Virtuos im Web mit Vivaldi 1.2

Aus EasyLinux 03/2016

Virtuos im Web mit Vivaldi 1.2

Vorhang auf!

Eine Truppe Softwareentwickler aus dem hohen Norden ließ einen verloren geglaubten Webbrowser wieder auferstehen. Wer einst Opera liebte, findet jetzt in Vivaldi einen flotten Begleiter fürs Netz. Wir schauen nach, ob der kostenlose Browser schon mit den “Großen” im Orchester mitspielen kann.

Als die Firma Opera 2013 zuerst den Funktionsumfang ihres beliebten Browsers drastisch reduzierte und dann kurz darauf den Webdienst My Opera abschaltete, ließ sie nicht nur viele enttäuschte Benutzer zurück. Mitgründer und Chief Executive Officer Jon Stephenson von Tetzchner hatte bereits Anfang 2010 die Segel gestrichen. Der Isländer gründete lieber seine eigene Online-Community und wenig später die Firma Vivaldi Technologies AS. Einige ehemalige Opera-Entwickler sind ihm gefolgt, um gemeinsam an einem “Browser für unsere Freunde” (so die Werbung auf der Startseite [1]) zu arbeiten.

Das Ergebnis der Mühen ist der kostenlose Browser Vivaldi. Nach einigen Technical Previews und einer ersten Betaversion im November letzten Jahres vermeldeten die Entwickler im April 2016 die Ausgabe 1.0. Schon drei Wochen später veröffentlichten sie Version 1.1, und Anfang Juni ist Vivaldi 1.2 erschienen. Wir haben den neuen Browser unter OpenSuse 13.2 und Leap 42.1 sowie Kubuntu 16.04 getestet – dieser Workshop zeigt, wie Sie das Programm installieren und einrichten. Außerdem stellen wir praktische und schicke Features des neuen Mitspielers vor.

Ouvertüre

Im Vivaldi-Downloadbereich [2] finden Sie Debian- und RPM-Pakete (jeweils 32 und 64 Bit), die Sie unter Kubuntu 16.04, OpenSuse 13.2 und Leap 42.1 wie folgt installieren können:

  1. Laden Sie das zu Ihrer Distribution und Architektur passende Paket herunter; Kubuntu-Anwender benötigen das Paket hinter dem Link Vivaldi 1.2 64bit DEB, OpenSuse-Benutzer das Paket Vivaldi 1.2 64bit RPM.
  2. Öffnen Sie über [Alt]+[F2] und Eingabe von konsole ein Terminalfenster. Navigieren Sie dort ins Verzeichnis, wo die heruntergeladene Datei liegt; in der Regel ist das der Ordner Downloads im eigenen Home-Verzeichnis:

    cd ~/Downloads
  3. Unter OpenSuse geben Sie nun das folgende Kommando ein und authentifizieren sich anschließend mit dem Root-Passwort:

    sudo rpm -i vivaldi-stable-1.2.490.39-1x86_64.rpm

    Unter Kubuntu lautet das Kommando stattdessen:

    sudo dpkg -i vivaldi-stable_1.2.490.39-1_amd64.deb

    Hier geben Sie auf Aufforderung Ihr eigenes Kennwort ein.

Das Terminalfenster können Sie danach mit [Strg]+[D] schließen. Vivaldi finden Sie im Startmenü in der Abteilung Anwendungen / Internet / Web-Browser (Vivaldi). Beim ersten Aufruf begrüßt Sie ein Einrichtungsassistent, der nach Ihren Vorlieben fragt (Abbildung 1). Entscheiden Sie sich zuerst für eines der sechs Farb-Themes und klicken Sie dann auf Weiter: Platzierung der Tableiste. Hier stehen vier Varianten zur Auswahl (oben, unten, linker oder rechter Rand). Als Letztes suchen Sie ein Hintergrundbild für die Startseite aus – fertig.

Abbildung 1: In drei Schritten richten Sie das Aussehen des Browsers Vivaldi ein. Alle Entscheidungen können Sie in den Programmeinstellungen rückgängig machen.

Abbildung 1: In drei Schritten richten Sie das Aussehen des Browsers Vivaldi ein. Alle Entscheidungen können Sie in den Programmeinstellungen rückgängig machen.

Auftakt

Wenn Sie zum ersten Mal mit Vivaldi surfen, bietet der Browser Ihnen auf der Startseite per Schnellwahl Zugriff auf die beliebtesten und meistbesuchten Webseiten. Welche Kacheln hier in welcher Reihenfolge erscheinen, können Sie selbst beeinflussen. Fahren Sie mit der Maus über einen Eintrag und klicken Sie auf das kleine Kreuz oben rechts, um ihn zu löschen; mit gedrückt gehaltener Maustaste ziehen Sie eine Kachel an eine neue Stelle.

Die Kachel ganz am Ende der Liste mit dem großen Pluszeichen fügt neue Objekte zur Schnellwahl hinzu. Geben Sie ins aufklappende Feld einfach die Adresse ein und bestätigen Sie alles über Hinzufügen. Auch eine bereits geöffnete Website können Sie in die Sammlung aufnehmen, indem Sie in der Adressleiste rechts auf das kleine Lesezeichen-Symbol klicken und dann im Drop-down-Menü Schnellwahl auswählen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Über das Lesezeichen-Symbol fügen Sie auch Einträge zur Schnellwahl hinzu.

Abbildung 2: Über das Lesezeichen-Symbol fügen Sie auch Einträge zur Schnellwahl hinzu.

Insgesamt fällt das unaufdringliche Design des Browsers auf. Einige wichtige Funktionen erreichen Sie über die Statusleiste am unteren Rand und müssen dafür nicht ins Menü oder in die Programmeinstellungen wechseln. Dazu gehört beispielsweise die Zoomfunktion unten rechts. Über den Schieberegler vergrößern und verkleinern Sie die Ansicht; alternativ drücken Sie [Strg]+[**] oder [Strg]+[**+]. Ein Klick auf Zurücksetzen bzw. [Strg]+[0] wechselt zur Voreinstellung zurück.

Raffiniert komponiert

Ebenfalls in der Statusleiste angesiedelt ist ein Icon, welches das “Paneel” (die linke Seitenleiste) ein- und ausschaltet. Es handelt sich um das Symbol ganz links unter der Leiste. Mit nur einem Klick können Sie darüber hinaus die Farbe und Schrift der Benutzeroberfläche verändern. Das Symbol mit den beiden spitzen Klammern öffnet den Dialog Webseiten-Aktionen, über den Sie Schwarz-Weiß- oder Sepia-Filter, einen 3-D-Effekt, eine nichtproportionale Schriftart (Fonts Monospace), eine inverse Darstellung der Farben und vieles mehr aktivieren (Abbildung 3). Über das Symbol links neben den Webseiten-Aktionen stellen Sie ein, ob Sie alle Bilder, nur die bereits geladenen oder keine sehen.

Abbildung 3: Über die "Webseiten-Aktionen" aktivieren Sie nützliche und verspielte Optionen, welche die Darstellung beeinflussen.

Abbildung 3: Über die “Webseiten-Aktionen” aktivieren Sie nützliche und verspielte Optionen, welche die Darstellung beeinflussen.

Prima gelöst ist auch die Anordnung der Navigationselemente oben links neben der Adressleiste: Neben Vor- und Zurück-Buttons gibt es hier zwei weitere Knöpfe, die nicht seitenweise blättern, sondern nach besuchten Domains. Haben Sie also beispielsweise erst bei Google nach unserer Zeitschrift gesucht und dann auf der Website http://www.easylinux.de/ zahlreiche Unterseiten geöffnet, Artikel gelesen, sich über die Mailinglisten informiert usw., dann bringt Sie ein Klick auf den Rücklauf-Knopf direkt zur vorher angeschauten Domain (also Google) – ohne alle Zwischenschritte.

Sie bedienen Ihren Desktop und die Programme lieber mit der Tastatur als mit der Maus? Dann nutzen Sie doch einfach die Vivaldi-Kurzbefehle. Drücken Sie dazu [F2] und äußern Sie Ihre Wünsche. Der Browser vervollständigt das Kommando, sobald es eindeutig ist. Tippen Sie beispielsweise neu, schlägt der Browser Neues Fenster, Neues privates Fenster, Neuer Tab und Seite neu laden vor. Neben Befehlen bietet Vivaldi hier auch Tabs, Lesezeichen oder Seiten aus dem Verlauf an.

Sauber gestimmt

Viele Eigenschaften von Vivaldi konfigurieren Sie, indem Sie auf das Zahnrad-Symbol unten links in der Seitenleiste klicken und an den Stellschräubchen im Einrichtungsdialog drehen. Der Hintergrund der Schnellstartseite gefällt Ihnen nicht? Kein Problem – wechseln Sie in die Abteilung Schnellwahl Tab, scrollen Sie rechts bis zu Hintergrundbild und wählen Sie eine Alternative. Über die Schaltfläche Eigenes suchen Sie einen eigenen Schnappschuss aus.

Ganz pfiffig finden wir, dass sich Vivaldi an den Look der aktuell geöffneten Website anpassen kann. Dazu suchen Sie im Einstellungsdialog die Kategorie Tabs auf, blättern bis zu den Tab-Farben und aktivieren die Checkbox Farbschema der Seite verwenden. Öffnen Sie die Google-Suche, erscheint diese in Orange, Yahoo in Lila, EasyLinux in Rot usw. Über Darstellung / Farbschema legen Sie fest, ob Vivaldi den Tab oder den Tableisten-Hintergrund in den Farbeimer tauchen soll.

Einen Blick sind auch die Tastenkürzel (Abteilung Tastatur) und die Mausgesten (Maus) wert. Vivaldi orientiert sich bei den Shortcuts an anderen Browsern und erfindet das Rad nicht neu. So öffnet [Strg]+[N] ein neues Fenster, [Strg]+[T] einen neuen Tab usw. Möchten Sie eine eigene Tastenkombination definieren, klicken Sie einfach ins entsprechende Feld und drücken die Tasten – Vivaldi warnt Sie, wenn ein Shortcut schon vergeben ist.

Das Programm unterstützt Mausgesten für alle wichtigen Funktionen. In der Voreinstellung dient dazu die rechte Taste. Nutzen Sie ein Trackpad oder ein anderes Eingabegerät, aktivieren Sie in den Einstellungen die Option Gesten mit ALT-Taste durchführen. Welche Bewegungen der Browser kennt, demonstrieren die Programmeinstellungen anschaulich mit einer animierten Vorschau. Seit der aktuellen Version 1.2 können Sie nun auch eigene Mausgesten definieren und die vorhandenen verändern.

Sitzordnung

Während Sie für das Paneel lediglich entscheiden können, ob es sich am rechten oder linken Rand aufhält, zeigt sich der Browser für die Tabs äußerst flexibel. Hätten Sie diese gerne oben, rechts, links oder unten? Im Konfigurationsdialog unter Tabs / Platzierung der Tableiste stellen Sie die Position ein. Vivaldi ermöglicht es darüber hinaus, die Tabs zu stapeln und als Kacheln anzuordnen:

  1. Als Erstes fassen Sie zwei oder mehr Tabs zu einer Gruppe zusammen. Dazu halten Sie die Umschalttaste gedrückt und klicken dann den ersten und den letzten Reiter einer Sammlung an. Vivaldi zeigt die ausgewählten Tabs blau umrandet an.

  2. Auf diesen selektierten Bereich können Sie nun mit der rechten Maustaste klicken und sich für Erstelle neue Tabgruppe aus Auswahl entscheiden.
  3. Eine andere Möglichkeit, Tabs zu gruppieren, bietet die Maus. Bewegen Sie einen Reiter mit gedrückt gehaltener linker Maustaste über einen zweiten Tab, bis dieser die Hintergrundfarbe wechselt; dann lassen Sie los.

  4. Als Nächstes können Sie gruppierte Tabs in mehreren Spalten anordnen. Entweder klicken Sie auf das Symbol Kacheldarstellung in der Statusleiste am unteren Rand, oder Sie wählen aus dem Kontextmenü der rechten Maustaste den Eintrag Tabgruppe kacheln.

Ob Sie die Spalten neben- oder untereinander anordnen, bleibt Ihnen überlassen – das hängt auch von den Lesevorlieben und der Größe Ihres Bildschirms ab (Abbildung 4). Mit einem rechten Mausklick auf eine Tabgruppe können Sie diese (und damit auch die gekachelte Darstellung) jederzeit wieder auflösen.

Abbildung 4: Arbeiten Sie mit einem großen Bildschirm? Dann ordnen Sie zwei Webseiten als Kacheln nebeneinander an.

Abbildung 4: Arbeiten Sie mit einem großen Bildschirm? Dann ordnen Sie zwei Webseiten als Kacheln nebeneinander an.

Tipps: Geöffnete Tabs, Tabgruppen und sogar gekachelte Tabgruppen können Sie über das Datei-Menü als Sitzung speichern und beim nächsten Browserstart über Datei / Gespeicherte Sitzung öffnen wiederherstellen.

Randnotizen

Die Seitenleiste am linken Rand nimmt Lesezeichen, Downloads, Notizen sowie eigene Einträge zu oft besuchten Webseiten, so genannte Web-Paneele auf. Alle in der Leiste verankerten Objekte blenden Sie per Mausklick ein oder aus, während das Hauptfenster geöffnet bleibt. Lesezeichen können Sie als Ergänzung zu den Schnellwahl-Seiten in weiteren Ordnern speichern. Für einen flotten Zugriff auf die Bookmarks weisen Sie ihnen Schlagwörter oder einfache Abkürzungen zu, die Sie später per Kurzbefehl aufrufen können (siehe Abschnitt Raffiniert komponiert):

  1. Um eine geöffnete Webseite bei den Lesezeichen abzulegen, klicken Sie auf das kleine Label-Symbol oben rechts neben der Adressleiste.
  2. Ein kleiner Dialog klappt nach unten auf. Klicken Sie auf das Drop-down-Menü, um das Lesezeichen in einen vorhandenen Ordner einzusortieren, z. B. bei Technologie, News oder Sport.
  3. Optional geben Sie eine kurze Beschreibung zur Website ein. Dazu klicken Sie ins gleichnamige Feld und tippen los. Reicht der Platz nicht, können Sie den Bereich über den Anfasser unten rechts größer ziehen.
  4. Vergeben Sie unter Kurzname ein Schlagwort oder ein einfaches Tastenkürzel, z. B. easy oder auch el für http://www.easylinux.de/.
  5. Wenn Sie nun [F2] drücken, öffnet sich das praktische Suchfenster. Tippen Sie den gewählten Kurznamen ein, schlägt Vivaldi prompt das Lesezeichen vor.

Wenn Sie nach einer Möglichkeit suchen, die Lesezeichen zu bearbeiten, sie in neue Ordner einzusortieren oder gar zu löschen, klicken Sie auf das Bookmark-Icon links im Paneel. Praktisch: Was Sie hier entfernen, landet zunächst im Trash (Mülleimer) und lässt sich bis zum endgültigen Löschen wiederherstellen.

Neben dem Downloadmanager, der Ihre heruntergeladenen Dateien organisiert, Downloads pausiert und wieder aufnimmt, haben die Vivaldi-Entwickler in der Leiste eine praktische kleine Notizfunktion untergebracht. Ihre Anmerkungen erhalten automatisch einen Zeitstempel. Zusätzlich können Sie über das Pluszeichen einen Screenshot von der Seite erstellen (Kamera-Icon) oder einen Anhang von der Platte aussuchen (Büroklammer) – ganz wie Sie wünschen (Abbildung 5).

Abbildung 5: Ein Bild sagt mehr als viele Worte – fügen Sie Ihren Notizen einfach Screenshots von der Website als Gedächtnisstütze hinzu.

Abbildung 5: Ein Bild sagt mehr als viele Worte – fügen Sie Ihren Notizen einfach Screenshots von der Website als Gedächtnisstütze hinzu.

Zukunftsmusik

Für zukünftige Versionen plant Vivaldi Technologies, einen E-Mail-Client in den Browser einzubauen. Was derzeit ebenfalls noch fehlt, ist eine Sync-Funktion. Diese wollen die Programmierer bald einführen und es damit den Nutzern ermöglichen, ihre Lesezeichen, den Verlauf, Passwörter und Einstellungen über verschiedene Computer und Betriebssysteme hinweg zu synchronisieren. Schon jetzt ist Vivaldi nicht nur für Linux, sondern auch für Microsoft Windows 7 (und neuer) sowie OS X ab Version 10.9 verfügbar. Sicherlich werden auch mobile Apps für Android und iOS folgen.

Geplant ist auch eine eigene Plattform für Browser-Add-ons. Bis diese an den Start geht, können Sie sich im Chrome Web Store umsehen (Hauptmenü hinter dem Vivaldi-Logo oben links / Werkzeuge / Erweiterungen). Hier finden Sie viele sinnvolle Erweiterungen wie Werbeblocker (Abbildung 6), Übersetzungshilfen, RSS-Reader usw.

Abbildung 6: Derzeit führt das Menü "Werkzeuge" / "Erweiterungen" noch zum Chrome Web Store. Per Mausklick aktivieren Sie Add-ons wie z. B. Werbeblocker.

Abbildung 6: Derzeit führt das Menü “Werkzeuge” / “Erweiterungen” noch zum Chrome Web Store. Per Mausklick aktivieren Sie Add-ons wie z. B. Werbeblocker.

Vivaldi macht Spaß: Der Browser hebt sich vom Einerlei der “Großen” ab und bringt alles mit, was der Surfer von heute braucht. Während viele Browser immer weiter Funktionen abspecken, hat das Nordlicht trotz des schlanken Aussehens ein umfangreiches Repertoire zu bieten. Besonders gut gefallen haben uns das Kacheln und Gruppieren der Tabs sowie die Kurzbefehle – Vielsurfer dürften sich mit dem außergewöhnlichen Konzept sicher schnell anfreunden.

Glossar

nichtproportionale Schriftart

Ein solcher Monospace oder Fixed Font (so die englische Bezeichnung) besitzt im Gegensatz zu proportionalen Schriften eine feste Breite für alle Zeichen. Andere Begriffe sind Festschrittschrift, Festbreitenschrift oder auch dicktengleiche Schrift [3].

Infos

[1] Vivaldi: https://vivaldi.com/

[2] Vivaldi-Download: https://vivaldi.com/download/

[3] Wikipedia-Artikel zu “nichtproportionale Schriftart”: https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtproportionale_Schriftart

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