Gleich mehrere europäische Universitäten haben zusammen ein kostenloses Städtebauspiel entwickelt, das mit einigen interessanten und erfreulich frischen Herausforderungen aufwartet. Obwohl sich das Strategiespiel eigentlich an Schüler und Lehrer richtet, bereitet es auch erwachsenen Bürgermeistern eine Menge Spaß.
In eCity schlüpft der Spieler in die Rolle eines Bürgermeisters, der eine florierende und vor allem funktionierende Stadt aufbauen muss. Dazu platziert er auf einer großen Landkarte Wohnhäuser, Gewerbebetriebe und Kraftwerke, die er wiederum über Straßen miteinander verbindet. Zwar kann man die Gebäude irgendwo in die Landschaft setzen, die Stadt funktioniert jedoch nur, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind: So ziehen neue Bewohner z. B. erst dann in einen Wohnblock, wenn dieser an das Straßennetz angeschlossen und mit Strom versorgt ist (Abbildung 1).
Quanto costa?
Wie im richtigen Leben kostet jede Baumaßnahme einen mehr oder weniger großen Batzen Geld. So muss man etwa für ein potentes Kernkraftwerk (Abbildung 1) mehr Scheine auf den Tisch legen als für einen kleinen Solarzellenpark. Frisches Geld erhält der Bürgermeister über Steuern – je mehr Menschen in der kleinen Stadt leben, desto mehr Einnahmen fließen in die Stadtkasse. Die Bürger sind allerdings auch anspruchsvoll: So fordern sie etwa neben Strom-, Internet- und Telefonanschlüssen auch Krankenhäuser, eine Feuerwehr, Polizei, Parks und Freizeitstätten. Naturkatastrophen, wie etwa Erdbeben oder Überschwemmungen, können Teile der aufstrebenden Metropole zerstören. Nur wer zuvor gut geplant hat, baut in solchen Fällen seine Stadt schnell wieder auf.

Abbildung 1: Wenn Sie den Mauszeiger auf einem Gebäude parken, verrät das Spiel, welche Voraussetzungen Sie für den Bau erfüllen müssen. Das Kernkraftwerk möchte an einer Straße errichtet werden (“Requires”) und liefert die rote Höchstspannung (“Generates”).
eCity orientiert sich spielerisch und optisch an bekannten Städtebausimulationen, wie etwa dem beliebten SimCity (siehe auch Kasten Alternativen). Im Gegensatz zu diesen Vorbildern konzentriert sich eCity jedoch vor allem auf die technischen Probleme einer Stadt. So reicht es beispielsweise nicht aus, ein dickes Kohlekraftwerk zu errichten und ein Stromkabel zu verlegen. Stattdessen muss man den produzierten Strom zunächst von Umspannwerken in niederfrequenten Strom umwandeln lassen, bevor man ihn über passend dimensionierte Strommasten an die Häuser weiterleiten kann (Abbildung 2).

Abbildung 2: Stromkabel können Sie bei gedrückter Maustaste einfach durch die Straßen ziehen. Auf ähnliche Weise lassen sich auch Straßen schnell bauen.
Lange Leitung
Um die gesamte Bevölkerung mit Telefonanschlüssen zu versorgen, errichtet man an strategischen Stellen Mobilfunkmasten. Die bietet eCity in gleich drei verschiedenen Funkfrequenzen und mit unterschiedlichen Reichweiten an. Eine Abdeckung der kompletten Stadt erfordert folglich eine penible Planung (Abbildung 3). Internetanschlüsse wiederum kann man in Form von teurer Glasfaser oder billigeren, aber weniger leistungsfähigen DSL-Leitungen verlegen. Hinzu kommen noch Gebäude für die Internetprovider, die jeweils immer nur eine ganz bestimmte Zahl an Anschlüssen versorgen können.

Abbildung 3: Selbst die großen Mobilfunkmasten haben nur einen begrenzten Sende- und Empfangsbereich, den eCity hier rot markiert. Auch öffentliche Gebäude, wie etwa Krankenhäuser, besitzen einen begrenzten Einzugsradius.
Angehende Bürgermeister können sich in eCity per Zufallsgenerator eine Landkarte erstellen lassen und direkt lossiedeln (Abbildung 4). Alternativ stellt das Spiel mehrere Szenarien bereit, in denen es jeweils eine ganz bestimmte Aufgabe zu lösen gilt. Unter anderem muss der Spieler eine schon vorhandene Stadt ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgen oder ein Busnetz aufbauen. In allen Szenarien muss der Spieler mit einem knappen Anfangskapital auskommen und die Aufgabe in einer vorgegebenen Zeitspanne lösen. Er kann allerdings jederzeit das Geschehen pausieren und dann in Ruhe seine Planungen durchführen. eCity baut die Kraftwerke, Straßen und anderen Gebäude jedoch erst dann, wenn man die Zeit wieder weiterlaufen lässt.
Frischer Baugrund
Um das Amt als Bürgermeister anzutreten, klicken Sie auf der eCity-Homepage unter [1] auf Get the Game. Fahren Sie dann nach unten bis zum Abschnitt Download Links, klicken Sie auf Linux (x64) und lassen Sie das angebotene Archiv auf Ihrer Festplatte speichern. Dort kopieren Sie es in ein leeres Verzeichnis Ihrer Wahl, klicken dann das Zip-Archiv mit der rechten Maustaste an und entscheiden sich für Entpacken / Archiv hierher auspacken. Starten Sie dann mit einem Mausklick das Programm ecity.x86_64. Es erscheint ein Fenster, in dem Sie unter Screen Resolution die gewünschte Bildschirmauflösung und unter Graphics Quality die Darstellungsqualität auswählen. Die Screen Resolution sollte der Ihres Monitors entsprechen. Wenn Sie das Spiel hingegen in einem Fenster starten möchten, wählen Sie eine kleinere Auflösung und setzen einen Haken vor Windowed (im Fenster). Über OK starten Sie schließlich das Spiel.

Abbildung 4: Im Sandbox-Modus erzeugt eCity die Landschaft per Zufall. Wenn Sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind, können Sie per “Randomize” neu würfeln lassen.
Im Hauptmenü aktivieren Sie über Sandbox das Endlosspiel (Abbildung 4), über Play Scenarios hingegen eine der acht Herausforderungen. Sofern Sie zum ersten Mal eCity spielen, sollten Sie sich zunächst für die Szenarien und dort die Energy Distribution entscheiden. In ihr müssen Sie lediglich eine Kleinstadt mit Energie versorgen. In jedem Fall zeigt Ihnen eCity ein paar knappe erklärende Hinweise, die Sie über das X-Symbol rechts oben schließen. Mit den Pfeiltasten bewegen Sie sich in der Landschaft, Mausraddrehungen zoomen hinein und wieder heraus. Mit den Symbolen am oberen rechten Bildschirmrand können Sie die Karte unter anderem auch drehen und neigen.
Bedienung!
Links oben finden Sie neben dem gelben Euro-Symbol Ihr Guthaben, rechts daneben die Einwohnerzahl Ihrer Stadt. Am linken Bildschirmrand klebt eine Werkzeugleiste. Jedes Symbol steht dabei für ein Bauvorhaben. Wenn Sie etwa auf das Straßensymbol und dann auf ein freies Feld in der Landschaft klicken, erstellt eCity dort eine Straße. Um ein Kraftwerk zu bauen, klicken Sie auf das Blitzsymbol. eCity bietet Ihnen jetzt verschiedene Kraftwerkstypen nebst passenden Hochspannungsleitungen an. Wählen Sie mit einem Klick das Kohlekraftwerk aus (die Coal Power Plant) und fahren Sie es mit der Maus direkt neben eine Straße. Während das Gebäude am Mauszeiger klebt, können Sie es mit der rechten Maustaste rotieren. eCity färbt das Gebäude grün ein, wenn es sich an der aktuell gewählten Stelle errichten lässt. Sobald Sie einen passenden Ort gefunden haben, drücken Sie die linke Maustaste.
Nach demselben Prinzip erstellen Sie Umspannwerke (Tranformers) und Stromkabel. Die blinkenden Symbole über den Häusern zeigen an, welchen Strom beziehungsweise welche Kabel sie jeweils benötigen. Kraftwerke können zudem nur eine begrenzte Zahl an Gebäuden mit Strom versorgen. Sie werden also sehr wahrscheinlich mehrere Kraftwerke bauen müssen. Wenn Sie ein Gebäude oder eine Straße falsch in die Landschaft gesetzt haben, klicken Sie in der Leiste am linken Bildschirmrand auf den Bulldozer und dann auf das abzureißende Element.
Rechts unten in der Ecke finden Sie vier weitere Symbole: Hinter den drei Strichen wartet ein Menü, über das Sie unter anderem das Spiel verlassen können. Mit dem zweiten von rechts (Overlay) können Sie die Karte nach verschiedenen Kriterien einfärben – ein Klick auf den Blitz kennzeichnet etwa alle mit Strom versorgten Gebiete (Abbildung 5). Der Pfeil mit dem Halbkreis blendet die Unterwelt ein beziehungsweise aus. Das ist etwa beim Verlegen von DSL-Leitungen nützlich. Über das Häkchen holen Sie schließlich noch die Missionsziele hervor. Achten Sie auch immer auf Symbole mit einem Fragezeichen: Hinter ihnen verstecken sich weitere Hilfen und Tipps.

Abbildung 5: In dieser Darstellung hebt eCity die Gebiete hellgelb hervor, die das Kraftwerk derzeit mit Strom versorgen kann.
Alternativen
Mit der Veröffentlichung von SimCity begann 1989 der Boom der Städtebausimulationen. Für Linux gibt es sowohl kostenlose als auch kommerzielle Klone. Mit besonders eindrucksvoller Grafik und vielen Spielelementen punktet “Cities: Skylines”, das derzeit allerdings nur über Steam erhältlich ist [3], [4].
Die beliebtesten kostenlosen Städtebausimulationen sind LinCity, dessen Nachfolger LinCity-NG, Micropolis und OpenCity. Diese durchweg von Fans in ihrer Freizeit erstellten SimCity-Nachbauten sind jedoch teilweise noch unfertig und häufig umständlich zu bedienen. Sie müssen dafür folglich etwas Einarbeitungszeit mitbringen. Kubuntu-Anwender können die vier genannten Spiele direkt über ihren Paketmanager nachinstallieren, Nutzer von OpenSuse müssen erst noch das Repository openSUSE BuildService — Spiele aktivieren.
Fazit
eCity erreicht weder den Spielumfang noch die Gebäudevielfalt des kommerziellen Konkurrenten “Cities: Skylines” [3]. Auch die Grafik hinkt aktuellen Spielen hinterher. So wirken in eCity die Straßen leer, die Gebäude steril und die kleinen Berge wie aus einem Lego-Baukasten (Abbildung 6). Die im Hintergrund dudelnde Fahrstuhlmusik lässt sich glücklicherweise im Hauptmenü abstellen.
Die Städtebausimulation kann jedoch mit neuen Ideen punkten, wie den verschiedenen Strom- und Internetanschlussvarianten. Die acht enthaltenen Szenarien sind schwieriger zu meistern, als es die Aufgabenstellung zunächst vermuten lässt – es vergehen durchaus mehrere Stunden, bis man die Mobilfunkzellen optimal platziert hat. Dass sich hinter eCity eigentlich ein Lernspiel verbirgt, merkt man erst bei der Lektüre der eCity-Homepage (siehe Kasten Kooperation). eCity ist somit eine nette kleine Städtebausimulation für die ganze Familie. (hge)

Abbildung 6: Insbesondere nach einem Erdbeben und in der Nahansicht fällt die recht karge Grafik ins Auge. Selbst in großen Städten fahren nur vereinzelt Autos durch die Straßen.
Kooperation
eCity entstand als Gemeinschaftsarbeit mehrerer europäischer Organisationen. Beteiligt haben sich unter anderem die Universität València (Spanien) und die Universität von Thessalien (Griechenland). Die Finanzierung erfolgte durch das Lifelong Learning Program der europäischen Kommission, das mittlerweile vom Erasmus+-Programm abgelöst wurde [5].
eCity soll primär das problembasierte Lernen in Schulen fördern. Bei dieser Unterrichtsform erarbeiten sich die Schüler selbständig einen Lösungsweg zu einem vorgegebenen Problem [2]. Gleichzeitig möchte eCity das Interesse an den Ingenieurswissenschaften wecken. Die Beweggründe für die Entwicklung des Spiels beschreibt die Projektseite ausführlich, dort finden sich auch Links auf wissenschaftliche Dokumente und Whitepapers [1].
eCity
| Entwickler | Virtual Campus, verschiedene europäische Universitäten und Europäische Union |
| Lizenz | eigene (proprietär) |
| Preis | kostenlos |
| Voraussetzungen | aktuelle Linux-Distribution mit aktivierter 3-D-Grafik |
Infos
[1] eCity: http://ecity-project.eu/
[2] Wikipedia, problembasiertes Lernen: https://de.wikipedia.org/wiki/Problembasiertes_Lernen
[3] Cities: Skylines: http://www.citiesskylines.com/
[4] Linux-Spiele über Steam kaufen, Tim Schürmann: “Unterhaltsame Dampfmaschine”, EasyLinux 02/2013, http://linux-community.de/28568
[5] Lifelong Learning Programme: http://ec.europa.eu/education/tools/llp_en.htm

