Rechtzeitig zum zehnjährigen Jubiläum gab das OpenOffice-Team die Version 3.2 der freien Büro-Suite zum Download frei. Dieser Artikel prüft die aktuelle Version auf Herz und Nieren und stellt die wichtigsten Neuerungen vor.
OpenOffice gehört zum Standardumfang praktisch jeder Linux-Distribution. Das ehemals von der Firma Star Division entwickelte und von Sun unter eine freie Lizenz gestellte Officepaket kommt laut diversen Statistiken in Deutschland auf einen Marktanteil von rund 20 Prozent und wurde seit der Offenlegung in über 60 Sprachen übersetzt.
Solide Basis
Während OpenOffice unter Windows und Mac OS X mit der Office-Suite von Microsoft eine ernsthafte Konkurrenz gegenübersteht, genießt die Software unter Linux praktisch eine Monopolstellung. Viel dazu beigetragen haben die guten Import- und Exportfilter für Dokumente aus Microsoft Office, auch die Integration in den KDE- und Gnome-Desktop (Abbildungen 1 und 2) tragen viel zum Erfolg von OpenOffice bei. Als echte Alternative in puncto Funktionsumfang gilt einzig das Office-Paket von Softmaker. Es steht allerdings unter einer kommerziellen Lizenz, kostet Geld und bettet sich weniger gut in die Standard-Desktops ein. Einen Test zu Softmaker Office finden Sie ebenfalls in diesem Heft.

Abbildung 2: Die Gnome-Variante von OpenOffice 3.2 unter Ubuntu 10.04 verwendet den Dateiauswahldialog von Gnome.
Während OpenOffice bei der 2-er-Serie je nach CPU und Hauptspeicher noch mit ziemlich langsamen Startzeiten kämpfte, startet OpenOffice 3.2 auf praktisch jedem Rechner in wenigen Sekunden. Dabei muss man berücksichtigen, dass nach dem Start sämtliche von OpenOffice unterstützten Dokumentenformate zur Verfügung stehen, nicht nur die Textverarbeitung oder die Tabellenkalkulation.
Auf den ersten Blick weist die aktuelle Version keine sichtbaren Unterschiede zum Vorgänger auf. Die Änderungen (siehe Kasten “Das ist neu”) liegen im Detail. Die deutsche Version bringt beispielsweise ein paar Umbenennungen in den Menüpunkten mit, um die Bedienung der verschiedenen Komponenten zu vereinheitlichen. So finden Sie etwa den Menüpunkt zum Einfügen von Anmerkungen unter Einfügen / Kommentar. Bislang gab es diese Funktion nur in Writer und Calc, und der entsprechende Menüpunkt hieß zudem Einfügen / Notiz, was zu Verwechslungen mit den Notizen in Impress führen konnte. Nun steht die Funktion in Writer, Impress und Calc zur Verfügung. Gleichzeitig haben die Entwickler die Tastenkombinationen lokalisier: wo in früheren Versionen noch Ctrl oder Shift stand, schreibt OpenOffice 3.2 nun korrekt Strg und Umschalt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das neue Menü von OpenOffice 3.2 (rechts) beschreibt die deutschen Schnelltasten richtig. Links das Menü von OpenOffice 3.1.
Neben der merklich kürzeren Startzeit haben die Entwickler auch die Ladezeiten für große Text- und Tabellendokumente im OpenDocument-Format verbessert. In unseren Tests mit einem über 20000 Seiten umfassenden Textdokument (rund 50 MByte Rohtext) benötigte OpenOffice 3.1 für das Öffnen der Datei rund sechs Minuten. OpenOffice 3.2 lud das Dokument unter gleichen Bedingungen in weniger als vier Minuten.
Südfrüchte
Der Import von Microsoft-Office-Dokumenten gehört für viele Nutzer zu den wichtigsten Aufgaben von OpenOffice. Auch hier kann die aktuelle Version mit dem Support für Passwortgeschützte Dokumente eine wichtige Verbesserungen vorzeigen. Leider sieht es mit der Kompatibilität zur neuesten Office-Generation immer noch nicht besonders gut aus: Während der Import von älteren MS-Office-Dokumenten in der Regel problemlos klappt, zeigen sich hier bereits bei einfachsten Dokumenten massive Darstellungsfehler. Abbildung 4 zeigt eine schlichte Präsentation in der Mac-Version “Office 2008”. Beim Import in OpenOffice 3.2 bleibt von Text und Layout kaum etwas übrig (Abbildung 5).
Der Fehler liegt jedoch nicht an OpenOffice selbst, sondern am Importfilter für das Dokument im (relativ) neuen Format Office Open XML. Sichert man das Dokument in Office 2008 als gewöhnliche PPS-Datei, dann gelingt der Import fehlerfrei. Ein ähnliches Problem ergab sich im Test auch mit anderen Dateien. Während OpenOffice 3.2 zum Beispiel beim Import von Kommentaren in einer OOXML-Datei patzte (Abbildung 6), gelang das Einlesen der gleichen Datei im traditionellen DOC-Format inklusive Kommentaren (Abbildung 7).

Abbildung 6: Die Kommentare befinden sich nach dem Import der OOXML-Datei zwar an der richtigen Stelle, OpenOffice 3.2 zeigt aber zweimal den gleichen Text an.

Abbildung 7: Speichert der Windows- oder Mac-Benutzer die Datei im traditionellen DOC-Format, dann gelingt der Import in den meisten Fällen problemlos.
Neben dem Import von Microsoft-Dateien testeten wir auch, wie Office 2008 auf Dateien reagiert, die wir unter OpenOffice 3.2 als OOXML-Datei gespeichert hatten. Auch hier gelingt die Zusammenarbeit nur bedingt: Word zeigte zum Beispiel bei Kommentaren einen Hinweis an, dass die zu öffnende Datei “nicht lesbaren Inhalt” enthält. Die Kommentare fielen dem Import denn auch zum Opfer. Wer somit seine Dokumente mit Nutzern teilen muss, die auf Microsofts Office setzen, sollte das OOXML-Format so gut wie möglich meiden und die Dokumente in den traditionellen MS-Office-Formaten anfordern.
Das ist neu
Auf die meisten Neuerungen von OpenOffice 3.2 stoßen Sie in der Tabellenkalkulation und bei der Diagrammerstellung. Die anderen Module bringen vorwiegend kleinere Verbesserungen und Bugfixes mit, die das Arbeiten mit der Software erleichtern. Im Writer haben die Entwickler zudem eine Funktion entfernt: Das bisher direkt integrierte Mediawiki-Modul steckt nun in der Erweiterung Wiki-Publisher [3]. Sie ermöglicht es, OpenOffice-Dokumente direkt in einem Format für MediaWiki zu speichern.
Bisher konnten Sie [Alt] bei der Definition von Tastenkombinationen nur sehr umständlich belegen. Dies klappt nun auch direkt über die Arbeitsoberfläche über den Dialog Extras / Anpassen. Damit vergrößert sich die Zahl der möglichen Tastenkombinationen deutlich.
Ab Version 3.2 unterstützt OpenOffice beim Import von OOXML-Dateien auch passwortgeschützte Dokumente und kann MS-Office-Dokumente ebenfalls mit einem Passwortschutz versehen. Darüber hinaus importiert OpenOffice nun auch Pivottabellen, OLE-Objekte und Formularkontrollfelder aus Excel-2007-Dokumenten.
Eigentlich überfällig war eine kleine Neuerung in Impress: Neben dem Feldbefehl Seitennummer zur Anzeige der aktuellen Foliennummer gibt es nun auch den Feldbefehl Gesamtzahl der Seiten, der die Folienanzahl einer Präsentation automatisch angibt.
Für den Betrieb in größeren Netzwerken verfügt OpenOffice seit Version 3 über einen File-Locking-Mechanismus, der die Benutzer darüber informiert, wenn ein Dokument von einem anderen Nutzer mit OpenOffice oder Microsoft Office bearbeitet wird. Da es in manchen Fällen vorkommt, dass OpenOffice zwar eine Lock-Datei anlegt, diese aber nicht mehr löschen kann, kann Version 3.2 diesen Sperrmechanismus über einen Konfigurationseintrag aushebeln.
Tabellenkalkulation
Sehr viele Detailänderungen erfuhr die Tabellenkalkulation. Nutzen Sie in einem Dokument zum Beispiel verbundene Zellen, können Sie nun auch innerhalb dieser Bereiche Spalten einfügen und löschen. Zudem kopieren Sie nun auch verbundene Bereiche, um sie an anderer Stelle wieder einzufügen. An weiteren Bereichen sind nun Operationen möglich, die bislang nur in zusammenhängenden Zellbereichen möglich waren. So lassen sich mehrere Zellen unabhängig umranden, auch beim Kopieren lassen sich nicht-zusammenhängende Zellen als quadratischer Block verschieben. Dort bereits vorhandene Inhalte überschreibt dieser Schritt allerdings beim Einfügen.
Eine weitere Verbesserung der Handhabung betrifft die Tastenkombination [Umschalt]+[F4]. Diese wandelt innerhalb von Formeln relative in absolute Zellbezüge um und umgekehrt. Bisher konnten Sie die Kombination nur auf einzelne Zellen anwenden, nun funktioniert sie auch für komplette Zellbereiche und sogar Mehrfachauswahlen, die nicht direkt zusammenhängen.
Drei Filterkriterien sind für komplexe Abfragen oft zu wenig. Daher haben die Entwickler den Standardfilter auf maximal acht Kriterien erweitert und zudem um einige Filterbedingungen ergänzt. Filterungen der Art beginnt mit, endet mit oder enthält konnten Sie zwar bisher auch schon mit Hilfe von regulären Ausdrücken erreichen, jedoch ist die direkte Auswahl viel bequemer und anwenderfreundlicher.
Diagramme und Beschriftungen
Das neue Blasendiagramm bildet Elemente mit drei abhängigen Merkmalen in einer 2D-Fläche ab. Es lässt sich mit einem XY-Diagramm vergleichen, in dem die Größe der dargestellten Datenpunkte (die “Blasen”) den Wert der dritten Variablen angibt. Etwas spezieller ist der neue Typ gefülltes Netzdiagramm, der sich gut für die Darstellung von Soll-Ist-Vergleichen eignet.
Datenbeschriftungen, die Sie insbesondere für Säulendiagramme benötigen, lassen sich nun auch drehen. Das ermöglicht es, große Datenwerte sinnvoll und lesbar darzustellen. Eine weitere Neuerung stellt das optionale Einbeziehen von ausgeblendeten Zellen dar. Standardmäßig stellt OpenOffice ausgeblendete Zellen nicht innerhalb des Diagramm-Datenbereichs dar. Sie finden die Option Werte ausgeblendeter Zellen einbeziehen im Register Optionen (per Rechtsklick auf die Werte in einem Diagramm und Auswahl von Datenreihe formatieren aus dem Kontextmenü).
Kommentare in Impress
Während Writer und Calc Kommentare zu bestimmten Textstellen oder Zellen kennen, gab es in Impress bislang nur Notizen, die zum Ausdruck oder zur Darstellung in der Referentenansicht vorgesehen waren. Ab OpenOffice 3.2 können Sie nun auch in Impress Anmerkungen für die gemeinsame Bearbeitung hinterlegen. Sie erreichen diese einheitlich über Einfügen / Kommentar.
Etwas angestaubt
Gleichzeitig mit der Veröffentlichung von OpenOffice 3.2 feiert das Projekt auch seinen zehnten Geburtstag und über 100 Millionen Downloads. Während OpenOffice an vielen Stellen technisch mit Microsoft Office mithalten kann und von Version zu Version etwas abgespeckt hat, merkt man der Version 3.2 das Alter an verschiedenen Stellen an: So sind zum Beispiel die Bilder in der Gallery (Extras / Gallery) absolut veraltet und erinnern an primitive Web-Grafiken aus den 90-ern. Auch die meisten Vorlagen in Impress könnten ein Update vertragen. Zudem fehlt es OpenOffice 3.2 an grundlegenden neuen Features: Die meiste Energie haben die Entwickler wird darauf verwendet, dem großen Vorbild aus Redmond Paroli zu bieten. Als Nutzer, der in den letzten zehn Jahren nicht mehr mit einer Office-Version von Microsoft gearbeitet hat, fiel dem Autor die Arbeit mit Office 2007 bzw. 2008 (Mac-Version) angenehm leicht – hier muss OpenOffice aufholen.
Immerhin arbeitet das OpenOffice-Team an mehreren Entwürfen für eine optisch ansprechendere grafische Oberfläche und für eine einfachere Bedienung. Das Projekt Renaissance [1] hat einen Entwurf am Präsentationsmodul verwirklicht (Abbildung 8): Noch gibt es aber keinen konkreten Code, nur eine lauffähige Java-Demo und Videos. Eine komplette Neuprogrammierung der Office-Suite würde Jahre in Anspruch nehmen. Doch nicht alle Nutzer benötigen den gleichen Funktionsumfang: Mit OOo4Kids [2] gibt es deshalb Bestrebungen, eine spezielle OpenOffice-Version für Kinder zu schaffen. Auch hier steckt die Entwicklung noch in den Anfängen, Details dazu entnehmen Sie dem Kasten “OpenOffice für Kinder”.

Abbildung 8: Pläne für eine komplett überarbeitet grafische Oberfläche (hier Impress) gibt es seit Anfang 2009.
OpenOffice für Kinder
Einer der Nachteile von OpenOffice gegenüber schlichteren Linux-Programmen wie Abiword oder KWord besteht darin, dass der Funktionsumfang der Office-Suite den meisten Nutzern eher hinderlich ist. Office-Einsteiger, Kinder und ältere Nutzer haben ihre Mühe mit den zahlreichen Schaltflächen.
Eine Gruppe des OpenOffice-Edu-Teams arbeitet deshalb unter dem Namen OOo4Kids an einer speziellen OpenOffice-Version für Kinder. Eine Testversion 0.8.0 steht auf der OOo4Kids-Homepage für Linux, Windows und Mac OS X zum Download bereit.
Zurzeit bietet die Office-Suite für die Kleinsten aber abgesehen von einem hübschen Splash-Bildschirm (Abbildung 9) und neuen Icons für die fünf Hauptprogramme kaum relevante Unterschiede: In der Textverarbeitung sind zwar die Werkzeugleisten stark reduziert, und die Schriftgröße lässt sich über spezielle Icons einrichten – darüber hinaus gibt es aber keine nennenswerten, auf Kinder zugeschnittene Änderungen.
Fazit
Mit OpenOffice 3.2 haben Sun und die OpenOffice-Community eine solide Büro-Suite veröffentlicht, die die Anforderungen von Heim- und Firmenanwendern in den meisten Bereichen voll erfüllt. Das Entwicklerteam hinter OpenOffice hat an zahlreichen Details gefeilt und unter anderem auch die deutsche Lokalisierung verbessert. Ein Update lohnt sich in jedem Fall, zumal Version 3.2 einmal mehr etwas flotter als der Vorgänger arbeitet. In puncto Benutzerfreundlichkeit und Konzept ist OpenOffice jedoch im Jahr 2000 stehen geblieben. Bleibt zu hoffen, dass Oracle – der neue Eigentümer von Sun – mindestens so viel Energie in die freie Büro-Suite investiert wie sein Vorgänger.
Infos
[1] Projekt Renaissance: http://wiki.services.openoffice.org/wiki/Renaissance
[2] OpenOffice für Kinder: http://wiki.ooo4kids.org
[3] Wiki-Publisher: http://extensions.services.openoffice.org/node/2526





