Die Grazer Linuxtage 2026: Highlights und Eindrücke

Aus LinuxUser 07/2026

Die Grazer Linuxtage 2026: Highlights und Eindrücke

© Grazer Linuxtage / Bernhard Rapp

Steirischer Pinguin

Die Grazer Linuxtage zählen zu den wichtigsten FOSS-Events im deutschsprachigen Raum. Vorträge und Workshops boten auch in diesem Jahr ein vielseitiges Programm für Neulinge und Experten.

Alle Jahre wieder verwandelt sich über ein Wochenende im April der Campus Inffeldgasse der Technischen Universität Graz zu einem Treffpunkt für Linux- und Open-Source-Begeisterte. Einst eine vergleichsweise kleine Veranstaltung, sind die Grazer Linuxtage [1] inzwischen mit mehr als 1000 Teilnehmern eine der größten Linux- und FOSS-Konferenzen in Mitteleuropa und ein fester Termin im Kalender der deutschsprachigen Community.

Entwickler, Sysadmins, Studenten und Interessierte treffen sich in der steirischen Landeshauptstadt, um sich auszutauschen und neue Impulse mitzunehmen. Der Großteil der Vortragenden und Workshop-Leiter stammt aus Österreich, insbesondere dem Umfeld der TU Graz. Das Programm enthält aber stets auch einige englischsprachige Beiträge von international bekannten Vertretern der Community. Unter den Besuchern findet sich ebenfalls die eine oder andere prägende Persönlichkeit der Szene, wie dieses Jahr der ehemalige KDE-Vorstand Nate Graham (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das frühere KDE-Vorstandsmitglied Nate Graham befand sich unter den diesjährigen Besuchern der Grazer Linuxtage.

Abbildung 1: Das frühere KDE-Vorstandsmitglied Nate Graham befand sich unter den diesjährigen Besuchern der Grazer Linuxtage.

Themen und Vorträge

Das Programm der diesjährigen Konferenz (Abbildung 2) bot eine gute Mischung aus allgemeinen und einführenden Themen sowie tiefergehenden, teils wissenschaftlichen Vorträgen, die ein hohes Maß an Fachwissen voraussetzten. Für Einsteiger gab es Linux-Installationspartys, eine Vorstellung von Open-Source-Software für Android, Audiobearbeitung unter Linux oder eine Einführung in den Texteditor Emacs. Zur anspruchsvolleren Kategorie zählten ein OpenHistoricalMap-Workshop und ein Vortrag über rechtliche Probleme bei der Entwicklung von Open-Source-Software im Arbeitskontext.

Abbildung 2: Die Grazer Linuxtage sind eine der größten Linux- und Open-Source-Konferenzen im deutschsprachigen Raum.

Abbildung 2: Die Grazer Linuxtage sind eine der größten Linux- und Open-Source-Konferenzen im deutschsprachigen Raum.

Ein Vortrag zu Secure Boot und Linux behandelte einen Bereich, mit dem viele bereits in Berührung gekommen sind. Die technischen Details waren hier allerdings oft nur für fortgeschrittene Nutzer und Spezialisten verständlich. Gleichzeitig zeigte sich bei anderen, auf den ersten Blick eher speziellen Themen, wie dem Workshop über AgX-Emulsion/Spektrafilm, dass dank der didaktischen Aufbereitung auch Einsteiger den Inhalt gut nachvollziehen konnten.

Vereinzelt gab es auch Beiträge, die thematisch nicht direkt mit Linux und FOSS zusammenhingen. Am interessantesten darunter war der Vortrag “Energiewende? Wie? Jetzt?!”, in dem der Referent Michael seine Erfahrungen bei der Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Balkon seiner Mietwohnung schilderte. Solche Themen fanden beim Publikum reges Interesse und kamen äußerst positiv an. Unterrepräsentiert war hingegen der Bereich der künstlichen Intelligenz: Nur ein einziger Vortrag beschäftigte sich mit dem Erstellen von Zusammenfassungen von Videos oder gesprochenen Texten und Audioaufnahmen via KI.

Highlights

Einige Beiträge und Workshops entpuppten sich als wahre Publikumsmagneten. Einen interessanten Vortrag hielt etwa Hermann Maier, Gründer eines erfolgreichen Unternehmens im Bereich der numerischen Strömungssimulation. Maiers Firma nutzt eine auf Linux basierende Simulationssoftware. Im Vortrag beschäftigte er sich allerdings mit dem Einsatz von Linux in Unternehmensumgebungen und speziell mit der Frage, warum sein Betrieb im Office-Bereich weiterhin Windows verwendet. Als Begründung führte er unter anderem Anwendungen wie PDF-Bearbeitung, Grafiksoftware und Tabellenkalkulation (Excel) an, für die seiner Einschätzung nach unter Linux nach wie vor keine gleichwertigen Alternativen existieren. Diese Position wirkte auf einer Linux-Konferenz überraschend, und viele Zuhörer dürften sich darüber zumindest ein wenig gewundert haben.

Den klaren Höhepunkt der Konferenz bildete der Vortrag von Albert Astals Cid, langjähriger Mitarbeiter bei mehreren KDE-Projekten (Abbildung 3). Er zeichnete die Geschichte der Desktop-Umgebung KDE sowie des gesamten KDE-Ökosystems nach. Seine Präsentation überzeugte nicht nur inhaltlich, sondern war vor allem auch rhetorisch brillant. Er bettete die Geschichte von KDE und Plasma in den Kontext der Informatik- und Technikgeschichte seit den 1970er-Jahren ein. Dabei spannte er den Bogen bis zu aktuellen Entwicklungen rund um den Wechsel zu Wayland, bei dem KDE Plasma derzeit eine der fortschrittlichsten Linux-Desktop-Umgebungen darstellt. Außerdem erklärte er, warum zur KDE-Familie mittlerweile nicht nur zahlreiche kleinere Projekte zählen, sondern auch erfolgreiche Kreativsoftware wie Krita.

Abbildung 3: Der Vortrag von Albert Astals Cid über die Geschichte von KDE war zweifellos der Höhepunkt der Konferenz.

Abbildung 3: Der Vortrag von Albert Astals Cid über die Geschichte von KDE war zweifellos der Höhepunkt der Konferenz.

Als Beispiel für die allgemeine Stimmung der Konferenz und die Begeisterung der Besucher sei der Workshop der Autorin über die Filmsimulationssoftware AgX-Emulsion/Spektrafilm [2] und ihre Implementierungen erwähnt. Bei früheren Workshops der Autorin, etwa im Rahmen des Libre Graphics Meeting [3] oder bei der mittlerweile nicht mehr existierenden User Group Libre Graphics Vienna im Wiener Metalab, gab es nur eine Handvoll Teilnehmer. In Graz fanden sich rund 30 Interessierte für dieses Nischenthema, darunter der professionelle Fotograf Bernd Gruber. Im Laufe der Veranstaltung entstand eine offene und lockere, von anregenden Dialogen und lebhaften Diskussionen geprägte Atmosphäre.

Community statt Kommerz

Anders als bei vielen größeren IT-Konferenzen erhalten Vortragende und Workshop-Leiter bei den Grazer Linuxtagen normalerweise keine finanzielle Unterstützung für Reise- und Übernachtungskosten. Wer nach Graz kommt, tut das in erster Linie aus persönlichem Interesse an Linux, freier Software und dem Austausch mit der Community. Dieser Umstand trägt wesentlich dazu bei, dass die Veranstaltung ihre offene, entspannte und wenig kommerzielle Atmosphäre bewahrt hat.

An die Stelle professioneller Konferenzstrukturen mit unübersehbarer Sponsorenpräsenz tritt bei den Grazer Linuxtagen ein deutlich stärker gemeinschaftlich geprägtes Umfeld. So bleiben Vortragende nach ihren Sessions häufig noch lange vor Ort, diskutieren mit Besuchern weiter oder nehmen selbst an anderen Workshops und Vorträgen teil. Dadurch entsteht ein Klima, das weniger an klassische Fachmessen erinnert, sondern eher an ein großes Community-Treffen.

Ganz ohne organisatorische Unterstützung bleiben die Vortragenden allerdings nicht: Sie erhalten bei der Anmeldung ein kleines Paket, das neben dem gedruckten Programmheft auch ein Namensschild sowie Gutscheine für ein T-Shirt, eine Mahlzeit und zwei Getränke enthält. Besonders positiv fiel dabei die Verpflegung auf. Bei dem Essensangebot gab es eine Auswahl zwischen mehreren Gerichten, inklusive vegetarischer Optionen. Dabei lag die Qualität deutlich über dem Niveau vieler vergleichbarer Veranstaltungen.

Fazit

Die Mischung aus professioneller Organisation und starker Community-Nähe macht den besonderen Charakter der Grazer Linuxtage aus. Trotz ihrer mittlerweile beachtlichen Größe hat die Veranstaltung eine bemerkenswert persönliche Atmosphäre bewahrt. Damit ist sie ohne Zweifel einer der interessantesten Geheimtipps unter den Linux- und Open-Source-Konferenzen im deutschsprachigen Raum. (jak)

Infos

  1. Grazer Linuxtage: https://www.linuxtage.at

  2. Filmsimulation mit ART: Anna Simon, “Rotlichtmilieu”, LU 03/2026, S. 52, https://www.linux-community.de/52083

  3. LGM 2025: Anna Simon, “Fortschritte und Rückschläge”, LU 09/2025, S. 16, https://www.linux-community.de/52402

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