Knoppix ist ein Live-Linux, das Sie zum Testen verwenden und bei Bedarf auch fest auf der Platte installieren können. Pünktlich zur Computermesse CeBIT 2015 hat Entwickler Klaus Knopper in Kooperation mit unserer Schwesterzeitschrift Linux-Magazin im März Version 7.5 fertiggestellt, die Sie auf unserer Heft-DVD finden.
Als Urvater aller Live-Distributionen gilt das von Klaus Knopper entwickelte, Debian-basierte Knoppix [1]. Die aktuelle Version 7.5 finden Sie auf der Heft-DVD. Wie schon in früheren Ausgaben enthält die Distribution eine umfassende Auswahl freier Software, obendrein bietet Knoppix eine hervorragende Hardware-Unterstützung, und die neue Ausgabe bootet erstaunlich schnell.
Zu den Highlights der neuen Version gehören laut Knopper [2]:
- Experimentell unterstützter UEFI-Boot (32 und 64 Bit) von USB-Sticks
- LXDE, der schlanke Knoppix-Standarddesktop mit dem Dateimanager Pcmanfm 1.2.3
- KDE 4.8.4 (Bootoption
knoppix desktop=kde) - Gnome 3.14 (Bootoption
knoppix desktop=gnome) - Einfacher Desktop-Export via VNC und RDP für Remote Desktop Viewing unter Linux und Windows
- Chromium 40.0.2214.91, Iceweasel 35.0.1 mit Adblock Plus 2.6.6 und Noscript 2.6.9.3
- Libre Office 4.3.2, Gimp 2.8.14, Blender 2.72
- Wine 1.7 und Qemu-kvm 2.1
- Barrierefreie Youtube-Anbindung im Adriane Audio Desktop [2]
Live-DVD booten
Um das Livesystem booten zu können, müssen Sie eventuell die Bootreihenfolge Ihres Rechner neu konfigurieren: Der Computer muss vor der Festplatte im DVD-Laufwerk suchen. Wenn das nicht der Fall ist, ändern Sie im BIOS die Reihenfolge; Sie erreichen die Einstellungen in der Regel, indem Sie kurz nach dem Einschalten (oder Neustarten) des Rechners [Entf] oder [F1] drücken. Ist keine der beiden Tasten die richtige, steht meist in den Einschaltmeldungen des PCs ein Hinweis auf die richtige Taste oder Tastenkombination. Suchen Sie in den BIOS-Einstellungen nach einem Punkt, der Boot oder Advanced BIOS Options heißt; darunter sollten Sie die Einstellungen der Bootreihenfolge (etwa: First Boot Device) finden.
Hat alles geklappt, erscheint der Bootmanager der Knoppix-DVD (Abbildung 1). Hier legen Sie fest, mit welcher grafischen Oberfläche die Distribution startet. Zur Auswahl stehen drei Desktops: KDE 4.8.4 (Abbildung 2), Gnome 3.14 und das voreingestellte LXDE. Sie treffen am Bootbildschirm die Wahl durch Eingabe von
knoppix desktop=Desktop
wobei Sie als Desktop wahlweise kde oder gnome einsetzen. Eine Liste weiterer Boot-Parameter erhalten Sie mit [F2] und [F3]. Drücken Sie einfach nur die Eingabetaste oder warten einige Sekunden, startet der schlanke Desktop LXDE.

Abbildung 1: Der Bootmanager der Knoppix-DVD lässt Sie wählen, mit welcher grafischen Oberfläche das System startet. Voreingestellt ist LXDE.

Abbildung 2: Geben Sie beim Booten die Option “desktop=kde” an, startet Knoppix auch einen aktuellen KDE-Desktop.
Die Hardware-Anforderungen von Knoppix hängen in erster Linie von der verwendeten grafischen Oberfläche ab. Während LXDE schon mit 128 MByte Hauptspeicher und einer mit 230 MHz getakteten Pentium-CPU auskommt, müssen es bei KDE und Gnome schon 256 MByte RAM und ein Pentium-II-Prozessor sein. Sinnvoll nutzen können Sie KDE 4 aber nur auf halbwegs aktuellen Maschinen, und auch LXDE lief auf einem älteren Rechner (Pentium 4 mit 1 GHz, 512 MByte RAM) eher schleppend. Die Knoppix-DVD enthält 32- und 64-Bit-Versionen und startet automatisch die 64-Bit-Versionen, wenn sie mehr als 4 GByte Hauptspeicher und eine passende CPU erkennt.
Für Sehbehinderte stellt Knoppix die barrierefreie Oberfläche Adriane (“Audio Desktop Reference Implementation and Network Environment”) bereit, die Sie durch Eingabe von adriane bzw. adriane64 (für die 64-Bit-Variante) am Bootprompt starten. Sie ermöglicht die Sprachsteuerung sowie die Audioausgabe aller auf dem Bildschirm angezeigten Inhalte. Im Bootmenü können Sie außerdem in den freien MS-DOS-Klon FreeDOS booten (über Eingabe von dos, Abbildung 3).

Abbildung 3: Wer sich noch an MS-DOS erinnert, kann über Eingabe vom “dos” am Boot-Prompt noch einmal das alte Betriebssytem ausprobieren.
Große Software-Auswahl
Knoppix bietet ein voll ausgestattetes Desktopsystem, das kaum Wünsche offen lässt (Abbildung 4). Es enthält Programme aus beinahe allen Anwendungsbereichen, von Entwicklung über Multimedia und Office bis hin zur IT-Sicherheit. Als Basis verwendet die Distribution den Kernel 3.18.6.

Abbildung 4: Knoppix ist traditionell gut mit Software ausgestattet. Vom schlanken Desktop LXDE aus greifen Sie über das Startmenü darauf zu.
Zum Abspielen beinahe aller Arten von Filmen stehen VLC 2.0.3 sowie Smplayer 0.8.0 bereit, die Wiedergabe von Musik übernimmt unter anderem Amarok 2.6 Beta 1. Wer Musik lieber selbst macht oder bearbeitet, für den gibt es Audacity 2.0.1 und den MIDI-Sequenzer Rosegarden 12.04.
Zum Bearbeiten von Texten, Tabellen und Datenbanken kommt LibreOffice in Version 4.3.3 zum Einsatz. Möchten Sie eigene Flyer oder Ähnliches entwerfen, nutzen Sie dazu Scribus 1.4.0. Für das Erstellen, Anzeigen und Bearbeiten von Grafiken aller Art bringt Knoppix 7.5 unter anderem Gimp 2.8.14 und Inkscape 0.48.5 mit.
Eine ebenso breite Palette an Anwendungen stellt die Distribution für den Kontakt ins Internet bereit: Zu den Hauptakteuren zählen die Webbrowser Iceweasel (Firefox) 35.0.1 und Chromium 40, der E-Mail-Client Icedove (Thunderbird) 31.4 sowie das Instant-Messaging-Programm Pidgin 2.10.11.
Installation auf Platte oder Stick
Wollen Sie Knoppix nicht nur als Live-Distribution verwenden, finden Sie im Startmenü unter Knoppix die Einträge Knoppix HD-Installation und Knoppix auf Flash kopieren; ein gleichnamiges Icon für die Flash-Installation liegt auch gleich auf dem Desktop. Die Einrichtung auf einem USB-Stick ist interessant, wenn Sie einen Rechner besitzen, der davon booten kann: Dann können Sie Knoppix auf einem Stick installieren und von dort verwenden, ohne die Partitionierung Ihrer Platte zu verändern. Der USB-Stick muss mindestens 8 GByte freien Speicher haben, andernfalls verweigert der Installer bereits bei der Auswahl der Zielpartition den Dienst.
Beim Aufruf des Stick-Installers erscheint ein Fenster, in dem Sie sich zunächst durch Drücken der Tasten [R] und [Eingabe] für die Option Installation nur auf Wechselmedien erlauben entscheiden und dann den Stick identifizieren. Wenn Sie ihn erst kurz vor dem Programmaufruf eingestöpselt haben, sollte der letzte Eintrag in der Liste der Datenträger der richtige sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Stick zu partitionieren; wir empfehlen, den Vorschlag des Installers (Installation auf FAT32 mit zusätzlicher Overlay-Partition) zu übernehmen, damit können Sie später auch persönliche Dateien auf dem Stick ablegen.
Das Tool installiert dann einen Bootloader auf dem USB-Stick und kopiert anschließend die Dateien. Je nach Schreibgeschwindigkeit kann sich das eine Weile hinziehen; mit einem billigen Stick dauerte es im Test trotz der vergleichsweise geringen Datenmenge knapp 20 Minuten. Am Ende finden Sie auf dem Stick das vollständige Knoppix-System, wie es auch von der DVD startet.
Neu in Version 7.5 ist die Möglichkeit, einen Knoppix-USB-Stick auch zu aktualisieren: Der Installer sucht dazu zunächst nach einer alten Version auf dem Stick und bietet an, die Software auszutauschen, ohne die privaten Dateien (in /home/) zu löschen – nach einem solchen Feature haben in den vergangenen Jahren viele Knoppix-Benutzer gefragt. Für Systeme, die von USB-Sticks nicht booten können, gibt es im Ordner KNOPPIX/ auf der Knoppix-DVD ein kleines Boot-Image bootonly.iso, das Sie auf eine CD brennen können: Davon booten Sie auf älteren (oder einigen ganz neuen UEFI-) PCs, und der Bootvorgang wird dann auf dem Knoppix-Stick fortgesetzt.
Die Installationsroutine für die Festplatte ist im Vergleich zu “klassischen” Installern von OpenSuse und Kubuntu sehr rudimentär; damit die Installation auf Platte klappt, muss eine der folgenden Voraussetzungen erfüllt sein:
- Sie haben bereits eine 10 GByte große Partition für Knoppix eingerichtet; die schlägt der Installer dann vor.
- Auf der Festplatte gibt es mindestens 10 GByte freien (unpartitionierten) Platz – dann können Sie den Installer in diesem Bereich automatisch eine Linux-Partition anlegen lassen, wählen Sie dazu die Option auto (Abbildung 6).
- Sie wollen die ganze Festplatte für Knoppix verwenden – dann wählen Sie im Installer die Option disk.
Eine Auswahl einzelner Pakete oder Paketgruppen ist bei dieser Einrichtung nicht möglich; Sie können aber später über die Paketverwaltung unerwünschte Programme entfernen.
Wenn sich wichtige Daten auf Ihrer Platte befinden, sollten Sie diese vor der Knoppix-Platteninstallation sichern, etwa auf DVD oder einem anderen Rechner, denn jede Veränderung an der Partitionierung der Platte kann zu Datenverlust führen, wenn etwas schief geht.
Wir wünschen viel Spaß beim Ausprobieren der aktuellsten Knoppix-Version.
Sicherheit und Privatsphäre
Sicherheit und Schutz der Privatsphäre besitzen Top-Priorität in Knoppix’ Architektur. Sämtliche Benutzerzugänge in Knoppix sind gesperrt – es gibt keine Hintertüren oder Standardpasswörter, nicht mal für den unprivilegierten Benutzer knoppix. Daher ist ein Login auch nicht möglich. Wer einen Screenlocker startet, sperrt sich praktisch aus, da es kein gültiges Passwort zum Entsperren gibt. Darum ist das Absperren des Bildschirms beim Schließen des Notebook-Displays oder bei Inaktivität abgeschaltet.
Firefox, der in Debian und deswegen auch in Knoppix Iceweasel heißt, ist mit dem scharfgeschalteten Noscript-Plug-in [3] ausgestattet, das bis auf wenige Ausnahmen bei jeder Webseite mit aktiven Inhalten oder solchen, die auf Plug-ins oder die Hardware zugreifen wollen, beim Anwender um Bestätigung oder Ablehnung nachsucht.
Noscript vermutet bei Javascript- oder Flash-Inhalten oder beim Start von Plug-ins, welche die Kamera, das Mikrofon oder andere Komponenten aktivieren, negative Auswirkungen auf die Sicherheit und Stabilität des Browsers und blendet am unteren Rand des Browsers, oberhalb des Statusbalkens, gelbe Benachrichtigungen ein. Der Benutzer soll dann entscheiden, ob er die Webseite permanent, nur für die Session oder gar nicht für aktive Inhalte freischaltet. Noscript macht zudem Banking und Bezahltransaktionen beim Einkaufen im Internet sicherer, da es viele Cross-Site-Scripting-Attacken erkennt und davor warnt.
Benutzer werden oft unbemerkt durch manipulierte Webseiten oder Werbeanzeigen mit Tracing-Funktion ausspioniert. Der Betreiber sammelt durch die IP-Adressen der Besucher in Kombination mit anderen Daten Kundenprofile. Berechtigterweise ist nicht jeder Internetnutzer mit dieser Art Transparenz seines Alltags im Netz einverstanden.
Tor (The Onion Router [4]) ist eine Privacy-Erweiterung, welche über ein komplexes Netz von Gateways IP-Adress-gestützte Sammelaktivitäten erschwert. Webseiten-Betreiber sehen nämlich nur die Adresse des Rechners, der die direkte Verbindung zur Webseite aufbaut. Tor lässt sich durch ein Startprogramm im Knoppix-Menü in Gang setzen (Abbildung 7). Danach muss der Benutzer einen Proxy im Webbrowser seiner Wahl einrichten. Eine Ein-Klick-Aktivierung des Tor-Proxys ist in Chromium und Firefox bereits voreingestellt.
Um Knoppix auch als Virenscanner für Windows-Malware einsetzen zu können, ist im Knoppix-Startmenü diesmal ein Starter für den Clamav-Scanner integriert, der als erste Aktion ein Update der Schadsoftware-Datenbank übers Netzwerk durchführt. (Klaus Knopper)
Infos
[1] Knoppix: http://www.knopper.net/knoppix/
[2] Linux-Magazin-Artikel: Klaus Knopper, “Neue Architektur”, Linux-Magazin 04/2015, S. 50 ff.
[3] Noscript: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/noscript/
[4] Tor: https://www.torproject.org/




