Suse war einst das beliebteste Linux in Deutschland. Mit den letzten beiden Releases aber hat Novell selbst überzeugte Anhänger verschreckt. Kann Open Suse 10.2 wieder Boden gut machen?
OpenSuse 10.2 im Überblick
- Kernel 2.6.18.2, Glibc 2.5
- X.org 7.2 (7.1.99 RC2)
- KDE 3.5.5, Gnome 2.16
- Cups 1.2
- OpenOffice 2.0.4
- Firefox 2.0
- Der Standard-Kernel integriert SMP-Support und arbeitet unter Uni- und Multiprozessoren.
- Als Standarddateisystem dient Ext3 statt ReiserFS, was die Suche in großen Verzeichnisbäumen beschleunigt.
- Das Brennprogramm
cdrecordwurde entfernt und durchwodimersetzt, das auch DVDs beschreibt. - Zum Abgleich mobiler Geräte dient jetzt statt
multisyncdie OpenSync-Suite.
Weitere Änderungsinformationen entnehmen Sie während der Installation dem Changelog.
Es ist ruhig geworden um die ehemals deutsche Vorzeigedistribution Suse. Von den einen als “kein wahres Linux” und “Klicki-Bunti-Abklatsch aus Redmond” verschmäht, von den anderen eben wegen dieser bekannten Erleichterungen für den Einstieg in die Linux-Welt geliebt, reiht sie sich nun ein in eine ganze Riege neuer Linux-Derivate, die sich allesamt für Einsteiger leicht installieren und konfigurieren lassen.
Zahlreiche Neuerungen – wie das Zenworks-Management, die Desktop-3D-Beschleunigung und die Virtualisierungslösung Xen – sollten in letzten Version Suse Linux 10.1 OSS unbedingt eingeführt werden, was erhebliche Mängel und den Unmut der Fangemeinde mit sich brachte. Ob die mittlerweile in Open Suse umbenannte Distribution mit der Releasenummer 10.2 wieder an Fahrt aufnehmen kann, klärt dieser Artikel.
Von S.u.S.E. Linux zu Open Suse
So mancher Benutzer hat sicher schon einmal die Distribution SuSE Linux 2.0 oder 3.2 gesucht. Doch die Nürnberger S.u.S.E. GmbH (Software- und System-Entwicklung) gab ihrer ersten Distribution die Versionsnummer 4.2 – angelehnt an den Roman “Per Anhalter durch die Galaxis” von Douglas Adams, in dem die Zahl 42 die Antwort auf alle Fragen der Welt darstellt.
Vorher hatte man bei S.u.S.E. Linux-Pakete zum Verkauf zusammengestellt, die auf dem damals populären Slackware-Linux aufbauten. Durch die Programmierung der Systemtools YaST und später auch SaX konnte man sich davon allerdings lösen und eine eigene, besonders für den deutschen Markt lokalisierte Distribution herausgeben. In kürzester Zeit entwickelte sich SuSE zu einem sehr beliebten Softwarepaket und erlebte seinen Durchbruch bei den Privatkunden wohl mit den Versionen ab 7.0. Die Nürnberger setzten sich mit ihrer immer weiter vereinfachten YaST-Installation und der kategorischen Unterstützung des KDE-Projektes an die Spitze der im deutschsprachigen Raum installierten Linux-Systeme.
Im November 2003 übernahm der amerikanische Netzwerkspezialist Novell für 210 Millionen Dollar die Nürnberger Firma, die mittlerweile ein Schwergewicht auf dem Linux-Markt darstellte. Mit der Version 9.1 (April 2004) entfernte Novell/Suse einen großen Dorn im Auge seiner Kritiker: Sie stellte ihr Konfigurationstool YaST unter die GPL. Es war gleichzeitig die erste Distribution unter dem Namen “Novell Suse Linux”.
Novell/Suse gab noch zwei weitere Releases heraus, bevor man es den anderen großen Distributoren gleich tat und Suse Linux im letzten Jahr in die Hände der Open-Source-Community gab: Das Open-Suse-Projekt war geboren. Fortan sollte die Community (mit Unterstützung durch Novell) die Distribution selbst weiterentwickeln, die nun ausschließlich freie Software beinhaltet. Novell setzt mit seinen kommerziellen Produkten, wie SLES (Suse Linux Enterprise Server) auf Open Suse auf. Um sich von den kommerziellen Suse-Linux-Produkten Novells abzusetzen, heißt die Distribution des Open-Suse-Projektes seit dem 11. August dieses Jahres (10.2 Alpha 3) “Open Suse”, der Name “Suse Linux” ist exklusiv den Novell-Produkten vorbehalten.
Woher nehmen …
Pünktlich zum angekündigten Datum erschien Open Suse 10.2 einen Tag nach Nikolaus 2006 ohne großes Brimborium, wie es bei früheren Releases üblich war, als Novell die Distribution noch im Karton verkaufte. Lediglich ein kleiner Eintrag [1] auf der Open-Suse-Website zeigte, dass nun die neue Version zum Herunterladen bereitsteht.
Open Suse bleibt dem Prinzip treu, Linux für die Architekturen x86-32, x86-64 und PPC entweder auf einer DVD anzubieten oder auf fünf CDs plus einer Addon-Disk für proprietäre Programme und Treiber. Außerdem gibt es ein Start-CD-Image, das nur ein minimales Grundsystem mitbringt und eine Installation über das Internet erlaubt.
Benutzer einer ausgefallenen Muttersprache benötigen außerdem noch die Addon-Sprach-CD (“Addon-Lang-CD”) um ihr Open Suse in Khmer oder Finnisch zu betreiben. Englisch, Deutsch und andere viel gesprochene Sprachen unterstützt bereits die Grunddistribution. Neben einer ganzen Reihe über die Welt verteilter Spiegelserver kann der Suchende auch den Datenverteiler BitTorrent benutzen. Ein Live-CD-Image ist angekündigt, stand aber bei Redaktionsschluss noch nicht zur Verfügung. Stattdessen finden Sie auf der Heft-DVD eine maßgeschneiderte Variante von Open Suse 10.2, die in der Redaktion auf ihre 3D-Desktop-Fähigkeiten hin optimiert wurde.
Einfache Installation
Ganz ohne Hürden verläuft in gewohnter Suse-Manier die Installation der Distribution. Den matten Startbildschirm der letzten Version tauschten die Entwickler gegen eine deutlich grellere, aber nach wie vor blaue Variante ein. YaST fordert Sie auf, Ihre Landessprache zu wählen und die Lizenzvereinbarung von Novell abzunicken, bevor Sie sich entscheiden müssen, ob eine Neuinstallation oder ein Update erfolgen soll.
Eine Reparatur des Systems (eher für Linux-Kenner geeignet) bietet der Installer ebenfalls an. Benutzer der Original-DVD-Version lassen das Feld Addon-Produkte hinzufügen unberührt. Die CD-Variante erfordert hier das Einlegen der Non-OSS-CD, falls Sie diese heruntergeladen haben.
Während der folgenden Schritte Zeitzone, Partitionierung und Softwareauswahl lässt Open Suse dem Benutzer stets zwei Wege offen: Typische Neueinsteiger wählen die sehr gut vorkonfigurierten Standardeinstellungen, Kennern der Distribution bleiben auch während der Installation nicht die Feinheiten verschlossen. So ist eine detaillierte Softwareauswahl und individuelle Partitionierung der Festplatten ebenso möglich, wie die Konfiguration des Bootloaders. Dabei übermittelt die 10.2 ein deutlich flüssigeres Arbeitsgefühl, als noch ihre Vorgänger.
Ein Novum der Softwareauswahl stellt der Auswahlfilter Schemata dar (Abbildung 1). Er fasst ganze Softwarepaketgruppen, wie Laptop, Schriften oder Druckserver zusammen und wählt die nötigen Pakete zur Installation aus. Dabei bleibt der Benutzer aber trotzdem in der Lage, einzelne unerwünschte Pakete wieder abzuwählen.

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Abbildung 1: Der neue FilterSchemata in der Softwareverwaltung vereinfacht die Installation von Paketgruppen.Nach erfolgter Installation findet ein Neustart statt, der unter Umständen ein kleines Easteregg ans Tageslicht fördert: Der Bootscreen erscheint nun mit tanzenden Schneeflocken und einem Weihnachtspinguin, der verschiedene Tätigkeiten aus dem Spiel pingus (ein “Lemminge”-Clone) nachstellt.
Sie geben nun Ihr Root-Passwort ein, konfigurieren das Netzwerk und lassen die Internetverbindung testen. Verläuft die Prüfung positiv, erfolgt nach einer (fakultativen) Registrierung ein Online-Update, das einige Zeit in Anspruch nimmt.
Benutzeroberflächen
Die Oberfläche des KDE-Desktops gibt sich gewohnt aufgeräumt mit den bekannten Icons und dem Novell-Startfenster, wirkt optisch aber deutlich liebevoll gestaltet. Die klobige K-Menüleiste und die wuchtigen Fensterdekore wurden gegen feinere gezeichnete Pendants ersetzt. Statt des K-Menü-Knopfes prangt nun als augenscheinlichste Neuerung ein elegant geschwungenes Suse-Logo in der Kontrollleiste (Abbildung 1).
Dieses von Novell entwickelte Menü präsentiert sich als aufgeräumte Schaltzentrale, wird aber wohl wieder einmal gemischte Gefühle bei den Benutzern hinterlassen: Zwar erlaubt es einen spielend leichten Umgang mit dem System, nicht zuletzt durch die Integration der nun standardmäßig laufenden Desktopsuche Beagle. Allerdings versteckt es vor Neulingen die tatsächlichen Verzeichnisstrukturen des Systems und lädt dadurch nicht gerade zum besseren Verständnis der dahinterstehenden Technik ein.
Auch unter Gnome finden Sie nicht das altangestammte Gnome-Menü: Es musste einem nicht ganz so featurereichen Hauptmenü namens Slab (engl.: “Platte”) weichen. Besonders umständlich gestaltet sich hier die Recherche nach den installierten Anwendungen (Abbildung 3). Dazu klicken Sie auf den Schalter Weitere Anwendungen des Gnome-Menüs, worauf sich mit kleiner Verzögerung der Applikationsbrowser öffnet. Hier finden Sie, in Sektionen geordnet, das Softwarearsenal des Rechners.
Die detailreiche und durchdachte Vorkonfiguration beider Desktopsysteme zielt allerdings eindeutig auf eine Klientel, die entweder neu im Linuxland unterwegs ist oder einfach schnell mit der Büroarbeit beginnen will, ohne sich um die technischen Hintergründe oder eine geeignete Erstkonfiguration Gedanken machen zu müssen. Das verdeutlicht unter anderem ein nicht vorinstallierter Midnight Commander. Auch die KDE-Terminalemulation Konsole öffnet sich nicht mehr auf Anhieb per Mausklick, sondern muss über die Suchfunktion des K-Menüs oder den Schnellstarter ([Alt]+[F2]) gestartet werden. Die früher obligatorische Steuerleiste am oberen Bildschirmrand fehlt.
Flüssiges Paketmanagement
Wie Schon erwähnt, stellte die mangelnde Benutzbarkeit des Paketmanagements eines der größten Mankos des 10.1-Releases dar. Der dafür vorgesehene Zenworks-Daemon zmd arbeitete unerträglich langsam, was viele Anwender dazu veranlasste, für Updates und das Installieren von Software Alternativen wie Smart oder Apt-get zu verwenden. Dies war wohl auch den Entwicklern der Distribution ein Dorn im Auge, und so legten sie vor allem auf diesem Gebiet mächtig zu.
Die Softwareverwaltung, sei es über YaST oder den Button Installieren von Software des Gnome-Menüs (Zenworks-Updater, Abbildung 4), läuft nun wesentlich flüssiger. Wem das aber immer noch nicht schnell genug geht, der greift auf die bereits installierten Alternativen zurück, die ohne zmd auskommen. Den Zenworks-Updater ersetzt hierbei das Tool Opensuse-Updater, das sich gleich in die Kontrollleiste einnistet. Sie finden es im K-Menü unter Anwendungen | System | Desktop-Applet.
Das Kommandozeilentool zypper nimmt dabei den Platz von rug ein. Seine Funktionsweise lehnt sich an die von Apt oder Smart an, sodass Sie ohne Lernaufwand mit den Befehlen zypper update, zypper install und zypper remove wie gewohnt arbeiten können. Weitere mögliche Befehle verrät der Aufruf zypper -h.
Den nun nicht mehr benötigten Zenworks-Daemon tragen Sie über den Runlevel-Editor der YaST-Systemverwaltung aus den eingetragenen Runleveln 3 und 5 aus oder deinstallieren ihn einfach. Externe Repositories fügen Sie bequem über YaST | Software | Installationsquelle wechseln hinzu. Über empfehlenswerte Repositories und deren Inhalt klärt eine eigene Seite [2] auf Opensuse.org auf. Die Alternative, Ihr System über Smart oder Apt auf dem laufenden zu halten, steht auch weiterhin offen.

Abbildung 4: Der Zenworks-Daemon mit zugehörigem Updater arbeitet deutlich flüssiger als noch in der Vorgängerversion 10.1.
Was fehlt
Wie bei den meisten Linux-Distributionen fehlen auch in Open Suse 10.2 aus lizenzrechtlichen Gründen diverse multimediale Pakete sowie die proprietären Grafiktreiber von NVidia und ATI.
In der Suse-Welt gilt seit Jahren das Packman-Projekt [3] als unerreichte Nummer eins unter den Multimedia-Lieferanten. Um dessen Repositories einzubinden, tragen Sie unter YaST | Software | Installationsquelle wechseln | Hinzufügen als ProtokollHTTP und danach als Serverpackman.iu-bremen.de ein. Als Verzeichnis geben Sie suse/10.2 an. Anschließend installieren Sie beispielsweise den MPlayer oder Xine, was die nötigen Bibliotheken im wesentlichen gleich mit auf die Festplatte befördert.
Ähnlich funktioniert das für Grafikkartentreiber: Besitzen Sie ein NVidia-Board, geben Sie an gleicher Stelle für den Serverdownload.nvidia.com mit dem ProtokollFTP ein. Unter Verzeichnis muss in diesem Fall opensuse/10.2 stehen. Über die YaST-Softwareverwaltung installieren Sie dann die Pakete nvidia-gfx-kmp-default und x11-video-nvidia und konfigurieren gegebenenfalls Monitor und Grafikkarte wie gewohnt unter Sax2.
Die etwas altertümliche GForce2 Ti eines der Testrechner versagte allerdings den Dienst unter dem aktuellen Treiber 1.0-9629 und mochte nur mit einer selbst kompilierten, älteren Treiberversion der 1.0-7xxx-Reihe kooperieren. Die Anleitung zum Installieren der Treiber unter [4] ist auf Suse-Systeme zugeschnitten und hilft bei etwaigen Problemen weiter.
Nutzer von ATI-Karten müssen sich wohl noch etwas gedulden: Bis Redaktionsschluss konnten wir keine Treiber für das aktuelle X.org-7.2-System entdecken.
Fazit
Die Entwickler haben mit der aktuellen Open Suse 10.2 eine durch und durch gelungene Linux-Distribution vorgelegt. Die Software ist auf dem neuesten Stand, das Look-and-feel wurde gründlich aufpoliert und die Probleme der Vorgängerversion bekamen die Programmierer weitgehend in den Griff.
Da Open Suse die Grundlage der kommerziellen Suse-Linux-Enterprise-Produkte darstellt, muss man wohl für künftige Versionen mit weiteren “Vereinfachungen” bis hin zum völligen Verstecken des eigentlichen Systems rechnen. Novells Zielgruppe kommt das sicher entgegen, möglicherweise treibt dieser sogar einige umsteigewillige Neulinge ins Open-Source-Lager. Bei eingefleischten Linux-Anwendern hält sich die Freude darüber aber wohl in Grenzen.
[1] Opensuse.org: http://de.opensuse.org/Willkommen_auf_Open Suse.org
[2] Zusätzliche Paketquellen: http://de.opensuse.org/Zusätzliche_Paketquellen_für_YaST
[3] Packman: http://packman.links2linux.de
[4] Anleitung NVidia-Treiber: http://www.suse.de/~sndirsch/nvidia-installer-HOWTO.html#1







