Die neue OpenSuse-Version 11.4 mit dem Codenamen “Celadon” ist fertig. Wir haben sie getestet und zeigen die Neuerungen, Stärken und Schwächen.
OpenSuse 11.4 ist vor kurzem erschienen: Sie finden die 32-Bit-Version auf der Heft-DVD; andere Versionen und Live-CDs gibt es auf der Download-Seite des Projekts [1]. Wir konnten uns die neue Version bereits ausgiebig anschauen und zeigen, was gefällt und wo es (noch) hakt. So viel vorweg: Überraschungen gibt es keine, technisch hat sich aber an einigen Stellen etwas getan.
OpenSuse 11.4 setzt auf den Kernel 2.6.37 und KDE 4.6 als Standarddesktop. Gnome 2.32, XFCE 4.8 und LXDE 0.5 sind als alternative Desktops ebenfalls auf der DVD. Bei den Installationsmedien ist alles beim Alten geblieben: Es gibt die Installations-DVDs für 32- oder 64-Bit-Systeme, Live-CDs für KDE und Gnome sowie eine Netzwerk-Installations-CD.
Mit der Veröffentlichung von OpenSuse 11.4 soll auch der Build-Service [2] auf die aktuelle OpenSuse-Version vorbereitet sein. Fortgeschrittene Anwender können sich also vom ersten Tag an bereits eine eigene Distribution bauen, zum Beispiel mit Enlightenment oder komplett ohne GUI.
Gut gemacht!
OpenSuse 11.4 ist die erste Mainstream-Distribution mit LibreOffice an Bord. Im Unterschied zu einigen anderen Komponenten hat es hier die brandneue Version 3.3.1 bereits in die Repositories geschafft. Auch bei Mozilla Firefox setzt OpenSuse 11.4 gleich auf Version 4 (aktuell Beta 12), die aber stabil arbeitet.
Obwohl es die OpenSuse-Entwickler auch mit dieser Version nicht geschafft haben, einen schnellen und annähernd ohne Flackern auskommenden Bootvorgang hinzubekommen, darf man auf der Grafikseite neben einem bereits bekannten Bug mit den proprietären Nvidia-Treibern unter 32-Bit-Systemen [3] mit einigen positiven Überraschungen rechnen. So kommen die meisten Notebook-Besitzer mit integrierter ATI-/AMD-Grafik problemlos mit den freien ATI-Treibern klar. Auch der Intel-Treiber verrichtet seine Arbeit auf den meisten Systemen besser. Dank Kernel 2.6.37 reagiert das System zudem auch bei 1 GByte RAM für einen KDE-Desktop erfrischend flott.
Auch ein erster Blick auf die Gnome-Shell (Abbildung 1) überraschte positiv, eine entsprechende Live-CD ist für die Release von Gnome 3.0 bereits geplant.

Abbildung 1: Gerüstet für die Zukunft: OpenSuse 11.4 bringt die aktuelle Vorabversion der Gnome-Shell mit.
Unter der Haube hat auch das Paketmanagementtool Zypper einige Verbesserungen erfahren. So lädt es nun die RPM-Dateien intelligenter herunter. Dadurch muss es in den meisten Fällen weniger Daten übertragen, was bei Updates und großen Paketinstallationen positiv auffällt. Zudem lädt Zypper nun – wie die meisten Paketmanager anderer Distributionen – zunächst sämtliche Dateien herunter, bevor das Tool mit der eigentlichen Installation beginnt. Die Pakete speichert es temporär im Ordner /var/cache/zypp/packages/.
Mit der Vorabversion von Firefox 4 bietet OpenSuse 11.4 einen recht schnellen Standardbrowser (Abbildung 2). Der neue Firefox kann zudem bei der Videowiedergabe die Hardwarebeschleunigung des Grafikkartenprozessors nutzen und spielt von Haus aus WebM-Filme und -Audiodateien ab.
Achtung: Packman-Nutzer!
Das Packman-Repository besteht jetzt aus vier Teilen. Es gibt ein Haupt-Repo (Essentials), das im Wesentlichen sämtliche Multimediapakete enthält, die man für ein funktionierendes System benötigt. Weitere Multimediaprogramme finden sich im Repo Multimedia, die Systemtools unter Extras und die Spiele unter Games. Um das Essentials-Repository hinzuzufügen, gibt man somit folgenden Befehl auf der Kommandozeile ein:
sudo zypper ar http://ftp.gwdg.de/pub/linux/misc/packman/suse/openSUSE_11.4/Essentials/ Packman-Essenz
Für die meisten Nutzer dürfte das Essential-Repo ausreichend sein. Bei einer frischen Installation (KDE) lädt es rund 25 MByte an Software nach.
KDE 4.6
Der Standard-Desktop von OpenSuse ist weiterhin KDE. Mit Version 4.6 haben die Entwickler zahlreiche Baustellen aufgeräumt und an einigen Punkten für eine bessere Bedienung gesorgt. Dazu gehören unter anderem die Akku-Anzeige (endlich wieder mit Zeitangabe) und das neue Netzwerkmanager-Frontend (das allerdings durch einen Fehler kein 3G beherrscht). Auch die für den semantischen Desktop verantwortliche Indiziermaschine Nepomuk verrichtet unter dieser OpenSuse-Version ihre Arbeit so ressourcenschonend, dass man es gar nicht bemerkt. Nepomuk ist deshalb in der Grundeinstellung aktiv und sorgt für eine echt schnelle Suche in Dolphin & Co. (Abbildung 3).
In vielen Bereichen funktioniert auch die Zusammenarbeit zwischen KDE- und Gnome-Programmen besser. So benötigt der Start einer einzelnen KDE-Anwendung unter Gnome (zum Beispiel Digikam) deutlich weniger Zeit und auch deutlich weniger Arbeitsspeicher als bei früheren Versionen. Generell sieht es für KDE beim RAM-Verbrauch nicht besser aus: Der KDE-Desktop nutzt nach dem Systemstart knapp 1 GByte RAM, die Gnome-Variante von OpenSuse 11.4 kommt mit 600 MByte aus. Das macht sich bei Rechnern mit 512 MByte oder 1 GByte Hauptspeicher am meisten bemerkbar, ab 2 GByte spielt der Desktop kaum noch eine Rolle.
Die KDE-Anwendungen nutzen in Version 11.4 das Gstreamer-Backend von Phonon. Dadurch steht zum Beispiel in Amarok gleich nach der Installation der MP3-Support zur Verfügung (Abbildung 4), und man muss nicht zunächst sämtliche Xine-Pakete gegen die Packman-Versionen austauschen. Für Einsteiger ist das definitiv eine gute Änderung.

Abbildung 4: Amarok setzt in der Grundeinstellung auf das Phonon-Backend mit Gstreamer. So funktioniert der MP3-Support nach einem Online-Update automatisch.
Konqueror lässt sich unter OpenSuse 11.4 sehr einfach mit WebKit als Layout-Engine benutzen. Laut der offizieller Feature-Ankündigung sollte WebKit eigentlich der Standard sein, unsere OpenSuse-Installation setzte aber weiterhin auf KHTML. Um die Engine zu ändern (was empfohlen ist), rufen Sie den Menüpunkt Einstellungen / Konqueror einrichten auf und setzen dann auf dem Reiter Allgemein den Eintrag Standard-Webbrowser-Modul auf WebKit. Anschließend müssen Sie Konqueror neu starten. Dass die Änderung wirksam wurde, erkennen Sie am Acid3-Test, den Konqueror mit WebKit zu 100 Prozent besteht (Abbildung 5). Einzig das Nachladen bestimmter Fonts scheint der KDE-Browser nicht richtig zu unterstützen.

Abbildung 5: Schalten Sie Konqueror auf die schnellere und modernere WebKit-Engine um, dann zeigt der KDE-Browser praktisch alle Seiten im Netz fehlerfrei an.
Beim Personal Information Manager (PIM) Kontact setzt OpenSuse 11.4 weiterhin auf das traditionelle KMail ohne Akonadi-Anbindung. Damit müssen Sie zwar auf einige Features – etwa den Abgleich mit Google-Mail-Kontakten und -Adressen – verzichten, Sie bekommen aber im Gegenzug eine stabile Version von Kontact.
Starker Gnome-Desktop
Obwohl KDE als Standarddesktop von OpenSuse 11.4 gilt, haben die Entwickler auch Gnome nicht vernachlässigt. Mit an Bord ist Gnome 2.32 (Abbildung 6), Version 3.0 mit der neuen Gnome-Shell ist als Preview-Version ebenfalls erhältlich und soll als Live-CD verfügbar sein, sobald Gnome fertig ist. Während der Gnome-Desktop von OpenSuse 11.4 auf den ersten Blick optisch keinen besonders guten Eindruck macht, lässt sich damit sehr gut und zudem auch sehr schnell arbeiten. Gnome-Fans sollten darauf achten, bei der Installation von DVD gleich Gnome auszuwählen. Installiert man Gnome später, gibt es unter anderem Probleme mit dem Login-Manager.

Abbildung 6: Auf dem Gnome-Desktop hat sich optisch nichts verändert, die meisten Programme arbeiten jedoch deutlich stabiler.
Neben dem Novell-Programm F-Spot bietet OpenSuse nun auch Shotwell als Fotoverwaltung für Gnome an. Shotwell ist in jedem Fall ein guter Ersatz für F-Spot. Vom Musikplayer Banshee (Abbildung 7) bringt OpenSuse die neueste Version 1.9.3 mit. Das Programm mausert sich immer mehr zum Multimediatalent und spielt jetzt auch Videos ab. Die Amazon-Partner-Einnahmen aus dem integrierten MP3-Store gehen zu 100 % an die Gnome Foundation.
Die meisten Neuerungen auf dem Gnome-Desktop von OpenSuse hat ohne Zweifel das Mailprogramm Evolution erfahren. Während frühere Versionen mit Bugs, umständlicher Einrichtung und langsamem Mailabruf von sich reden machten, bringt die in OpenSuse 11.4 enthaltene Version 2.32.1 zahlreiche Bugfixes mit, die den Gnome-Mailer vor allem bei IMAP-Zugriff zu einer echten Alternative machen. So dauerte zum Beispiel das Erstindizieren eines Ordners mit rund 25000 E-Mails nur knapp zwei Minuten und arbeitete somit gleich schnell wie Kontact unter KDE. Frühere Versionen benötigten für die gleiche Aufgabe über fünf Minuten. Auch das Einrichten eines Kontos ist nun deutlich einfacher: Wer zum Beispiel einen Google-Account benutzt, muss lediglich seine E-Mail-Adresse und das Kennwort eingeben, die restlichen Einstellungen nimmt Evolution automatisch vor.
Evolution wartet aber beim Indizieren größerer Mailboxen immer noch auf den kompletten Inhalt eines Ordners und ist nicht in der Lage, die bereits heruntergeladenen Header-Daten (Absender, Betreff, Datum) anzuzeigen und die restlichen im Hintergrund zu laden. Von den drei großen Mailprogrammen (Evolution, KMail, Mozilla Thunderbird) beherrscht das zur Zeit nur das Programm vom Mozilla-Projekt. Thunderbird (in Version 3.1.7 mit dabei) bringt zwar den schnellsten IMAP-Support mit, kann aber in puncto ressourcenschonendes Arbeiten nicht mit Evolution und Kontact mithalten. Generell hat Linux ein Groupware-Client-Problem, wenn es um die Verarbeitung großer Mailboxen geht: Weder Kontact noch Evolution oder Thunderbird können da wirklich überzeugen.
Übliche Schwachstellen
Die aktuelle OpenSuse-Version bringt zwar einen Haufen aktualisierter Programme mit, zeigt aber zumindest auf dem Desktop keinerlei Innovationen. Zudem gilt, dass leider einige Rückschritt-Bugs den Weg in Version 11.4 gefunden haben. So klappt zum Beispiel unter KDE die Netzwerkverbindung über 3G nicht, und von einem flackerfreien Bootvorgang ist OpenSuse weiter entfernt denn je. Auch auf den geplanten Wechsel zur neuen Dienste-Initialisierung Systemd hat man schließlich verzichtet, immerhin steht die Software aber für Testwillige in den Repositories bereit.
Einen weiteren Bug bringt der Hardware-Sammeldienst Smolt mit, der die Informationen über die benutzte Hardware an eine zentrale Datenbank übermittelt. Er quittiert seinen Dienst zumindest unter KDE mit der Information, dass HAL fehlt. (Der Hardware Abstraction Layer HAL wurde für Version 11.4 aus OpenSuse entfernt und durch Udev & Co. ersetzt.) Schließlich stört auch das für die Installation von Online-Updates benutzte KPackageKit mit doppelten Passworteingaben und unnötigen Dialogen (Abbildung 8). Dass all diese Fehler unter Gnome nicht auftreten, zeigt, dass die OpenSuse-Entwickler bei der KDE-Variante in vielen Fällen Nacharbeit leisten müssen. Das Projekt verdient zwar viel Lob dafür, dass das überhaupt gemacht wird, aber anscheinend reichen die Ressourcen dann für ausgiebige Tests nicht mehr. Abhilfe dürften in den meisten Bereichen erste Online-Updates bringen.

Abbildung 8: Sieht hübsch aus, nervt aber mit zahlreichen Passwortabfragen: Das KPackageKit-Frontend.
Beim Netzwerkmanager fährt OpenSuse zudem eine zweigleisige Strategie: So bringt es einerseits den (veralteten aber immerhin funktionierenden) knetworkmanager mit, bietet andererseits aber auch das neue KDE-Miniprogramm (Abbildung 9), das Sie im Paket plasmoid-networkmanagement finden. In Zukunft wird man sich bei KDE vermutlich auf die Entwicklung dieses Plasmoids beschränken.
Bei einigen Notebooks installiert OpenSuse den Netzwerkmanager nicht, und Sie müssen die WLAN-Verbindung umständlich über YaST einrichten (bzw. über die Netzwerkeinstellungen von YaST zunächst zum Netzwerkmanager zurückwechseln). Ursache dieses Problems ist, dass bei manchen Notebooks das BIOS falsche Informationen über die Gerätekategorie meldet (es bezeichnet sich nicht als Notebook, sondern als Desktop- oder sonstigen PC), und OpenSuse wertet bei der Entscheidung für oder gegen den Netzwerkmanager nur diese Auskunft des BIOS aus.
Über das Aussehen der aktuellen Distribution kann man sich streiten. Getreu dem Codenamen “Celadon” erscheint OpenSuse 11.4 in einem grauen Grün. Der Splash-Screen und das Hintergrundbild orientieren sich am aktuellen KDE-4.6-Design. Wer sich damit nicht anfreunden kann, dem empfiehlt die Redaktion, das Paket kdeartwork4-wallpapers zu installieren, alternativ gibt es auch gos-wallpaper. Für ein einheitliches Aussehen von KDE- und Gnome-Anwendungen bietet der Build-Service zum Beispiel fertige Pakete des Symbol-Themes Faenza für KDE und Gnome (Abbildung 10).

Abbildung 10: Das Icon-Theme Faenza bringt einen frischen Wind auf den KDE- und Gnome-Desktop. Es gehört allerdings nicht zum Standardumfang von OpenSuse 11.4.
Fazit
In den meisten Bereichen erfüllt OpenSuse 11.4 die Erwartungen, die man an eine aktuelle Linux-Distribution stellt. Auch die Hardware-Unterstützung bereitete in ersten Tests keinerlei Schwierigkeiten. Dennoch trüben auch bei dieser Version ein paar unschöne Bugs (3G-Verbindung unter KDE) sowie der doch eher lahme und von Flackern begleitete Bootvorgang das sonst durchaus positive Bild von OpenSuse 11.4. Die meisten Probleme dürften mit den ersten Online-Updates behoben sein, am Bootvorgang müssen die Entwickler noch feilen, bzw. hier wird sich durch Systemd in der kommenden OpenSuse-Version eh einiges ändern.
Glossar
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Repositories
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Ein Repository ist eine Paketsammlung mit Informationen über Abhängigkeiten und Konflikte. Die meisten aktuellen Distributionen bieten heute die Möglichkeit, die Standardpakete über “offizielle” Repos und zusätzlich Pakete von Drittanbietern über deren Repos zu installieren. Ein Beispiel für solche inoffiziellen Repos sind die von Packman.
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WebM
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Das WebM-Projekt stellt freie Video- und Audio-Codecs zur Verfügung, die speziell für Angebote im Internet entwickelt wurden. Zu den Unterstützern zählen Google, Firefox-Hersteller Mozilla und Opera.
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Acid3-Test
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Ein Kompatibilitätstest für Webbrowser, den das Web Standards Project (WaSP) entwickelt hat; den Test können Sie über http://acid3.acidtests.org/ aufrufen.
Infos
[1] OpenSuse 11.4 Download: http://software.opensuse.org/114/de
[2] OpenSuse-Build-Service: https://build.opensuse.org
[3] Bereits bekannte Bugs: http://en.opensuse.org/openSUSE:Most_annoying_bugs_11.4
[4] Offizielle Produktseite http://en.opensuse.org/Portal:11.4





Wenn man den original NVIDIA-Treiber werwendet, dann flackert der Bootvorgang nicht.