Das Mozilla-Team hat nicht nur den Browser Firefox, sondern auch den E-Mail-Client Thunderbird und das Kombiprogramm Seamonkey im Angebot. Dort geht die Entwicklung aber nur langsam – oder gar nicht – voran.
Letztes Jahr sorgte eine Ankündigung der Mozilla-Foundation für Schweißperlen auf der Stirn vieler Anwender: Kurzerhand erklärte die Organisation nämlich Firefox zum Hauptprodukt ihrer Bestrebungen und verkündete dabei im Nebensatz, die Thunderbird-Entwicklung praktisch einzustellen [1]. Der bei vielen Nutzern sehr beliebte Mailclient (Abbildung 1) stand damit von einem auf den anderen Tag vor dem Aus: Nichtmal mehr Löcher mit kritischen Auswirkungen auf die Sicherheit des Programms wollte das Team der Foundation noch stopfen.

Abbildung 1: Thunderbird hat viele Fans in der FLOSS-Gemeinschaft, doch ist die Zukunft des Programms alles andere als gewiss.
Die Nutzer reagierten teils entsetzt, denn viele Anwender sehen Thunderbird als einzige echte Alternative zu Browserdiensten wie Gmail und GMX. Außerdem ist nur Thunderbird in ähnlicher Form für Windows, OS X und Linux verfügbar. Eiligst stellten einige Community-Mitglieder dann auch fest, dass die Headline “Mozilla-Foundation stellt Thunderbird ein” eine Falschmeldung sei – lediglich die finanzielle Förderung des Programms wäre eingestellt, doch wenn Thunderbird auf Community-Basis weiterentwickelt würde, sei auch in Zukunft mit dem Tool zu rechnen.
Große Community
Nun sollte man annehmen, dass ein millionenfach benutztes Mailprogramm eine entsprechend große Community hat, die eine Weiterentwicklung zu diesen Bedingungen gewährleisten kann. Durch kleine Schritte wollten diverse Mitglieder nach Thunderbird 13 unter Beweis stellen, dass das Programm auch ohne Geld von Mozilla überlebensfähig ist: Thunderbird 24 bestand zum größten Teil aus Sicherheitspatches und der Behebung vieler lästiger Bugs, welche die Arbeit im Alltag negativ beeinflussten [2]. Die Versionsnummer sprang direkt auf 24, weil die Foundation für Firefox ein neues Versionsschema eingeführt hatte und Thunderbird nachzog. Wichtige Neuerungen gab es in der Version aber definitiv nicht. Und doch bewirkte Thunderbird 24, dass das Überleben des Mailprogramms für viele als gesichert galt.
Einige Monate später stellt sich das offenbar als Trugschluss heraus: Zwar hat es für Thunderbird 24 seit September 2013 verschiedene Wartungsversionen gegeben, doch behoben auch diese nur Sicherheitsbugs oder lästige Fehler. Neue Features hat es seit der offiziellen Abkündigung von Thunderbird durch die Mozilla Foundation nicht mehr gegeben; zwar werden auf einer Mailingliste eventuell gewollte Features diskutiert, doch es tut sich nichts.
Ensemble ist dafür ein gutes Beispiel: Das Projekt mit dem klangvollen Namen sollte das neue Adressbuch in Thunderbird werden, mit dem Anwender nicht länger auf Add-ons angewiesen wären. Seit Februar 2013 ist allerdings auch die Ensemble-Entwicklung eingeschlafen, und bis Redaktionsschluss war nicht zu erkennen, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Die Betaversion von Thunderbird 31, die auf der Mozilla-Timeline angekündigt ist, wird im Wesentlichen wohl ein alter Thunderbird sein, der auf einer neueren Version von Mozillas Gecko-Engine basiert; Gecko ist dafür zuständig, HTML-Inhalte zu parsen, also auch HTML-basierte Mails. Damit sieht es zumindest im Augenblick so aus, als ob Thunderbird tatsächlich im Tiefschlaf ist.
Neuerungen bei den Add-ons
Deutlich besser sieht es in Sachen Thunderbird-Add-ons aus. Eine der großen Thunderbird-Stärken ist, dass man den Mailclient sehr leicht durch Add-ons erweitern kann. Weil sich Thunderbird im Augenblick praktisch nicht verändert, ändert sich auch die Schnittstelle zu jenen Add-ons nicht, was für Stabilität sorgt. Die Entwickler vieler Add-ons hält der ausbleibende Fortschritt beim Mailclient jedenfalls nicht davon ab, ihre eigenen Miniwerkzeuge weiter zu entwickeln. So gab es z. B. von der überaus beliebten Kalenderapplikation Lightning [3] in den letzten Wochen gleich mehrere neue Versionen, die Programmierfehler und Performancebeeinträchtigungen beheben.
Ähnliches gilt für andere populäre Erweiterungen wie Enigmail (das den Mailclient um Unterstützung für die Verschlüsselungstechnik GnuPG/PGP erweitert). Zu erwähnen ist schließlich auch AdBlock Plus: Das Add-on ist zwar in erster Linie eine Erweiterung für Firefox, funktioniert aber unter Thunderbird genauso und filtert dort aus E-Mails im HTML-Format unerwünschte Werbung.
SeaMonkey ist aktiver
Während die meisten Anwender die Mozilla-Foundation vorrangig mit den Zugpferden Firefox und Thunderbird in Verbindung bringen, gibt es mit SeaMonkey [4] noch ein drittes Projekt, das mit den beiden verwandt ist. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Mozilla-Suite (noch früher: Netscape Communicator), wie sie vor einigen Jahren zu haben war: Browser, Mailclient und Chatprogramm waren in einem einzelnen Programm eng miteinander verwoben. Aus diesem alten Code sind im weiteren Verlauf Firefox und Thunderbird hervorgegangen.
Als das Mozilla-Projekt die Spaltung beschloss, waren nicht alle Nutzer und Entwickler damit einverstanden: Zu attraktiv schien ihnen die Idee, unter einem Dach die wichtigsten Onlinefunktionen zu vereinen. Bald darauf nahm das SeaMonkey-Projekt die Arbeit auf: Community-basiert wollte man die umfassende Suite pflegen und mit Updates versorgen, die man quasi im Rückwärtsgang aus Firefox und Thunderbird portieren wollte. Anders als bei Thunderbird hat sich bei SeaMonkey die Arbeit der Community aber erfolgreich entwickelt: Heute hat das Programm eine kleine Fangemeinde, zu der auch Entwickler gehören, die immer wieder neue Features hinzufügen.
SeaMonkey 2.26
Vor einigen Wochen erblickte SeaMonkey 2.26 das Licht der Welt; die Version basiert auf der Gecko-Engine von Firefox 29 und entspricht damit dem aktuellen Stand der Technik (Abbildung 2). Die Anzahl wirklich neuer Funktionen ist in dieser Version zwar überschaubar: Wird eine Adresse in der Adresszeile nicht komplett angezeigt, so sieht der Nutzer die vollständige URL, indem er mit dem Mauszeiger über die Zeile fährt; außerdem kann SeaMonkey 2.26 neue Suchmaschinen nun in die Suchleiste automatisch aufnehmen, sofern die sich eindeutig als Suchmaschinen identifizieren.

Abbildung 2: SeaMonkey hat es nach dem Ende der Förderung durch die Mozilla Foundation geschafft, als Community-Projekt zu überleben.
Die wirklich wichtigen Neuerungen in Seamonkey 2.26 sind allerdings die vielen Fehlerkorrekturen. Dazu gehören viele Verbesserungen von Elementen der grafischen Oberfläche und beim Empfangen und Senden von Mails über den SeaMonkey-Mailclient. Weit mehr als 30 Bugs behoben die SeaMonkey-Entwickler während des Releasezyklus, was angesichts der eher geringen Größe des Projektes durchaus bemerkenswert ist.
Licht und Schatten
Auch wenn SeaMonkey etwas altbacken wirkt, hat das Programm viele Anhänger. Ein Ende der Entwicklung scheint hier für die nahe Zukunft nicht zu drohen. Thunderbird bereitet in der Hinsicht mehr Sorgen: Den Erklärungen der Community, auch ohne das Geld der Mozilla-Foundation auszukommen, sind bis dato keine Taten gefolgt. Die Vergangenheit hat bei anderen Projekten gezeigt, dass für die Umstellung von bezahlter auf Community-basierte Arbeit nicht ewig Zeit bleibt – denn die FLOSS-Szene ist schnelllebig, und zu fast jedem Programm gibt es mehrere Alternativen. Das ist bei Thunderbird ganz ähnlich: KMail und Evolution stehen unter Linux als Mailprogramme bereit, und wegen der immer besser werdenden Webinterfaces von Maildiensten verlassen sich viele Anwender gleich darauf und verzichten auf die Installation eines klassischen Mailprogramms.
Wer sich einmal auf ein anderes Programm umgestellt hat, lässt sich meist nicht einfach “zurück gewinnen”. So entsteht im schlimmsten Falle ein Kreislauf aus sinkenden Nutzerzahlen und abnehmender Entwicklungsarbeit.
Dass das nicht zwangsläufig so kommt, stellt SeaMonkey unter Beweis. Im Sinne des Open-Source-Gedankens ist es Thunderbird jedenfalls zu wünschen, dass die Entwicklung wieder Fahrt aufnimmt. Die langjährigen Anwender des freien Mailprogramms würden sich freuen.
Infos
[1] Bericht zu Thunderbird-Einstellung bei derStandard.at (2012): http://derstandard.at/1341526814918/
[2] Bericht zu Thunderbird 24 bei Heise.de: http://heise.de/-1960224
[3] Lightning: http://www.mozilla.org/en-US/projects/calendar/
[4] SeaMonkey: http://www.seamonkey-project.org/

