Mit dem langsam abflauenden Megapixel-Hype suchen die Digitalkamera-Hersteller nach neuen Features, um ihre neuen Modelle an den Mann zu bringen und sich von der Konkurrenz abzuheben. Samsung versucht es über die Video-Schiene und spendiert seiner NV-Produktreihe die Möglichkeit, Video in 720p HD-Auflösung aufzuzeichnen und per HDMI-Kabel am heimischen Flachbildschirm auch wiederzugeben.
Das kleine Schwarze
Die NV24HD protzt mit 10,2 Megapixeln, 2,5-Zoll-Display, 24 mm Ultraweitwinkel-Objektiv, 3,6-fachem optischem und fünffachem digitalem Zoom sowie optischem und digitalem Bildstabilisator. Auch eine mitgelieferte Basisstation mit HDMI- und AV-Ausgang inklusive entsprechenden Kabeln und eine Fernbedienung machen den 145 Gramm leichten Handschmeichler attraktiv. Die USB-Massenspeicher- und Pictbridge-Drucker-kompatible Kamera speichert Bilder, Video oder Ton auf SD-, SDHC- oder MMC(plus)-Medien, der integrierte Speicher ist nur 16 MByte groß.
Das Display mit Samsungs eigener AMOLED-Technik scheint Fingerabdrücke magisch anzuziehen. Es ist allerdings sehr hell und hat einen sehr guten Betrachtungswinkel ohne große Farbverschiebungen – Über-Kopf-Aufnahmen sind also kein Problem. Die Akkulaufzeit der Kamera ist hervorragend, im Test nahmen wir ingesamt 60 Minuten HD-Video auf, bevor der Akku schlapp machte. Auf einen Orientierungssensor hat Samsung verzichtet, Hochkantaufnahmen muss der Nutzer manuell drehen. Die Bildbearbeitungsfunktionen erlauben ein Nachregeln von Kontrast, Sättigung und Helligkeit, Einfärben, Rote-Augen-Reduktion und voreingestellte Tonwertkorrekturen. Farbeinstellungen sucht man jedoch vergebens, etwa um nachträglich Farbstiche zu korrigieren.
Etwas unschön gelöst ist, dass die Basisstation neben einem HDMI-Ausgang zwei identische Buchsen für A/V-Kabel und USB hat. Zusammen mit der schlecht erkennbaren Beschriftung lädt das zum falschen Einstecken ein, auch wenn dies keine Beschädigung zur Folge hat. In die eine Buchse an der Kamera selbst kann man beide Kabel stecken, Samsung hätte diese Fehlbedienung aber trotzdem durch besseres Design verhindern können, etwa durch unterschiedliche Kerben in den Steckern und entsprechende Nasen in den Steckbuchsen der Basisstation. Löblich ist hingegen, dass die Kamera auch per USB den Akku lädt. Ob das über einen Computer oder das mitgelieferte Netzteil mit USB-Buchse passiert, ist hierbei egal, eine LED am Kabel informiert über den Ladezustand. Leider erlaubt die Kamera, während sie am Netzteil steckt, keine Bedienung – beispielsweise wenn gerade der Akku leer ist.
Allgemeine Bedienung
Die NV24HD wird über ein so genanntes “Smart-Touch”-Knopfsystem bedient: Rechts und unter dem Display sind 14 berührungssensitive Knöpfe angeordnet, die je nach Verwendung ihre Funktionen ändern und diese schon bei bloßer Berührung per Overlay auf dem Display zeigen (Abbildung 1). Eine hierarchische Navigation erreicht Samsung dabei oft durch den Wechsel von der Horizontale in die Vertikale, was sehr intuitiv ist. Leider wird dieser Ansatz nicht überall verfolgt, was inkonsequent und manchmal verwirrend wirkt. Allgemein ist die Smart-Touch-Bedienung ein interessanter und oft gut bedienbarer Ansatz, in einigen Fällen ist er allerdings schlecht umgesetzt: Das Navigieren durch Aufnahmen beispielsweise funktioniert berührungssensitiv durch Fingerbewegung über die horizontale Knopfleiste. Das macht das Blättern in den eigenen Bildern besonders bei dickeren europäischen Fingern oft schwierig. Der Berührungssensor scheint manchmal wild durch die Aufnahmen zu springen – Blättern zu einem speziellen Bild kann zur Aufgabe werden. Hier nimmt man lieber die über die Zoom-Wippe zugängliche Thumbnail-Ansicht oder navigiert ganz traditionell durch Drücken der äußersten Knöpfe der horizontalen Knopfleiste.
Das Einstellen der Funktionen ist gewöhnungsbedürftig. Portrait- und Nachtaufnahmen sind beispielsweise auf dem Modus-Drehrad eigens aufgeführt, Makro ist allerdings nur als eigenes Profil über die “Scene”-Einstellung per Smart-Touch wählbar. Als eigene Smart-Touch-Profile gibt es wiederum zusätzliche Portrait-Modi für das Erkennen von geschlossenen Augen und Lächeln. Und zusätzlich kann der Anwender durch das zweite Einstellrad auch noch weitere Farbprofile einstellen – so viele Einstellmöglichkeiten sind fast zu viel des Guten.
Das deutsche Sprachprofil ist mangelhaft, da es erstens oft kryptische Abkürzungen wie “Schn.Ans.”, “F-Bschr.” oder “Bdsch: E-Sparmo” verwendet, zweitens manchmal trotzdem noch englische Bezeichnungen enthält (beispielsweise “Resize” statt “Skalieren”) und drittens Schreibfehler wie “Selbstporrät” vorkommen. Benutzern, die Englisch verstehen, sei deshalb das englische Sprachprofil empfohlen.
Die Pflicht: Foto-Funktionalität
Die Kamera macht gute Bilder, nur Nachtaufnahmen mit Blitz leiden manchmal unter blassen Farben. Der nur für Fotos verwendbare ausklappende Blitz leuchtet maximal etwa drei Meter aus, wie bei Kompaktkameras üblich. Eine vorsichtige Verwendung des Blitzes ist ratsam, da helle Flächen innerhalb des ausgeleuchteten Bereichs schnell weiß überstrahlen. Viele Profile sind integriert, darunter sogar eigene für Essensbilder, Feuerwerk und Restaurant oder Café. Samsung hat eine Gesichtserkennung eingebaut, die ein automatisches Scharfstellen auf Gesichter bewirkt, bei geschlossenen Augen automatisch mehrere Bilder macht oder bei einem Lächeln automatisch auslöst: Erstaunlicherweise klappt das, es hängt aber stark von den fotografierten Gesichtern, dem Hintergrund und der Beleuchtung ab. Die Makrofunktion hat zwar manchmal Probleme mit der Fokussierung, erlaubt aber, wie bei Samsung üblich, ein Herangehen auf wenige Zentimeter an das Objekt für fast schon mikroskopische Aufnahmen. Im Programm-, Automatik- und Manuell-Modus ist das zweite Einstellrad links aktiv, was die Auswahl verschiedener Farbprofile zum Kompensieren von Farbstichen erlaubt. Die Bildstabilisierung funktionierte im Test relativ gut, Wunder sollte man jedoch keine erwarten. Mit Wackeln kam die Kamera recht gut zurecht, Bilder aus der Bewegung heraus schienen aber genauso unscharf wie ohne Stabilisation. Auch bei 800 ISO macht die Kamera noch einigermaßen rauschfreie Bilder, was für eine Kompaktkamera durchaus beachtlich ist. Das allgemein bekannte Problem vertikaler Streifen bei strahlenden Lichtquellen hält sich bei der NV24HD ebenfalls stark in Grenzen. Keine Probleme gab es bei Verwendung mit der Linux-Fotoverwaltung Digikam, die Kamera sollte als normaler USB-Massenspeicher auch mit anderen Bildverwaltern ohne Murren zusammenarbeiten.
Die Kür – Video in groß
Die NV24HD zeichnet Videos in einer Auflösung von 1280×720 (16:9) im auch als AVC bezeichneten H.264-Format progressiv, das heißt ohne Zeilensprungverfahren, mit 30 Bildern pro Sekunde auf. Das rechenintensive H.264-Format bietet sehr effiziente Videokompression, so dass fünfeinhalb Minuten HD-Video gerade einmal 250 MByte auf der Karte belegen. In dem bei Digitalkamera-Video beliebten MJPEG-Videoformat wäre ein Videoclip dieser Länge in der ein Drittel so großen 640×480-Auflösung schon doppelt so groß. Die Kamera hat für H.264 einen dedizierten Chip integriert, beim Betrachten von HD-Video in H.264 am PC ist allerdings ordentlich CPU-Leistung vonnöten: Um die 2 GHz sollten es schon sein.
HD-Video-Wiedergabe
Die von der Kamera erzeugten MP4-Dateien in Level 3.1 High Profile H.264 mit einer Datenrate von 6,3 Mbit/s und AAC-Stereosound scheinen standardkompatibel zu sein. Ohne Probleme kamen sämtliche von uns getesteten Mediaplayer mit den Dateien zurecht: Mplayer, VLC und Quicktime spielten die Dateien ebenso problemlos wie Sonys Playstation 3. Auch Fotos gibt die Kamera am Bildschirm oder auch im Display als HD-Diashow wieder, mit fest integrierten Musikstücken untermalt und diversen Überblendungs- und Zoom-Effekten. Eine andere Geschichte ist das Weiterverarbeiten der Videodateien unter Linux, siehe dazu den Kasten Video-Verarbeitung. Einige Wohnzimmer sind inzwischen mit einem HD-fähigen Flachbildschirm bestückt, oft fehlt aber ein HD-fähiger Videoplayer oder entsprechend ausgestatteter PC. Da wäre es ein interessantes Bonus-Feature, den HDMI-Ausgang der Kamera auch zur Wiedergabe eigener HD-Videos zu nutzen, ähnlich wie beim DV-Export von Camcordern. Leider war es uns auch nach viel Experimentieren mit dem freien H.264-Video-Encoder x264 nicht möglich, Dateien exakt in dem Format zu erzeugen, das die Kamera abspielen kann.
Fazit
Die HD-Video-Funktion ist ein netter Bonus, aber im Test merkt man schnell, dass die Kamera keine ernsthafte Alternative zu echten Camcordern darstellt. Obwohl as Gerät bei Nacht und unter Restlicht deutlich hellere Video-Aufnahmen macht als andere Digitalkameras, ist die Helligkeit immer noch nicht mit echten Camcordern vergleichbar. Auch in Sachen Zoom kann die NV24HD nicht punkten: Der magere 3,6-fache optische Zoom kann Camcordern nicht das Wasser reichen, insbesondere da die Samsung-Kamera beim lediglich in einer Geschwindigkeit möglichen Zoomen die Tonaufnahme deaktiviert, um nicht das Zoom-Motorgeräusch aufzunehmen. Die vielbeschworene Geräte-Konvergenz lässt also noch etwas auf sich warten, für ernsthafte Filmer ist ein Camcorder weiterhin unverzichtbar. Trotzdem ist es ein interessantes Bonus-Feature für Hobbyfotografen, die keinen Camcorder haben oder die im Urlaub nicht zwei Geräte für die gelegentliche Filmaufnahme herumtragen wollen. Die aufgenommenen Filme übertreffen die Qualität bisheriger Digitalkamera-Filmchen deutlich, und dank der sehr kleinen Größe der Dateien ist nicht schon nach ein paar Clips die Speicherkarte voll. Selbst wer kein HD braucht, bekommt nach Herunterskalieren auf DV-Größe beispielsweise im Schnittprogramm Kino deutlich bessere Videoqualität als mit herkömmlichen Kameras im von der NV24HD ebenfalls unterstützten 4:3-Format 640×480 – das 16:9-Format muss man dann allerdings in Kauf nehmen.
Video-Verarbeitung
Um die aufgenommenen HD-Videos auch weiterzuverarbeiten und zu schneiden, prüften wir den Import der Dateien in diversen Linux-Schnittprogrammen.
Cinelerra importiert nur AVI, MOV und OGG-Formate [1], deshalb mussten wir die MP4-Dateien transkodieren. Wir entschieden uns für ein Xvid-AVI in hoher Bitrate, um den Qualitätsverlust möglichst gering zu halten. Zum Transkodieren verwendeten wir Mencoder, der Teil des Mplayer-Projekts ist.
mencoder sdc10xxx.mp4 -ovc lavc -lavcopts vcodec=mpeg4:mbd=2:cbp:trell:vbitrate=9000:autoaspect -ffourcc DX50 -oac mp3lame -lameopts abr:mode=2:br=128 -o [output.avi]
Avidemux importiert die MP4-Dateien zwar, schlägt jedoch eine alternative Import-Methode vor, die man auch nutzen sollte, da sonst das Video stottert. Wenn Sie dies umgehen wollen, transkodieren Sie mit Mencoder ins Xvid-AVI-Format wie bei Cinelerra, ersetzen jedoch das ‘abr’ bei den Lame-Optionen durch ‘cbr’, da Avidemux keine MP3-Tonspuren in Average-Bitrate mag.
Kdenlive lädt die Dateien ebenfalls, spielt sie aber zu langsam und ohne Sound ab. Eine Transkodierung in Xvid, wie bei Cinelerra, behebt das Problem, wobei es Kdenlive egal ist, in welchem Modus die mp3-Tonspur encodiert ist.
Kino nutzt zum Import ffmpeg und transkodiert die MP4s ohne Meckern – allerdings lediglich in normaler DV-Auflösung, da Kino noch kein HD unterstützt.
[1] Cinelerra-unterstützte Formate: http://cvs.cinelerra.org/docs/wiki/doku.php?id=supported_file_formats


