um dann in den grafischen Anmeldebildschirm zu wechseln. Hier loggt man sich mit dem Benutzernamen guest und dem gleichlautenden Passwort ein. Nach kurzer Ladezeit bietet SAM-Linux dann eine aufgeräumte Oberfläche. Ein Doppelklick auf das Install SAM-Symbol startet den Mandriva-Installer draklive-install-enhanced, der in wenigen Schritten das komplette Betriebssystem mit über 1?000 Paketen dauerhaft auf der Festplatte einrichtet. Wer das nicht möchte, kann eine Mini-Version von SAM auch auf einem bootfähigen USB-Speicherstick ablegen.

Besonders elegant löst SAM-Linux das Bootloader-Problem mit anderen Linux-Distributionen auf der Festplatte: SAM überschreibt nicht einfach die meist sorgfältig angepasste Grub-Installation im Master Boot Record (MBR) der Festplatte. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, den Bootloader auch im Bootsektor einer gegebenen Festplattenpartition abzulegen. So müssen Sie danach nur noch die ursprüngliche Konfigurationsdatei des aktiven Bootloaders um einem Eintrag für SAM-Linux ergänzen.

Je nach Rechner dauert der gesamte Installationsvorgang auf der Festplatte nur rund eine Viertelstunde. Nach dem erneuten Start des Systems meldet sich SAM-Linux dann sofort einsatzbereit, weil die Installationsroutine alles schon fertig eingestellt hat.

Konfiguration

Auch bei der ersten Konfiguration nach der Installation zeigt sich SAM-Linux Umsteigern und Anfängern von seiner besten Seite: In der Panel-Leiste am oberen Bildschirmrand findet sich ein Monitor mit Werkzeugsymbol, hinter dem sich das PCLinuxOS Control Center verbirgt. Hier stellen Sie dank einer komplett grafisch gestalteten Oberfläche intuitiv alles wichtige ein – inklusive Firewall und NFS-Server (Abbildung 1).

Abbildung 1: Aufgeräumt und übersichtlich: Das Kontrollzentrum in SAM-Linux.

Abbildung 1: Aufgeräumt und übersichtlich: Das Kontrollzentrum in SAM-Linux.

Gleich rechts neben dem Werkzeugsymbol zur Systemeinrichtung befindet sich ein Bildschirmsymbol mit Farbpalette, das den XFCE Einstellungsmanager aufruft. Hier passen Sie den Window-Manager an, etwa mit der Auswahl verschiedener Themen und Bildschirmschoner, mit dem Einrichten der Panel-Leisten oder dem Einstellen hardwarespezifischer Optionen. Sie richten Ihr SAM-Linux 2007 ausschließlich über diese beiden Menüs ein. Endloses Klicken durch unübersichtliche und funktional überladene Kontrollzentren bleibt Ihnen so erspart.

Möchten Sie mehr einstellen, klicken Sie einfach mit der rechten Maustaste auf die Arbeitsoberfläche. So öffnen Sie das Hauptmenü von XFCE, in dem die vorhandene Software in verschiedenen Untermenüs zusammengefasst ist. Im Untermenü Einstellungen finden Sie umfangreiche Optionen, mit denen Sie das System individuell an Ihre Bedürfnisse anpassen.

Softwareausstattung

Ein Betriebssystem, das vor allem für den Desktop konzipiert ist, muss alle im Arbeitsalltag benötigten Anwendungen mitbringen. Das tut SAM-Linux. Mehr noch: Die Distribution bringt auch für weniger nachgefragte Aufgaben ausgereifte Software mit. Ein Beispiel: Die Remote Administration durch einen nicht vor Ort tätigen Systemadministrator gehört bei SAM zum Lieferumfang. Ab Werk installiert SAM-Linux zudem gängige Büroprogramme wie OpenOffice in der neuen Version 2.2, aber auch Gnome-spezifische Office-Anwendungen wie Abiword und Gnumeric.

Neben vielen kleinen Softwarepaketen, zum Beispiel einer stattlichen Anzahl von Spielen, ragen insbesondere die Bereiche Multimedia und Grafik heraus. Im Bereich Netzwerk sticht ins Auge, dass mit Opera 9.10 und Firefox 2.0.0.2 gleich zwei grafische Webbrowser ihre Dienste anbieten. Wie sorgfältig Nico Reuter seine Software für SAM-Linux auswählt, zeigen ebenfalls die beiden Browser: Sie verfügen schon von Haus aus über alle gängigen Plugins. Das oft mühselige Nachinstallieren von Softwarepaketen entfällt damit in vielen Fällen.

In der Sektion Multimedia finden Sie alle wichtigen Audio- und Videoprogramme ebenso wie mit GnomeBaker eine Anwendung zum Brennen von CD-ROMs und DVD-ROMs. Highlight dieser Sektion ist der Streamtuner, der es erlaubt, Audio-Ströme aus dem Internet oder direkt vom Eingang der Soundkarte auf die Festplatte aufzunehmen (Harddisk-Recording). Mit dem Programm zeichnen Sie alles auf, was Ihr Rechner abspielen kann.

Mit TVtime nutzen Sie den PC darüber hinaus als Fernseher – vorausgesetzt, er verfügt über eine TV-Karte. Interessant ist auch das Programm Exaile, das unter XFCE den beiden großen Multimediaplayern Amarok und Banshee Konkurrenz macht. Exaile orientiert sich in Funktionsumfang und Erscheinungsbild wie der Gnome-Player Banshee stark am KDE-Platzhirsch Amarok und dürfte sich daher schon bald zu einer beliebten Applikation unter XFCE entwickeln.

Natürlich hat Nico Reuter auch der Grafik-Abteilung von SAM-Linux 2007 die wichtigsten Programme für Bildverarbeitung und -verwaltung spendiert: Der schnelle Bildbetrachter GQview ist ebenso mit von der Partie wie die Bildbearbeitung Gimp in der aktuellen Version 2.3.10. Gleich zwei Applikationen wenden sich an die Freunde der Digitalfotografie: GTKam und FLPhoto. Beide Anwendungen erlauben nach einfacher Konfiguration das Auslesen von Bildern nahezu aller Kameras, die mit dem Picture Transfer Protocol (PTP) arbeiten. Eine Installation von Treibern und das Speichern der Bilder auf der Festplatte ist dabei nicht nötig. Das Programm Xsane schließlich hilft Ihnen beim Betreiben von Flachbett- und Diascannern am PC. Erfreulicher Weise unterstützt das Programm die meisten älteren SCSI- und Parallelport-Scanner ebenso wie moderne Scanner mit USB-Anschluss. Sogar reinen Dokumenten-Scannern verweigert die Software die Zusammenarbeit nicht.

Windows-Umsteiger werden sich für das Untermenü System interessieren: Hier finden sie neben den Werkzeugen zur Systemverwaltung die komplette Umgebung von Wine. Der Emulator erlaubt den Betrieb einer ganzen Reihe von Windows-Programmen auch unter Linux (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der in SAM-Linux integrierte Wine-Emulator erlaubt die Ausführung von Windows-Programmen.

Abbildung 2: Der in SAM-Linux integrierte Wine-Emulator erlaubt die Ausführung von Windows-Programmen.

Der 3D-Desktop

Wer von dreidimensionalen Oberflächen unter Linux spricht, redet bisher fast immer über KDE und Gnome – entweder mit AIGLX/Beryl oder mit XGL/Compiz. Nico Reuter bringt in seinem SAM-Linux den berühmten rotierenden Würfel nun auch unter XFCE ins Gespräch (Abbildung 3).

Arbeitet in Ihrem Rechner eine unterstützte Grafikkarte (dazu zählen alle neueren Boards von Nvidia und ATI), so richtet SAM-Linux bei der Installation die 3D-Umgebung nach einem einzigen Mausklick komplett ein. Beim Start des Systems stehen die bekannten Desktop- und Fenstereffekte sofort und ohne aufwändige Konfiguration zur Verfügung. Wem optische Gestalt oder Farben nicht gefallen, passt mit dem speziell für die 3D-Umgebung mitgelieferten Themenmanager Emerald seinen Desktop einfach an seinen Geschmack an.

Abbildung 3: Der optisch ansprechende 3D-Würfel im Duett mit dem Fenstermanager XFCE.

Abbildung 3: Der optisch ansprechende 3D-Würfel im Duett mit dem Fenstermanager XFCE.

Aber auch Anwender, die ohne neueste Grafikhardware arbeiten, müssen auf grafischen Genuss nicht vollständig verzichten: Transparenzeffekte sind bei XFCE auch ohne 3D-fähige Grafikkarte möglich, wobei die Distribution selbst Neomagic-Karten älterer Bauart ohne Einschränkungen unterstützt (Abbildung 4).

Abbildung 4: SAM Linux bietet mit XFCE Transparenzeffekte auch ohne schnelle 3D-Grafikkarte.

Abbildung 4: SAM Linux bietet mit XFCE Transparenzeffekte auch ohne schnelle 3D-Grafikkarte.

Diese Effekte sind allerdings nicht in der Standardkonfiguration enthalten. Über das Menü Einstellungen | SAM Desktop Configuration | XFCE4 Desktop Settings | Fenstermanager-Tweaks | Compositor) lassen sich neben der Transparenz von Fenstern auch Schatteneffekte aktivieren. Aber Vorsicht: Ältere Systeme büßen mit diesen optisch beeindruckenden Finessen spürbar an Arbeitsgeschwindigkeit ein.

In der SAM Desktop Configuration passen Sie auch die Wbar an, die Panel-Leiste am oberen Bildschirmrand. Die bietet Ihnen den schnellen Programmzugriff auf häufig benötigte Anwendungen: Ein Mausklick reicht. Auch die Wbar präsentiert sich in der Standardinstallation mit 3D-Effekt: Fahren Sie mit der Maus über ein Programmsymbol, kommt es Ihnen aus der Wbar entgegen.

Fazit

Mit der neuen Version von SAM-Linux legt Nico Reuter eine rundum gelungene Distribution vor, die den Anspruch nach einfacher Bedienbarkeit und effizienter Arbeit durch eine sinnvolle Softwareausstattung vollständig erfüllt.

Die Basis Mandriva/PCLinuxOS erleichtert Administrationsaufgaben dank vieler grafischer Tools enorm, und der schnelle Windowmanager XFCE glänzt ebenfalls mit durchdachter Bedienung. Es scheint, als könne sich XFCE auch funktionell als dritter großer Windowmanager neben Gnome und KDE etablieren.

Besondere Erwähnung verdient die Tatsache, dass Nico Reuter die Programme sorgfältig in sein System eingepflegt hat. Das zeigt sich beispielsweise am Angebot an bereits eingebauten Plugins in den Webbrowsern. Hier nimmt der SAM-Entwickler dem Anwender eine Menge Installationsarbeit ab. Falls dem Anwender die Anzahl oder die Auswahl der automatisch installierten Programme nicht passt, stehen ihm über die Online-Repositories von PCLinuxOS mehrere tausend Applikationen zur Verfügung.

Lobenswerter Weise bringt Reuter das Kunststück fertig, bei SAM-Linux 3D-Effekte mit XFCE zu kombinieren. Das schafft bisher keine andere Distribution. Damit beweist der Entwickler außerdem, dass optisch ansprechende Darstellungsformen nicht erst jenseits eines CPU-Takts von zwei Gigahertz möglich sind.

Hervorzuheben ist zudem, dass Reuter einige echte Innovationen präsentiert: So ist SAM-Linux die bislang einzige Linux-Distribution, die sich besonders für den Einsatz auf Laptops eignet, etwa durch die exzellente Hardwareerkennung bei Notebook-Grafiksystemen. Zusätzlich hat der Entwickler spezielle Programme zur Hardwaresteuerung für IBM-Thinkpad-Notebooks eingebunden, die sonst von Hand installiert werden müssten.

Wer keine umfangreichen Serverdienste benötigt, dafür aber gerne mit einer benutzerfreundlichen Linux-Distribution arbeitet, ist mit SAM-Linux 2007 also bestens bedient.

Infos

[1] Website von SAM-Linux: http://sam.hipsurfer.com

[2] XFCE-Website: http://www.xfce.org

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